Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1932)
- Date
- 1932-07-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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21. Juli.1932 Der Israelit Nr. 30 Seite 5 einschätzt als die eigentliche wirtschaftliche Not. Gemeinsames Vorgehen der sich bewußt ge- Len eine solche Konvention stemmenden jungen jüdischen Familien wäre das geeignete Mittel, eine vorurteilsfreiere Atmosphäre zu schaffen. Fordert aber nicht das Judentum selbst eine Berücksichtigung der wirts ch a s t l i ch e n Voraussetzungen für die Kinderzeugung in der Che? Alan hat versucht, aus dem Talmud einen solchen Beweis zu erbringen (Beter)* 5) „In Jahren der Hungersnot ist dem Menschen eheliches Zusammensein verboten."") wer aber auch nur einen Blick in den Zusammenhang der talmudischen Diskussion wirft, erkennt, daß hier überhaupt nicht von einer Sorge für die zu erwartenden Kinder die Rede ist. Cs handelt sich.vielmehr lediglich um das Cinschränken der G e n ü s s e als Solckdaritätshanölung angesichts der darbenden Mitmenschen. „Iisroel ist in Rot", „der Mensch soll Schmerz empfinden mit der Gemeinde." Der Talmud fügt überdies ausdrücklich hinzu, daß von dem Verbot nicht betroffen wird, wer noch nicht die erforderliche Kinderzahl gezeugt hat. Der Schul chan Aruch gestattet darüber hinaus das Zusammen sein auch in Zeiten effektiver Hungersnot monatlich in der Nacht des Tauchbades; dieses Zusammensein bleibt somit Mizwa. Lin geburtenbeschränkender Effekt kann hiernach keine sw e g s Ln Betracht kommen. ,Go entbehrt die Forderung einer Geburtenrege lung jedweder Stütze in der talmudischen Literatur; Barer macht aber noch praktische Gesichts punkte dafür geltend, daß „das sinnlose Kinderge bären der gesetzestreuen Juden, das dem alten Ge fetze „seid fruchtbar und vermehret euch" entspricht, ganz verfehlt ist. „Der arme gesetzestreue Jude kann seine zahlreichen Kinder nicht ernähren, er muß sie ins Büro oder in die Fabrik schicken, wo sie am Sabbat arbeiten müssen." Cs liegt nahe, diesem Cinwand eine. Erzählung des Talmuds entgegenzuhalten, aus der sich die Auffassung des Judentums zu dieser Frage ergibt: Der König Chiskijohu war sterbenskrank, und der Prophet Ieschajohu verkündet ihm den Grund der Krankheit: der König habe die Pflicht der Fortpflan zung nicht erfüllt. Der König sucht sich damit zu verteidigen, daß er das prophetische Wissen habe, daß seine Söhne nicht würdig sein würden. Der Prophet aber weist ihn zurecht: Was gehen dich G'ttes Geheimnisse an! Du mußt tun, was G'tt ö.ir befohlen, — und G'tt wixd tun, was Ihm gefällt. Aber abgesehen von dieser jüdischen Auffassung sind die Befürchtungen Beters nicht einmal in sich stichhaltig. Denn wenn heute Kinder erzeugt wer den, tritt die Frage der Berufswahl doch erst nach VA—2 Jahrzehnten an die Eltern Heran, und eine Rechnung auf so lange Gicht wird nicht einmal der kühnste Prognostiker wagen. Sollte aber dann - was zumindest sehr unwahrscheinlich ist — die heutige und gestrige Wirtschaftsordnung wirklich noch existieren, so könnte es genau so gut sich ereignen, daß mit zunehmender jüdischer Bevölkerung auch die Zahl der jüdischen Unternehmungen sich vermehrt und sich so die Möglichkeit einer gesteigerten Unterbringung sabbattreuer Juden ergibt. Doch was sollen solche Träume, lassen wir die Geheimnisse der Zukunft, und tun wir unsere Pflicht. Wirklichkeitsnaher ist der Cinwand, daß bei ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen schon in der Gegenwart Gefahren drohen können. Wenn die wirtschaftliche Rot zu einer direkten schweren Gefährdung der Gesundheit s) Ch. Barer. Sexualnot und Sexualreform 1931. S. 580. °) Anm. Talmud Babli Taanith 11a. Barers Ueberfetzung ist willkürlich und irreführend: In einem Hungerjahr darf der Mensch nicht „Kinder zeugen", damit er nicht „Geburten feiere" (!), während sein Nächster vor Hunger darbe. — Das Verbot wird als solches übrigens von anderen Autoritäten nur als frommer Rat angesehen. (Tosaphöth z. St.). Jedenfalls handelt es sich nur um die Frage der ehelichen Enthaltsamkeit, moderne Verhütungsmethoden wären schon deswegen indiskutabel, weil der