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Der Israelit · 1932-07-21 · Heft 30 (21.7.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 30 (21.7.1932)
Date
1932-07-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 30 Der 3 5 r ac Tit 21. Juli 1932 Die sexuelle Jtot der Gegenwart. Von Dr. med. Jacob Levy in Berlin. VI. Das Judentum und die eheliche Not. Die moderne Che krankt — so heißt es heute — an der mangelnden inneren Bindung der Ehegatten, die iin Laufe der Jahre einander überdrüssig werden. Hilfe soll eine L r o l i s i e r u n g bringen und so eine „vollkommene Che" geschaffen werden. Drum wird heutzutage fast jeglichem gebildeten Brautpaare die einschlägige Literatur in die Hand gedrückt, die einen Gipfel der Technisierung des ehelichen Lebens bedeutet. Soll man aber wirklich glauben, „daß die vollkoinmene Che und das Lebensglück bedingt sind durch ein detailliertes Spezialstudium der sexuellen Lust und ihrer Arten?" (Fahscl). Cs ist im Gegenteil die Besorgnis berechtigt, daß durch breite Cinzeldarstellung normaler und abnormer sexueller Gefühle und Betätigung die jungen Cheleute befangen und ängstlich werden. Cs ist doch eine alte Erfahrung, daß jeder Wedizinstudent immer die Erkrankungen durchzumachen glaubt, die er gerade studiert. In analoger Weise kann eine abnorme sexuelle Cinstellung geradezu durch solche Schriften gezüchtet werden. Und wenn ich diese Bestrebungen zur Vervollkommnung der Che gerade an die Spitze des jüdischen Teils setze, so geschieht dies deswegen, weil diese Art von Literatur die natürliche unbefangene Keuschheit der Brautleute zu beeinträchtigen droht. Gegen elementare Unkenntnis des Sexuallebens s ch ü tz t das Judentum schon durch seine eigene Wethode. Gehört doch die Beschäftigung mit den einschlägigen Gesetzesvorschriften zu den unumgänglichen Vorbereitungen für die Che. VandeVelöeH sagt selbst einmal, daß seine Wethode nicht für diejenigen in Betracht komme, die sich bestimmten religiösen Vorschriften unterwerfen. „Ich halte es für einen taktischen Fehler, sie ihnen zu zeigen. Und ich würde es gerade als taktlos empfinden, das nebenbei zu tun." Also folgen wir seinem Rate und lassen seine Bücher aus unserem orthodoxen Kreise verschwinden. wir können dies um so eher befürworten, als die jüdische Che einer Erotisier nng nicht bedarf. Dafür ist schon von selbst durch die strengen Trennungsvorschriften für Wann und Frau gesorgt, die wochenlang den Ehegatten die spezifische eheliche Gemeinsamkeit versagen?) Allerdings muß *) Th. $). von de Velde. Die Erotik in der Ehe. 9. Aufl. Leipzig und Stuttgart. -) Talm. babl. Niddah 31 B. „Warum bestimmte die Thora sieben Tage der Absonderung der Frau? Weil der Gatte durch dauerndes Zusammensein ihrer überdrüssig würde. Drum bestimmte die Thora sieben Tage man diese Vorschriften auch genau so erfüllen, wie sie gesetzlich fest gelegt sind, und nicht durch Ablenknngsmethoden, wie Händedruck und Aehnliches die erotisierende Wirkung der Trennung beeinträchtigen. Ist also die moderne Krankheit der Che im jüdischen Hause von selbst ausgeschaltet, so wollen wir nicht verkennen, daß eine andere Seite der ehelichen Not sich besonders tief gerade in die jüdische Che eingräbt und sie gefährdet: das Problem der Ge - b u r t e n v e r h ü t u n g. Ich habe an anderen Stellen eine ausführliche Darstellung deshiermit in Zusammenhang stehenden jüdischen Fragenkomplexes versucht^) möchte mich deshalb hier nur auf einige grundsätzliche Ausführungen beschränken. Die prinzipielle Stellung des Judentums zur Frage kommt in den kurzen Worten zum Ausdruck, die der traditionell-gesetzestreue Rabbinerverbanö zum Beschlüsse erhoben hat: „Geburtenregelungen bedeuten im allgemeinen einen schweren I s s u r. Nur bei ernster Gefahr für die Gesundheit können solche Waßnahmen vor unserem Gewissen gerechtfertigt werden. Niemals aber kann ein Einzelner in dieser Frage nach persönlichen Erwägungen eine Entscheidung treffen, sondern muß den objektiven h a l a ch i s ch e n Rat seines Rabbiners einholen." Konzediert so die Resolution in gewissen Fällen gemäß der religiösen Pflicht der Sorge für die Gesundheit bestimmte Wethoden einer Gcburtenverhütung, so lehnt sie damit indirekt die anderen Indikationen ab.! Die e n g e n i s ch c und die kulturelle Indikation wollen