Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1932)
- Date
- 1932-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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4. August 1932 Der Israelit Nr. 32 Seite 3 Die Rolle des ersten Gegenspielers gegen das liberale Judentum wird man wohl oder übel der Orthodoxie überlassen müssen. Die Frage ist aber, ob der Zionismus überhaupt als Gegenspieler gegen das liberale Judentum in Frage kommen kann. Daß der Zionismus das jüdische Volkstum wieder zum Objekt der pflege und den Sinn für Politik zur <Duelle des neuen jüdischen Aktivismus gemacht hat, mag richtig sein. Aber ist das schon ein Zeichen für Antiliberalismus? Ist nicht der ganze Liberalismus des 19. Jahrhunderts aus der nationalen Bewegung hervorgegangen, hat nicht der nationale Imperialismus zu stärkster Aktivität gerufen? Kennzeichnend für das Wesen des Liberalismus ist vor allem Rationalismus und Verweltlichung, der Glaube an die Dernunft als sicherste Lenkerin unseres Handelns, an die menschliche Kraft als letzte Quelle geschichtlicher Entscheidungen, und die XD e I tbezogenheit alles Seins und Sollcns. von hier aus gesehen ist der Zionismus alles eher denn antiliberal. Und Krojanker selbst gesteht zu, daß der Zionismus auf eine seltsam doppelbödige Art dem Liberalismus verhaftet ist. Lei näherem Zusehen finden wir, daß er es geradedaist,wo dasTvesendesIudent u in 9 betroffen w i r d. Daß er auf den liberalen Staat angewiesen ist und in dieser 'Abhängigkeit Konzessionen machte, wäre nicht schlimm. Aber daß er seine Organisation um der propagandistischen Wirkung willen auf demokratische Grundlage und parlamentarische Willensäußerung gestellt hat, ist eine Konzession an den Liberalismus, die sich innerjüdisch unheilvoll auswirken kann und mit der Erklärung Krojankers „von wegen der Menschen, die den Zionismus bilden" nicht entschuldigt ist. weiter gibt Krojanker selbst eine andere, damit zusammenhängende Bindung zu: Die liberale Gedankenwelt hat für den Juden mehr bedeutet als für die Richtjudon. Sie hat ihn erst zum freien Menschen gemacht. Eine starke Anziehungskraft geht von ihr aus und verbindet und verpflichtet ihn der deutschjüdischen Umwelt, der sich auch der Zionist nicht entziehen kann. Cr vergißt in ihr, daß das Ideal zionistischer Träume auf einer anderen Linie liegt, „wir schimpfen auf die liberale Presse, aber wir lesen sie. Wir machen unsere Vorbehalte bei Organen von der Art der weltbühne, aber auch sie sind unsere Nahrung. Wir saugen täglich durch Presse, Literatur, Theater und Gespräch tausendfach die Anschauungen einer deutsch-jüdischen Welt in uns auf, die eigentlich nicht unsere Welt ist. vor allem wirtschaftlich durch unser Berufsleben sind wir in sie hineingebunden ... Das ist ein Assimilationskapitel, das noch nicht geschrieben ist: Die Assimilation des Zionismus an die Welt, aus der er kam, und der er hier im Galuth auch niemals gänzlich entrinnt." Wir sind auch der Meinung, daß es nicht mit dem Schimpfen auf die liberale Presse getan ist. Die Hauptsache ist doch aber, ob die Grundsteinstellung zu Menschen und Dingen, die in Presse, Literatur, Theater und Gesellschaft sich kundgibt, jüdisch oder überfremdet, religiös oder weltlich bestimmt ist. Da zeigt sich am Zionismus die gleiche Assimilation auf dem Loden Palästinas wie in den Städten Europas, weil der Wille zum Judentum korrigiert wird durch den Stolz auf den Liberalismus. Der Zionismus ist eben eine Rahmenbewegung, in der alle Richtungen innerhalb des Judentums grundsätzlich ihren Platz finden. Cr hat damit auch der Religion ihren Platz angewiesen, aber das historische Judentum kennt nicht den Begriff eines Volkes, in dem die Religion unter anderem ihre Stellung einnehmen darf, Zionismus ist eben ein Kind der Aufklärung. Krojanker weiß wohl, daß hier ein brennendes, ja das brennendste Problem lauert, die Frage nach dem konkreten Inhalt seines Rationalismus. Um so erstaunlicher ist es, daß er sich mit ihm nicht auseinauderzusetzen bemüht, daß er'sich damit begnügt, die Unvereinbarkeit des zionistischen v o l k s b e g r i f f e s mit dem des historischen Judentums f e st z u st e l l e n. Konsequenzen daraus zu ziehen, verbietet ihm