Zweck des Verbots gar nicht Geburtenverhütung ist. 7) ‘ Talmud Vabli Berächoth 10 ä. ' von Mutter und Kindern sich auswächst, so wird der 'lhalachische Sachverständige zu prüfen haben, ob im , einzelnen Falle die für künstliche Geburtenverhütung geltenden Crleichtecungen anzuwenden sind. Solche extremen Fälle werden aber selten sein. Meist wird es sich nur darum handeln, die Rüstigkeit der Frau zu erhalten, wie sie für die Existenz der Familie lebensnotwendig ist. Oder es soll eine gesunde Ertüchtigung der Kinder und ihre thoragemäße Heranbildung ermöglicht werden, die durch allzu schnelle Folge der Geburten in der Familie gehindert werden kann. In solchen Fällen wird man zwar nicht etwa eine künstliche Empfängnisverhütung vornehmen dürfen. Aber es wird bei ernsten Motiven im Linzelfalle halachisch zu prüfen sein, ob man die Abstände zwischen den Geburten so verlängert, wie es zweckmäßig und natürlich ist. Voraussetzungen hierfür sind, daß das Ehepaar bereits die halachisch geforderte Mindestzahl von Kindern gezeugt hat und daß eine solche Geburtenregelung nur durch eine Methode der Enthaltsamkeit bewirkt wird. Die Methode ist hier das Wesentliche. Die Frage der L n t h a l t s a m k e i t ist für die voreheliche Zeit bereits erörtert worden. Auch innerhalb der Che gibt es Situationen, in denen die Enthaltsamkeit zu fordern ist. „Cs sollte da in einer harmonischen Che für einen ethisch wertvollen Mann eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, seinen Trieb einmal ein oder selbst zwei Jahre zu beherrschen, um die Frau zu schonen, die doch mit den ihr zugeteilten sexuellen Funktionen viel größere Unbequemlichkeiten und Opfer auf sich nehmen muß." Bezüglich der vermeintlichen Schädigungen durch Abstinenz gilt das Analoge wie bei der vorehelichen Lnthaltsamkeit. Damit soll keineswegs die eheliche Enthaltsamkeit als Idealzustand oder auch nur als Normalzustand im religiösen Sinne begrüßt werden. Im Gegenteil, einer übermäßig forcierten Abstinenz mögen in manchen Fällen sogar erhebliche religiöse Bedenken entgegenstehen. Darum wird bei längere Zeit erforderlicher Cntbalts am k e i t — namentlich für leidenschaftliche Naturen — der rabbinische Sachverständige die Frage zu prüfen haben, wie weit die bereits erwähnte, neuerdings immer mehr als wirksam anerkannte periodische Enthaltsamkeit anzuempfehlen sei. Diese Methode beruht auf der vor wenigen Jahren von Ogino und von Sneus8 * 10) auf Grund wissenschaftlicher Studien vertretenen biologischen Erkenntnis, daß die Befruchtung der Frau nur an wenigen Tagen innerhalb des periodischen Monats-Zyklus stattfinden kann. Und zwar handelt es sich um eine Bestätigung der bereits im Talmud") von Rabbi Iochanan ausgestellten These: „Die Frau kann nur kurz nach dem rituellen Tauchbad befruchtet werden," das zumeist nach dem l 2. Tage vom Beginn der Monatsblutung an gerechnet erfolgt. Wenn man also für die zur Befruchtung geeigneten Tage den 13.—IS. Tag eines 26-tägigen Zyklus änfetzt, so bestände während der letzten acht bis neun Tage vor der, Monatsblutung eine periodis ch e Unfruchtbarkeit der Frau. Die periodische Unfruchtbarkeit der Frau ist heute noch von vielen Aerzten bestritten, aber es mehren sich doch die Anzeichen dafür, daß wir es hier mit einem Naturgesetz zu tun haben, dessen Abgrenzung vielleicht noch im einzelnen modifiziert werden könne, das aber doch schon heute die Möglichkeit gewährt, ohne Anwendung von künstlichen Verhütungsmitteln mit einer großen Wahrscheinlichkeit eine Empfängnis zu verhüen. Der Frauenarzt Nie der meyer schätzt in seiner iarken Selbstkritik die Sicherheit auf 95 Proz., der holländische Frauenarzt Smul der s") ist weit optimistischer auf Grund seiner reichen praktischen Erfahrungen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß selbst 8) Siefje hierüber Cap ellma n n - Niedermeyer. ■")’ Talmud Babli. Niddah 3158. Vgl. auch AAStern. Das rituelle Neinheitsgesetz., Israelit 1931. Nr. 31. 