Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1932)
- Date
- 1932-07-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 30 Der Israelit 21. Juli 1932 g'ttlichen Sittengesetzes betriffst so sollte man einem philosophischen Denker nicht erst sagen müssen, das; ehrliche Auslegung offenbarter und apriorische Neuschöpfung autonomer sittlicher Grundsätze zwei grundverschiedene Dinge sind. Cs scheint uns also, das; Wohlgemuth doch wohl recht hat und Chrenfeld in seinem advokatorischen Cgalisicrungseifer im Unrecht ist. Dennoch würde man den Verfasser ungerecht beurteilen, wenn man übersehen wollte, das; er im weiteren verlaufe seiner Darstellung selber eine Reihe denkmäsziger Argumente liefert, die objektiv den Beweis erbringen, daß der ganze Vorwurf der „tzeteronomie", den man seit Kant gegen die jüdische Ethik schleudert, und den insbesondere Hartmann mit beleidigender Vehemenz popularisiert hat, jedes Sinnes entbehrt. Das entscheidende Woment hierfür aber, das Lhrenfeld deshalb an die Spitze seiner ganzen Untersuchung hätte stellen müssen, statt es nachträglich ohne rechte Konsequenzen hervorzuholen, ist die Identität des G'ttes der Offenbarung mit der Weltvernunft und die in der Schöpfungsgeschichte verbriefte unmittelbare Abstammung des Aienschcngeistes (also auch der Vernunft) aus dem G ' t t c s g c i st c. So gewiß die „praktische Vernunft" in tausendfacher Abstufung und Schattierung vom primitiven Höhlenbewohner bis zur Psyche Immanuel Kants existent war und ist, und so gewiß dennoch schwere sittliche Konflikte von jenem Troglodytcn anders und weniger richtig gelöst werden würden als von dem durch die Schule der Jahrtausende gegangenen Weisen, so sicher ist die von der Offenbarung derWeltvcrnunft erleuchtete und geleitete Alenschenvcrn u n f t der b l o ß a u f s i ch s e l b ü g e st e l l t e n, in ihrem Autonomie-Götzentum befangenen irrenden I n d i v i d u a l v e r n u n f t jederzeit überlegen. Diese Heteronomic des offenbarten G'ttesw illens ist die Vorbedingung für die wahre Autonomie des i m Ri e n f ch e n lebenden Funkens der Weltvernunft, der ohne diese Offenbarung sonst in der natürlichen Befangenheit und Kürze des Denkens — ganz abgesehen vom Trieblebcn — allzuleicht verlischt. Ls hätte für Chrenfeld nur eines kurzen iveiteröenkens bedurft, um aus dem prächtigen elften Kapitel seiner Schrift eben diese hier angedeuteten Konsequenzen zu ziehen und damit der Notwendigkeit seiner demütigenden undwahrhcitswidrigenApologieder jüdischen Lthik vor der Kantischen A nt o n o m i c f o r m e l los und ledig zu werden. Roch ein weiteres wichtiges Rioment aber ist es, das bei Chrenfeld gänzlich zu kurz gekommen ist durch die einseitige Festnagelung der jüdischen Lthik auf den Kantischen pflichtbegriff und die dadurch bedingte willkürliche Entwicklung zentraler jüdischer Wahrheiten aus einem „Zipfel" heraus. Hierüber muß, um des Prinzipes willen, noch ein Wort gesagt werden. Die f o r male Üebereinstimmung der jüdischen Sittlichkeit mit dem Normbegriff des kategorischen Imperativs liegt auf der Hand, und wenn auch Hermann Cohens Behauptung offensichtlich unwahr ist, es sei n u r ein Unterschied in der „Älethode der Formulierung", ob das Gesetz G'ttes oder die autonome Vernunft den sittlichen Willen bestimmt, so liegt doch die scharfe, fast brutale Herausarbeitung des Norm-Begriffes und die Bevorzugung der Pflicht vor der Neigung, wie sie das moderne Bewußtsein dem Weisen von Königsberg verdankt, durchaus in der Linie der offenbarten jüdischen Sittenlehre. Ungesucht und ohne alle gewollte Anähnelungstendenz springt die Wiederentdeckung der alten jüdischen Weisheit: „Der aus Pflicht Handelnde ist größer als der ohne Verpflichtung aus bloßer Neigung Handelnde" durch Kant in die Augen. Aber die Unzulänglichkeit des kategorischen Imperativs in allen Kantischen Formulierungen, selbst wenn man die „Idee der Menschheit" hineinbringt, ist heute doch wohl so ziemlich von allen philosophischen Richtungen — abgesehen von einigen orthodoxen Kantianern — anerkannt. Was der Formel gänzlich fehlt, ist die Berücksichtigung der objekt i v c n Z w e ck e, die der Weltverlauf realisieren soll, und über die keine Cthik hinwegsehcn kann. TTlit noch so guter Gesinnung kann eine Handlung u n - sittlich sein, sobald sie objektiv den Zwecken des Weltprozesses, jüdisch gesprochen den Zielen der g'ttlichen Weltordnung, zuwiderläuft. Steht das aber fest, so verlieren ja die Behauptungen, es bedürfe zur Begründung des Sittlichen keiner Offenbarung und cs ließe sich das ganze Sittengefetz überhaupt auf die Nadelspitze einer mehr oder minder psychologischen Formulierung stellen, jeden Boden. Denn, wenn wahres sittliches Handeln die K e n n t n i s der objektiven Welten zwecke oder zum mindesten eine gewisse Klarheit darüber voraussetzt, wie soll sich dann Sittlichkeit auf die bloße Intuition der praktischen Vernunft gründen lassen? Ohne eine gewaltige Vorarbeit des Intellekts kommt man dann nicht aus, und man wird es, dies vorausgesetzt, den Vertretern einer Offenbarungsreligion gewiß auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht verübeln können, wenn sie den g'ttlichen Intellekt dem menschlichen als überlegen erachten und die höchste, edelste Betätigung des letzteren in der Ermittlung der reinen sittlichen Norm aus den vom G'ttesgeist offenbarten Nlaßst ä b e n (.id^.i 11-12) erblicken. Die offenbarte jüdische Cthik zeigt ihre objektive, ihres g'ttlichen Ursprungs würdige Wahrheit gerade dadurch, daß sie in voller Ebenbürtigkeit ' den Kantischen F 0 r m a l i s m u s in seiner Strenge die psychologischen Triebfedern des-Sittlichen und drittens die Cinfügung des sittlichen Handelns in die Förderung der objektiven Zwecke zn einheitlich gegliederter Harmonie zusammensaßt. Sie darf beanspruchen, als T 0 t a l i t ä t auf Grund des Gesamtaspekts ihrer Ouellcn erfaßt und der Zipfel-Weisheit subjektiver Weltdeutung ü b e r g e 0 r d n e t zu werden, und sie hat es daher am allerwenigsten nötig, sich vor dem Forum einer einzelnen, noch so überragenden menschlichen Denkergröße zu rechfertigen. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Eine amerikanische Prognose für die deutsche Iudenheik. Das Organ der amerikanischen Bne Bris-Logen schreibt in seiner Juli-Nummer unter der Spitzmarke: „Was bedeutet Hitler?" folgendes: „Die Hitler-Partei wird, das scheint zweifellos, nach der Reichstagswahl vom 31. Juli die Regierung von Deutschland übernehmen, aber es muß dennoch ernstlich in Frage gestellt werden, ob Adolf Hitler danach der wirkliche Gebieter Deutschlands werden wird. Cs scheint uns, daß über Hitler die Grupp des alten deutschen Adels stehen wird, die gegenwärtig die Regierung leitet. Zwischen diesen Leuten und Hitler scheint zwar volles Cinverständnis zu herrschen und es war ja ihr Einfluß, auf den hin Präsident von Hindenburg den Reichstag auflöste und nach den Wünschen der Nazisdie Neuwahl anordnete. Cs darf jedoch vermutet werden, daß Präsident von Hindenburg, gerade weil er sah, daß Hitlers Sieg unvermeidlich sei, diese mächtige Gruppe vorschob, um in Deutschland das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten gegenüber dem gefährlichen Ansturm unverantwortlicher Demagogen gegen den Bestand der deutschen Wirtschaft. Hitler wird zwar die Regierungsmaschinerie beherrschen, er mag Kanzler werden. Aber es ist nicht denkbar, daß die alte' Aristokratie, nachdem sie einmal, nach 14 Jahren, endlich wiederln den Sattel gesetzt wurde, Hitler mehr gestatten wird als den Schein der Wacht. Wenn diese Voraussetzungen richtig sind, so darf man fragen, was der deutschen Juden wartet. Wir möchten glauben, daß die Auspizien nicht allzu schlecht Bekrachkungen zu om’s nsns* Von Rabbiner Danach in Frankfurt a. 2H. Eine wahre Heldengestalt von seltener Art ist Pinchas, der Sohn Elasars, nach dem unser heutiger Wochenobschnitt benannt ist. Ungewöhnliche Entschlossenheit und felsenfestes Vertrauen zeigte er, als er einer sittlich entarteten Menge entgegentrat. Kein Zögern und Zaudern, kein Zagen und Fürchten kannte er im Moment, wo es galt, für die Ehre G'ttes einzutreten. Von zwei Gesichtspunkten aus kann das mutige und mannhafte Auftreten Pinchas gewertet werden. Entweder als ein Zeichen angeborener Rücksichtslosigkeit und Tollkühnheit, die er von seinem götzendienerischen Ahnherrn Jethro ererbt hatte (vergl. Raschi zu Vers 1). Andererseits war er aber auch ein Enkel Ahrons des Friedensfürsten, der dem Volke selbst bei der schwersten Egelsünde nicht energisch genug entgegentreten wollte, weil er in seiner allzugroßen Menschenliebe es vorzog, schwere Schuld aus sich zu laden. Ahron, in dessen Verdienst die 1122 »aw Israel begleiteten als Symbol dafür, daß nanx noan v'vvs l>2 brr, daß alle Schwächen des irdischen Menschen vom Mantel der Liebe umhüllt werden. