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Der Israelit · 1932-07-21 · Heft 30 (21.7.1932) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 30 (21.7.1932)
Date
1932-07-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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r. 30 i?rr Jeuilldon Leilagr Der „ölte Jerusalemer Jude". Geschichten von und um Rabbi Ehajim Sonnenfeld. (Schluß.) Die Spende der Frau. Da wohnte in einem ungarischen Städtchen eine reiche jüdische Familie, deren größter Kummer es war, daß ihr G'tt Kindersegen vorenthalten hatte. Die Frau, fromm und gläubig, ging zum Ortsrabbiner, überbrachte ihm 400 Gulden und bat ihn, die Summe an einen bekannten Rabbi zu vermitteln, daß er für sie an heiliger Stätte bete. Der Rabbiner nannte Rabbi Chajim Sonnenfeld in Jerusalem und erbot sich, das Geld mitsamt dem Anliegen an ihn weiterzugeben. Rach einiger Zeit kam der Wann zum Rabbiner und beschwerte sich über seine Frau, die eine verhältnismäßig so große Summe ohne sein Wissen für den Zweck hergegeben hätte. Die Geschäfte gingen nicht mehr so gut und er könne sich längst solche Riesenspenöen nicht mehr leisten. Der Rabbiner entschuldigte sich damit, er habe nicht gewußt, daß die Frau hinter dem Rücken des Wannes gehandelt hätte, er hatte allen Grund, anzunehmen, daß es im Einvernehmen beider Ehegatten geschehen war. Der Wann gab sich nicht zufrieden. Er meinte sogar, es wäre recht und billig, das Geld vom Jerusalemer Rabbi zurückzuverlangen. Dazu konnte sich aber der Rabbiner nicht entschließen und er versprach in seiner Ratlosigkeit, dem Wanne aus seiner eigenen Tasche nach und nach in Raten das Geld zurückzuerstatten. In diesem Augenblick trat der Gelöbriefträger ins Haus und überbrachte einen Einschreibebrief. Der Rabbiner öffnete das Kuvert. Darin lagen die gleichen vier Hunöertgulöenfcheine wie unberührt. Dazu ein Schreiben vom Rabbi Ehajim Sonnenfelö, in dem es hieß: „Ich erhielt Euren Brief mitsamt dem Gelde. Da aus dem Schreiben zu ersehen ist, daß Euch das Geld von einer Frau eingehändigt wurde, ohne daß darin gesagt wird, ob auch der Wille des Mannes dabei war, trage ich Bedenken. ö,as Geld anzunehmen. Ich bitte Luch, den Betrag der Frau wiederzugeben und für den Fall, daß der Mann inzwischen davon erfahren hat und es seiner Frau verargt, ihn zu beruhigen, ihm klar zu machen, daß es die Frau nur zur Hebung des Familienglückes versucht hatte, und den Frieden zwischen Mann und Weib, sollte er gestört sein, wieder herzustellen. Selbstverständlich habe ich die gewünschten Gebete an heiliger Stätte verrichtet und auch andere bestellt, -es zu tun. Möge der liebe G'tt die Gebete erhören." Mit Tränen der Rührung verabschiedete sich der Mann vom Rabbiner. „Ich weiß nun, was wahre Weisheit und Seelengröße ist," sagte er.. Ein Theaterspiel. Ls war im Jahre 1887, als ein Iugendkreis aus den Ieschiwoth ein Theaterstück, das den „Verkauf Josephs" behandelte, einstuöierte. Die 'Aufführung sollte am Lholhamoed von Pessach vor sich gehen und die Finanzen der Ieschiwa heben. Als Rabbi Lhajim davon hörte, setzte er sich dem Plan mit aller Kraft entgegen. Man dürfe auch guten Zwecken nicht mit schlechten Mitteln dienen, sagte er. Man mache aus der Thora kein Theater. Er begab sich zu den Veranstaltern und bat sie mstänöigst, von ihrem Ansinnen zu lassen. Diese behaupteten, bereits viel Geld für die Vorbereitungen ausgegeben zu haben. Es sei auch schon ein großer Saal gemietet usw. Man könne die Sache Ln diesem Stadium nicht mehr rückgängig machen. Wenn es nur ums Geld geht, so will ich alle j bisherigen Ausgaben aus meiner Tasche ersetzen, wenn das Spiel ausfällt," erbot sich Rabbi Ehajim. Man einigte sich auf dieser