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Der Israelit · 1932-07-21 · Heft 30 (21.7.1932) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 30 (21.7.1932)
Date
1932-07-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit 21. Juli 1932 ______ schlüssen ausbringen, auf recht eigenartige Weise gewählt worden sind. Ihre Wahl beruht auf den sattsam erörterten Vorgängen bei der letzten Delegiertenwahl, bei welcher die zur Macht strebende Gemeindepartei ihre Wacht dadurch erlangt hat, daß sie einer größeren Anzahl verbandsfremder Personen das Mitgliedschaftsrecht erkaufte. Mit diesen Stimmen werden jetzt diejenigen Kreise aus dem Synagogenverband herausgedrängt, die sich st e t s für den Verband nach besten Kräf t e n eingesetzt haben. Außerdem wird mit diesen Stimmen der ganze Charakter des Synagogenverbandes dahin verändert, daß er vollständig in Abhängigkeit zur Gemeinde, gerät. I Wenn man sich diese Tatsachen vor Augen Hält> so erscheint es kaum glaublich, daß die Hamburger Orthodoxie sich mit derartigen Beschlüssen abfinden wird. Man sollte annehmen, daß schon das elementar sie Gefühk für Gerechtigkeit und Wahrheit sich dagegen aufbäumen wird. Bis jetzt allerdings ist von einer Protestbewegung noch nichts zu verspüren.! Zur Finanzlage der Leipziger Gemeinde. L e i p z i g, 17. Juli. i Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig ersucht uns unter Hinweis auf die an dieser Stelle erschienene Korrespondenz über die derzeitige Finanzlage der Leipziger Gemeinde das Mißverständnis zu! berichtigen, als ob flüssige Mittel nur noch für 2—8 Monate vorhanden seien und danach noch Mk. 380.000 i aufgebracht werden müßten. In Wirklichkeit sind für das! lausende Rechnungsjahr 1932/33 im ganzen Mk. 380.000 durch Steuern auszubringen, wobei es zweifelhaft sein kann, ob dieser Betrag unter den heutigen Verhältnissen ivoll eingehen wird. Die Ersparnisse beim Kultus und i Unterricht sind nicht durch Gehaltskürzungen, sondern »durch Einschränkungen beim Sachbedarf erzielt worden. iÄ/sher sind die Gehälter lediglich entsprechend den allgelmeinen Vorschriften der Notverordnungen gekürzt worden, mit Ausnahme der kleinen Gehälter, die nur der Kürzung nach der IV. Notverordnung unterlagen. Da die Gemeinde keine kurzfristigen Schulden hat, so ist die finanzielle Lage durchaus nicht so trostlos, wie es nach der Korrespondenz scheinen kann. Oesterreich. Die österreichischen Juden und die Weltkonferenz. Wien, 17. Juli. Seitens der Union österreichischer Juden wird der ITA. mitgeteilt, daß „die „Union" unter den heutigen Verhältnissen trotz ihres prinzipiell durchaus nicht ablehnenden Standpunktes davon Abstand nimmt, Delegierte nach Genf zur Vorkonferenz über die Frage der Veranstaltung eines Jüdischen Weltkongresses zu entsenden." Wie verlautet, werden die „Jüdische Volkspartei für Oesterreich" und die „Jüdische Völkerbundliga" Oesterreichs an der Genfer Vorkonferenz durch eigene Delegierte vertreten sein. Zur Frage eines Jüdischen Weltkongresses erklärte der Präsident der Volkspartei und der Liga, Oberbaurat Stricker, daß die Vasis für diesen Kongreß nur eine jüdisch-nationale sein könne, andernfalls wäre ein solcher Kongreß zwecklos und arbeitsunfähig. lDann mögen die Zionisten auch auf der Vorkonferenz unter sich bleiben. Red.). polen. Aus der Repräsentanz der warschauer Gemeinde. Warschau, 15. Juli. Nach endlosen formellen Debatten hat die Warschauer ^präsentanz das Budget der Wirtschaftsabteilung durch Annahme erledigt. Unerwarteterweise schloß sich daran ^ch eine scharfe und ausgedehnte religiöse Auseinanderschung. Nach dem Beschluß der Vudgetkommission können Gemeindebeamte nur dann Anspruch auf Gewährung von Stipendien für den Schulbesuch erheben, wenn ihre Kinder am Sabbat nicht zur Schule schicken, was bedeutet, daß der Besuch a s s i m i l a - lorisch er, gänzlich unjüdischer Schulen nicht prämiiert werden soll. Merkwürdigerweise fand dieser dem religiösen Charakter der Warschauer Gemeinde durchaus entsprechende Beschluß nicht nur starken Widerstand bei den Assimilanten. sondern auch bei der zionistischen Fraktion, -riatmann Lew nannte den Beschluß Gewissenszwang Nr. 30 Seite 7 Die Woche. Frankfurt a. 2R. Der jüdische Pfadfinderbund Deutschlands veranstaltet am 