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist Pinchas Tat viel höher einzuschätzen und erscheint seine Handlung in fast übermenschlicher Höhe. Darum betont hier die hl. Schrift man jmx 12, er als Nachkomme Ahrons, der von Natur aus so gütig und milde veranlagt ist, er soll als Lohn das Friedensbündnis erhalten. Warum gerade diesen Lohn? Als Nachkomme Ahrons, der allen G'ttesgeschöpfen mit Sanftmut und Liebe entgegentrat, konnte Pinchas durch Zweckel und Bedenken beunruhigt sein, nicht im Sinne seines Großvaters Ahron gehandelt zu haben. Darum vx jnn '2in ^«7 'n'12 kündet Haschem grade ihm Friede. Friede und Harmonie mit seinem eigenen Ich. Das Wort der Midraschweisen ros? Vib’ip xin i’ia, das übrigens im Worte G'ttes auch angedeutet ist, kann auch folgenden Gedanken aussprechen. Verschiedene Kommentatoren begründen die Tatsache, daß Haschem das g'ttgefällige Wirken im diesseitigen Leben nicht belohnt, damit, daß der Mensch, so lange er lebt, sündigen kann und im gegebenen Fall seinen Lohn verliert. Wer aber andere zur Mizwoh bringt, der sündigt nicht so leicht. Pinchas, der es verstanden hat, seinem Geschlecht ein Retter zu sein, hat sich das unsterbliche, unvergängliche Verdienst erworben, von dem die Weisen behaupten '"v nxa xvn j'x warn nx nawn t>2 darum ii2V bwv N12: er darf mit Recht schon im diesseitigen Leben den Lohn erhalten. Er soll von nun ab das seelische Gleichgewicht, die innere Harmonie haben und keinen Kamps mehr führen, um sich zur guten, g'ttgefälligen Tat emporzuringen. Aber wie wirkt sich diese Belohnung aus? Wird nicht dadurch, daß ihm dien^'na. die freie Willensentscheidung, der Kamps zwischen Wollen und Sollen, genommen ist, sein Anteil an einer sittlichen Tat beeinträchtigt? Darum sagt G'tt weiter imni I'INX unr!?i li» „Der Lohn bleibt ihm und seinem Nachkommen nach ihm." Wenn in später Zukunft G'tteseiferer aufstehen, um den Kampf für Haschem und die Wahrheit zu führen, so hat Pinchas als Lehrmeister des G'tteskampfes Löwenanteil an deren Wirken. Unser Wochenabschnitt fällt zumeist mit den ersten der drei Trauerwochen zusammen und nicht ohne tieferen Sinn. Drei Wochen fordert das Religionsgesetz von jedem wahrhaften Iehudi, um Zion und Jeruscholajim zu trauern. Und wenn wir den Zerfall des jüdischen Reiches lebendig vor unser Auge treten lassen, so werden wir daran erinnert, daß es sowohl zur Zeit des jaiin als auch in unserer Zeit an Pinchas gleichgesinnten Männern gefehlt hat. pxn ma« na bv müssen wir uns fragen, warum ist das Land zu Grunde gerichtet worden? Und die Antwort unserer Weisen im Talmud ist noch immer beherzigenswert gebliebenn'i"nn 011021212 xi>V brr: man empfindet keinen Segen an der früheren Thora. Veraltet und unmodern, dem heutigen Zeitgeist nicht entsprechend, und wie all diese Schlagworte unserer Zeit heißen, um der Thora den Rücken zu kehren. Darum stimmen wir in die Klage Jeremias ein: na’x — ach wie — die nach dem Jalkut folgenden Sinn hat: qsir '»n» na mx w 0 erfüllte sich das Wort G'ttes: „So soll Dein Nachkomme sein." Die Kinder sind am empfänglichsten für Freiheit und werden am schnellsten vom modernen Zeitgeist erfaßt. Besonders jetzt als nun ja — in der Ferienzeit, da will man die herrliche Natur voll und ganz genießen und manche Eltern, die noch tiefreligiös veranlagt sind, gewähren dem Kinde zu viel Freiheit und vergessen das alte Wort der Weisen nnna poiye? w x^x piin ja *jV jw- Möge der Geist des alten Pinchas n'^x nr Jugend und Alter beseelen, damit sich bald das Wort des Propheten erfülle: xnani Vnin 'n bv> xa traw nx naV n^iv um •oniax bv n’aa ai>i ona brr max aV 2'v.ii , Berantw örtlich für den allgemeinen Teil und das' Feuilleton S. Sch achnorvitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. 58.: ®. Schach' nowttz, ebenda. — die pädagogische Veilaae: Lehrer Kaufmann, in Sprendlingen lKr. ^ffenbach). — BerlaS des Israelit und Hermon ®. m b. tz., Frankfurt a. M. — Dru»,' Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.