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Der Israelit · 1932-07-28 · Heft 31 (28.7.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 31 (28.7.1932)
Date
1932-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 31 Der Israelit 28. Juli 1932 der jüdischen G e s ainth e i t des hl. Landes beistehen? Ein Vater junger Kinder, der um deren Erziehung bangt, soll angesichts der drüben wirklich noch recht unzulänglichen Erziehungsinstitute für Kinder des Westens sich gewiß nicht als den am meisten zum Einwandern verpflichteten Juden ansehen. Aber das ist doch nur ein Teil des Volkes, nur ein paar Jahrgänge. Die vielen Anderen, die, durch die Krise, entwurzelt, ohnedies an Auswanderung denken, und die wenigen Glücklichen, die noch von ihrem Besitz etwas spenden können — das sind die Leute und das sind die Geber für das heilige Land. Vor wenigen Jahren noch hat man von verschiedenster Seite in der neuen und in der alten Welt ernstlich den Plan erwogen, eine Region des hl. Landes oder seiner Nachbarländer, unabhängig von allem politischen oder religiösen Palästinastreben, zu einem Thorastaate zu gestatten. Liegt das im Interesse unseres gesetzestreu gebliebenen Stammes, so sind wir wohl nicht berechtigt, jetzt diese Pläne fallen zu lassen. Aber Vorbedingung ist auch für uns als Gesinnungs-Teilgemeinschaft zunächst das große Ganze zu fördern, das heilige Land mitzubesiedeln, es darin als „Gerüstete vor G'tt" den Anderen zuvorzutun und danach uns ein wohlverdientes Ewer Hajarden, ein Ufer des Friedens, zu suchen, worin wir im heiligen Lande die gewaltigen Ergebnisse des jüdischen Lebens mnferer Golusheimat, die Synthese von Thora- und Welt-Kultur, aufs Neue heimisch machen sollen. Gewiß müssen auch andere Landsmannschaften und Parteien Sonderwünsche zurllckstellen, damit eine ideale Zusammenarbeit aller gesetzestreuen Organisationen in Erez Jisroel entsteht. Aber wenn nicht die „Gemeinschaft des Sollens", als die, im Gegensatz zu allen „Gemeinschaften der Gelegenheit", gerade wir uns begreifen, hierbei die „Gerüsteten G'ttes" stellen, — wenn nicht wir, wer dann? Selbst lokale jüdische Gelegenheiten müssen abwarten, wenn der Ruf ergeht: Die Thora ganz Israels erhalte ihr Heim für ganz Israel im Lande ganz Israels!" Die Zuschrift des verehrten Mitarbeiters ist zwar von einem uns übertrieben scheinenden Optimismus hinsichtlich der äußeren Möglichkeit einer u m f a s senden Besiedlung Crez Iisroels durch gesetzt treue Juden des Westens beseelt, aber sie ist doch ein interessantes Symptom für die in diesen Kreisen zur Zeit vorhandene Stimmung. Die Sorge um eine den westeuropäischen Begriffen entsprechende Kindererziehung und insbesondere um ein den westlichen Ansprüchen genügendes Schulsystem spielt in der Tat bei der weiteren Entwicklung der Einwanderungsfrage eine große Rolle. Cs wäre doch recht beschämen^ wenn man, wie es unser Mitarbeiter tut, solchen Familienvätern, die noch schulpflichtige Kinder haben und denen weder die Talmud Thora-Schulen der Agudas Jisroel in ihrer heutigen Verfassung, noch etwa die Misrachi-Schulen mit ihren in religiöser Hinsicht erschütternd schlechten Crziehungsresultaten genügen, einfach den Rat geben wollte, auf die Erfüllung der Mizwas Iischmv Erez Jisroel zu verzichten. Gewiß ist aber, daß die Sicherheit eines die fiKT» des jungen Geschlechtes einigermaßen gewährleistenden Ehmuchsystems eine der Vorbedingungen ist, für die Niederlassung von jüngeren