Basis und Rabbi Ehajim deponierte die Summe bei Rabbi Schmuel Galant, daß er sie nach Pessach an das Komitee aus-, zahle, wenn inzwischen nicht gespielt worden sei. Die Veranstalter hielten aber ihr Wort nicht ganz. Ls wurde, wenn auch in kleinerem Rahmen, als erst geplant, mehr in geschlossener Gesellschaft, doch gespielt, und Rabbi Galant schickte Rabbi Ehajim das hinterlegte Geld zurück. Die Organisatoren machten aber trotzdem Anspruch aus den Betrag — für den Verzicht auf die breite Öffentlichkeit. And sie erhielten ihn auch — nämlich aus der Tasche des Rabbi Schmuel Galant, worüber sich Rabbi Ehajim, als er es erfuhr, sehr kränkte ... * * * Ls wird übrigens ein geniales Wort Rabbi Lhajms über den Wert von Theaterspielen Ln orthodoxer Gesellschaft tradiert, das man mehr als nur ein Bonmot werten und beachten sollte! Ls heißt (Genesis 21) „Und es sah Sarah den Sohn Hagars . . . spielen" (pNLv)- Und so wollte sie nicht ferner dulden, daß ihr Sohn Izchok mit Ismael beisammen bleibe. Rasch! bemerkt zu Ismael trieb Götzendienst, er trieb Unzucht, er vergoß unschuldiges Blut (t'3 'w »Sr*'!"!?)' Wie kann Raschi so weit über den wortsinn des hinausgehen und Ismael so schwere Delikte anhängen? In Wahrheit bleib der wortstnn des pnxa unangetastet. Ismael spielte, er spielte Theater. Und wo Theater gespielt wird, ergeben sich jene drei Sünden von selber: Nachahmung fremder Bräuche (t"»)' Lockerung der Sitten (sra) und zuletzt Blutvergießen Unreife junge Menschen, die keine Grenze noch Hemmung kennen, dünken sich oft besonders witzig, wenn sie die Ehre und das Lebenswerk verdienter Männer öffentlich in den Kot zerren. Ismael spielte. Was solches Spiel bedeutet, verrät Raschi, und er sagt damit zugleich, warum es ein Beisammenbleiben mit ihm für den Sohn Sarahs nicht mehr geben konnte. Das alles sagte Rabbi Ehajim Sonnenfeld! Rabbi Ehajims Zionsliebe. In den letzten zehn Jahren mußte Rabbi Ehajim im Hochsommer für einige Wochen aus der alten Stadt Jerusalems hinaus. Er pflegte im Diskin'schen Waisenhause, das auf der Höhe in guter freier Luft liegt, Aufnahme zu finden. Er bestand aber darauf, alle Ausgaben, auch die Miete für das Zimmer, genau zu bezahlen, weil er von Waisengut nichts genießen wollte. Außerdem weigerte er sich, volle dreißig Tage außerhalb der alten Mauer zu bleiben und pflegte schon Ende der dritten Woche in seine Wohnung in der Altstadt zurückzukehren. Im Sommer des letzten Jahres hatte er keine Ruhe und drang darauf, schon nach zwei Wochen nach Hause zu kommen. Seinem vertrautesten Freunde flüsterte er den Grund ins Ohr: „Ich fühle, wie meine Kräfte sinken und möchte, wenn es zu Ende ist, nicht die Heilige Bruderschaft und die Jerusalemer Bevölkerung den weiten Weg von hier bis zum Oelberg bemühen." * * Seine Liebe zum heiligen Boden ging so weit, daß er, solange die Kräfte ausreichten, stundenlange Wege zu Fuß machte und einen Wagen lablehnte. „Jeder Schritt auf dem heiligen Boden ist eine fromme Tat," pflegte er zu sagen. Es jubelte fein Herz, wenn er die neuentstandenen Stadtviertel besuchte und er den neuen Aufbau mit der Zeit verglich, da er nach Jerusalem kam und außerhalb der Mauer sich fast nur Steinwüsten befanden. Wenn er einen Reubau im Entstehen sah, pflegte er stets zu flüstern: „Bone Ieruscholajim Haschem". Als ec einmal vor einem gewaltigen Baukomplex stand und mit Libelworten seine Freude darüber zum Ausdruck brachte, machte ihn der Begleiter darauf aufmerksam, daß das Haus einem R i ch t j u d e n gehöre. „Schadet nichts," sagte der Rabbi. „Die Väter haben unser Jerusalem zerstört, warum sollten ihre Söhne nicht mithelfen, Jerusalem wieder aufzubauen?" Als die agudistische Kolonie MachneIisroel gegründet