Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1932)
- Date
- 1932-07-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 30 Der Israelit „Was nützt des Baumeisters Kunst, wenn G'tt das Haus nicht baut, was der Wächter Hut, wenn G'tt die Stadt nicht hütet? . . „Aus der Tiefe rufe ich Dich, G'tt, an. Erwählt hatte G'tt Zion, es zu feinem Wohnsitz erkoren. Dort erstrahlt das Glückshorn für David, das Licht seiner Gedanken . . „Wie Hermons Tau, der hinabsteigt auf die Berge Zions, woselbst G'tt den Segen entboten hat . . ." „Ein Stufengesang! Ein Lob der Diener G'ttes aus der Nacht heraus, derer, die die Hände in Heiligkeit erheben und G'tt preisen ... Es segne dich G'tt aus Zion, der Schöpfer von Himmel und Erde . . ." Eine Stunde mag wohl so vergangen sein. Noch ist nicht alles gesagt und gebetet, was auf dem Herzen lastet. Es ist einem zu Mute ganz wie damals, als es galt, Abschied von Vater und Mutter zu nehmen und das kleine Häuschen zu verlassen, denn die Welt, die große und rauschende, rief und lockte. Damals war man ein Held (wer ist mit siebzehn Jahren kein Held) und konnte mannhaft die Tränen unterdrücken. Nach vier Jahrzehnten Welt und Leben ist man kein Held mehr und darf es wieder so tun wie in den j ü n g st e n Kinderjahren . . . Ich schließe die Augen und bemühe mich, jeden Stein der Mauer in meine Seele so aufzunehmen, daß ich auch daheim mit geschlossenen Augen vor ihr beten könnte. Werde ich euch noch einmal 'im Leben sehen, ihr heiligen grauen Quadern, und wann? . . . Mählich kommen Leute, werden Stimmen hörbar. Die Gebetszeit naht und mahnt, daß die Abschiedsstunde zu zweit allein zu Ende sei. Links um die Ecke biege ich zur düsteren Altstadt hinauf. Aus dem „Tore des Erbarmens" schauen sie mit mitleidigen Augen dem Kinde nach, das, aus weiter Ferne zur Mutter gekommen, sie schon so rasch wieder verlassen muß, und vielleicht für immer . . . Vielleicht war aber jenes „Mitleid" nur in meiner Einbildung. Vielleicht war es nur Enttäuschung über den zu klein ausgefallenen Obolus. Sie können ja nur, die Armen, mit den Augen betteln, mit den Augen danken, mit den Augen protestieren ... Es. war vielleicht jene Meinung nur eigenes Mitleid des Kindes mit sich selbst . . . Denn das ist das Merkwürdigste unter allen Erlebnissen im heiligen Lande: Man ist daheim. In der Grabkapelle bei Mutter Rahel zerbrach ich mir den Kopf, wann ich zuletzt hier gewesen war. Nie habe ich den Tempelberg oder den Oelberg in der Vorstellung anders gesehen, als hier mit den leiblichen Augen. Man ist hier daheim, und wenn man die Stadt verläßt, dann ist man von jenem vorgeahnten Heimweh des aus dem warmen Mutterhause in die kalte Fremde hinausgehenden Kindes fast erdrückt . . . Letzte Jerusalemer Nacht. Rasch fällt die Nacht über die Zinnen und Mauern .'Jerusalems, unvermittelt, fast ohne Dämmerung, windstill und dennoch kühl. Noch einen letzten Blick auf das: schlafende Jerusalem von jener Veranda in der alten Stadt, Don der aus Rabbi Chajim, der große Zionswächter, sechzig Jahre lang auf den Tempelberg geschaut. Wie dunkel und still unten alles hingestreckt ist! Graue Häusergruppen an Hügelwände gelehnt, wie verschüchterte Schafherden beim Anzug des Gewitters. Nach Süden erhebt sich wie ein drohender Finger hoch und steil eine Zinne in den Nachthimmel, deren Bedeutung ich nicht kenne. Unweit davon die Kuppel ist die Omarmoschee, der „Felsendom" genannt, und, von hier aus gesehen, fast daneben, das noch größere Halbrund der Aksa-Moschee. Es sind die Stätten unserer einstigen Pracht und Heiligkeit. Wir sehen die Silhouetten der Minarette, der gewaltigen bunten Fenster, der Mauern, Bogen, Portale und Säulen. Drinnen, wir dürfen es leider nicht sehen, ist der große Felsen, der „Schetia", just an der Stelle, wo im Allerheiligsten die heilige Lade die Bundestaseln