Familien im heiligen Lande. Aber wir glauben, daß die Besorgnisse, die in dieser Hinsicht gehegt werden, allzu weit gehen. In dem Augenblick, in dem auch nur ein Minjän gesetzestreuer Familien aus Westeuropa mit schulbesuchenöen Kindern in Jerusalem wohnen, wird sich, dessen sind wir sich ei;,,..auch, die Möglichkeit sin den, diesen Kindern in der einen oder anderen Form neben der gediegenen jüdischen Ausbildung in den vorhandenen Talmud Thora-Schulen das notwendige profane Wissen ohne irgend einen Konflikt mit den vorhandenen uralten Tekonaus zuzuführen. Die Praxis löst solche Probleme immer viel leichter als alles Theoretisieren, bei dem der Wunsch, Recht zu behalten, vielfach eine ganz unnötige Atmosphäre des Kampfes schafft. Das Schielen nach Transjoröanien und das Spielen mit dem Gedanken, es könnte dort ein gesonderter „Thorastaat", unbehelligt von dem in Palästina leider übermächtigen Freiöenkertum, errichtet werden, scheint uns allerdings in höherem Grade dem Reiche der Phantasie anzugehören, als dem der Realität. Aber es ist ein zu der sonstigen optimistischen Auffassung unseres Mitarbeiters in seltsamem Widerspruch stehender Pessimismus, zu glauben, es ließe sich in Crez Jisroel selber, in Pethach-Tikwah oder Haifa, ja selbst in Jerusalem, nicht ein durchaus thoratreues kulturfreunöliches Milieu schaffen, das sich als Bollwerk erweisen würde gegenüber dem Ansturm des jung-zionistischen Radikalismus. Maximalarbeit und Sabbakruhe in der Industrie. Zwei Prozesse, die sich in der vorigen Woche vor dem Arbeitsgericht in L o d z abspielten, beanspruchen die Aufmerksamkeit aller jüdischen Kreise, die an der Schaffung erträglicher, die Sabbatbeobachtung ermöglichender Arbeitsbedingungen nicht nur im Handel, sondern auch in der Industrie Interesse haben. Zwei Lodzer jüdische Fabrikanten, die jüdische Arbeiter beschäftigten, sind vom Arbeitsinfpektor in Strafe genommen worden, weil sie ihre jüdischen Arbeiter, um ihnen die Sabbatruhe gewährleisten zu können, statt 5 mal 8 Stunden und 1 mal 6 Stunden in der Woche 6 mal 9 Stunden, also im ganzen 45 Stunden statt der erlaubten 46 Stunden wöchentlich beschäftigten. Die Bestrafung stutzt sich darauf, daß nicht nur eine wöchentliche Maximalarbeitszeit von 46 Stunden vom Gesetz vorgeschrieben sei, sondern auch eine tägliche Maximalarbeitszeit von 8 Stunden. In den Fabriken wurden außer den jüdischen Arbeitern auch christliche Arbeiter beschäftigt, die mit dieser formell abweichenden Regelung der Arbeitszeit durchaus einverstanden waren. In der Verhandlung stellte der Anwalt der beiden Firmen, Advokat Reichmann, in außerordentlich eindrucksvoller Weife den Widersinn dar, der darin liegt, daß man aus rein formellen Gründen jemand dafür bestrafen will, daß er seine Arbeiter eine Stunde wen i g e r als erlaubt in der Woche beschäftigt, nur weil er die Arbeitsstunden m vernünftiger Weise auf 5. Wochentage verteilt.und. dadurch den Arbeitern eine überaus wertvolle doppelte Erholungszeit und dabei die Beobachtung ihrer religiösen Pflichten gestattet. Vergeblich berief sich der Advokat ferner auf eine'Entscheidung des höchsten polnischen Gerichtshofes, wonach ein Arbeiter, der am Sabbat feiert und dafür, am SoNntag arbeitet, für. diese Sonntagsarbeit kein. Anrecht auf Bezahlung des sonst üblichen Zuschlags für Sonntagsarbert habe, weil diese Er s atz arbeit nicht den Charakter der Feiertagsarbeit trage. Das Gericht erkannte in seiner Entscheidung ausdrücklich an, daß vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes und der Gewissensfreiheit die Argumentation des Anwalts der Beklagten durchaus einleuchtend sei, daß es aber angesichts des formellen Charakters der gesetzlichen Vorschriften gezwungen sei, die zulässige Minöeststrafe von Zloty 50.