Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1932)
- Date
- 1932-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 31 Der Israelit 28. Juli 1932 Preffe-Rönferenz des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Berlin, 26. Juli. Die Leitung des Central-Vereins deutscher Staats bürger jüdischen Glaubens hat am 25. Juli die Vertreter der jüdischen und der allgemeinen Presse zu einer Kon ferenz eingeladen, um sie über die letzten Phasen der von nationalsozialistischer Seite betriebenen judenfeind lichen Agitation und die von jüdischer Seite getroffenen Abwehrmahnahmen zu informieren. Das einleitende Referat in der vom Direktor des C. V. Dr. Ludwig Holländer geleiteten Sitzung erstattete Syndikus Dr. Hirsch berg. Er wies daraus hin, daß in letzter Zeit eine ftär kere Betonung der antisemitischen Propaganda durch die Nationalsozialisten festzustellen sei. Dies fei auf die Er kenntnis der Nationalsozialisten zurückzuführen, daß sich ihre taktische Situation infolge ihrer Mitverantwortung für die Maßnahmen des gegenwärtigen Kabinetts schwie riger gestaltet habe. Es bestehe die Tendenz, die Juden für alle blutigen Ausschreitungen in Deutschland verantwortlich zu machen. Diese Tendenz habe sich insbesondere nach den Vorfällen in Neustadt a. ü. Haardt bemerkbar gemacht. In Bernstadt (Schlesien) wurde das Gerücht Verbreiter, die Juden hätten in der dortigen Synagoge Waffen versteckt. Die in Bernstadt erscheinende „Schlesische Woblumung" behauptete, die geheimsten Fäden der führten in die Kreise des Central- Vereins, der sich in seiner politischen Machtstellung durch die letzten Ereignisse bedroht fühle. Durch solche und ähnliche SleuHjntrrav'n in Presse und Versammlungen wird bewußt daraus hingearbeitet, den Central-Verein als Mörder-Zentrale zu stempeln, um gegebenenfalls eine Unterbindung der durch den Central-Verein geleiste ten Abwehrarbeit zu bewirken. In Breslau wurden Handzettel in Form einer Visitenkarte verbreitet, in denen behauptet wurde, die Synagogengemeinde hätte die Parole ausgegeben, nur SPD., KPD. oder Zentrum zu wählen. Auf diese Weise wird der Versuch gemacht, unpolitische jüdische Verbände als einseitig politisch und staatsfeindlich orientiert hinzustellen. Die allgemeine politische Situation geb indessen zu verstärkter Beunruhigung nicht Anlaß. Dazu stehe nicht in Widerspruch, daß im Zusammenhang mit dem Rückgang in der Wirksamkeit der nationalsozialistischen Agitation an einzelnen Orten judenfeindliche Ausschreitungen stattgefunden haben. An die Ausführungen Dr. Hirschbergs schloß sich eine Aussprache, an der sich u. a. die Herren Red. I. Klinoss, Dr. I. Auerbach, I. Lestschinsky, Dr. I. N. Steinberg, Red. H. Swet, Red. Philippsborn und Dr. Olfchwanger beteiligten. Auf die verschiedenen Anfragen antworteten namens des Central-Vereins dessen Vorsitzender Justizrat Dr. Julius Brodnitz, Direktor Holländer, Dr. Reichmann und Dr. Hirschberg. Justizrat Brodnitz warnte davor, die Nervosität der jüdischen Bevölkerung durch unbesonnene Aeußerungen zu steigern. Es müsse unbedingt darauf hing^arbeitet werden, daß sich die jüdische Bevölkerung auch weiterhin nicht zu unüberlegten Aktionen provozieren lasse. Wenn man auch im Hinblick auf die politische Entwicklung aufs Schlimmste gefaßt sein müsse, sei doch eine allzu trübe Prognose der kommenden Dinge nicht am Platz. Die-gegenwärtige Regierung habe alles Interesse daran, das Heft nicht aus der Hand zu geben und werde dies, wenn es nach den Regeln der Vernunft gehen sollte, auch nicht tun. Vor einem Bürgerkrieg schrecken sowohl die Nationalsozialisten wie ihre linksradikalen Gegner zurück. Denn sie wissen, daß jene Partei, die mit dem Angriff beginnen würde, unbedingt unterliegen müsse. Der Central-Verein beachte alle Möglichkeiten^! und suche ihnen gerecht zu werden. Meinungen über' die kommende Entwicklung jedoch könnten nur von Stunde zu Stunde abgegeben werden. Dr. Neichmann betonte, daß über den Erfolgen der nationalsozialistischen Propaganda das Erstarken der Abwehrbewegung.nicht übersehen werden dürfte. Der ehemalige Reichskanzler Brüning feiere im Westen Deutschlands einen förmlichen Triumphzug. Auch die Wahlarbeit der Sozialdemokratie und der Widerstand Bayerns gegen die nationalsozialistische Hochflut hätten beachtliche Erfolge erzielt. Reichswehrministerium