barg. Mittelpunkt des Allerheiligsten, wie dieses Mittelpunkt des Tempels, der Tempel Mittelpunkt der Stadt, die Stadt Mittelpunkt des. Landes und das Heilige Land Mittelpunkt der Welt ist . . . Auf diesen Stein hatte Vater Jakob, allein in der Wüstennacht, das müde Haupt zur Ruhe gelegt . . . Was eine dunkle Pracht, was eine Symphonie von Mauern, Zinnen, Kuppeln, Portalen und Bogen, von wenigen zitternden Lichtpunkten wie von leuchtenden Perlen besetzt! Monumentale Denkmäler der Zerstörung . . . Dabei zerreißt einem das Herz mehr als beim Anblick aller alten Ruinen der ärmlichen alten Gasten ... Ich schaue weg. Unter mir die kleinen armseligen Häuser und Hütten in den engen überwölbten Gassen oanz im Dunkel. Wieviel Not, wieviel Hoffnung, wieviel Sehnsucht, wieviel Heiligkeit schlummern da unten! Stille Stadt der Nacht, im Schlummer beschützt und behütet von den Bergen ringsherum! Auch deine Armut ist Größe und Heiligkeit! Mählich kann ich die einzelnen Stadtteile unterscheiden. Dort in der breiteren Straße wohnen die B u ch a r e n, diese vierschrötischen kosakischen Gestalten mit den guten jüdischen Augen, die am Sabbat in bunten malerischen Mänteln wie Könige vom Morgenland dahinwallen. Und hier tiefer unten, die Schechunah der Jemeniten, jener kleinen, braunen, ausgemergelten, abgerissenen, kurzbärtigen Brüder, die am Sabbat in ihren kleinen Synagogen barfüßig auf dem Boden hocken und wie die Engel im Himmel ihre Hohenlieder singen . . . Und etwas weiter die Perser mit den großen Tüchern anstelle von Hüten um den Kopf, und daneben die G r u s e n i e r, die Marokkaner. Und ganz unten, wo die alte, . enge Stadt am ältesten und engsten ist, die Jerusalemer Menschen, in Armut und Heiligkeit. Es blinken aus jeder Schechuna einsame verlorene Lichter. Es tragen sich von allen Seiten einzelne verlorene Stimmen durch die stille Lust. Eine G'ttesstimme, die girrt wie eine Taube und ruft: „Wehe um die Kinder, die verbannt sind vom Tische des Vaters! . . ." Die letzten Lichter. In den ersten Vormittagsstunden von Mittwoch wartet vor den Toren des Schaare Zedek-Spitales das Mietsauto unser, um uns nach Haifa an den Hafen zu bringen. Es ist gut, daß der Autobesitzer, erst uns in den Wagen setzt — sicher ist sicher —, sich dann erst nach einem Chausseur umsieht, darauf sich Geld verschafft für Benzin und zuletzt, — es ist eine gute Stundtz vergangen —, durch den pechschwarzen jungen jemenitischen Fahrer die Behälter füllen und ankurbeln läßt. So können wir noch eine volle Stunde Jerusalem genießen und seine Menschen sehen. Unter anderen Umständen, an anderem Orte, hätte man sich über solche „Schlamperei" geärgert, hier saugt man noch einmal dankbar die heilige Luft ein, wartet in den engen Gassen und prägt sich jedes Haus, jedes Gesicht noch einmal für alle Zeiten ein. Endlich hat der Jemenite umständlich Abschied von Abba (dem Vater) genommen und sich auf den Bock gesetzt. Und siehe da, wider Erwarten gehorcht ihm der alte Kasten und fährt wirklich. Durch das Damaskustor fahren wir, hoch vor uns der Skopus mit den schönen Universitätsgebäuden darauf. Kurzes wehmutvolles Stillhalten vor dem Oelberg,.in dem die Toten ruhen. An der Stelle vorbei, wo die Alten, nach Talmuübericht, stets ihre Kleider zerrissen beim Anblick der heiligen Ruinen. Den Kopf nach der Stadt gerichtet, vermag ich die Augen nicht eher abzuwenden, als bis das letzte graue Haus dem Blick entschwunden ist. Nichts mehr vom alten Jerusalem zu sehen als die Zinnen und die Kuppeln. Langsam verschwinden auch diese am Horizonte. Wir fahren gen Westen, dem Meere zu. Nachts mit Glockenschlag zehn setzt sich unsere „Carnaro" in der Bucht von Haifa in Bewegung. Cs weht ein scharfer Wind; wir sind müde vom letzten Palästinaerleben und es fröstelt uns. Aber keiner verläßt das Deck, solange noch e i n