— auszusprechen. Die Verhandlung gewinnt nun doppelte Wichtigkeit angesichts der Tatsache, daß nach uns zugehenden Berichten in Polen zur Zeit der Entwurf eines neuen Gesetzes vorliegt, das die 40 Stunöen-Woche einführen, aber wiederum eine zwingende Bestimmung über einen Maximalarbeits t a g enthalten soll. Cs wäre von der größten Bedeutung, wenn es gelegentlich der Beratung dieses Gesetzes gelänge,, gegenüber einem verstiegenen und gänzlich zwecklosen Formalismus in der Festsetzung der Arbeitsstunden die Vernunft zur Geltung zu bringen und den Geist einer konsequenten Sozialpolitik mit der dabei eben noch möglichen Freiheit des Unternehmertums zu verbinden. Die den gewerblichen Arbeiterschutzgesetzen der einzelnen Länder zugrunde liegende internationale Washingtoner Konvention von 1919 läßt in der Industrie bei Festhaltung der wöchentlichen Arbeitszeit die Ueberschreitung.der täglichen Rormalarbeitszeit um eine Stunde zu. Bei der auf der internationalen Arbeitskonferenz jetzt neu geregelten Arbeitszeit des Personals der H a n ö e l s Unternehmungen ist es gelungen zu erreichen, daß die tägliche Arbeitszeit nicht bloß um eine, sondern um zwei Stunden überschritten werden darf, wenn die Gesamtzahl der wöchentlichen Arbeitsstunden dadurch nicht vermehrt wird. Wenn also auf dem Gebiete des internationalen Arbeiterschutzes von 1919 bis heute doch ein Fortschritt erzielt wurde und die Vernunft über den Formalismus dabei insoweit gesiegt hat, als man der persönlichen Freiheit einen etwas größeren Spielraum innerhalb der unvermeidlichen gesetzlichen wiesen: Der zitierte Satz des Amos (5, 2) „Gefallen ist, nicht steht ferner auf die Jungfrau Israel" wird an unserer Talmudstelle (Ber. 4b) von palästinensischen Lehrern folgendermaßen ausgelegt: „Gefallen ist, nicht wird sie ferner fallen. Stehe auf, o Jungfrau Israel!" Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung leicht geneigt sein, eine solche Deutung, die den Sinn des Satzes in sein Gegenteil verkehrt, als unstatthaft abzuweisen oder gar ein geringschätziges Urteil darüber zu fällen. Wer aber mit oer talmudifchen Auslegungsmethode vertraut ist, der wird hinter dieser Auslegungsform den Wahrheitskern suchen. Wahrheit ist nämlich, daß Amos selbst fast unmittelbar nach diesem Satze sagt: „So spricht der Herr zum Hause Israel: Suchet mich, so lebet ihr." (5, 4), Die Unheilsverkünüigung ist also nach Amos selbst keine absolut e und unabwendbare, sondern eine bedingte. Sie ist abhängigvom - Verhalten Israels und kann abgewendet werden von seinem Willen, sich durch Umkehr und Sinnesänderung wieder zu erheben. Diesen Gedanken hat der Talmud in die zitierte Form gekleidet. Seine Auslegung besteht also, ihrem Inhalt nach, zu Recht. Kleines Feuilleton. Die Dilderpropaganda der Gottlosen-Bewegung. Herr Dr. Nathan Birnbaum schreibt: Ich habe etwa 2 Dutzend Bilder von denjenigen, welche die russische Gottlosen-Bewegung hsrausbringt, vor mir liegen. Keine Phantasie eines G'tt ergebenen Menschen kann sich den Grund der Verworfenheit, der Ordinärheit und der Dummheit dieser Bilder vorstellen. Sie sind so greulich, daß ich keine Beschreibung von