Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1932)
- Date
- 1932-07-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton ßr.ti 1932 Zudenschicksal. Von H. A. S. I. Abgelegte Kleider . . . Wenn er durch die Gtraßenzüge der Vorstadt schlurfte, -und mit heiser tremolierender Fistelstimme die armen Leute einlud, ihm ihre alten Sachen zu verkaufen, glich das halbbucklige Männchen mit dem zausigen, fahlgelben Bart, dem spitzen Hütchen und dem schweren Sack über der Schulter, eher einer Gnomengestalt, denn einem Menschen. Die Straßenjugend hatte ihren hellen Spaß mit dem hilflosen Greis.. der sich geduldig Hohn- und Schimpfworte, ja, selbst Steine nachwerfen liest, ohne vom Loden aufzublicken. Die Last der Jahre, oes Schicksals, und nicht zuletzt des elenden Gewerbes, machen eben einen Menschen vollkommen empfindungslos. — Der „Hanölee" war es gewohnt, auch Püffe einzustecken, wenn die Kunden mit den ihnen gebotenen Preisen nicht zufrieden sein wollten; und das zahnlose, keifende Trödlerweib, dem er abends die eingehandelten Sachen brachte, hatte ihm schon öfter als einmal in ihrer streitsüchtigen Art das ganze Bündel um den Kopf gehauen, so dast der schwächliche Mann beinahe zu Loden getaumelt war. Cs huschte höchstens ein Schimmer der Wehmut über fein zerfurchtes, ausdrucksloses Gesicht, und die verfchwollenen Augen, deren eines erblindet war, wandten sich ein wenig gegen den Himmel, als wollte er seinem G'tt zum Zeugen für die vielen Demütigungen, die man ihm zufügte, anrufen. Cr säst jeden Schabbos in der letzten Bank des kleinen Tempels, der im Flüchtlingsviertel der glänzenden Metropole, hinter dem Hof einer Mietskaserne lag. von seinem Platze aus konnte man durch ein kleines Fenster, über die Feuermauer hinweg, ein Stückchen des Firmaments sehen, das über jener traurigen Gegend rauch- und rustverhangen, wie die graue Decke eines Gefängnisses, lastete. Da fast er, in sich zusammengekauert, empfindungslos wie immer, gegen die Austenwelt, und blickte mit dem einen Auge unverwandt durch das Fenster nach dem Streifchen Himmels, dessen Anblick ihm Hoffnung und Trost sein mochte. Manchmal, wenn es zeitig noch still in der Synagoge war, sprach er ganz leise mit sich selbst. Man konnte die abgerissenen, weinerlichen Reöebrocken nicht gut verstehen. Cs waren Reminiszenzen an ver gangene Tage. An seine Jugend, da er in Warschau ein angesehener Kaufmann gewesen, an seinen Sohn, der im Weltkriege, gefallen, die Tochter, die in den Umflurzwirren eines Tages irgendwohin spurlos ver schwunden, die Gattin^ deren schwaches Lebenslicht von so vielen Schmerzen ausgeblasen ward. Cr ver folgte in singendem Monolog seinen Abstieg, wie ihm Der weißbärtige Thasan hüb das weihevolle Schabboslieö an: „Komm, mein Freund, der Braut entgegen, den Schabbos wollen wir festlich empfangen!" — wahrhaftig, da stand er selbst, als Bräutigam im Feiertagsgewanöe unter der Chupa und harrte seiner Braut unter jubelnden Mustkklängen! . . . Rein, das waren nicht die Chorknaben der ärmlichen Synagoge — die Laute waren zu schön, und ste schienen aus unendlich weiten Räumen herzubrausen. Rnd dieses immer stärker werdende Rauschen — nie zuvor noch hatte er etwas Aehnliches gehört. Cs ward immer Heller und Heller, — ein blendendes, nie ^fchautes Licht umhüllte ihn, während tief unten ein winziges Kügelchen in der Finsternis versank. Cin Tumult entstand in dem kleinen Tempel, und zwei Männer schleppten ein lebloses, graues Bündel hinaus — Abgelegte Kleider . . . II. )ie Revolution feine letzte Habe nahm und er sich durch Cinfamkeit, Hunger und Krankheit hindurchgekämpft, bis ihn das Geschick als namenloses, zermorschtes Wrack an den Rand jener fremden Stadt spülte, wo er nun nichts mehr zu erwarten hatte, als den Tod. Cs war an einem Frühfommerabenö, dessen lauer Fliederduft selbst das steinerne Labyrinth der engen Iudenvorstadt