Lichtlein von Erez Jisroel blinkt. Und die Lichtlein blinken und blinken. Lange Stunden. Wir fahren, der Küste entlang. Der Wind wird stärker, die Luft kühl und kühler. Erez Jisroel winkt uns Lichtgrüße nach . . . Erst lange nach Mitternacht verschwindet das letzte Licht von Jaffa und wir suchen unsere Kabinen auf. Die Lichter im Herzen werden nicht erlöschen. Wenn ich beim Gebete die Augen schließe, stehe ich vor den: Quadern der Westmauer. Im Traume sehe ich die Ab-- i schiedslichter der Erez Jisroel-Küste schimmern ... -tz-! Sin kleines Paradies. Gedanken über Gedankenlosigkeit in der Liegehalle zu Bad Brückenau. „Nicht arbeiten, nicht sprechen, nicht . lesen, nichts denken!" lautet die diktatorische Verordnung des Arztes für die Ruhestunde nach dem Bade. — So denke ich bereits eine halbe Stunde angestrengt darüber nach, wie man es zuwege bringt, nichts zu denken. „Erfrischt und erholt, wie aus einem Stahlbade hervorgegangen," sagen die Menschen. Wieder einmal eine der Redewendungen, die lügen. Ich bin eben aus dem Stahlbade heroorgegangen — und bin so müde und zerschlagen, daß ich meine Glieder nicht bewegen kann. Betriebsschlußl Nur oben, an der Denkstelle, hat der Werkmeister vergessen, den Kessel abzustellen ... Genau vor einem Jahre lag ich auf demselben Lkegestuhle im stillen Bad Brückenau und dachte, wie heute, über das Nichtdenken nach. Es liegt zwischen damals und heute, zwischen Brückenau und Brückenau, die Welt zwischen Asien und Europa. Ich bin inzwischen durch die dunklen Felswände der Karpathen dem Lauf der Weichsel bis Warschau gefolgt und weiter hinauf bis zur sowjetrussischen Grenze gekommen, habe bei den Lichtern von Athen den Piräus aus den blauen Fluten des Mittelmeeres aufsteigen gesehen, habe hinauf zum Tabor und Karm e l geschaut, und mich im glitzernden Becken gespiegelt, wo sich der Jordan ins Tote Meer ergießt. All das in einem knappen Jahre. Auf dem grünen Teppiche zu Füßen der sanften Rhönhöhen, den die Menschen Bad Brückenau nennen, von dem aus ich vor einem Jahr gestartet, wo ich nun wieder gelandet bin, ließe sich in Muße das Fazit des erlebnisreichen Reisejahres ziehen,, wenn — wenn das Denken nicht als gänzlich kurwidrig so strengstens verboten wäre . . . Dieses Kurgärtchen, in die baumgefüllte, von Bächen durchrauschte Talmulde zwischen tiefgrünen Bergwänden gestellt, ist von einem Liebreiz übergossen, wie er nur aus G'tteshand kommen kann. Alle Farben der schönen Welt, von der Adria bis zum Kinerethsee, werden in der Erinnerung lebendig. Für diese Tage und Wochen hat sich das kleine Bad einen italienschen Himmel ausgeliehen, klare durchsichtige Luftmassen aus Ti- 21. Juli 1932 'berias bezogen und die würzigen Düfte kommen aus den Rosenhainen von Jericho. Die Musik, die auf dem »Pavillon stark übertönend, kommt von oben, wo in den j Baumwipfeln sich unbekannte Vögel ein Sängerfest geben, aus den Wiesen, wo um gurgelnde Bäche Bienen und Käfer summen. Plakate laden zu einer Gemäldeausstellung, aber die Sonne zeichnet auf den grünen und sandgrauen Grund unseres Hotelgartens Figuren, wie sie keine Meisterhand nachmacht. Prospekte loben den Heiltrank am Brunnen, den Stahl- und Schweselgehalt der Bäder. Und übersehen, daß sich hier in der Freie und Weite eine verschüttet geglaubte Heilquelle im Herzen losreißt, die stärker wirkt, als alle Wässerlein, die man in oder über sich rieseln läßt . . . - Für ein paar Tage dem Strudel entzogen, ist der Mensch eingereiht in das große goldene und grüne Wunder von Sonne und Wald. Was für merkwürdige Dinge die Morgenzeitung aus einer Welt weit weit hinter uns bringt! Helm und Stahl! Banner und Fahne! Rot und braun! Kreuz, und ein Haken dabei! Sturm im Schritt! Front aus Eisen! .Gummiknüppel und Heil! Sonntagsglocken läuten zu Mord und Totschlag! Hier haben Stahl und Schwefel weichen Klang