besagen, daß man weniger Kinder zeugen soll, um die wenigen Kinder zu qualitativ wertvollen, zu kulturell höherstehenden Wenschen entwickeln zu können. Wissenschaftlich ist die Voraussetzung für eine solche Bestrebung durchaus umstritten. Wan kann nicht aus jedem beliebigen Wenfchenkeim einen Kulturträger bilden, man braucht zur Hebung der Raffequalität die breite Basis der Duantitä t. Hier sei nur kurz erwähnt, daß durch die Geburtenbeschränkung und ihre Wethoden statt eines kulturellen Aufstieges geradezu die wertvollsten kulturellen Stützen untergraben werden: die Che, die Familie, die Stellung der Frau und des Kindes werden gefährdet und einer egoistischen Cinstellung Vorschub geleistet, die mit'Nichten der Absonderung, damit der Gatte nach ihr die gleiche Sehnsucht hätte wie zur Stunde ihrer Heimführung als Braut." Heute gelten neben den sieben Tagen noch mindestens weitere fünf Tage als Norm. D Jacob Levy. Der Geburtenrückgang — ein jüdisches Problem. Jeschurun 1930. Heft 3—4. Jacob L e v y. „Geburtenstreik" — Die Frage der jüdischen Ehe. Monatsschrift Nachalath Zwi 1931. Heft 11—12. als Basis eines Kulturlebens, insbesondere eines jüdischen Kulturlebens in Betracht kommt. Auch bezüglich der viel umstrittenen sozialen Indikation habe ich daraus hingewiesen, daß schon vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus nicht unbedingt ein Verzicht auf Nachkommenschaft immer das ökonomisch Vorteilhaftere ist. Daß wirtschaftliche Argumente neben den hygienischen sehr oft als Vorwände zum Verzicht auf Kinder mißbraucht werden, ist auch auf dem Kongreß für Sexualreform zum Ausdruck gekommen (Wexberg)H A ö l e r hat gelegentlich darauf - hingewiesen, daß die Geburt eines Kindes unter ärmlichen Verhältnissen sehr oft nicht wirtschaftlichen Niedergang, sondern Aufstieg bedeutet, weil die größere Aufgabe als Ansporn wirkt. So ist es gewiß kein Zufall, daß Cheleute, die aus übertriebener Angst vor wirtschaftlicher Belastung endgültig auf Kinder verzichten, sehr oft zeitlebens aus ihrer Notlage nicht herauskommen, so daß sie eben jenes Ziel, das sie mit ihrer Vorsicht sichern wollten, nicht erreichen. Die Eltern müssen vor der Geburt des Kindes umlernen. „Denn ein Leben ohne Kinder ist für Wenschen, denen schöpferische Arbeit versagt ist, also für gut 90 proz. aller Wenschen, sinnlos und auf die Dauer unerträglich." Wenn wir auch diesen letzten Satz vom jüdischen Standpunkt ans nicht voll unterschreiben werden, so ist doch zu begrüßen, daß die psychologische Forschung sich zu der vom Judentum vertretenen Waxime durchrrngt, daß — von extremen Situationen abgesehen — wirtschaftliche W o m e n t e kein G r u n d z u m V e r z i ch t a u f K i n d e c sein dürfen. Diese These hat aber eine Voraussetzung: der Begriff der „Lebensansprücke" muß unbedingt einer Revision unterzogen werden. Cs ist ja nicht nur eine Lehre des Geburtenproblems, sondern der allgemeinen Entwicklung, daß es nichts nutzt, sich krampfhaft an die Lebenshaltung einer Vorkriegs- Bonrgeoisie zu klammern; Senkung des Standard der Lebenshaltung, wie wir sie bereits beim Problem der Frühehe gefordert haben, wird in der Regel der erste Schritt zu einer Lösung des wirtschaftlichen Geburtenproblems sein müssen. Wit dieser ökonomischen Einstellung wird leicht auch eine wichtige soziale Waßnahme verbunden werden. Cs handelt sich um die Sprengung der g e s elisch a f tl ich e n Konvention, die ein gewisses Wohlstanöniveau fordert. Wit Recht hat H a n a u e r auf die Bedeutung gerade dieser Duelle der Geburtenbeschränkung hiegewiesen, die er als wesentlicher 4) Erwin Wexberg. Das Recht des Kindes. Sexualnot und Sexualreform. 1931. S. 606. Analoge Verhältnisse bestehen auch nach Wexberg bei der gesundheitlichen und eugenischen Indikation. von ba und von bv zu. Nimm den G'ttesstab, der dich als den von G'tt bezeichneten G'ttesgesandten hinstellt, diesen Stab, der neben dem aiw rm niedergelegt war und zeige der ganzen Gemeinde, daß ihr, Mosche und Ahron, noch immer die Träger der G'ttessendung, seid. Wenn vorher alles durstete und nun plötzlich die Gemeinde und ihr Vieh durch eure Vermittlung genügend zu trinken hat, so ist damit schon dokumentiert, daß ihr offensichtlich die Träger des G'ttesworts seid. Ihr habt aber zur Gemeinde wegen des Felsens zu reden, dgß er seine Wasser