und Reichsinnenministerium seien entschlossen, Ausschreitungen, von welcher Seite immer sie kommen mögen, mit Waffengewalt niederzuhalten. Die antisemitische Agitation bezwecke offenbar die Aufmerksamkeit der Massen von der ruhigen Hinnahme der Notverordnungen und Die Woche. Berlin. Am Montag Abend wurde ln Waldenburg in Schlesien der jüdische Kaufmann W o l l m a n n aus Breslau auf dem Wege zum Bahnhof von einer Horde Nationalsozialisten überfallen und schwer am Kopfe verletzt. — Das Schwurgericht in Schneiüemühl hat den Händler Karl. Schmidt aus Siegers, der im Dezember v. Js.' den jüdischen Händler Hopp mißhandelte, so daß er an den Folgen der Mißhandlung starb, zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Tat ist ganz aus der nationalsozialistischen Verhetzung hervorgewachsen. — Die Exekutive des Zentralverbandes Ort hielt eine Pressekonferenz ab, in der auf die allgemein kritische Lage der von: Ort-Verband im Osten erhaltenen Fachschulen hingewiesen und an die jüdische Oeffentlichkeit der Appell gerichtet wird, alle Anstrengungen zu machen, um einen Zusammenbruch dieses unentbehrlichen Schulwerks zu verhüten. — Der jüdische Segelflieger Robert Kronseld, dem es als erstem. gelang, den Aermelkanal in einem Segelflugzeug zu überqueren, ist in der Rhön abgestürzt, konnte sich aber wie durch ein Wunder mit dem Fallschirm aus der im Tale zerschellten Maschine retten. — Trotz Ausnahmezustand betreibt die als Ersatz des verbotenen „Angriff" erscheinende „Nationalpost" die furchtbarste Hetze. Das ganze Volk, so schreibt das Blatt, verlange die „rücksichtslose Ausräucherung der jüdischen Mordzentralen und das Standrecht für die rote Mordkanaille." Königsberg. In der ostpreußischen Ortschaft Sensberg kam es im Anschluß an eine Schlägerei zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten zu schweren judenfeindlichen Ausschreitungen. Der Centralverein ließ durch seinen hiesigen Syndikus bei der Regierung in Allenstein intervenieren. Die Ruhe ist wieder hergestellt. Köln. Das Kölner Jüdische Wochenblatt berichtet über eine Reihe von rohen nationalsozialistischen Ueberfällen auf jüdische Passanten. Men. Hier starb Dr. Rudolf von S ch w a r z - H i ll e r im 56. Lebensjahre. Er leitete in den Kriegsjahren ein umfassendes Fürsorgewerk für die in Wien befindlichen jüdischen Flüchtlinge aus dem Osten. Genf. Der Oberkommissar des Völkerbundes in Danzig, Graf Dworin, hat dem Völkerbundssekretariat in Genf einen Bericht überreicht, worin in Abrede gestellt wird, daß in Danzig antijüdische Ausschreitungen irgend welcher Art vorgekommen seien. Prag. Der Weltverband Poale Zion wird an der Züricher Vorkonferenz für den Weltkongreß nicht teilnehmen, weil ihm der Einberufer nicht gefällt und der demokratische Charakter nicht gewährleistet sei. London. Die P a - l e st i n e P o t a sh Co. hielt ihre zweite Generalversammlung ab. Die Gesellschaft, welche sich mit der Gewinnung von Pottasche und Brominen am Toten Meer befaßt, hat ihre gesamte Produktion in England abgesetzt. Sie beschäftigt 400 jüdische und arabische Arbeiter und hat für den Ausbau der Werke 39.000 Lst. neues Kapital ausgenommen. — Die Weltkonferenz der Revisionisten findet am 28. August in Wien statt. Warschau. 400 Mitglieder des jüdischen Arbeitersportvereins wurden bei einem Ausflug von der Polizei verhaftet. Man behauptete, es Handele sich bei der Veranstaltung um eine kommunistische Aktion. Wilna. Im Hinblick auf die verstärkte Tätigkeit christlicher Missionäre unter der ärmeren jüdischen Bevölkerung hat sich unter dem Vorsitz von Rabbi Chajim Oser Grodzenski ein Komitee' gebildet, das dieser Missionstätigkeit entgegenwirken soll. Reval (Estland). Aus dem offiziellen jüdischen Kulturrat für Estland, der sich aus 13 Zionisten und 7 Sozialisten und Jiddischisten zusammensetzt, ist die sozialistische Minderheit aUsgeschieden. Man fürchtet daher für den Bestand der jüdischen Kulturautonomie. Kaunas.. Der litauische Volksbildungsminister hat dem litauischen Rabbinerverband ein größeres Baugelände zur Errichtung eines Neubaus der Slobodkoer Jeschiwo unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Jerusalem. Ein Araber wurde verhaftet unter der Beschuldigung, der Mörder des vor einigen Monaten in,Balfouria getöteten Zionisten Burstein zu sein. — Zur Führung der Petroleumröhren