Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1932)
- Date
- 1932-08-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 32 Der Israelit 4. August 1932 stellung von Wissenschaft und Kunst unter das Diktat der Staatsraison. Was das für uns Juden bedeutet, ist klar: Weiteren wirtschaftlichen Abstieg im Rahmen der allgemeinen proletaristerung, automatische Ausschaltung aus dem keinerlei Entfaltungsmöglichkeiten bietenden Wirtfchaftsprozeß in seiner gebundenen Form, schließlich aber bewußte Ausstoßung, sobald der antiliberale Staat zu bestimmen hat. Der wirtschaftlichen Seite entspricht die politische und geistige, es bleibt keine andere Perspektive als — neues Ghetto. Für diese schmerzliche Entwicklung ist offenbar nur der Rationalismus verantwortlich zu machen. Aus naheliegenden Gründen wehrt sich Krojanker gegen diesen Schluß, Kern, von dem er die äußere Erscheinungsform und die jeweiligen Träger getrennt wissen will, erscheint ihm die neudeutsche nationale Bewegung so ideal wie die jüdische. Auch diese letztere könne „in ihren Menschen und äußeren Formen nicht sympathischer oder berechtigter erscheinen, als uns der gleiche Vorgang bei anderen." Eine gefährliche und den Zionismus mehr belastende als die Rattonalsozialiftcn cntlastcndc parallele! Die mittelalterliche, aller Wahrheit und Gerechtigkeit Hohn sprechende, ebenso antihumane wie antisemitische Erscheinungsform, die der neudeutsche Rationalismus angenommen hat, muß auch im Kern von einem jüdischen Rationalismus grundverschieden sein, der frei von jeder Ueberheblichkeit und jedem Ehauvinismus, Volk nur als Baustein zur Menschheit ansteht, Blutgemeinschaft auf Ideen begründen will, deren höchste, g'ttlichen Willen offenbarende die Idee der Menschheit ist. Was soll aber der Jude in einer Welt anfangen, die gerade dies nicht gelten läßt, die ihm den Lebensraum raubt und ihn mit Vernichtung bedroht? Zur äußeren Abwehr ein Mittel anzugeben, verschmäht Krojanker. Was kommen muß, wird kommen. Aber ihm ist es um die geistige und seelische Haltung zu tun, mit der wir den Ereignissen entgegen gehen sollen. Wir sollen das Gefühl für die schicksalsmäßige Verbundenheit mit dem jüdischen Volke pflegen, um die „besonderen Gänge" der jüdischen Geschichte wissen, uns über die sogenannte praktische Vernunft zu jener „höheren" Vernunft erheben, die Recht und Mut gibt, sich der zeitgebundenen Vernunft jener Juden entgegenzustellen, die noch von dem Glauben an die Umwelt geblendet sind. Gegenüber der uns drohenden Isolierung ruft Krojanker die Kräfte jüdischer Vergangenheit auf. Ja, soweit nicht gewisse Errungenschaften des modernen Menschen geopfert werden müssen, ruft er sogar zurück zu jenen „alten Büchern und alten Träumen", in denen unsere * Väter gelebt haben. Vom Glauben an den allgemeinen Fortschritt müssen wir uns ebenso freimachen! wie von dem an eine dabei zu erfüllende Mission des Judentums, von einer feindlichen Welt umkläfft» können wir in der Bibel oder in einzelnen Perioden unseres geschichtlichen Werdens die gleiche Welt von heute wiederfinden, einen tieferen Begriff von der Kontinuität jüdischer Geschichte erhalten. „Wir erleben das Auf und Ab unseres Geschickes, von dem wir vorher nur wußten. Und die langbärtigen Männer von einst rücken unserem Gefühl nach der Trennung von mehr als einem Iahrhunder wieder