gebe und habt ihnen ihr Unrecht vor Augen zu führen. Wenn die Wolke sie an diesen Ort geführt, so mußte dieser doch wohl der rechte Lagerplatz sein, wo auch Wasser in Fülle war und der Vorwurf des Volkes, sie feien von Mosche und Ahron zu ihrem Unglück an diesen wasserlosen Ort geführt worden, entbehrte jeder Berechtigung. Ihr müßt also dem Volke sein Unrecht, seinen Mangel an G'twertrauen Vorhalten. Mosche und Ahron tun dies auch und glauben durch die Worte nrn ybon ]»n rvivn das Gebot G'ttes vi-on cm-,211 erfüllt zu haben. Höret doch ihr amu d. i. /arTopn d’ttw ,Dnma nx a»na die ihr euch empört gegen eure Aeltesten, gegen eure Lehrer! G'tt hat uns ge6oIeti mm nx i>n;?n tfir sollt in Ordnung hier antreten und an eurer Spitze sollen die Aeltesten und Mitglieder des Sanhedrin stehen. So war es ja auch bei Gelegenheit des mra rv>ani, daß G'tt verlangte i-xis" 'apw qnx npi (II, 17, 5). Nur dann kann Jisroel als würdig betrachtet werden, daß die G'ttesherrlichkeit sich offenbare, ihr aber seid verwildert, ihr stoßt eure Alten weg. (Schluß folgt.) Älemes Feuilleton. Anti-Anti. — Tatsachen zur Jndevfcage. In sechster, völlig neu bearbeiteter Auflage (24. bis 28. Tausend) erschien soeben im Philo Verlag (Berlin W 15) das vom Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens herausgegebene Nachschlagewerk „Anti-Anti. Tatsachen zur Judenfrage". Ueber das Werk wird mitgeteilt: „Die Beobachtung der nationalsozialistischen Agitation zeigt, daß sie sich heute mehr denn je wieder ihres alten wirkungsvollen Mittels, des Judenhasses, in den Parlamenten, im Wahlkampf, in Zeitungsartikeln bedient. Mit Schlagworten wie „Judenpresse", „jüdische Drückebergerei im Kriege", „jüdischer Reichtum", „Judenregierung", „jüdische Rasse", „jüdische Geheimlehren" und zahllosen anderen wird eine Verwirrung in weite Volkskreise getragen, der am besten durch Verbreitung aufklärenden Materials begegnet werden kann. Diesem Bedürfnis wird der seit fast einem Jahrzehnt bekannte „Anti-Anti" gerecht, der vom ZentralVerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens herausgegeben, soeben in stark erweiterter 6. Auflage im Philo-Verlag (Berlin W 15; Preis Mk. 1.—) erschienen ist. Wie reich die Fülle des auf kaum 200 Blättern zusammengetragenen Stoffes ist, beweist allein schon das ausführliche Schlagwortregister mit seinen etwa 1200 Positionen. Alle wesentlichen Fragen sind in populärer Form, aber mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und in straffer Systematik fast telegrammstilartig dargestellt. Die meisten Blätter sind vollkommen neu bearbeitet worden, neue Quellen wurden angeführt, neue Zitate herbeigeholt. Als wichtige Neuerung ist jedem bedeutungsvollen Stichwort ein Verzeichnis brauchbarer Aufklärungsliteratur beigegeben, um tiefere Belehrung für gründlichere Auseinandersetzung zu ermöglichen. „Der Anti-Anti" ist keineswegs nur Mittel der Aufklärung nichtjüdischer Kreise, er gehört in die Hand eines jeden deutschen Juden, damit er jederzeit für den politischen Tageskamps, den er zu bestehen hat, gerüstet ist." (Jubiläumsnummer der «Orthodoxen Jugendblätter".) Die unter der Redaktion von A. M. K r 0 n g r a d erscheinenden „Orthodoxen Jugendblätter", das'Organ der polnischen Zeire Agudas Jisroel, veröffentlicht anläßlich des 20jährigen Jubiläums von Kattowitz eine Sondernummer mit reichem Inhalt. Der Hauptteil der Nummer enthält Beiträge zur agudistischen Ideologie und bringt dabei manches der Selbstbesinnung und Selbstkritik gewidmete Wort. Aus dem Inhalt dieses Teiles erwähnen wir: A. M. Krongrad: 20 Jahre Agudas Jisroel. Sejmdeputat Rabbiner Lewin: Befreiung. I. M. Lewin: Erreichtes und Erstrebtes. Senator Mendelsohn: Agudas Jisroel und Politik. Sejmdeputat L. Minzberg: Stärkt die Organisation. Jacob Landau: Die Unterhandlungen zwischen der Agudas Jisroel und der zionistischen Organisation. Rabbiner Tobias Horovitz: Es kommt die Periode der Reife. Wolf Jacobson: 20 Jahre Agudas Jisroel. — Die zweite Abteilung des Heftes ist ganz Erez Jisroel gewidmet, dann folgt der hebräische Teil mit reichem Erinnerungsstoff aus den Kattowitzer Tagen und Aufsätzen von Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, Ehajim Jisroel Eiß, und belletristischem und poetischem Material.

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