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Der Israelit · 1932-08-04 · Heft 32 (4.8.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 32 (4.8.1932)
Date
1932-08-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Sr Der jsraelit Der Weg ins Golus. Von Olhmar R. Schwarz in Wien. pechschwarz liegt die Nacht über Ieruscholajim. Kein Laut regt sich, alles Leben scheint hier erstorben zu sein, nur die ehernen Schritte der patrouillierenden römischen Legionäre Hallen gespenstisch in den engen, steilen Gassen. Sie dröhnen, hörbare Symbole einer unbeugsamen, fremden Macht, gegen die Stufen der Straße der Basare, und wie ein düsteres Grollen kommt das Echo von den (Quadern des Bes hamikdosch zurück. Gerade hat die Empörung des Volkes gegen den unmenschlichen Gesflus Florus diesen Lanöpfleger öavongejagt, und nun steht vespasian, die rechte Hand Neros, vor den Toren, um Iehuda ob seines Aufstandes zu züchtigen. In einem unterirdischen Gewölbe der alten Residenz Dowid hamelechs sitzen beim Schein einer Kerze die Führer des jüdischen Volkes. Die beiden Zelotenführer Simon ben Gorias und Iochanan ben Giskala und der greise Rabbi Iochanan ben Sakkai, der sich heiser geredet hat, den beiden vom Makkabäergeist Flammenden die Gefahr eines Krieges mit Rom vor Augen zu führen. Temperamentvoll erhebt sich noch einmal Simon ben Gorias. Mit einer Stimme, aus der grenzenloseste Erbitterung spricht, hebt der jetzt an: „Rabbi! Seitdem der Bruderzwist Hyrkans und Aristobuls die Römer in unser Land gelockt und ihre Patronanz über uns ermöglicht hat, ist aus diesem Lande Gedeihen und Ruhe verschwunden. Alle unsere Fürsten haben seither ständig nur die Gunst der Römerkaiser im Auge gehabt, haben nach römischem Vorbild einer des andern Thron usurpiert, und zum Schluffe hat die Machtgier des Iupiterreiches uns auch diesen Schein der Selbständigkeit genommen und fremde Blutsauger auf dieses durch fortgesetzte Unzufriedenheit, durch Religions- und politische Kämpfe unterwühlte Land losgelassen! was haben wir heute davon, frage ich — daß wir von Gessius Florus, sein'Geschlecht sei verflucht, nun befreit sind? wer die Römer kennt, weiß, daß sie jetzt einen nur noch weit ärgeren Peiniger über uns schicken werden. Der Gipfel des Ertragbaren ist bereits erreicht! Eine Schmach und Schande für Iehuda, daß es stch nicht schon früher zur entscheidenden Tat aufgerafft." -„Mein Sohn!" entgegnet Rabbi Iochanan, „hast du dir denn die Gefährlichkeit eines Kampfes gegen die gefürchtete römische Uebermacht in unserer Situation noch immer nicht überlegt?" - „Nein, Rabbi!" erwidert Simon gekränkt, „wäre es nicht ein Irrtum, anzunehmen, daß das Volk nicht verteidigungsfähig genug sei? Haben die bitteren Prüfungen der letzten Iahrzehnet, das nationale Bewußtsein, den Kampfes- und Lefreiungswillen nicht in ungeheuerstem Maße gekräftigt und gestählt? Cs wäre auch müßig, den Frieden zu predigen, denn es kocht die Volksseele. Jetzt oder nie wird es möglich sein, die römische Gewaltherrschaft abzuschütteln!" „Aus dir, mein Freund, spricht der unerfahrene Jüngling," versetzte unbeirrt der Rabbi. „Das Kochen der Volksseele verbrieft dir noch keinen Sieg. Äeußerung des Unmutes über die eigene Ghnmächtigkeit, wird seine Wirkung gleich jener des Weines sein: ein Crstraffen aller Muskel und Nerven, ein scheinbares wachsen der Kräfte, doch Planlosigkeit und Verwirrung in der entscheidenden Minute. — Entgeht es dir aber dagegen, mein Sohn, daß das Iupiterreich selbst beinahe knapp vor dem Zerfall steht? Nero ist verrückt, und seine Untertanen haben stch den Ausschweifungen in einem Maße ergeben, welches die schlimmsten Prognosen für die Zukunft gerechtfertigt. Ueberlege, ob es jetzt nicht bester wäre, die Iehuöim zu beruhigen und den Befreiungskampf auf einen geeigneteren Zeitpunkt zu verschieben . . . Vergiß' nicht, daß Kriegführen eine Sache wohlüberlegter Berechnung ist . . ." Bis auf das letzte Stück wachs ist die Kerze zwischen den erregten Männern herabgebrannt. Ihr verlöschendes Flackern beleuchtet magisch die verstörten, übernächtigen Gesichter. Durch einen schmalen Mauerspalt fällt bald der erste Strahl des erwachenden Morgens in das düstere Gewölbe hinab. Langsam entzündet Rabbi Iochanan eine neue Kerze, dann nimmt er mit umflorten Augen das Wort wieder auf: „verlaß' dich nicht auf die Hilfe G'ttes, denn G'tt hat unser Volk verlassen, da es sich von ihm abgewendet hat. Sie haben einen liederlichen und leichtsinnigen Lebenswandel von den Machthabern gelernt und vernachlässigen den Geist der heiligen Schriften, der unser Lebensquell ist. Ja, selbst von meinen Lieblingsschülern sind mir die meisten abtrünnig geworden. An Unzucht, Trunk und Spiel haben sie Gefallen gesunden, und die Jungfrauen gehen aufgeputzt wie die römischen Hetären einher, während die Not der Armen im Lande immer größer wird, wohin mein Auge am Tage umherschweist, ich sehe überall nur niedriges Strebertum, Heuchelei und verrat statt der Vornehmheit unserer Ahnen, großartig tuendes Gerede an Stelle ihres schlichten Mannesmutes. G'tt wird dieses Volk im Stiche lasten, so lange es stch nicht Weisheit lehren läßt, willst du aber dennoch eine dem verderben geweihte Armee in den Krieg führen, dann, Simon, und auch du, Iochanan mein Sohn, sei meine letzte Mahnung an euch: „Gebt acht, daß die Flamme eurer Begeisterung nicht unser ganzes Sein verzehrt!" Ein kleiner Totenzug bewegt sich aus dem Stadttor von Ierufcholajim gegen das römische Lager. Drinnen in dem Sarge aber liegt, in Sterbegewänöer gehüllt, Rabbi Iochanan. Betrübt bitten die Jünger, welche das Geleite geben, die Wachen um die Erlaubnis, den Leichnam des toten Meisters dem Felöhecrn zeigen' zu dürfen, der überrascht seinem Kommandanten befiehlt, den Zug in das Lager einzulassen. Und als nun der älteste der Schüler den Sarg lüftet, beginnt der ehrwürdige Tote dem vor abergläubischem Entsetzen halbgelähmt dastehenden Römer zu weissagen, daß ihm der Thron des Römerreiches bevorstehe, und fleht um Schonung der Gelehrtenschule zu Iabne. Erschüttert und kleinlaut gibt der stolze, unbesiegbare vespasian sein Wort, diesem Städtchen im Kampfe auszuweichen, er küßt die Hand des Rabbi, und bittet ihn um seinen Segen. Ja, als sich kurze Zeit später die Prophezeiung Iochanans erfüllt und vespasian nach dem Selbstmorde Neros zum Kaiser Roms ausgerufen ist, wagt auch sein Sohn Titus, der neue Heerführer, nicht, dieses Wort zu brechen, trotzdem es in der Folge im römischen Lager nicht unbekannt geblieben ist, daß der Rabbi in Wirklichkeit gar nicht gestorben war, sondern nur eine List angewenöet hatte, um in weiser Voraussicht alles Kommenden, wenigstens das jüdische Lehrhaus zu retten. Schweres Gewölk zieht vom Roten Meere herauf, düster sich zusammenballenö über den Trümmern der Feste Dowids. Erdrückend lastet die Hochsommernacht auf blutgetränkter Schlachtstätte. Cs herrscht in der Natur jene unheimliche Stille, welche Katastrophen vorauszugehen pflegt. Cs ist der neunte Ab, der Tag, an welchem Nebusraööan, Labels Feldherr, den Tempel Schelomos zerstört hatte. Zum letzten Entsätze haben sich die Krieger Iehuöas auf den Mauern des Tempels gerüstet. Sie sehen furchtlos der Entscheidungsschlacht entgegen. Cs wird der letzte Sturmangriff der Römer. Ungestüm bombardieren wenige Männer von den Türmen und Zinnen des Tempels die zahllosen Legionäre, welche sich nur auf beträchtliche Entfernung der heiligen Stätte zu nähern wagen; jedes Vorrücken zu den Mauern bedeutete den sicheren Tod für sie. Beinahe scheint es schon, als gelänge es dieser Handvoll, den Feind zur Umkehr zu zwingen. Da, plötzlich, Verzweiflungsrufe auf den