in greifbare Rähe." Dazu komme ein aktiver Gestaltungswille, der sich gleichberechtigt neben dem der Völker in die alten geistigen Werte nur versenkt, um immer wieder zu wissen, um wessentwillen er die Gestaltung seines Schicksals betreibt. n. Wir hahen unter Weglassung alles Dekorativen und mancher interessanter Abschweifungen die Grundgedanken wiedergegeben, in denen sich Krojanker zu den besonders die deutschen Juden bewegenden Fragen der Zeit, zu Judentum und Umwelt, zu Staat und Gesellschaft vom Standpunkt des Zionisten aus äußert. E)b alle Zionisten mit ihm einer Meinung sind, darf nach dem Echo, das seine Ausführungen sowohl beim Vortrag als auch in der Presse gefunden haben, bezweifelt werden. Jedenfalls hat er bekannte zionistische Gedankengänge zu Ende gedacht. Rur soweit sie die Geschichte und Weltanschauung des gesetzestreuen Judentums berühren, sollen sie im folgenden berichtigt werden. Krojanker spricht von der Sünde -des Liberalismus, der für den Begriff des Volkstums kein Verständnis gehabt habe. Und konsequenterweise fleht, er den Hauptirrtum des jüdischen Liberalismus in, ö-er Behauptung, das Judentum sei nur (!) eine Religion. Aber wer die Geschichte des Liberalismus studiert hat, uxiß. daß die Wurzel des Liberalismus gar nicht im politischen, sondern im Weltanschaulichen lag. Die LoAösung von den religiösen Bindungen hatte die Aufklärung begonnen. Der Liberalismus setzte sie fort, indem er alle jene Beziehungen verweltlichte. Diese Grundnote: Rationalismus und Ver-! weltlichung, brachte das liberale Judentum am deutlichsten zur Darstellung. Wäre den liberalen Juden I das Judentum nur Religion, g'ttliche Bindung ge-' wesen! Das Gegenteil war'aber der Fall. Weil ihnen das historische Judentum keine Religion mehr war,! konnten sie auch in der sie erfüllenden Ration keinen' Wert mehr erblicken. Weil ihnen die Vernunft ent-! scheidend war, lehnten sie Erkenntnisse und Pflichten ab, die nicht aus eigenem Recht und eigener Verantwortung begründet werden konnten. Weil sie zu tief in der Welt verwurzelt waren und in der Art ihrer Zeit die autonome Persönlichkeit über alles schätzten, weil sie danach ihr religiöses und sittliches, ihr Cinzelleben und Gemeindeleben zu reformieren suchten, darum gingen sic sowohl dem religiösen wie dem nationalen Judentum verloren. Wem das historische Judentum damals heilig war, der empfand es religiös und eben dadurch auch national; wem es nichts bedeutete, dem war auch die alte Religion ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch geworden. Wenn trotzdem die einen wie die anderen in offiziellen Dokumenten darauf hinwiesen, daß sie keine Ration, sondern eine Religion darstellten, so doch nur, weil sie im Kampf um die Menschenrechte keinen anderen Boden hatten, auf dem eine Diskussion mit Richtjuden möglich gewesen wäre. Daß sie sich gegen den Charakter der Ration (im landläufigen Sinne) verwahrten, war nicht Ausdruck einer bestimmten Stellungnahme zu der Frage: Wie stehen wir zu unserem Judentum?, sondern zu der Frage: wie stehen wir zum Staat? In dieser Frage konnte es zwischen Liberalismus und Orthodoxie eine gemeinsame Plattform geben, in jener nicht. Krojanker bringt es fertig, auch mit Bezug auf sie Orthodoxie und Liberalismus gleichzusetzen. Wer die Geschichte des Judentums im 19. Jahrhundert nur einigermaßen