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Der Israelit · 1932-07-21 · Heft 30 (21.7.1932) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 30 (21.7.1932)
Date
1932-07-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 30 Der Israelit 21.. Juli 1933 Steuerpolitik der Regierung von Ladislaus Grabski, der auf Kosten des Handelsstandes, also der Juden, die polnische Valuta sanierte und das Gleichgewicht des Staatsbudgets aufüaute. Aus anderen Erwerbszweigen verdrängt und im Handel selbst durch das ausgebreitete Netz der Staatsmonopole in der Bewegungsfreiheit beschränkt, hatten die polnischen Juden in wenigen Jahren ihre letzten Reserven aufgezehrt. Und so stehen sie heute fast ratlos da. Ja, ein Rat wäre nicht teuer: der Zusammenschluß sämtlicher, noch zurückgebliebener Kräfte zum Aufbauwerke. Wäre das polnische Judentum jetzt vereinigt, könnte es einen effektiven Hilferuf laut erschallen lassen, würde es geschlossen und solidarisch in der Abwehr feindlicher Angriffe austreten, dann wäre die Lage, wenn auch traurig, doch vielleicht nicht trostlos und verzweifelt. Das jüdische Volk ist als Ganzes unbesiegbar. An dem im Laufe der Jahrtausende gestählten Abwehrpanzer des Gesamtjudentums müssen die verschiedenen tückischen Geschosse unserer Feinde schadlos zurückprallen. Wehe jedoch, wenn wir selbst in diesen Panzer ein Loch bohren! Dann ist die Zielscheibe für die Giftkugeln der Antisemiten von uns selbst geboten. Und wohlgemerkt: die polnischen Antisemiten sind vortreffliche Schützen. Von einer jüdischen Einheitsfront in Polen ist aber leider keine Rede. A'iH sie gehört der Geschichte an. Vor den Parlamentswahlen im Jahre 1922 wurde das polnische Judentum konsolidiert und hatte damals bekanntlich einen herrlichen Wahlsieg zu verzeichnen, demzufolge die Wahrung jüdischer Interessen einem qualitativ und quantitativ (46 Mann) starken Klub übertragen wurde. Das Gebäude von 1922 wurde jedoch vor Beginn der Legislaturperiode von 1928 frevelhaft auseinandergenommen. Grade diejenigen, die die jüdische Einheitslosung so oft als Deckmantel für ihre waghalsigen Pläne zu benützen sich vermessen, die Zionisten von I. Grünbaums Zeichen, versetzten der jüdischen Einheitsfront in Polen den mörderischen, entzweienden Schlag. Und interessant, daß auch dieser verderbliche Bruderkampf durch ein C i n h e i t s -Schlagwort gerechtfertigt werden sollte: um die inneren Parteireibungen im jüdischen Klub loszuwerden, sollte eine eintönige, harmonisch wirkende Repräsentanz gewählt werden. Was aber der Fluch einer bösen Tat zu bewirken imstande ist, ist geradezu grausam: nachdem der gut durchdachte Plan der Sprengung der jüdischen Einheitsfront vollkommen gelang und eine Parlamentsrepräsentanz ausschließlich aus Zionisten bestehend, gewählt wurde — der agudistische Abgeordnete Kirschbraun und die Vertreter der Wirtschaftsgruppen wurden auf der Liste des Regierungsblocks gewählt, wovon wir noch Näheres zu erzählen Gelegenheit haben werden — befaßte sich der einheitliche Klub während der dritthalbjährigen Parlamentskadenz mit einer Frage bloß: mit der Wahl eines Präsidenten. Da hierbei keine Einigung erzielt werden konnte, kamen die „einheitlichen" Deputierten schon nicht weiter und erst das Auflösungsdekret des Republikspräsidenten, das den Sejm und den Senat Neuwahlen unterwarf, versetzte dem unkonstituierbaren Klub den verdienten Gnadenstoß. Das Resultat von 1928 war beredt genug, um die Richtlinie für die Neuwahlen von 1930 zu zeichnen. Aber vergebens mahnten die Führer der jüdischen Orthodoxie zur Einsicht. Vergebens wurden mehrere Versuche von unparteiischen, hervorragenden Juden — wie Rafael Schereschewski — unternommen, um die in Trümmern liegende jüdische Front herzustellen. An dem blinden Haß der zionistischen Politiker in Warschau zerschellten alle noch so treffenden Argumente, die die Spaltung im jüdischen Lager zur Zeit der zunehmenden wirtschaftlichen Depression als Selbstmord bezeichneten. Die Kluft innerhalb der jüdischen Parteien wurde von I. Grünbaum zu sehr vertieft, als daß noch eine Brücke geschlagen werden konnte. Wenig bekannt ist der Umstand, daß die polnische Regierung selDst die Initiative zur Bildung einer -einheitlichen jüdischen Front ergriff. Wiewohl das „Divide et impera" die natürliche Richtschnur einer jeden Regierung allen politischen und nationalen Gruppen