Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1932)
- Date
- 1932-07-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450734--78960-2536694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der 3s t a eilt Nr. 31 Seite 5 28. Juli 1932 - _,_ Awangsbindungen gewährt, so sollten die einzelnen Länder sich daran ein Beispiel nehmen und nicht in einer Zeit, in der das Wirtschaftsleben doch wahrlich genug mit Hemmungen und Störungen zu kämpfen hat, auch noch durch künstliche, in der Sache keineswegs begründete, äußere Fesseln die Freiheit der Gewissen und die Freude an der Arbeit zerstören. Erdgeruch. Von einem Landjuden. Im Leitartikel der Schowuausnummer der „Rundschau" und der Breslauer „Jüdischen Zeitung" erleben die Sadduzäer eine Rehabilitation, die in merkwürdiger Klarheit öie schon früher oft sestgeftellte Wahlverwandtschaft zwischen Sadduzäertum und modernem Zionismus beleuchtet. Da wird behauptet, die „Wiedereinsetzung des Schowuausfestes" in Nlegillas Taanis und in Wenochaus 66a fei in Wirklichkeit eine Neuordnung des Schowuaus-Termins und die sadduzäische Zählweise die ursprünglichere und richtigere gewesen. Ursprünglich sei Schowuaus ein reines Erntefest gewesen. Erst nachdem zur Zeit des zweiten Tempels die meisten Juden in nicht ländliche Berufe gerieten, insbesondere die außerhalb Crez Iisroels, habe man, um das Interesse besonders der herumwohnenden Juden für Schowuaus wachzuhalten, Schowuaus in Verbindung mit Rlattan Tauroh gebracht. Das sei auch daraus zu sehen, daß von letzterem Sinne des Schowuaus philo und Iosephus nicht sprechen. Cs sei wahrscheinlich, daß man mna» 7>2VN Lev. 23, 15—16 ursprünglich richtig als Sonntag verstanden hätte! Und bloß damit am pessach nicht das arme Volk feine Sehnsucht nach neuem Getreide manchmal tagelang zügeln müßte, habe man schließlich das Aumeropfer und damit auch das Schowuansfest nicht mehr nur wochengemäß, sondern nach dem Rlonatsdatum feflgelegt und naiyn mnna von da ab als zweiter Tag pessach verstanden. — Das Ganze wird noch mit vieler romantischer Schwärmerei für den Boden und seine Früchte verbrämt, und auch der bei modernen Dichtern unvermeidlich gewordene „Crdgeruch" fehlt nicht. Für den Verfasser dieses Artikels hat David H offmann nie gelebt; feine in jeden Schlupfwinkel der sadöuzäischen Verirrung hineinleuchtende steghafte Begründung der Tradition kennt der Verfasser nicht, oder er findet es nicht der Rlühe wert, sich damit auseinanderznsetzen. privat korrespondierend habe ich mich dessen vergewissert, daß der Verfasser den Lhachomim in der Tat zutraut, es sei ihnen hier wie in anderen Fällen gelungen, „eine bis dahin bestandene Praxis nach einer Richtung hin abzuändern, öie ihnen mehr den Absichten der Thora zu entsprechen schien", und deshalb hätten sie „ihre Äusdrucksweise so gesteigert, daß sie geradezu sagten, was sie jetzt fordern, war früher schon rechtens, nur für eine gewisse Zeit sei der Sinn der Gesetzesstelle verdunkelt gewesen." Andererseits aber behauptet er, den Thachomim habe auch ,die legitime Freiheit zugestanden, nach Rausch haschono RI. 2, 9 neue Kalenderregeln (!) aufzustellen, wie sie ja auch das Schaltjahr nach agrikultürellen Rücksichten festsetzten. Auch das Iubiläenbuch kenne einen anderen Tag, nämlich den 15. Siwan, als Gesetzgebungsfest. Merkwürdiger Weife beruft sich hierfür der Verfasser sogar auf R. Iauße Sabb. 86/7, dessen Meinung erst spät von den Pharisäern öurchgeörückt worden sei,' während sie doch offenbar gerade öie in sinaitischec Tradition und in der midraschischen Ucberlieferung fest begründete ist. Die vielen Anzüglichkeiten im Artikel und in der Korrespondenz gegen die orthodoxe Meinung lassen wir außer Betracht, da sich die Polemik hiergegen meist — 'Sv npsi — auf außerwissenschaftliche Bahnen verliert. Doch wollen wir der irregeführten Öffentlichkeit zuliebe das Nötige richtigstellen. Als Lanöjuöe muß ich allemal ein wenig mitleidig lächeln, wenn ich die städtische