aus dem Irak nach Haifa werden eine Anzahl Böden in Emek Israel enteignet. Es wird jedoch volle Entschädigung geleistet. — Die Regierung will durch den alten sfardischen Friedhof in der Nähe des Grabmals von "Schimon Hazadik eine Entwässerungsanlage hindurchführen. Es herrscht darüber große Aufregung in allen orthodoxen Kreisen. der Duldung der Papen-Regkerung durch die Nationalsozialisten abzulenken, von einer systematischen Pogromhetze könne aber keine Rede sein. Direktor Dr. Ludwig Holländer warnte davor, die Widerstandskraft Bayerns gegen den Nationalsozialismus allzu-hoch einzuschätzen. Vor allem werde dieser. Widerstand nur von Südbayern entgegengesetzt, während in Franken der Nationalsozialismus vielleicht stärker Wurzel geschlagen habe als irgend wo anders. Aber auch in Südbayern bestehe dis Gefahr, daß unter dem Einfluß Oesterreichs, wo heute eigentlich alle Parteien, antisemitisch eingestellt seien, ein Umschwung in der Stimmung der Oeffentlichkeit Platz greifen könnte. Schließlich regten Dr. Steinberg und Dr. Auerbach die Schaffung ener jüdischen Einheitsfront zur Abwehr der antisemitischen Gefahr an. Direktor Holländer begrüßte diese Anregung und wies darauf hin, daß die innerjüdischen Gegensätzlichkeiten sich in letzter Zeit stark abgeschlisfen hätten Man kam überein, daß zur Erörterung des Problems eines Zusammenschlusses der gesamten deutschen Judenheit und der Möglichkeit einiger im Zusammenhang damit angeregter Aktionen eine besondere Aussprache angefetzt werden soll. Schweiz. Französische Jugend in Montreux. Montreux, 24. Juli. Diese Woche hat unsere Jeschiwo ein bemerkenswertes Erlebnis zu verzeichnen. Der Rabbiner der orthodoxen Gemeinde in Straßburg, Herr Rabbiner Dr. B r u n s ch w i g, ist mit einer großen Anzahl seiner Schüler nach Montreux gekommen, um für längere Zeit in der Jeschiwo Aufenthalt zu nehmen und seine Schüler in den Geist einer echt jüdischen Thoralehranstalt einzuweihen. Seit Jahrhunderten ist die Thora aus Frankreich, wo sie ihre bedeutendsten Pflanzstätten hatte, verschwunden. Die großen jüdischen Gemeinden sind aufgelöst und der Rest ist einem unsagbaren Amhaareztum verfallen. Die französische Revolution und die damit verbundene französische Kultur haben fast alles weggefegt und den alten Geist der nsn wn durch einen neuen Geist ersetzt. Unter diesen Umständen darf man mit tiefer Dankbarkeit ein Walten der Vorsehung, die ihr Volk nicht verläßt, darin erblicken, daß nun Herr Rabbiner Dr. Brunschwig, unterstützt von den Herren Advokat Schnurmann und Privatdozent Dr. M. Cohn, systematisch bemüht sind, Pioniere echten Thorageistes für Frankreich heranzudilden. Auch aus Paris wird in einigen Tagen eine weitere Gruppe von Studenten in Montreux eintreffen. Die Brücke ist gebaut und es bleibt nur zu hoffen, daß sie mit Mut und Zielbewußtsein weiter beschritten wird. Herrn Rabbiner Brunschwig und seinen Schülern wurde ein herzlicher Empfang zuteil, der in warmen Begrühungsworten des Leiters der Jeschiwo, Herrn B o t s ch k o , ihren Ausdruck fand. Außer Straßburg hatten auch noch die Gemeinden Schlettstadt, Mühlhauen und Barr ihre Jugenddelegierten geschickt. Polnische Briefe. , II. Rzeszow, 21. Juli. Es wäre grundfalsch zu denken, daß die jüdische Einheitsfront in Polen durch die verschiedenartige Stellung der jüdischen Parteien ... zur Regierung gestört werde. Keinesfalls. Es sind, keine , prinzipiellen Differenzen im polnischen Judentum über die Notwendigkeit einer Fortdauer des gegenwärtigen Regimes vorhanden. Viele, sehr viele Enttäuschungen hatten die Juden an den früheren polnischen Regierungen erlebt, die ohne Unterschied, ob sie links oder rechts gefärbt waren, das Judentum alle gleich als rechtlich und sozialpolitisch minderwertig betrachtet und behandelt haben.- Deswegen begrüßten die Juden den Maiumsturz von 1926 freudig. Historisch klangen die Worte des Ministerpräsidenten Bartel, als er im ersten Regierungsexposee nach dem Umsturz erklärte, den wirtschaftlichen Antisemitismus auswurzeln zu wollen. Sollten Minister nach Worten beurteilt werden, dann könnten sicherlich keine Meinungsverschiedenheiten über die Judenfreundlichkeit dieses Premiers entstehen. Sollten es wiederum Taten ein, dann könnte das Pilsudski-Regime einen ganzen Zettel von Leistungen aufzählen, die ein beredtes Zeugm