Mauern und Vorwärtsstürmen der. Römer: „Der Tempel brennt!" Rasend peitschen die Flammen nach oben, schließen stch, massenhaft Nahrung findend, ringsum zu einer lodernden Mauer zusammen, fressen sich gierig durch das Innere zum Heiligtum durch. Einem grauenhaften Symbol des Krieges gleich, geistert flackernder, glühend roter Schein zu dem schwarz verhängten Himmel empor, blutig überzieht sich das Firmament, es scheint, als wolle stch eine Erde in Flammen auflösen. Donnernd stürzen Teile der Mauern unter der Gewalt des ungeheuren Brandes ein. Für die eingeschlossenen Kämpfer schwindet jede Hoffnung auf Rettung. Durch die Reihen der römischen Legionäre, von vier Kriegsoberen auf stürmenden Rappen gefolgt, sprengt ein totenbleicher Jüngling. Irr flackern seine Augen, in wahnsinniger Angst vor dem fremden G'tte, dessen Heiligtum die Soldaten angezündet. Das brennende Rom, an das Nero die Fackel gelegt, steht vor seinem Geiste, und der Segen des greisen Iochanan, der seinen Vater zum Kaiser gemacht. In diesem Augenblick fühlt Titus den nahen Untergang des eigenen Reiches. Krampfhaft bemüht er sich, die Halung des vornehmen Römers zu wahren, während er mit heiserer Stimme den Befehl zum Löschen des Brandes gibt. Cs hat stch jedoch ein Sturm erhoben, der jeden versuch, dem Feuer beizukommen, aussichtslos macht. Der Tempel muß verloren gegeben werden. Auf der obersten Zinne haben sich die Kohanim zum letzten Gebete versammelt. Immer höher schlagen die Flammen, es wird zur Gewißheit, daß jeden Augenblick das ganze Gebäude in Schutt und Trümmer sinken muß. Aus seinem Gürtel zieht der Pförtner des Heiligtumes den goldenen Schlüssel, hält ihn hoch gegen den Himmel: „Nicht mehr würdig sind wir, Herr der Welt, dieses Besitzes, da du uns verlassen hast! So nimm' zurück, was deine Gnade uns einst verliehen!" . . . Jetzt scheint das Bes hamikdosch eine einzige Fackel, die jäh hinauflodert zu den Wolken, aus deren Gefüge eine Hand sich herniedersenkt, welche aus der erhobenen Rechten des im Sterben noch singenden Kohen den Schlüssel zum Heiligtume in Empfang nimmt . . . Ein kleines Paradies. II. Reue Gedankenlosigkeiten im Hokelgarken zu Bad Brückenau. Kaum war es ausgesprochen und niedergeschrieben und in gedruckten Worten in die Welt hinausgerufen, daß „der Himmel blau, die Berge grün, das Wetter schön", als die Geschichte vom Paradies schleunigst in das Kapitel der Sintflut überging. Das Bad packte alles wieder ein: den italienischen Himmel, die Lüfte von Liberias und die Düfte von Jericho. Aus der grauen Bleiüecke über den Bergen goß und floß es unaufhaltsam. Es grollte der Donner und prasselte im Geäst. Und wenn der Regen im Tale zu Ende ist, pflegten die Rhönwälder mit ihrem eigenen Regen auf eigene Faust zu beginnen. Die Zweige nehmen die Wassermassen auf, als wären sie Zisternen in der Wüste, und schütten sie dann eimerweise auf den Kopf des armen Passanten, bei lachender Sonne . . . Dem Walde in der Rhön sitzt der Schalk in den Wipfeln: „Ihr wollt Wasser, ihr wollt gebadet sein, dann bitte! . . Das leuchtende Blau und strahlende Gold sind aber eben nur eingepackt, sogar schlecht verpackt, denn es schimmert immerfort zwischen den Ritzen und Spalten der grauen Kiste durch. Eingepackt für bessere Zeiten und — bessere Gäste, die nach uns Herkommen werden; nach den Wahlen, nach der „Zerstörung", d. h. nach dem „neunten Aw". Uns, die wir einmal da sind, werden auch mißgelaunter Himmel und polternder Regen nicht sobald aus dem „Kleinen Paradiese" fortbringen. Morgens nach dem gemeinsamen G'ttesdienste — der Tag kommt hier gegen sieben mit viel Gepolter und Geklingel mit dem Züglein von Jossa angefahren — schauen wir flüchtig in die Morgenzeitung, um eine neue Notverordnung so frisch wie das Ei zum Frühstück zu

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