offenbar der Liberalismus, wie er ihn hindert, so ausschließlich wie ehedem unsere Ahnen zu den alten Büchern und alten Träumen zurückzukehren, „wir sind," sagt er mit Bezug darauf, „durch die liberale Welt hindurchgegangen, und Entwicklungen lassen sich nicht rückgängig machen. Wir müssen zugeben, daß wir dem Europa des 19. Jahrhunderts Unendliches zu verdanken haben, wir wollen darauf unter gar keinen Umständen verzichten." Danach wird vom Antiliberalismus nicht mehr viel übrig bleiben. Daß der Zionismus, wie Krojanker hecvorhebt, erkannt bat, „daß wir mit all der Vernunft, die nichts als abtragen konnte, ins Leere geben," müßte sich vor allem in der Stellungnahme zur jüdischen Religion, zur Bibel, zur Offenbarung äußern. Davon ist aber nie die Rede gewesen. Daß der Zionismus an Stelle der Freiheit von — die Freiheit, z u einer Sache gefordert habe, kann doch nur eine Phrase sein. Denn auch der liberale Jude hat sich irgendwie gebunden gefühlt, wenn auch nicht durch das historische Judentum, sondern durch sich selbst. Ebendas hebt Krojanker auch vom Zionisten rühmend hervor. Und wenn er an Stelle der Allerweltsgleichheit des Liberalismus die Gleichheit im Kreise der Gleichen wünscht, so ist nicht einzusehen, welcher Unterschied bestehen soll zwischen dem Liberalen, der da gesagt haben soll: wir wollen wie andere Religionen sein, und dem jüdischen Rationalisten, der da sagt: wir wollen eine Ration sein wie die anderen! Freilich: der heutige Rationalismus stellt sich bewußt in schroffen Gegensatz zum Liberalismus in seinen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Auswirkungen. Und die öffentliche Meinung gibt ihm Recht. Und die Macht fällt mit jedem Tage inehr ihm zu. Und der jüdische Rationalismus fühlt sich bestätigt. Das gesetzestreue Judentum hat dein Liberalismus nicht nachzutrauern. Cr hat die Religion ihrer Kraft in Israel beraubt. Aber was besagt das für den Rationalismus? Zeigt er wirklich ein so verführerisches Bild? Hat er uns nicht den Weltkrieg beschert? Sucht er nicht Humanität, Wahrheit und Recht in ihr Gegenteil zu verkehren? Man lese nur Rehms: Apis und Este, und lerne daraus, wie unter dem Hauch des Rationalismus jede Mordtat zum nationalen 'Verdienst, der wildeste Zigeuner zum Heros wird. Man lese Dieburgs „G'tt in Frankreich", und lerne daraus: „Europäische Gesittung hat wohl kaum einen schlimmeren Feind als den religiösen Rationalismus, der seinen Vorrang beute, das beißt in einer glaubenslosen Welt nur noch auf völlig mittelalterliche Art behaupten kann, nämlich dadurch, daß er die moralischen Werte gegen andere Völker mobilisiert." Run macht Krojanker einen Unterschied zwischen Rationalismus und Rationalismus, zwischen dem nienschbeitlich orientierten der Sowjets und dem egoistisch orientierten Mussolinis. Aber die antireligiösen Exzesse des ersteren können uns nicht für ihn stimmen. Wenn im ganzen Umkreise der Völker und Zeiten Rationalismus solche Formen annehmen kann, so liegt der Gedanke nahn, daß sie im Wesen des Rationalismus liegen. Richts im Judentum erinnert daran. Run, da der Liberalismus ausgcspiclt hat, dem Rationalismus sich in die Arme zu werfen, heißt, aus einer Illusion erwachen, um einer anderen zu unterliegen, die gefährlicher ist Jene reichte für ein Jahrhundert, diese ist für den Tag. Ist es schon kurzsichtig, wie Krojanker, bei der Würdigung der Lage der nichtjüöischen Welt, die noch immer unbezwungene Kraft der religiösen Opposition zu ignorieren, so muß gerade den Juden von heute jene „höhere Vernunft", jene Einsicht in die besonderen „Gänge der jüdischen Geschichte" dazu führen, zwischen Liberalismus und Rationalismus jenes dritte zu sehen, ohne das es kein jüdisches Volk gibt: den Messianismus, der den Begriffen Volk und Freiheit erst ihre tiefste, ihre religiöse Begründung, aber auch Begrenzung gibt! laut hinein in unsere Herzen und Seelen: nxvn rrvn Schwer sündigt Jeruscholajim." Oder ist es nicht schwere Sünde am jüdischen Geist, gegen G'tt und seine Lehre, wenn vielfach gerade dort, woher die Thora ausging, G'ttes heiliges Wort so gröblich verletzt wird und müssen wir da nicht klagen: vm» imo ’a 'a xm pns. „Ge recht ist der Allheilige, denn gegen seinen Mund