23./21. Juli hier seine erste Reichsführertagung. Berlin. Wie die Lufthansa mitteilt, ist durch Einrichtung der Fluglinie Berlin—Saloniki— Athen nunmehr die Möglichkeit geschaffen, in zwei Tagen von Berlin nach Tiberias zu fliegen. Würzburg. Am Sonntag Abend wurden 8 Mitglieder des jüdischen Pfadfinderb u n d e s Berlin, die auf einer Bayernfahrt nach Würzburg kamen, von 30 Angehörigen der Hitlerjugend bei der Besichtigung der Stadt überfallen und in roher Weife mißhandelt. Bad Rauheim. Hier starb der zur Kur weilende Herr Elijahu Lewin-Epstein im Alter von 69 Jahren. Der Verstorbene nahm eine angesehene Stellung in der zionistischen- Bewegung ein. Er gehörte zu den Begründern der Kolonie Rechowoth und betätigte sich dann als europäischer Direktor der Hias.'Men. Stadtrat und Kurparkverwaltung in Baden bei Wien haben das Tragen von Parteiuniformen im Kurpark im Zusammenhang mit den letzten antisemitischen Exzessen verboten. — Die Nationalsozialisten haben über ihrem Hitlerpalast in Wolkenkratzerhöhe die Riesenkarikatur eines Judenkopfes mit Bart und Pesos angebracht. Die Polizei ließ die Karikatur durch die Feuerwehr entfernen. — In Krems hat sich ein neuer Ueberfall nationalsozialistischer Sportler auf Mitglieder des jüdischen Sportklubs Hakoha ereignet. Unter den Rufen „Macht euren Sport in Palästina" überfielen sie die jüdischen Teilnehmer und schlugen auf alle, auch auf die Damen, rücksichtslos ein. Eine Spaltung des österreichischen Sportverbandes ist unvermeidlich. — Der Rektor der Hochschule für Bodenkultur, Prof. P o r s ch , erklärte, die „Ueberfüllung" der Wiener Hochschule mit fremdrassigen Elementen bedeute eine „ungeheure Gefahr für die Reinhaltung des deutschen Volkes". Hierzu ist zu bemerken, daß die von Herrn Porsch geleitete Hochschule für Bodenkultur unter 2500 Hörern 8 Juden zählt. Baden bei Wien. Die hiesige Synagoge -zeigte heute früh an Türen und Fenstern in Hakenkreuzrahmen den folgenden mit Oelfarbe geschmierten Vers: „Achtung, Volk der Mazzesfresser, wir kommen heute Nacht mit langem Messer". Die Täter sind noch nicht ermittelt. Amsterdam. Im Judenviertel von Amsterdam sind 7 junge deutsche Nationalsozialisten aus! Hannover verhaftet worden, weil sie in brauner Uniform mit Hakenkreuz geschmückt auf dem Waterlooplein-Markt die jüdischen Kaufleute beschimpften. Vorher hatten sie sich bereits die nötigen Prügel geholt. Paris. Zu Ehren der im Weltkrieg in der französischen Armee gefallenen Juden aus Osteuropa wurde bier eine Gedenktafel enthüllt. 2000 im Auslande geborene Juden, die im Kriege als Freiwillige der französischen Armee dienten, wohnten dem Enthüllungsakte bei. Nach einer Gedenkrede des Oberrabbiners von Frankreich sprachen eine Reihe von Generälen, die der Tapferkeit der im Auslande geborenen jüdischen Soldaten in der französischen Armee hohe Anerkennung zollten. London. Der Abgeordnete Wedgewood wiederholte seine vorige Woche an den Außenminister gerichtete Frage, wie sich die englische Regierung zu den vom preußischen Landtag angenommenen Beschluß der Beschlagnahme des Vermögens der Ostjuden stelle. Sir John Simon erwiderte, es bestehe wenig oder gar keine Aussicht, daß der Beschluß des preußischen Landtags noch in dieser Session Gesetzeskraft erlange. — Der ehemalige High Commissioner von Palästina, Viscount Herbert P l u m e r, ist im 76. Lebensjahre verstorben. Plumer war bekanntlich der Nachfolger Herbert Samuels als Oberkommissar von Palästina. Er hat für die Herstellung von Ruhe und Sicherheit im heiligen Lande Beträchtliches geleistet und sich das Vertrauen der ganzen Bevölkerung einschließlich der Judenheit durch eine energische und objektive Verwaltungstätigkeit erworben. Krakau. Eine Gruppe nationalsozialistischer Studenten aus Posen überfiel das Sommerlager der jüdischen Hochschüler bei Zakopane, demolierte einen Teil der Kolonie und mißhandelte die Insassen. Jerusalem. Die Regierung hat die Stadt Haifa kategorisch ersucht, bei der Durchführung ihrer öffentlichen Arbeiten zu einem Drittel jüdische Arbeiter zu berücksichtigen. — Das Gericht hat einen arabischen Anspruch auf 5000 Dunam Land in einer jüdischen Kolonie als unberechtigt zurllckgewiesen. Die Araber hatten ihren Anspruch damit begründet, daß ihre Väter und Vorväter ihr