ihnen geben kann. Ich würde es nicht aushalten, beschreibend bei ihnen zu verweilen, und außerdem würde ich mich selbst der G'tteslästerung schuldig machen, wenn ich es täte. Ich möchte nur auf die ungeheure Gefahr verweisen, die für die Zukunft der ganzen Menschheit und insbesondere auch des jüdischen Volkes darin liegt, daß diese Bilder in Millionen Exemplaren unter die Bevölkerung des russischen Reiches geworfen werden. Aber auch auf eine zweite Gefahr, an der man nicht wie bisher passiv und schweigend vorübergehen darf, — auf die Gefahr nämlich, die daraus erwächst, daß man heute sehr geneigt ist, für diese Bilder, von denen Nichtjuden, die speziell gegen das Judentum gerichteten gewöhnlich nicht in die Hände bekommen, sowie für die ganze Gottlosen-Bewegung die Juden verantwortlich zu machen und sie dermaßen als Christenverfolger hinzustellen. — Wem die Bilder nicht erreichbar sind, der kann sich auch aus Büchern und Artikeln hinreichend über die Gottlosen-Bewegung orientieren, wobei ich besonders auf zwei ausgezeichnete Aufsätze Hinweisen möchte, die Dr. Karl Kind erm ann, der Autor des neulich im „Israelit" besprochenen Buches „Zwei Jahre in Moskauer Totenhäusern", im Heft 9/10 der Zeitschrift „Nachalas Zwi" und in der demnächst erscheinenden Nummer 11 des „Aufstieg" veröffentlicht. (Eine englische Gesellschaft für ein Palästina-Museum.) In einem Brief an die „Times" teilen Sir Robert Mond, Sir Ronald Storrs, Innenminister Sir Herbert Samuel, der berühmte Archäologe Sir Flinders Petrie und Lady Crleigh mit, daß sie sich als eine Gesellschaft der Freunde des Palästina-Museums konstituiert haben mit dem Ziele, Palästina-Kunstgegenstände in der ganzen Welt zu sammeln und sie in einem eigenen Museum in Palästina unterzubringen. In dem Schreiben wixd darauf hingewiesen, daß überall in der Welt Gegenstände verstreut sind, die ein Licht auf die Entwicklung der jüdischen, moslemitischen und christlichen religiösen Kunst werfen. Es besteht die Gefahr, daß alle diese Kulturzeugnisse verschwinden. Besitzer solcher Gegenstände werden gebeten, sie der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, die sie in dem Palästina-Museum zweckmäßig und in passendem Rahmen unterbringen wird. Gesammelt werden nicht allein Kunsterzeugnisse, sondern alle Gegenstände, die die Geschichte des Heiligen Landes und die Entwicklung der verschiedenen Bewegungen/ die dort ihre Wurzel hatten, illustrieren. (Der älteste Mann der Welt — ein Jude.) Wie die Zeitungen melden, liegt endlich eine amtlich verbürgte Meldung über den ältesten Mann der Gegenwart vor. Es ist dies der in Saint-Denis, unweit Oran in Nordafrika lebende David Salamon Dayan, der sich bester Gesundheit und unverminderter geistiger Frische erfreut. Er ist ein im Jahre,1820 — das Geburtsdatum wurde behördlich überprüft — in Sousse geborener marokkanischer Jude, Vater von fünf Mndern, Großvater und Urgroßvater einer achtunddreißigköpfigen Nachkommenschaft. Er wird von der mohammedanischen, christlichen und jüdischen Bevölkerung seiner Heimat gleichermaßen verehrt. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleto» S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schach« nowitz. ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer fl. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ©. m. b. H., Frankfurt a. M. - Druck: Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.

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