Schwärmerei für das Landleben lese. Im Altertum war sie bis zu den Zeiten des verbildeten Städters Horaz „Beatus ille" ganz unbekannt. Alle Bukolika und Schäfereien stammen von Städtern, öie das Land nicht kennen. Und für uns Landjuden hat „Crdgeruch" ein ganz anderes Aroma als für den Sommerfrischler. So dürfte es auch zur Zeit des zweiten Tempels kaum einen Juden gegeben haben, der vor heißer Liebe zum Boden und dessen Früchten nicht hätte 5—6 pessachtage auf das neue Getreide hätte warten können und öemzuliebe man Deshalb einen neuen Kalender hätte einführen müssest. Rur weil öie Tauroh gebietet, daß man die Crnte der Gerste zu pessach abzuwarten hat (Deut. 16, 1), so mußte das Sanheörin alljährlich den Saatenstand und anderes Ländliche zur eventuellen Schaltjahrfestsetzung berücksichtigen. Und ganz einfach öie Chachomim einer Fälschung zu verdächtigen und nmn'K Men. 65a als Neueinrichtung zu erklären, — das hätte wohl ernsterer Beweise bedurft. vor allem, — wie kann man die Vollmacht Rauschhaschono 2, 9 zur autoritativen Anwendung bestehender Kalenderregeln auf die Ausdenkung neuer Regeln erstrecken wollen! Mit solcher Logik kann man die religiöse Tradition nicht aus den Angeln heben. Daß Schowuaus das eigentliche Mattan- Tauroh-Fest ist, — das sollte in der schon bei den ersten Tannoim wie selbstredend bekannten Birkas Schewa nicht erwähnt gewesen sein? Weshalb in der Tauroh selbst davon nichts steht, das ist eine andere Frage, die S. R. Hirsch s. A. wahrlich gründlich genug behandelt und beantwortet hat. Dafür fehlt wieder bei pessach die Angabe, daß es zugleich ein Erntefest heißen soll; nur der Monat ist Deut. 16 als 3'srr benannt. Nur bei ni2v sind beide Begründungen in der min zu lesen, die geschichtliche und die ländliche. Diese Eigenheit der 3 erfordert eine tiefere Erklärung für sich und läßt sich mit tendenziösen Oberflächlichkeiten nach der Methode des Verfassers nicht abtun. Ueber p h i l o s Stellung zu dieser und mancher anderen Halocho hätte Verfasser am besten sich aus B. Ritter, philo u. die Halacha, Leipzig 1679 unterrichtet, welches Werk noch I. Heinemann als nicht wesentlich überholt bezeichnet, und er hätte dann gefunden, daß philos und Iosephus' Gesetzeskenntnisse sehr zufällig zusammengetragener Art waren und daß sie nicht einmal soviel Sachkenntnis hatten, um eine örtliche alexandrinische Grdnungsmaßnahme von einem alten, mündlichen Gesetz unterscheiden zu können, — und daß dennoch beide in der ninav-Frage (S. 115, 14) auf unserer Seite sind, .— philo sogar ohne Erwähnung anderer Ansichten! Das Iubliäenbuch gehörte nach Ahlbeck (Iahresber. d. Hochschule 1939) sogar einer eigenen Sekte an, die sehr vieles ganz weither Geholte für jüdisch ausgab, hat also für unsere Frage des Gesetzesfestes gar keine Bedeutung. Der Zartsinn der Tauroh, ihre Vermählung mit Israel nicht zu erwähnen und nur durch — Erstlings- und Weizenopfer feiern zu lassen, ja sogar nach R. Iauße den Vortag dieses Ereignisses allein zu heiligen, — er sollte im Sinne S. R. Hirschs nur ganz und innig nachempfunden werden. Vielleicht bringt uns das zu einer Bewertung des Bodens des hl. Landes, die sich neben der des heutigen Bodenschwärmers ganz wohl sehen lassen kann. Auch im Landbau wird derjenige Berufsgenosse der edelste sein, der nicht eine Religion pflegt, um den Boden zu segnen, sondern einen Boden bebaut, um seinein G'tte dienen zu können. Die Lanöliebe des Verfassers ist eine gewiß edle Passion, wie sie in Bereschis rabbo bei der Kajingeschichte auch dem König Üsio nachgesagt wird. Diese selbe Passion hat ihren Träger verleitet, unbefugt ins Allerheiligste vorzudringen, — wie es leider auch in jenem Schowuaus-Artikel geschieht. Wenn sich der Verfasser bei seiner Attacke auf. die Autorität des n»'»n min beruft, so geschieht das zu Unrecht. Diesem ist es gar nicht eingefallen, die „Pharisäer", d. h. das legitime S^nheörion einer willkürlichen Anpassung der überlieferten G'tteslehre an populäre