kennt, weiß, wie erbittert jahrzehntelang die Orthodoxie allein auf weiter Flur den Kampf gegen den Liberalismus und die Verfälschung des Wesens des Judentums geführt hat. Auch Krojanker muß davon wissen. Aber da er die Rolle des ersten Gegenspielers gegen den Liberalismus dem Zionismus zugedacht hat, muß der zähe Kampf der Orthodoxie, der das Aufkommen des-Zionismus erst ermöglicht hat, bagatellisiert werden. Anders können die folgenden Sätze doch wohl nicht verstanden werden: „1856 schreibt S. R. Hirsch die erste Theorie des jüdischen Konservatismus (also erst ein halbes Jahrhundert nach Mendelssohns Tod, als der neue Geist des Liberalismus den Boden bereits beherrschte). Er setzt das Gesetz wieder als g'ttliches Gesetz ein, aber selbst sein starre Konservatismus war schon nicht mehr die alte Tradition. Tr hatte unbewußt bereits die wesentlichste Grundlage des Liberalismus akzeptiert: nämlich den Begriff der nur religiösen Gemeinschaft ..." Kein einzigerdieser dreiSätze entspricht der tatsächlichen Situation. S. R. Hirsch hat gar nicht daran denken können, nach Maimonides oder Josef Caro die erste Theorie des jüdischen Konservatismus zu schreiben. Das Gesetz als g'ttliches Gesetz wieder einzusetzen stand ihm noch weniger zu, da in den vorangegangenen Geschlechtern von Rabbi Akiba Cger bis zu Bernays genug Kämpfer und Wortführer gegen den Liberalismus und für das gesetzestreue Judentum aufgetreten waren. Und endlich lebte er viel zu sehr in der Sprache der Bibel und des Talmuds, als daß er vergessen hätte können, daß wir ein dp und ein RA sind. Der Tränenquell. Zum neunten Aw. Von Rabbiner Dr. 211. Lewin in Hamburg. Die Sonne glänzt, der Himmel lacht; Flur und Wald strömen reichen Duft aus, hundertfältig lohnen Felb und Garten den Fleiß des Menschen, der sie mit treuem Eifer gehegt und gepflegt. Da ruft es die Erdenkinder hinaus in G'ttes freie Natur, um sie an den herrlichen Gaben zu erfreuen, mit denen der ewige Schöpfer und Meister die Sommerszeit ausgezeichnet hat. Auch Israels Kinder nehmen an alledem teil. Ihr Sänger auf dem Throne ist es doch zuerst gewesen, der die Schönheit in der Natur in der herrlichsten Akkorden preist und zur Anbetung des auffordert, der alles so herrlich gestaltet: i'a'zp p«n ty'vv naana oba n i'vsa m na „Wie groß sind Deine Werke, Herr, sie alle hast Du mit Weisheit vollbracht. Voll ist die Erde Deines Eigentums." Israel übt dann aber gerade, wo der Höhepunkt des Reifens und Spendens in der Natur gekommen, Selbstbesinnung. Seine Gedanken eilen im Fluge Jahrhunderte, Jahrtausende zurück hin zu den Stätten seiner ruhmreichen Vergangenheit, zu seiner Herzensgeliebten Zion, die da ist und bleibt das Sehnen und Hoffen seiner Seele und der Traum und Inhalt feiner Zukunft. Dann ist Israel auch empfänglich für die Mahnungen und Zurechtweisungen der Großen und Größten der hl. G'ttesmänner, die in diesen drei Wochen zu Worte kommen. Mit Ohr und mit herz und Seele hören wir die ninam* die an diesen Sabbaten verlesen werden. Mosche, Jeschajahu und Iirmejahu werden wieder lebendig vor uns, und a'iann die ernsten, mahnenden, warnenden Worte, die sie sprechen, rütteln uns auf und feuchten unser Auge. Unsere Seele weint, wie Israels Kinder immer geweint im Schmerz wegen Zions und in Trauer um G'ttes hl. Wohnstätte ... Noch ehe Jeruscholafim unser