wurde, besuchte sie schon gleich in den ersten Tagen Rabbi Ehajim und war ganz glücklich, fromme Juden bei der Feldarbeit zu sehen. Plötzlich trat er an einen der Pflüger heran, nahm ihm das Ackergerät ab und führte das Ochsengespann über die Beete wohl eine halbe Stunde lang. Daraus ging er an den Brunnen, schöpfte mit dem Eimer Wasser und tränkte die Saaten. Er bat seine Begleiter, es ihm nachzumachen, und indem sie Eimer auf Eimer schöpften, saugen sie dabei die fünfzehn Stufeulieöer des König David . . . Mit der Agudas Jisroel in Palästina. (Schluß.) XI. Abschied von Jerusale m. Noch einmal gehe ich zur Mauer, zum letzten Male, ganz ullein! Es ist keine Gebetzeit und der Platz ist fast menschenleer. Nur in der Mauernische vor dem Hofeingang äugen mir dunkle Gestalten nach. Die Armen, die der jüdischen Sehnsucht ihren Tribut abverlangen. Da sie an der Mauer selbst nicht betteln dürfen, hüten sie den Zugang, daß ihnen keiner der Besucher entschlüpft; da sie nichts verlangen dürfen, näseln sie Psalmsätze, die von der Wohltat reden. Ihr geübter Blick hat schon den Abschieds besuch herausgefunden und sie taxieren, was er 'ihnen einbringen würde. Sie warten auf die Rückkehr des Besuchers. Er entgeht ihnen nicht. Durch diese wirklich hohle Gasse muß er kommen, an den „Schaare Rachamim" vorbei . . . Wie da die Quadern graugelb und spiegelglatt in ihrer Einsamkeit auseinander ruhen! Sie glätten und streicheln das Gesicht fast weich und warm, wie es einmal — wie lange ist es schon her! — der Mutter Hände getan. Auch jene sahen hart und dürre aus — und waren doch so weich und so warm . . . Ganz vorne an der äußersten Ecke ist ein kleines Häuslein alter Männlein postiert, sie beten Psalmen, etwas mechanisch, aus Bestellung, wie man sehen kann. Ganz hinten am Eingang kauert eine Frau vor den Steinen, wie über ein Grab gebeugt. Man sieht sie wie ein Häuflein auf der Erde liegen, hört aber genau ihr Wimmern, sie betet eigene Gebete. Ein krankes Kind? . . . Eine große Herzensnot beschwingt ihre Zunge, macht sie sprachschöpferisch, macht sie zur Gebetsdichterin ... Ob dieses stille einsame Weinen mit den Psalmodien der Männer zusammenhängt? . . . Mählich ebbt das Plätschern der Psalmgebete ab. Die Männer schlendern lässig davon. Die Frau erhebt sich wie aus dem Grabe und geht ihnen nach. Draußen vor der Nische des Erbarmens wird die Auszahlung erfolgen. Herr, erhöre das Gebet einer Mutter! . . . Eines der Psalmbücher, die die Männer, zum Teile ausgeschlagen, auf dem Vorsprung liegen ließen, fällt mir fast von selbst in die Hand. Ich stehe jetzt ganz allein vor der langen Mauer. Von selbst schlagen die Blätter sich auf, bieten sich mir und meines Empfindungen mit Wort, Bild und Ausdruck. Noch nie im Leben habe ich so „Tillim gesagt" wie in dieser Abschiedsstunde von der Mauer. „Wie freue ich mich, da man mir sagt, in das Haus G'ttes wallen wir. Es stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem! Jerusalem, das erbaute, wie eine Stadt, die miteinander verbunden ist! Dahin zogen hinaus die Stämme, die Stämme G'ttes; dort standen die Stühle des Gerichtes, die Stühle des Hauses David! ..." „Zu Dir erhebe ich meine Augen, der Du thronst im Himmel. Wie die Diener zur Hand ihres Herrn, die Dienerinnen zur Hand ihrer Gebieterin, so schweifen unsere Augen zu G'tt, bis er uns gnädig ist . . ." . „Ein Stufengesang. Die auf G'tt vertrauen, sie stehen wie der Berg Zion, der nicht wankt und ewiglich bleiben wird. Jerusalem, von Bergen umringt, und G'tt umringt schützend sein Volk von nun an bis in alle Ewigkeit . . ." „Wenn G'tt die Gefangenen Zions zurückbringt und wir waren wie die Träumenden . . ."

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