Volksinstinkte zu verdächtigen. Cr macht nur öie harmlose Bemerkung, daß neben der von ihm stark hervorgehobenen zwingenden exegetischen Logik der pharisäischen Auffassung gegenüber der krummen Deutung der Sadduzäer (er nennt diese letztere amia), auch der gesunde Rlenschenverstand für öie Richtigkeit des Ergebnisses der pharisäischen Deutung spreche, weil ja nicht einzusehen sei, warum man mit der Benutzung der neuen Ernte bis zum Ende des Erntefestes warten soll. .... und vergessen Sie nicht.... ^Bergmann Klasse Z|$ Mit Goldmundstück und Ohne Mundstück Die jüdische „Weltkonferenz". Berlin, 21. Juli. Die von Stephen Wise einberufene sogenannte „Weltkonferenz" wird nicht, wie ursprünglich vorgesehen, in Genf, sondern in Zürich stattfinden und am 14. August beginnen. Aus der offiziösen Aufstellung über die zu erwartende Beteiligung ergibt sich, daß die Zusammenkunft im wesentlichen einen rein zionistischen Charakter tragen wird. Das gilt insbesondere süc Amerika, aus dem 30 Delegierte erwartet werde-', ilr Polen, wo der Parlamentsklub, der Nationalrat nearn allerlei kleinen Verbänden sich vertreten lassen, Warschau nur einen Beobachter, Lodz gar keinen Delegierten entsendet. Zionistisch vertreten sind die Slovakei (Jüdische Partei), Deutschland (Jüdische Volkspartei), Frankreich (Komitee der Delegationen), Oesterreich (Jüdische Volkspartei und Völkerbundsliga), Palästina (Waad leumi) und Rumänien (Jüdische Partei). Von nichtzionistischen Stellen werden sich beteiligen die Bne Bris-Logen in England und Palästina, sowie der Verband „Israel" in Holland. Auch die deutschen Landesverbände, der Deutsch- Israelitische Gemeindebund und die rumänische Bne Bris-Loge haben a b g e l e h n t. Es ist demnach zu hoffen, daß die politische Welt und die Oesfentltchkeit überhaupt die Konferenz und die von ihr zu erwartenden Beschlüsse in keiner Weise als 2tusdruck des jüdischen Gesamtwillens betrachten werden. Die politische Entwicklung in Deutschland und die jüdische öffentliche Meinung Amerikas. Berlin, 25. Juli. In Berlin ist der Chefredakteur des in Newyork erscheinenden „Jewish Morning Journal", Herr Jacob Fishmann, der sich zur Teilnahme an der Konferenz zur Vorbereitung eines jüdischen Weltkongresses und zum Studium der politischen und wirtschaftlichen Lage der deutschen Juden nach Europa begeben hat, eingetroffen. In einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter äußerte sich Chefredakteur Fishman über die Stellung der jüdischen Öffentlichkeit Amerikas zu den politischen Entwicklungen in Deutschland. Die Juden Amerikas, erklärte Herr Fishmann, verfolgen diese politischen Entwicklungen mit außerordentlich starkem Interesse. Sie glauben, daß sich die Lage der deutschen Judenheit ständig verschlechtert und bedauern es sehr, verhältnismäßig wenig direkte Informationen über die politischen Vorgänge aus maßgebenden Kreisen des deutschen Judentums zu erhalten. Politisch weitblickende jüdische Führer in Amerika sind entschlossen, falls es die Lage der deutschen. Juden erfordern sollte, ihre Stimme vor dem Weltgewissen zugunsten der deutscher! Juden zu erheben. Die amerikanischen Juden glauben nicht, daß für die Juden in Deutschland eine unmittelbare Gefährdung von Leib und Leben gegeben sei. Sie sind daher überzeugt, daß der ökonomische Boykott, der Ausschluß von Juden aus Negierungsämtern und der Terror in der Provinz sich auf die deutsche Judenheit schwerer auswirken, als es vereinzelte Ausschreitungen tun könnten. » Zur Besprechung der jüdischen Lage in Amerika übergehend, erklärte Redakteur Fishmann, die wirtschaftliche Lage der Juden in Amerika sei schlechter als die der übrigen Bevölkerung. Die amerikanischen Juden vertrauen jedoch auf die ökonomische Kapazität ihres Landes und glauben, daß das amerikanische Wirtschaftsleben bald wieder normale Formen annehmen werde, wenn auch an eine Wiederkehr der Prosperity nicht zu denken sei. Korrespondenzen « naebriebtett. Deutsches Reich. *0"