Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1932)
- Date
- 1932-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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/ 4. August 1932 AktlUEAtLt (U Ättl 2. Ab 5692 Nr. 32 Ein Centralsrgan iür das crlhodQxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz.. Abonnement ab JE 1929: Deutschland 1.30 Mark monatlich; Ausland: Bterteltahrpreise (entsprechend dem deutsche« Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutfch-Sfterreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 23 Fr.; Belgien ab l.v. 27. Belga 5. Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Jugoslavien 35 Din.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche Gold, mark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr.; Tfchecho-Slowakei 25- Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. : Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Goldpf. für die fiebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textsette 2.— Mk., vorletzte Textsette 2.50 Mk.; -arschau Nr. 190757. direkt an den'Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr.79605. — Postsparkassenamt Budapest Nr. 13424.—Postscheckkonto - Postscheckamt Zürich Nr. Vlll7254. - Postscheckamt Amsterdam Nr. 24869 - Postscheckamt Prag Nr. 79.060 - Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre sämtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Das Ende einer Illusion. Von Studiendirektor Dr. Elias in Frankfurt a. AI. In Not und Leid — das haben wir Juden mehr -als andere Menschen erfahren — sucht der Bedrückte gern Zuflucht in einer der Wirklichkeit fremden Welt, in einer Sphäre, über deren Möglichkeit er nicht nachdenkt so wenig wie über ihre Wirklichkeit. Die Illusion läßt Stiche und Steine der wirklichen Welt und des zeitlichen Lebens ungefährlicher und schmerzloser erscheinen und leichter ertragen. Sie zeigt Großes kleiner und kleines größer. Tote werden ihr lebendig, Menschen zu Messtassen. Die jüdische Geschichte kennt aber, auch Illusionen anderer Art. Das 19. Jahrhundert gaukelt den Juden eine Fata morgana vor und gebiert eine Illusion, die Flucht, nicht, aus der Zeit, sondern in die Zeit forderte, und sie in dem Glauben wiegte, aus. der Vergangenheit ihres'Volkes und aus der Ewigkeit ihrer Bestimmung in Gegenwart und Zeitlichkeit flüchten zu können. - Assimilation hieß der Traum, und Liberalismus nannte man das System, das die Formen und Formeln lieferte, die über das Illusionäre der Hoffnung hinwegtäuschen sollten. Heute ist dieses System verfehmt. Tine große Illusion weiter jüdischer kreise wird mit ihm begraben. Die Gegenwart ist zu häßlich, um sich an sie zu klammern, was ist zu tun? was zu hoffen und was zu fürchten? Die Lage erfordert eine ernste Besinnung auf die Politik und den Geist unserer Zeit und ihre Auswirkungen auf das jüdische Leben. Zu welchen Ergebnissen diese Besinnung gelangt, soll an Hand einiger Schriften, die in letzter Zeit erschienen sind, gezeigt werden. l. Zum Problem des neuen Deutschen Nationalismus. Unter diesem Titel hat Gustav k r o j a n k e r, der Herausgeber des Sammelwerkes „Juden in der deutschen Literatur" eine zionistische Orientierung gegenüber den nationalistischen Strömungen unserer Zeit geben wollen. weit ausholend beleuchtet der Verfasser das Wesen des Liberalismus, in dessen Zeichen die gültigen Werte des 19. Jahrhunderts sich entwickeln konnten. Cr zeigt die wirtschaftliche Seite: die freie Konkurrenz freier Individuen, in deren Gefolge sich der Kapitalismus zu höchster Blüte erhob. Cr erinnert an diepolitische. Seite: die Gewähr persönlicher Freiheit und die Anerkennung gleicher Rechte für alle, worauf sich , die freie öffentliche Meinung und der Parlamentarismus als ideale Machtmittel freier Völker stützten. Schließlich weist er die weltanschauliche Basis auf: den Glauben an die Macht der Vernunft, die in jedem Individuum lebt und es berechtigt, ja verpflichtet, unter ihrer Herrschaft alle autoritären Bindungen abzuschütteln. Dieser Liberalismus hat sich offenbar überlebt. In gewaltsamer Ueberspannung seiner Prinzipien ist er schließlich zum Abfall von seinen eigenen Grundsätzen und ursprünglichen Idealen gekommen: Freiheit machte sich breit auf Kosten der Gleichheit, Gleichheit auf Kosten der Freiheit, Vernunft enthüllte sich als Selbsttäuschung. Das Humanitätsiöeal schwebte über einer höchst inhumanen Gesellschaft. Die