Vieh auf diesen Böden geweidet hätten. > IP) Hl HH li 111II i| »IIIIIMIMIHIWMIHMHIWl BMHIMM Mb' ’uckerttrank* Dann Dr Fromm gute _ ctiötgenecMf Nahrungsmittel! Jnteressantes Preisbuch freit Äs 'U&ZAc&m&w&x Frankfurter Hirsch»Apotheke, Zeil 111 Niederlagen: ReformhausBoermel-Ernst, Schillersir.27 und Inquisition. Im Namen der orthodoxen Fraktion ergriff Herr I. M. Lewin das Wort. Er führte aus, es sei Recht und Pflicht der Gemeinde, nur solchen Schulen zu Helsen, die nicht Assimilation und Bolksverleugnung verbreiten, die nicht die jüdischen Heiligtümer mit Füßen treten. Wenn jemand zur Gemeinde käme, mit der Forderung, man solle Missionsschulen unterstützen, so würde sich jeder von uns erregen und so etwas für unmöglich erklären. Wenn jene Schulen am Sabbat unterrichten, so führt das zu vollständiger Assimilation und letzten Endes zur Taufe. Das sollte doch auch vom nationalen Standpunkt aus nicht gefördert werden. Der Misrachi-Bertreter, Herr Meerenländer, beantragte, nur diejenigen sollten von der Unterstützung ausgeschlossen werden, die ihre Kinder in nichtjüdische Schulen schicken. Schließlich aber erklärte er seine Meinung dahin, daß alle Schulen ausgeschlossen sein sollten, die „im Gegensatz zur jüdischen Religion" stehen, ^schließlich wird der Vorschlag der Vudgetkommission in/ erweiterter Form angenommen. Bon der Unterstützung bleiben ausgeschlossen alle Kinder, welche entweder nichtjüdische Schulen oder Schulen, die am Sabbat Unterricht erteilen, also assimilatorische Schulen besuchen. Unglaublicherweise waren auch die Misrachi-Bertreter bei der ablehnenden Minderheit. Am Schluffe der Sitzung hatten die Zionisten wieder einmal Gelegenheit, ihre Sabotage zu betreiben, indem sie den Saal verließen, um die Annahme eines Vertrauensvotums für den Vorstand in beschlußfähiger Sitzung zu verhindern. Sitzung des Verwaltungsrates der Lubliner Jeschiwo. Lublin, 12. Juli. Der große Rat der Lubliner Jeschiwo, der vorige Woche zu seiner ersten Plenarsitzung seit der Errichtung der Anstalt zusammentrat, beschloß zunächst, feine Mitgliederzahl aus 200 zu erhöhen, wovon 50 vom Ausland, 160 von den lokalen Komitees in Polen gewählt werden sollen. Der Rat wählt einen Exekutivausschuß von 30 Mitgliedern. Es wurde festgestellt, daß von 200 Bachurim, welche die Hochschule zur Zeit besuchen, 87 Proz. vollkommen frei im Internat der Anstalt verpflegt werden, während 13 Proz. mehr oder minder kleinere Gebühren bezahlen. So entrichten beispielsweise 15 Schüler einen Zuschuß von Zloty 1.— für den Tag. Angesichts der kritischen Finanzlage mußte jedoch leider beschlossen werden, daß von nun an keine neuen Schüler mehr ausgenommen werden, bis die Anstalt sich einigermaßen von ihrer schweren Verschuldung befreit hat. Während des Monats Ellul soll eine große Aktion in allen größeren Städten des Landes zur Entschuldung der Jeschiwo durchgeführt werden. Um dem Lubliner Raw die Möglichkeit zu geben, sich an dieser Aktion intensiv zu beteiligen, beschließt man, eine hervorragende talmudische Autorität neben dem bereits an der Jeschiwo tätigen zur Entlastung des Jefchiwo-Leiters zu berufen. Eine Reihe von Propagandamaßnahmen wurden beraten und zum Beschluß erhoben, welche die Aktion fördern sollen. polnische Briefe. I. R z e s z o w , 12. Juli. Das polnische Judentum steht an der Neige seiner Kräfte. Der materielle Verfall, den es im Laufe der letzten Jahre erlitten hat, ist geradezu schrecklich. Der jüdische Wohlstand in Polen hat aufgehört, Wirklichkeit zu sein und ist zur schmerzhaften Erinnerung einer nahen Vergangenheit geworden. Tausende von Existenzen, die vor einer gar kurzen Zeit noch fest zu wurzeln schienen, sind dahin. Die Juden, die aus dem Handel oder aus der Industrie ihren Lebensunterhalt schöpften, sind in ihrer überwiegenden Mehrzahl bereits zusammengebrochen. Und alles in allem ist das Bild der jüdischen Not noch viel düsterer, als es je geschildert wurde. Ursachen? Es wäre kaum ein Trost, sich näher über sie auseinanderzusetzen. Es dürfte deswegen genügen, daraus hinzuweisen, daß die allgemeine wirtschaftliche Weltkrisis die polnische Judenschast bereits erschöpft angetrosfen hat. Sie wurde erschöpft durch die unglückselige

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