und sind Faktoren der Gesundung, hier ist der Boden mit weichem Teppich ausgelegt, sind die Wände dick und grün gepolstert, daß jeder harte Schritt und Ton aufgefangen und abgedämpft wird . . . Mal ein durchsausendes Auto, aus dem Menschen wie aus einem anderen Stern den Gruß ihrer Partei in die Kurstraße gröhlen. Kein Stäubchen erhebt sich, kein Echo folgt dem blitzschnell verfliegenden Spuk. In dieser weiten, grünen Welt, darin die dunklen Hügelketten wie die Wellen verlaufen, verhallt alles Gemeine, wie der Möwe heiserer Schrei über das weite blaue Meer ... Irgendwo in Nordpalästina graben die Archäologen nach dem verlorenen Paradiese der ersten Menschen. Drei Bahnstunden von Frankfurt entfernt, öffnet je mit Sommeranfang ein „kleines Paradies" seine goldenen Pforten. Und es ist noch nicht ganz entdeckt, dieses kleine Paradies ... Allein, ich kenne die Einwände: „Eher kommt das bekannte Kamel durch das ebenso bekannte Nadelloch, als — ein Nicht- Reicher in dieses Himmelreich . . Das mag zutreffen für fene Plätze, wo sich Menschen am Meeresstrande oder auf Dreitausendmeterhöhe mit viel Nacktheit, die einmal zu einem Paradiese gehört, und mondänem Betrieb große Paradiese geschaffen haben. Hierher führt der Weg über Jossa, wo es noch keine Zollschranke und keine Devisenzentrale gibt (obwohl Einfallstor nach Bayern). Hier residierten Vater Strauß und .Vater Kaufmann, die den „Etat" von 1932 wohl kennen und es dem Gaste nicht allzuschwer machen. Schwer machen sie es ihm höchstens, die Rationen auf den Platten zu bewältigen. Brückenau rechtfertigt seinen Ruf als M i t t e l st a n d s b a d heute mehr denn je. Wirtschaftlicher Mittelstand kann aber heute geistigen Hochstand bedeuten. So finden sich hier die Gäste aus beiden Häusern zu einer Gemeinde. Gelehrte von Fach, Schriftsteller, Rabbiner, Lehrer, Akademiker und gebildete Kaufleute sind zusammengehalten von einer schönen, unaufdringlichen Geistigkeit, der noch die täglichen G'ttesdienste, gelegentliche Vorträge, Aussprachen jenen religiösen Hauch verleihen, der schon Brückenauer Tradition ist, wie das Wernazer Wasser und die Stahlquelle... Wollte ich für Bad Brückenau werben, wo es doch die Quellen, die Berge, die Bäume und — nicht zuletzt die Küchen der beiden jüdischen Hotels in so weitreichender Weise selber tun? Das wollte’ ich wirklich nicht. Wollte nur liegen, ruhen, nicht denken. Und wenn man die Technik des Nichtdenkens übt, entsteht zumeist ein Feuilleton ... —tz. kurzem fand in Berlin ein politischer Prozeß gegen einige persische Emigranten statt, die hier eine Zeitung „Peykar" herausgegeben hatten, in der das Regime des gegenwärtigen Perser-Schahs Riza Khan kritisiert wurde. Bei dem Prozeß kam zur Sprache, wie sehr jeder freie Gedanke in Persien unterdrückt wird, und wie politische Gegner des Schah in Massen hingerichtet werden. Sogar fünf Briefträger in Teheran, die mit der Post eingetroffene Exemplare des „Peykar" ohne Kenntnis des Inhalts derselben ausgetragen hatten, wurden gehängt. Die Berliner demokratische Presse fand in der Tatsache, daß man in Berlin auf Wunsch des Schah von Persien Prozesse gegen dessen Gegner macht, sowie an der Art, wie dieser Prozeß geführt wurde, mancherlei auszusetzen. Mit dieser Kritik befaßt sich „Der Angriff" vom 4. Juli unter der Ueberschrift: „Jüdische Hetze stört deutsche Auslandsbeziehungen". Das nationalsozialistische Organ nennt Riza Khan eine „bedeutende Herrscherpersönlichkeit", die aus der nordpersischen Provinz Mazenderan, „wo noch heute bas nordische Vlut der alten Perser, unserer Rasseverwandten, stark ist", stammt. Im vorigen Jahre, erzählt „Der Angriff", erfolgte gegen Riza Khan ein Attentat, das ein Gardeoffizier Pulardin „auf Anstiften eines jüdischen Rabbiners aus Hamadan" angezettelt hatte. Das Attentat mißglückte, Pulardin wurde erschos-