freie Konkurrenz privater Individuen führte zu einem Vernichtungskampf aller gegen alle, eine Klassengruppierung von erbitterter Gegensätzlichkeit zeitigte anstelle der politischen Ungleichheit die des Kapitals, die noch drückender war. Der Parlamentarismus ist schließlich selbst nur mehr durch Diktatur zu halten und die Vernunft ist — im Gefolge der Faust. Denn jene stolze Vernunft, die vor hundert Jahren noch als Göttin angebetet worden war, hat enttäuscht: sie hat ja doch den Menschen nur ärmer, sein Leben inhaltloser gemacht. wir hätten keinen Grund, über den Zusammenbruch dieses aus Barock und Aufklärung hervorgegangenen Gebäudes zu trauern. Aber unter seinen Trümmern liegt ein gut Stück Judentum begraben, aus dem wir zu retten suchen müssen, was noch zu retten ist. von der Aufklärung, die mit Mendelssohn unter den Juden Eingang gefunden hatte, vorbereitet, war das sogenannte „liberale" Judentum ausgegangen. Der Name war charakteristisch. Erhielt es doch vom Liberalismus seine weltanschauliche Basis, seinen wirtschaftlichen und politischen Auftrieb! Ihm flog es in gläubiger Erwartung zu, feine Theorien wurden zu religiösen Dogmen. Uralte Bindungen wurden daraufhin gelöst, das Gesetz wurde abgeschafft, die Individualität wurde bestimmend, von seiner Geschichte nahm das liberale Judentum nur auf, was in Zeit und Leben paßte, an die Stelle g'ttlicher Bindungen trat die zur Kritik an Gesetzen, Formen und Lehren aufforöernde Stimme des Verstandes. Auf dem Wege von Mendelssohn bis Cohen verloren allmählich auch die Ideen G'tt, Freiheit und Unsterblichkeit alle lebendige Kraft. Aus dem Liberalismus der Juden entwickelte sich in den dem historischen Judentum Entfremdeten ein Zerrbild, ein weltliches Judentum, das sich darstellte als Glaube an eine Zeit, „in der alle Menschen schrecklich vernünftig sein und schrecklich viel verdienen werden." Jenem Zerrbild stellt Krojanker das zionistische Judentum gegenüber, das zur Jahrhundertwende dem liberalen Judentum, ja der ganzen liberalen Denkweise sich entgegenstemmte. Hatte der Liberalismus gelehrt — und darin steht Krojanker seine Hauptsünde —, daß das Judentum nur eine Religion sei, so habe der Zionismus die historische Tatsache des jüdischen Volkes wieder ins Blickfeld gerückt und damit einen Zusammenhang wieder zu Bewußtsein gebracht, den der Liberalismus nicht mehr wahr haben wollte: eine durch Blut und Schicksal bestimmte geistige und.natürliche Verbundenheit. Mit der Erneuerung des Volksbewußtseins fei ihm zu danken die Weckung des Sinnes für Politik unter den Inden, d. h. des Sinnes für die Tatsache, „daß wir in einer feindlichen Welt auf uns selbst stehen und Zusehen müssen, wo wir bleiben, und daß wir uns der Notwendigkeit dieser Selbstbehauptung auch nicht durch den Glauben an ein menschheitliches Endziel brüderlicher Harmonie entziehen können." Ebenso hätten die Begriffe: Freiheit und Gleichheit im Zionismus eine andere Deutung erfahren: Freiheit will auch er, aber nicht von, sondern z u einer Sache, Gleichheit, aber nicht die Allerwcltsglcichheil der Liberalen, sondern im Kreise der Gleichartigen. Und endlich hätte der Zionismus dem Begriff der Vernunft feine Vorherrschaft genommen. Selbst auf die Gefahr hin, unvernünftig zu denken, stütze er sich auf die gefühlsmäßige Verwobenheit mit Geschichte und Schicksal der blutsverbundenen Gemeinschaft, auf eine höhere Vernunft, der in naturstchtigem Schauen, aus Triebkräften der Seele nnd des Körpers, die der Vernunft ihren Platz anweisen, die Vision des neuen jüdischen Menschen entsteigt. ' was aber wohl die Hauptsache für Krosanker ist: Der Zionismus erscheint ihm heute als die Bewegung, die dem Juden im Strudel der mit einander auf Tod und Leben ringenden politischen Kräfte Selbstbehauptung ermöglicht. Der nationale Staat, dem die Entwicklung zustrebt, geht daran, in innner steigendem Maße in die Privatwirtschaft einzugreifen. Mit dem Umbau der Wirtschaft wird der freie Einzelne ausgeschaltet, der bisher die Politik nach Maßgabe seiner privaten Glaubensartikel mitbestimmt hat. Das Ende der Demokratie und das Ende der Weltwirtschaft läßt sich kaum noch verschleiern. Für die Uebergangszeit aber macht sich ein aggressiver, überbetonter Nationalismus breit, wie wir ihn schon jetzt allenthalben zu spüren bekommen, eine Politik der starken Faust, Unterstellung des Einzelnen im Tun und Denken, im Lieben und Hassen, Unter-