ward, vergossen unsere Väter Tränen im Hinblick auf die Verheißung, deren Erfüllung nahe schien. Das war a:n bv rraa ein Weinen ohne Grund und Ursache. Das wurde zum Verhängnis. Dieser Tag, ein neunter Aw, an dem die Volksboten ihre Eindrücke Wiedergaben, das Land Kenaan so schilderten, als ob erst ihre AUskundung des Landes als Prüfstein dafür dienen müßte, ob Kenaan Israels Land werden könnte, wurde ein Tag vvVMsb jaita, der sich immer wieder in unserer Geschichte als ein Tag schweren Unglücks erweisen sollte, um G'ttes Ankündigung zu folgenschwerer Verwirklichung zu bringen: nrvw snps »jk nvmV aribf „Diese Tränennacht, die Israel heraufbeschworen, wird Israels Schicksal werden." Der Tränenquell, der Kinn nWa eben in dieser verhängnisvollen Nacht mitten im zweifelnden und verzweifelnden Israel hervorbrach, sollte seitdem nie mehr versiegen. Mußte das Wüstengeschlecht, das gegen G'tt gemurrt, sein mangelndes G'ttvertrauen schwer büßen, daß Moscheh noch in späten Tagen an der Wende seines Lebens in ernster eindringlicher Rede über diese Versündigung zur Mahnung und Warnung für das neue Geschlecht das Urteil fällte: 'pbx na d-otoxb oai'rr nrn nanav „In dieser Sache also hattet ihr kein Vertrauen zu -G'tt, zu eurem G'tt", so ist immer wieder der neunte Aw mit seinen heillosen Erschütterungen ein Tag nationalen Unglücks geworden, an dem Israel mit seinem Propheten klagen und weinen mußte. Diese Klage ist auch die unsere noch. Der Tränen- 1 quell rinnt weiter. Fort dauert das Golus mit all' seinen 1 unsäglichen Wirkungen, mit all' seinen Leiden und Ger fahren. Und es ist nicht nur — und auch nicht in erster j Reihe — der Verlust unserer Selbständigkeit als Volk und Staatskörper, um den wir trauern. Daß die nvav die Herrlichkeit G'ttes aus der hl. Stadt verbannt ist, fein Tempel noch in Schutt und Trümmern liegt und die nun, dieses Kleinod Israels, bestimmt, die ganze Welt zu erleuchten und zu erheben, immer noch — und in unseren Tagen mehr denn je — in den Staub gezerrt wird, all' das drängt uns den Schmerzensruf über die Lippe: B»a an» 71'212 vi« ab* bv, „Darob weine ich, mein Auge, mein Auge rinnt von Wasser." Wenn doch alle in Israel zu solcher Trauer sich erheben könnten! Gewiß, wir haben an der gemeinsamen Not auch schwer zu tragen. Unsäglich herbe ist die Last des Schicksals, die auch uns drückt. Und noch um so mehr, ^nn 'a u'irr, „da der Feind groß tut" und wieder einmal mit seinem ganzen Fanatismus uns verfolgt. Was bedeutet das aber im Vergleich zur seelischen Not, die wir fühlen sollten, wenn man unserem Judentum alle Makel anheftet außerhalb und in unseren eigenen Reihen noch nicht erkannt wird: 'a iy»a oni viaain ’flbn waa, „Kinder habe ich erzogen und hochgestellt, — und sie, sie haben sich gegen mich empört." Israel ist die Schöpfung G'ttes — von Ihm berufen — und hat als „Prophet an die Völker" und „als Licht der Menschheit" durch ein Leben edelster Pflichterfüllung und reinster Selbsthingabe für G'tt und seine erhabene Lehre zu werben. Das ist der Angelpunkt unserer Bestimmung, an die unser Dasein und der Besitz des hl. Landes als Wahrzeichen unserer besonderen Erwählung geknüpft ist. Mag immer neues Leben im Lande Israels aus den Ruinen erblühen, Erfüllung unseres Sehnens und Höffens, so verheißungsvoll es auch sein mag, -ist das nicht. Dafür ruft es zu