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Der Israelit · 1932-07-21 · Heft 30 (21.7.1932) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 30 (21.7.1932)
Date
1932-07-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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0rzidf>umj und E*c\) PädacjosjiscJ? eila^e zum Organ des Kun-es gesetzestreuer Wischer Kehrer Deutschtmd Verantwortliche Schrtftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) „Wozu gehen wir denn saust iv eine jüdische Schule!" Von Lehrer Freimark in Mainz. Der Gedanke, dem Judentum und der Jüdischkeit einen wenn auch nur kleinen Dienst zu erweisen, läßt es wohl gerechtfertigt erscheinen, zu sprechen. Selbst dann zu sprechen, wenn man mir sagt: „Schweigen Sie! Schweigen Sie doch jetzt, wo man die jüdischen Schulen ohnedies angreift, weil man Grund zum Angreifen sucht r,v2o D7i dk '2!" Um so mehr zu sprechen, wenn man entgegenhält: „Rufen Sie, der Lehrer, doch nicht die Frage auf den Plan „was ist denn der Unterschied zwischen jüdischer und nichtjüdischer Schule!" Zeigen Sie doch zu den Gründen des drohenden Zusammenbruchs von Gemeinden und Schulen nicht einen neuen auf, sprechen Sie jetzt nicht von der mangelhaften Pflege jüdischen Empfindens, der ungenügenden jüdischen Aktivität, von der zu blassen Veranschaulichung unseres Milieus, von dem zu schlecht genährten heiligen Feuer unserer jüdischen Erziehungsstätten! Jetzt nicht, wo unsere Eltern ohnedies aus finanziellen Gründen Steine gegen die jüdische Schule sammeln! Und weil unsere Schulen vor dem Ruin stehen, sollen wir schweigen? Mit Kritik zurückhalten, Ziele verschleiern, Judentum verbergen und warten, bis nnVL.ii irn kommt inx Dip»»? Das dürste kaum richtig sein. Aber ein Gedanke müßte in uns Platz greifen: Nicht Menschen lassen unsere Schulen infolge Geldmangel ins Schwanken geraten, sondern mapn verweigert uns d i e Mittel und Möglichkeit, Lehr statten zu erhalten, — weil z u wenig Jüdisches darin ist, weil wir unserer Pflicht zur Heranziehung jüdischer Menschen vielleicht nicht genügend Nachkommen. Wenn ich eine Antwort zu geben versuche auf die sich von selbst erhebende Frage „was können wir tun zur Intensivierung der jüdischen Erziehung?", dann bin ich mir bewußt, welche bescheidene Beachtung meine Ausführungen nur erwarten dürfen. Aber der Gedanke, daß in ihnen sich auch nur ein Körnchen dessen verbergen könnte, was zur Annäherung an das Ziel führte, gibt mir den Mut, mich zu äußern. Was können wir tun? Meiner Meinung nach viel mehr als dem Grund- und Volksschüler — und nur von diesen will ich sprechen — eine gute moderne Fibel, methodischen hebräischen Unterricht, eine systematische Religionslehre geben, „die ihn befähigt, dem G'ttesdienste zu folgen usw." So werden doch die Ziele meistens festgelegt! Unsere Forderung müßte lauten: in jüdischen Schulen, wenn irgendwie möglich, keine Stunde ohne jüdische Gedanken! Weder Rechnen, noch Lesen, noch Singen, Geschichte, Heimatkunde usw. ohne eine Beziehung, ohne ein Wort zur jüdischen Einstellung. Man zweifelt an der Möglichkeit einer Verwirklichung: wir könnten nicht jüdische Lesebücher, Rechen- und Liederbücher beschaffen und wenn schon dieses, dann doch nicht einfllhren. Wie notwendig und nutzbringend eine Beschäftigung mit den beiden Fragen sein würde, das möchte ich zeigen an Hand einer skizzenhaften Zusammenstellung eines kleinen Ausschnittes aus dem Stoff- und Verwendungsbereich dessen, was jüdisches Leben für den Unterricht bietet. Ich beginne mit Anschauungsunterricht im 1. und 2. Schuljahr, auch genannt Lebens- und Heimatkunde. Er „nimmt seinen Ausgang vom unmittelbaren Erlebniskreis des Kindes". Nun frage ich: gibt es eine bessere Erlebnisunterlage z. B. für die Besprechung des Huhnes als die Zeit, wo man "rnsa.. schlägt? Die Kinder berichten von den sitzenden, gebundenen, flatternden, schreienden Hühnern; ein Bild vom "rnaa, -Schlagen; der daraus sich ergebende Stoff zum Malen, usw. in