gegenüber bildet, war es bei den polnischen Parlamentswahlen von 1930 ausnahmsweise anders. Die Regierung des Marschalls Pilfudski, die sich damals zum entscheidenden Kampf innerhalb der polnischen Gesellschaft rüstete, wollte die jüdische Minderheit in dieses Gefecht nicht verwickelt sehen. Daß sie deswegen eine selbständige und einheitliche jüdische Wahlliste gerne sehen würde, war! außer jedem Zweifel und übrigens wurde dies offen auf > einigen vertraulichen Konferenzen der bedeutendsten Staatsmänner mit jüdischen Politikern kundgegeben. Es ging soweit, daß an das jüdische Solidaritätsgefühl appelliert wurde, um die gegenseitige Zerfleischung der jüdischen Parteien und die Zersplitterung der jüdischen Stimmen zu verhindern, von der mitunter auch die polnische Opposition beim Wahlskrutinium ihren Prosit ziehen konnte. Als ein Politiker der jüdischen Einheitsfront, die in letzter Stunde einer der bedeutendsten polnischen Würdenträger wenigstens in Galizien zu schaffen versuchte, gewisse Schwierigkeiten in den Weg legte, wurde er von demselben gefragt: „Wie? Haben Sie den Mut, die jüdische Solidarität zu sprengen?" . . Derartige Worte im Munde eines Regierungsvertreters sind wirklich etwas Außerordentliches und sollen deswegen hier ausgezeichnet werden. Leider haben sie kein richtiges Gehör gefunden und die Folgen davon konnten natürlich nicht ausbleiben. Jsak Lewin. Die Flucht aus Biro-Bidschan. Moskau, 15. Juli. Die Flucht der jüdischen Einwanderer aus Biro-Bidschan dauert an. Wie der fernöstliche Zweig des Komzet an die Komzet-Zentrale in Moskau telegraphiert, sind aus manchen Orten mehr als 50 Proz., aus anderen mehr als 20 Proz. der Einwanderer wieder sortgezogen. In dem Telegramm wird darauf hingewiesen, daß angesichts dieser Flucht der Beschluß des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, Biro-Bidschan bis spätestens Ende 1933 zu einem jüdischen autonomen Rayon auszugestalten, vielleicht nicht wird durchgeführt werden können. Komzet in Moskau wird um „dringende wirkliche Hilfe" ersucht. Es wird mitgeteilt, daß die Bautätigkeit infolge Mangels an Bauholz und -anderem Material vollkommen still steht und die Nahrungsmittelversorgung infolge schlechter Leitung nicht funktioniert. „Emeß" teilt mit, daß ein Küken 15 Rubel, ein Ei 2 Rubel kostet. Oie Brotknappheit in der Ukraine vernichtet die jüdischen Artels. Moskau, 13. Juli. Die jiddisch-kommunistische Tageszeitung „Emeß" teilt mit, daß die in der Ukraine herrschende Brotknappheit zahlreiche in „Artels" (Produktionsgenossenschaften) organisierte jüdische Handwerker und Heimarbeiter zwingt, aus den Artels auszutreten. In manchen Kleinstädten haben die Artels 80 Proz. ihrer Mitglieder verloren. Die jüdischen Handwerker und Heimarbeiter, die in den Artels nicht genug verdienen, um ihren Brotbedarf auf dem freien Markt decken zu können und die nicht wie die Industriearbeiter das Privileg haben, Brot zu verbilligtem Preis von den staatlichen Konsumgenossenschaften zu beziehen, sehen sich gezwungen, aus den Kleinstädten auszuwandern und Gebiete aufzusuchen, in denen die Chancen, Brot zu bekommen, bessere sind. Durch diese Abwanderung jüdischer Handwerker und Heimarbeiter bricht das ganze System der auf kooperativer Grundlage aufgebauten jüdischen Produktion, besonders in den Kleinstädten, in denen die Nahrungsmittelbeschaffung jetzt sehr schwierig ist, "zusammen. „Emeß" fordert die Organisierung einer besseren Verteilung von Nahrungsmitteln für die Mitglieder der Artels, damit der Vernichtung der für die Volkswirtschaft wie für das jüdische Element so wichtigen Artel- Institutionen Einhalt geboten wird. Rumänien. Das Ergebnis der rumänischen Wahlen. Bukarest, 19. Juli. Die Zählung der Stimmen, die bei den am letzten Sonntag in Rumänien durchgeführten Parlamentswahren abgegeben wurden, ist beendet. Auf die Listen der Jüdischen Reichspartei wurden 65 322 gültige Stimmen, d. s. 2,38 Proz. der Gesamtstimmen, abgegeben. Nach diesem Stimmenverhältnis hat die Jüdische Reichspartei ein Recht auf fünf Sitze in der Kammer. Gewählt wurden auf den Listen der Jüdischen Reichspartei der frühere Senator Adv. Dr. Mayer Ebner in der Bukowinaer Hauptstadt Czernowitz, Adv. S. Singer im Bezirk Belce (Beßarabien), Adv. Dr. Michael Landau im Bezirk Chotin (Beßarabien), Dr. Josef Fischer im Bezirk Maramuresch (Transsylvanien) und