10) I. N. I. S mul.d e r s. Periodische Enthaltung in der Ehe. Regensburg 1931. Dieses Buch bietet eine geeignete - Einführung in die einschlägigen praktischen Fragen. Nabbinischen Beratern kann es zum Studium empfohlen werden. die besten künstlichen Verhütungsmethoöen nicht mit 100 prozentiger Sicherheit"). funktionieren. Wenn man bedenkt, daß bei dieser natürlichen Verhütungsmethode auch die zahlreichen gesunöhcilichen Schäden der künstlichen Mittel sehr eingeengt werden, wird man ste als einen wissenschaftlichen Fortschritt begrüßen können. Allerdings hat auch diese Methode gewisse Grenzen in ihrer Anwendungs- Möglichkeit. Bei jungverheirateten Ehepaaren dürfte die Beschränkung des ehelichen Lebens auf eine Woche im Monat zu Härten führen und eine junge Ehe darf auch in der Tat üst ch t mit solchen Hemmungen beginnen. Die Pflicht der Fortpflanzung muß da v o r a n g e h e n. Wieweit älteren Ehepaaren, die die halachisch Vorgeschriebene Zahl von Kindern gezeugt haben, die periodische Lnthaltsamkeit empfohlen werden kann, muß in jedem einzelnen Fall halachisch nach Prüfung der Gesamtsituation entschieden werden. Denn es kommen auch noch andere halachifche Forderungen^) in Betracht. Schließlich ist durch die erwähnte Möglichkeit eines Versagens bei lebensbedrohl i ch e r Erkrankung die Frage zu prüfen, ob nicht neben der periodischen Enthaltsamkeit noch diese oder jene halachisch weniger bedenkliche künstliche verhütungsmethoöe gewissermaßen als „Doppelschutz" angewandt werden soll. Ls wäre aber schon religionsgesetzlich als ein großer Gewinn zu buchen, wenn die bei gesundheitlichen Gefahren heute üblichen Auswege vermieden werden könnten, die von rabbinischer Seite wegen der bedenklichen Nähe ernstester Issurim nur schweren Herzens konzediert werden. Zu erwähnen wäre noch, daß durch die wissenschaftlichen Fortschritte noch eine andere biologische Methode der Geburtenverhütung in der Entstehung ist, die in manchen Situationen halachisch zugelassen werden könnte. (Rabb. Klein): die zeitliche hormonaleSterilisierung (Haberlanöt)") Durch Verabreichung von gewissen tierischen Organpräparaten gelingt es, im Körper der Frau eine Befruchtung zu verhüten. Die ebenfalls von rabbinischer Seite (Rabb. H o r o v i tz) diskutierte zeitliche Röntgensterilisierung wird wegen der Unsicherheit der Wirkung und der Möglichkeit gesundheitlicher Schädigung späterer Nachkommenschaft von vielen Aerztcn abgelehnt. Grade die Darlegungen über die periodische Enthaltsamkeit werden gezeigt haben, wie religiöse Gewissenhaftigkeit i m B u n d e m i t wissenschaftlichem Fortschritt intstanöe ist, eine wichtige Gruppe sexueller Schwierigkeiten hinweg zu räumen, und einen Weg aus sexueller Not zu erschließen. Die Richtlinie für diesen Weg beißt: nicht Lockerung, sondern Straffung der sittengesetzlichen Bande. Die jüdische Sittlichkeit schützt Seele und Körper vor dem Untergang in der Not. Zu dem Kreis dieser Aufgaben jüdischer Sittlichkeit gehört eng verbunden als Gcmcinschaftsaufgabc auch die wirtschaftliche gegenseitige Stützung zur Erreichung des sittlichen Zieles. Es gibt kaum ein Gebiet sittlichen Handelns, wo eine gesunde wirtschaftliche Basis so förderlich sein kann wie auf sexuellem Gebiete.") Lin großzügiges wirtschaftliches Programm ist heute — eine Utopie. Heute, wo die Existenz einer jeden jüdischen Familie „einem Berge gleicht, der an einem Haare hängt," wären wir gewiß schon beglückt, wenn wir das Haar mit einem noch so bescheidenen Drahtseil vertauschen könnten. Doch auch dieser Wunsch scheitert an unserer wirtschaftlichen Ohnmacht. Diese wirtschaftliche Ohnmacht, ein Fluch für so viele ideelle Bestrebungen unserer Zeit, sollte wenigstens das Gute zeitigen, Klärung anzubabncn. Sie sollte als Prüfstein für die deutsche Iudcnbeit gelten. ") Haire-London rühmt von seinem neuen künstlichen Verhütungsmittel, daß es in 9 6 Pro z. wirksam gewissen sei. Sextlalnot und Sexnalreform 1931. ") Z. 53. die Pflicht des ehelichen Zusammenseins in der Nacht des rituellen Tauchbades. ") Sexualnot und. Sexualreform. S. 219. ") Stets haben die jüdischen Gemeinden es,als ihre Ehrenpflicht erachtet, eine solche sozial-hygienische Wirksamkeit zu entfalten. Es sei nur an Fonds und Stiftungen erinnert, die zur Förderung der F r ü h e h e dienten. ■ Heute muß man sich auf kleine und kleinste Aufgaben beschränken.