öurchströmte, durch das geöffnete Fenster bis in den kalten, muffigen Betraum drang. Freitags. Halbgefüllt der kleine Tempel mit knitterigen Iuöentypen der Großstadtperipherie. Auch der Altekleiderstmche kauerte an seinem gewohnten Platz. Tr fühlte sich durch die elektrisierende, duftende Atmosphäre wie verjüngt, atmete gierig den sanft hereinfächelnden, warmen Gommerwind ein, und versank in Träume von den Tagen seiner Jugend. G l ü ck s st ü.r m e r . . . Cs gibt wenige Flecken in Deutschland, außer vielleicht der herb-melancholischen Gegend der Schlachtftätte bei Tannenberg, die so grenzenlos traurig wirken, wie das Berliner Scheunenviertel. . Hier ist gewissermaßen die Kehrichtkiste des Reiches, wo alle die zerbrochenen und zerschlagenen Cxistenzen zusammengefegt vermodern, noch bevor man sie dem barmherzigeren Massengrab auf dem Friedhof übergeben hat. Aber speziell das viertel um die Grenadierstraße wirkt am drückendsten, denn hier ist das Zentrum der jüdischen Kriegsflüchtlinge; Unglücklicher, die von einem fchau.rigen Geschick, nach beispielloser Hetzjagd um das naÄe Leben, zum langsamen Zugrundegehen in den Löchern dieser Häuserzeilen verurteilt sind. Meist sind es ukrainische Juden, die stumpf geworden durch die Kriegsfnrie, die Verfolgung durch Rot- und Weißgardisten, das ewige Flüchtenmüssen und Umherirren in fremden Ländern mit dem Bettelstab in der Hand, ermattet und energielos und ohne jede Hoffnung dahindösen, und hier zusammengepfercht, ihr Cnöe erwarten. Cs gibt aber unter ihnen eben eine unübersehbare Zahl von noch jüngeren und jungen Menschen, die gerade im Bewußtsein, daß man 'sie allenthalben als minderwertig betrachtet, das Schicksal mit der Faust bezwingen wollen; die in blindem Uebersehen ihrer Ohnmacht nur ein Ziel um jeden Preis erstreben, die Fata Morgana: „Amerika". Die Tragödie des jungen Mannes mit dem fiebernö-melancholifchen Blick, den ich persönlich gekannt habe, ist bezeichnend für die Leidenswege dieser Menschen, die. die Auswanöerungsbüros -überfluten, die nach Jahren verzweifelten Wartens auf die Reisebewilligung, zu Irrsinnsschritten ihre Zuflucht nehmen. Cr war ein bleicher, schwarzlockiger Bursche, von der kraftlosen, scheuen Haltung und mit dem schmerzlichen Zug um Augen und Mund, wie dies für heimatlose Gstjuden typisch ist; er stammte irgendwoher aus Wolhynien oder sonstwo und führte einen unaussprechlichen Ramen. Seine Cltern und nächsten Verwandten waren bei der Einäscherung des heimatlichen Dorfes sämtlich in den Flammen umgekommen. Den damals noch kleinen Knaben nahm irgend jemand mit auf feine 'Flucht. Cr wurde herumgezerrt und gestoßen, lebte vom Betteln, bei Leuten, die nichts gaben, er nächtigte in Asylen oder unter Brückenpfeilern, wo es wenigstens kein Ungeziefer gibt, und wuchs heran, ohne je richtig Lesen und Schreiben gelernt zu haben. Cs war ein Glück für ihn, als er nach Berlin kam und bei einem Händler in der Grenaöierstraße unterkam. Dort mußte er für etwas Cssen und einen Strohfack auf dem kleinen Hängeboden, den Handwagen ziehen, dessen schwere Ladungen ihm, dem Unterernährten, unendliche Leiden verursachten. Unter den Flüchtlingen erzählt man sich bekanntlich fortwährend tolle Geschichten von Verwandten oder Bekannten, die es in Amerika zu Reichtum und Ansehen gebracht hätten. Dieser Gedanke beschäftigte ihn Tag und Rächt. Dieser Gedanke spann in ihm wunschträume und Phantasien, und als man ihm nach Jahren des qualvollsten Harrens, endlich erklärte, daß er wegen seiner Kränklichkeit auf keinen Fall in Amerika eingelassen würde, da brannte er von Berlin durch, um von Hamburg aus, als blinder Passagier irgend eines Dampfers, das Land seiner Sehnsucht zu erreichen. Zu Fuß wanderte er, den Schienen der Berlin- Hamburg-Linie folgend, in die märkische Heide hinein, sich öurchbettelnö bei den wenigen und armen Heidebauern. Der weg war beschwerlicher, als