ähnlichen „zeitgemäßen" und darum lebensvollen Aussprachen die D'3'a ya-iK» das Obst am vava nvan, Schafe und Ziegen in Verbindung mit der Jakob- und Rahelgefchichte, das Kamel in der Eliefererzählung, Getreide beim Josephsbericht usf. All diese Dinge nicht mehr gelöst, sondern bewußt verknüpft mit jüdischlebendigem Inhalt. Aus dem täglichen Leben: l'V'sa rps'x ,n'i>v »am» Synagoge, min isv, deren Schmuck. Wimpel, Fahnen am min na»v, Bäckerei am avs usf Da können doch Form-, Färb-, Tastsinn, die manuellen Fähigkeiten ebenso gut gepflegt werden, wie an einem Schlitten oder dem Ofen. Erlebnisse, Erzählungen, Sagen und Legenden bieten Midrasch und Agadah. Warum sollen wir denn zu Rotkäppchen und Sneewittchen greifen? Sind unsere Schätze nicht bedeutend wertvoller, wenn überhaupt ein Vergleich statthaft ist? Aus all dieser Stoffülle die Gelegenheiten herausgegriffen zum Malen, Basteln, Kneten, Darstellen. Im Werkunterricht: aViaa-Kerze, -Becher, v'ava-Büchsen, -i'V'sn mv» -Gehäuse, a’S’X' mv -Schüssel, naiv -Schmuck, rnr»- Schilder usw. Im Handarbeitsunterricht: «mp-Deckchen, ]’V’an und miw-Beutel, Wimpeln, Fahnen und so viele andere Möglichkeiten. Statt der oft sinnlosen Stickereien: jüdische Symbole, jüdische Lebensausschnitte darstellen; Verwendung jüdischer Sprüche in hebräischen Buchstaben; hebräische Monogramme; Stickereien für das N0I2N rra Auch hier Möglichkeiten ohne Ende von der leichtesten bis zur schwersten Ausführung. In Heimatkunde: die' Heimat nach jüdischen Werten durchforscht; 00220 rr>2 zum Mittelpunkt gemacht, die Himmelsrichtungen im wahrsten Sinne nach an» orientiert und auf mm aufgebaut: die Geschichte der Synagoge; das »Viy jv>2» Verwitterung von Steinen dort betrachtet; die Judengassen, Denkmäler, jüdische Heimatsagen, Geschichtliches über die Gemeinde, erforscht an Wimpeln, nux», Museen, alten Büchern mit Inschriften; Behörde und Gemeinde, Rabbiner und Vezirksgemeinden, in dieser Hinsicht Beziehung von Stadt und Land; Jahreszeiten und nisipn, Schaltmonat, Schaltjahr; sogar Niederschläge unter jüdischem Gesichtspunkt besprochen, (wir besprachen des öfteren Beziehungen von Regen, Grundwasser und mp» im 3. und 4. Schuljahr — mp» zwecks D'Va nV'a»)- In Naturkunde: In den Vordergrund geschoben als Leitsätze:;D'»vn yiyai am fma lim?yb7 sni awy i>2 nx ddV -»am run aber auch inaaawsj p'ir jnv?ayy nx mnva kV jm»a?y mxa '2 sie seien die veredelnden Umrahmungen einer jeden Stunde, die es uns gleichsam zur Pflicht machen, Wesen und Lebensweise von Tier und Pflanzen kennen und pflegen zu lernen, in jeder Blume ein Werk G'ttes zu begreifen, Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren unter sich, und ihre gegenseitige Abhängigkeit von einander zu erkenne;n die ganze Natur belichtet mit den Strahlen des riKa *mx a». Insbesondere liegen uns aber am Herzen Tiere und Pflanzen, die in unmittelbarem Zusammenhang stehen mit dem jüdischen Leben: Wiederkäuer, Paarhufer, Flossen- und Schuppentiere: die Bedeutung des Kropfes, der Zehenstellung bei den Vögeln; Opfertiere mit den sie charakterisierenden Eigenschaften; jedes Tier, das behandelt wird, unter Angabe der Stellung und Stelle, an der in der nma es erwähnt wird; fast jede naiv würde uns Stoff bieten; dann yanx D'2'» die Getreidearten in Bezug aufnVn und n'innaaaa; wtjyp;7»k aVna ■na Vwan xV; bei der Besprechung der Wiederkäuer die Bedeutung des Labmagens für die Käsebereitung und die sich für unsere Küche ergebenden Folgen; und noch unzählige andere Beziehungen, immer in konzentrisch sich erweiternden Kreisen in den einzelnen Klassen wiederkehrend. Vielleicht erreichen wir erst bei solcher Betrachtungsweise den eigentlichen Zweck des naturkundlichen Unterrichts: nicht nur Wissen um die Dinge, sondern Ehrfurcht vor den Dingen vermitteln! Nicht nur „Freude an der Natur", wie der Lehrplan sagt, sondern Achtung vorm und Liebe zum Werke G'ttes sagt, sondern Achtung vor dem und Liebe zum Werke G'ttes soll geweckt und gepflegt werden, bis