lehne ich mich auf." Daß wir doch zu solcher Erkenntnis uns allenthalben durchringen könnten, dann würden unsere Tranen nicht vergeblich fließen, — wir fänden die Kraft, uns wieder zu erheben und zu weihen und unser Gebet trüge den Keim der Erhörung in sich: nanwi q'^x 'i aaa’pn 'tti/ „Bringe uns zurück, Herr, zu Dir, daß wir in „Rückkehr" Dir nahekommen. Erneuere unsere Tage wie von ehedem!" Israel, so heißt es im Midrasch, spricht: laa'vv xin Vv s^avi. „Meister der Welt, Dein ist es, uns zurückzuführen." Darauf entgegnet der Herr: xin vahv, „An euch ist es, zurückzukehren . . ." Unsere Rückkehr zu G'tt ist die Vorbedingung für unsere Heimkehr. Der Tränenquell versiegt, wenn sich Israel erhebt und sich zu G'tt in seiner Ganzheit zurückfindet. Das Golus endet und mit ihm alle Judennot und alles Elend auf Erden, wenn der Herr in seiner Güte und Liebe wieder Zion baut. Das verheißt uns der Herr durch den Mund seiner Propheten, darum dürfen wir uns aus der Trauer wieder erheben und uns der Hoffnung weihen und dem Tröste unsere Herzen und unsere Seele öffnen. Die schwierige Raschi-Aelle in mp 's* ’nn wollte nicht sagen, daß der Ausspruch der xma in twmao sich auf diesen pivv bezieht, sondern er wollte zum Ausdruck bringen, daß der Ausspruch von vp^nvappuvvpXVfxav^i auch eine Stütze an diesem Pios hat, denn aus der Tatsache, daß vv» die Wortführer der Verschwörung zu sich rufen ließ, geht deutlich hervor Dito nan Dmnx mnn ni?n rrw Während dem v"-> xan darum zu tun war, nachzuweisen, daß U'ai nv» der '-bv so hoch stand, daß er rn'axi im sogar aufsuchte, wollte »nn nur darauf Hinweisen, daß seine ganzen V e rhandlungen von Anfang an darauf hinausgingen, den 'il>v zu erhalten. Damit hat außerdem noch gewonnen, daß er den Vers 25 auf die ihm eigene Art erklären kann: ivV xai d'ub iP XV'v iiaoa, womit das ihm überflüssig erscheinende Wort ap-i erklärt ist, da es genügt hätte, wenn gestanden wäre ns?n Diese Erklärungen scheinen wichtiger zu sein, da sie ein eminentes nvw enthalten, als die Stelle in der i'v p"a x-ma anzuführen, die uns nur einen H hören läßt. Josef Diamant. II. Zu der in einem Artikel der vorigen Nummer des „Israelit" aufgeworfenen Frage ist zu bemerken, daß bereits in dem x'shnn »wvrn 'o (Fürth 1764) darauf hingewiesen wird, daß Raschi mit dieser Erklärung der Gemoroh zu widersprechen scheint. Auch der Herausgeber dieses Sammelwerkes macht auf die auffallende Tatsache aufmerksam, daß die größten Erklärer Raschis diese Schwierigkeit nicht bemerkt haben. Rabbi Samuel Edels, so heißt dort, habe sie damit gelöst, daß er annahm, daß Raschi auch noch ein anderer Midrasch Vorgelegen haben muß, in dem die Schriftoerse in dieser Weise erklärt wurden, und daß er, seiner Methode entsprechend, d i e Schriftauslegung zitiert, die ihm mit dem Text am ehesten übereinzustimmen schien. Es wäre wichtig, festzustellen, ob sich in einer uns bekannten Midraschsammlung diese Textauslegung findet. Auch der i>xana jaip zu C'p '’ö) fvp irv» 'on führt unsere Raschi auf die verschiedenen Lesarten der dortigen Gemoroh zurück. Rabbiner Dr. Josef Unna, Frankfurt a. M. III. Ich mache darauf aufmerksam, daß der *p*i zu t'tj -,vp eine veränderte Lesart der in Betracht kommenden Talmudstelle bringt, durch welche ein neues Licht auf Raschis Bemerkung fällt. Nach dem lernt die xma die Tatsache der Ladung des Beklagten durch einen Gerichtsboten nicht aus üer Stelle 'v»i Xiipi> nc» ni-v'1 heraus, sondern aus den Worten 'n *1*». worauf frnp Vxana ausdrücklich aufmerksam macht, mit folgender Bemerkung: y"? nPv «V mm iavv 'iai nnra n^v'i mp. ’xnn xba pxe? jxaa iva dd^sV Dmnx nVws? dx ’a ,a-ai> niawn •waina '"v-i'sa ppnnn Raschi, der offenbar die gleiche Lesart hatte wie war also durchaus berechtigt, aus der angezogenen Stelle der Thora die Lehre npi^nsa pp'wa px zu ziehen. Es liegt daher gar keine Veranlassung vor, an ein drucktechnisches Versehen zu denken. Isaak Zoller in Berlin. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S.Schachnotoife, ebenda. — stur die padaaogtfche Beilage: Lehrer L. A aufm aun. in Sprendlingen (Kr. Offendach). — Verlag des Israelit und Hermon CB. m. b. H., Frankfurt a. M. - Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.