er sich vorgestellt hatte, und gegen Abend überfiel ihn die Schwäche. Ciskalt war jene Oktobernacht. Glasklar verlor sich der flimmernde Horizont über der dunklen Cbene in unermeßlichen weiten. Die Luft schmeckte schon salzig-scharf nach dem Atem des Ozeans. Sturm erhob sich von der Rordsee her und raste über die Heide, als wollte er den einsamen Wanderer wegfegen. Der legte sich ganz still auf den Boden und versuchte, wie seltsam, sich vorzustellen, er läge jetzt inmitten der wolhynischen Steppe, und seine Rlutter käme in dem Unwetter, ihn zu holen. Cr dachte an das rotlockige Mädchen in Berlin, das er heiraten wollte, sobald er in Amerika reich geworden war, dann begann es so heftig in seinen Schläfen zu hämmern, daß er mit einem Seufzer den Kopf in den Sand vergrub. Donnernd jagt der Cilzug Berlin-Hamburg durch die märkische Heide, dem nächsten Luxusöampfer entgegen, der morgen früh nach Rewyork auslaufen wird, von schöner Frauenhand unter Lachen, achtlos aus dem Kupeefenster geschleudert, zerklirrt eine halbgeleerte Portweinflasche neben einem Toten, die Reste des edlen Weines, welche um das Haupt des Cntfchlafenen rieseln, erfunkeln in den Lichtern des enteilenden Zuges, gleich einer düsteren Gloriole. Israel in Ägypten. Ein Vortrag am Londoner Universiky College unter Vorsitz von Lord Allenby. Am University College zu London fand unter dem Vorsitz des Feldmarschalls Lord Allenby am 18. .Juli ein Vortragsabend statt, an dem der bekannte Sprachforscher Prof. ,A. S. Pehuda über das Thema „Der Aufenthalt Israels in Aegypten im Lichte von Denkmälern und Sprache" referierte. Der Vortrag fand mit Unterstützung der British School of Egyptian Archeology statt. In seiner Eröffnungsansprache wies Lord Allenby darauf hin, daß Prof. Pehuda vermutlich der erste sei, der die wissenschaftlichen Ergebnisse der Ausgrabungsarbeiten , durch den Nachweis ergänzt habe, daß linguistische Bibelforschung die biblischen Berichte bestätigt. Es sei festgestellt worden, daß z. B. die Geschichte von Joseph, die von vielen bis in die letzte Zeit als Parabel oder Legende betrachtet worden sei, offenbar von Männern geschrieben wurde, die mit dem Gegenstand vertraut waren und die Tatsachen auf Grund eigener Erinnerungen dargestellt' haben. Dr. Pehuüa führte in seinem Vortrag aus, der Aufenthalt Israels in Aegypten sei von den frühesten Zeiten an als Schlüssel zur Geschichte Israels betrachtet worden, und der Auszug aus Aegypten sei vom jüdischen Volk stets als der Anfang seines nationalen Seins und seiner religiösen Erlösung gefeiert worden. Das „auserwählte Volk" habe es nicht verschmäht, seine jahrhundertelange Verbundenheit mit einem fremden Lande als die erste und wichtigste Phase seiner Geschichte in Erinnerung zu behalten. Kein Volk könnte eine' derartige Episode erfinden. Die Tendenz der modernen Bibelkritik sei jedoch dahin gegangen, die auf die Zeit vor dem Königtum bezüglichen Angaben der Bibel als unhistorisch und unverläßlich außer Acht zu lassen und insbesondere die Erzählungen des Pentateuchs über die Patriarchen die ganze Periode des Aufenthalts in Aegypten und die Wüstenwanderung ins Gebiet der Fabel zu verweisen. Auch viele Aegyptologen hätten diesen Gesichtspunkt geteilt und behauptet, der Autor der Erzählungen über Joseph und den Auszug aus Aegypten habe Jahrhunderte nach dem „angeblichen" Auszug gelebt und keinerlei aus erster Quelle geschöpfte Kenntnis ägyptischer Verhältnisse besessen. Dr. Pehuda legte dar, daß die jüngsten archäologischen Entdeckungen diesen Annahmen durchaus widersprechen. Die in Ur von Dr. Wolley vorgenommenen Ausgrabungen hatten die Richtigkell Lex frühen Patriae chengeschichte erwiesen und die Entdeckungen Prof. Garstangs in Jericho hätten gezeigt, daß die bisher von den Kritikern als bloße Legende betrachtete Erzählung des Buches Josua eine wirkliche historische Begebenheit betreffe.