zur Erkenntnis m ypin a'naai dis : Im Rechnen: eine ganze Fülle jüdischen Stoffes für alle Stufen, wen» wir nur daran gehen und Ueberschriften von „Sach"kapiteln, wie „Weihnachten", „beim Bäcker", „beim Schreiner" ersetzen durch unsere Sachgebiete: „eme Sukkoh wird gebaut", beim aav-Schreiner", beim »rn»-Bäcker", "nav-Küchenzettel", rn»iy. chlen", „der d’3’ö vaix-Händler" uff.: durchführbar vom 1^1 bei den ABC-Schützen bis zum 8. Scvunahr mit De-> nal-, Bruch-,' Zins- und Wechselrechnungen: > mit allen Maßen, Flächen- und Raumberechnungen: im einzelnen: Münz- und Maßumrechnungen, auch in die jüdischen Maße; überhaupt ihre Kenntnis und Rechnung an unseren nisav» und d»*iw; Zeitstunden: der jüdische Kalender an sich und was er uns im Laufe des Jahres mit den D'aiv »■>»' und den nmo (msa ,am-n) bietet, usw.; auch hier kaum ein Ende. Im Deutschunterricht: Was könnten uns die Lesebücher alles bringen! Sie könnten enthalten: Teile der Patriarchengeschichte, Abschnitte über yoi' .av» aus der späteren Zeit; biblische Und nachbiblische Geschichte; „Geschichten, die nicht im smia stehen" (sie wurden immer wieder von mir verlangt); unerschöpflich der Schatz von unseren „Märchen, Sagen und Legenden", unsere Heimatgeschichte, Heimatsagen und -Gedichte; aber auch jüdische Berichte „aus aller Welt" und von ^xus' rix« unser Volk, unsere Feste, unsere großen Männer. Im A u f s a tz u n t e r r i ch t: Anregung zur Bearbeitung jüdischer Stoffe; Diktat-, Rechtschreib-, Sprachlehrstunden durchsetzt und genährt vom gleichen Material. Oder sollten wir nicht die Ergänzung z. B. auch kennen lernen können, wenn wir zusKnmenstellen, was wir für nasr einkaufen, wem man zu mvn «nn schreibt usf.? Dingwörter kennen lernen, indem wir statt zu einem gewöhnlichen zu einem niyiav-Kuchen die nötigen Dinge Zusammentragen? Tätigkeiten beim Bau der 020, statt am gewöhnlichen Hausbau? Im Zeichenunterricht fänden wir unendlichen Stoff in allen Schwierigkeiten. Eine Aufzählung erübrigt sich, denn alle angeführten Fächer bieten Arbeitsgelegenheiten in Hülle und Fülle. Denn trotz der räumlichen und zeitlichen Entfernung ist uns ein na:»' ein jiiVt?, ein Bild nach einer Erzählung in der min gezeichnet sicher lebensnäher, (wenigstens den Städtern), als ein Heuwagen, eine Sense oder eine Gänseherde. Im Gesang- und Musikunterricht sollte sich der Stoff von selbst ergeben. Ich will gar nicht sprechen von den selbstverständlichen Synagogenmelodien, den Hausgesängen, den nvrai usw. Auch nicht von den allmählich mehr gezeigten und gedruckten — aber noch nicht gesungenen! — Reimchen in hebräischer Sprache. Es fehlen uns Lieder in deutschem Text, jüdischen Inhalts, es fehlt an Gedichten und Vertonungen. Gerade hier, wo die Musik die Einprägung ünterstützt, hätten wir Gelegenheit, Jüdisches unverlierbar einzuhämmern. Wertvoller sind uns natürlich Verse in hebräischer Sprache, vorausgesetzt, daß genügend Kenntnisse das Verständnis ermöglichen. Es sind hier in den verschiedensten Fibeln erfreuliche Anfänge und Wege gezeigt und wir müssen nur den Schritt wagen, die oft so sinnlosen Spiel- und Tanzlieder in den Liederbüchern zu ersetzen durch neue jüdische Liedchen. Wir können den Schritt wagen. Ich wüßte z. B. nicht, warum wir statt des Kanons „O, wie wohl ist mir am Abend" nicht auch singen könnten D'aiv D'»'i aiaav d’S’ aai D'aiv na statt „Dornröschen war ein schönes Kind" „Josef war ein schönes Kind" — all das, wenn wir nicht selbst genügend Melodien und Motive fänden! Jedenfalls könnten wir genau so gut, wie wir ein Lied von einem deutschen Helden, wie Siegfried, von einem Fluß, einem Berg, einem Fest singen, Ereignisse und den Ruhm solcher Männer in Lieder umformen, die unserem Gedankengut bedeutend näher stehen. Wir würden ohne Zweifel den Kindern, damit uns selbst und dem Judentum unschätzbare Dienste leisten, wenn wir unsere Liederbücher, die wie viele unserer Lesebücher unseren Kin-

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