wahrscheinlich Dr. Ernst Marion, Chefredakteur der in Cluj (Klausenburg) erscheinen-' den ungarisch-jüdischen Tageszeitung „Uj kelet", im Bezirk Storojinetz in der Bukowina. (Bei den Wahlen im Vorjahre wurden auf die Listen der Jüdischen Reichspartei 64175 Stimmen (2,29 Proz. aller Stimmen) abgegeben. Dem früheren Paralment gehörten von dieser Partei Dr. Josef Fischer, Dr. Samuel Singer, Dr. Max Diamant, Dr. Theodor Fischer und Dr. Manfred Reifer an. Diese Abgeordneten bildeten den Jüdischen Parlamentsklub.) Es ist wahrscheinlich, daß einige Juden auf den Listen der Regierungspartei (Nationalzaranisten) gewählt wurden. In der neuen Kammer werden 16 Angehörige der radau-antisemitischen Parteien, und zwar 11 Cuzisten und 5 Abgeordnete der Eisernen Garde, sitzen. Der Führer der nationalchristlichen Liga, Prof. Cuza, und der Chef der Eisernen Garde, Zelea Coüreanu, gehören auch dem neuen Parlament an. Nach den Wahlen im Vorjahre verfügten die Cuzisten über acht Mandate, die Eiserne Garde über zwei Mandate. Beide antisemitische Parteien haben also ihren Besitzstand in der Kammer erhöhen können. Frankreich. vom jüdischen Leben in Paris. Paris, 12. Juli. Paris zählt heute gut 100 000 Jui)en, die aus allen Enden der Welt hier zusammengeströmt sind. Der größte Teil gehört dem Arbeiterstande an, der von Haus aus keine große Religiosität mitgebracht hat. Auch der kleine Mittelstand assimiliert sich hier unheimlich rasch. Die Nachahmungsfucht bei einer halbgebildeten Schicht erregt sogar oft den Spott der Franzosen. Zum Glück kamen noch mit der letzten Einwanderung aus Osteuropa einige gesunde Elemente mit ins Land, die kleine Inseln der Jüdischkeit errichten und zu erhalten wissen. In letzterer Zeit ist auch eine stärkere Agitation für den Sabbat zu bemerken, mit der es in der französischen Metropole so schlecht bestellt ist, wie kaum in einer anderen Stadt der Welt. Auch für andere religiöse Lebensmöglichkeiten, wie Koscherfleisch u. a. m. soll jetzt besser gesorgt werden. Leider aber ist die Arbeit nicht zentralisiert, es arbeitet jede Gruppe auf eigene Faust, und der Erfolg ist danach. Könnte man alle religiöse Kräfte zusammenfassen, es wäre noch in Paris sehr viel zu machen. Ein Erfolg, her letzthin auf dem Gebiete des Kaschruth errungen wurde, zeigt, was alles bei intensiver planmäßiger Arbeit noch zu erreichen wäre. Die Koscherfleischversorgung wird hier bekanntlich vom Konsistorium in der Weise überwacht, daß der Metzger die Gebühren zahlt und bei mangelhafter Aufsicht ein Koscherschild erhält. Es ergab sich aber, daß ein Metzger zwar die Gebühren nicht mehr zahlen, aber dabei die Kunden, die das Koscherschild sehen wollen, nicht verlieren wollte. So fertigte er sich selber Schild und Siegel an und verkaufte lustig weiter Koscherfleisch. Es war nachgewiesenermaßen unrituelles Fleisch, aber das Koschersignum war dabei, und die Kunden kauften. Wo aber die Macht des Konsistoriums nicht hinreicht, legte sich der private Ka s ch r u t h - Ve re i n ins Mittel. Er verklagte den Metzger wegen unlauteren Wettbewerbes und Vorspiegelung falscher Tatsachen. Unter dem Kundenkreis befand sich eine, nur eine Frau, die sich als Geschädigte mit ihrer Privatklage dem Vereine anschloß, da dieser allein die Legitimation für die Klage nicht hatte. Das Gericht bestrafte den Metzger, wie seinerzeit berichtet, der geständig war, trefenes Fleisch verkauft-zu haben, zu 1600 Francs und einem kleinen Schadenersatz an die Kläger. Das Appellationsgericht Hai nunmehr das Urteil bestätigt. Das Urteil mußte in fünfzehn verschiedenen Zeitungen auf Kosten des Beklagten veröffentlicht werden. In der Urteilsbegründung wird die Machenschaft des Metzgers als glatte Fälschung dahingestellt. Die prinzipielle Bedeutung dieser Gerichtsentscheidung wird nirgends unterschätzt. Hoffentlich werden die hiesigen jüdischen Kreise verstehen, sie auszuwerten. Der genannte Kaschruth-Verein zeigt den festen Willen dazu. In monatlichen Veröffentlichungen in der Presse fordert er die jüdischen Konsumenten auf, ihm alle auf dem Gebiete des Kaschruth gehegten Zweifel und Bedenken mitzuteilen. Zu bemerken ist noch, daß der Anwalt des Kaschruthvereins in diesem Prozeß der bekannte gesetzestreue Rechtsanwalt und Präsident der Agudas Jisroel in Frankreich, Advokat Müller, war. Seine Rede vor

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