Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1932)
- Date
- 1932-07-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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jftuilleto* Der «alle Jerusalemer Jude". Geschichten von und um Rabbi Lhajim Sonnenfeld. Die Auslieferung. Cs geschah einmal, daß ein junger Araber aus vornehmster Scheichfamilie durch einen jungen Juden ungewollt getötet wurde. Cs geschah im wilden Spiele, das bei den Arabern sehr leicht in Lrnst übergeht. Die Sache trug sich in der alten Iudengasse zu nn'd der junge Jude flüchtete in seiner Rot in das kleine Rabbihaus. Rabbi Lhajim erschrak, als er den Sachverhalt aus dem Munde' des Flüchtlings vernahm, versprach ihm aber vollen Schutz. Da von den freunden keiner seine Hand mit im Spiele haben wollte, versteckte ihn Rabbi Lhajim mit eigener Hand und erklärte sich entschlossen, den Juden mit dem eigenen Leibe zu schützen. Der Araber, besonders der Sippe des Crmordeten, bemächtigte sich grösste Aufregung. Cs war auch durchgesickert, daß der Mörder Schutz beim Rabbiner gesunden hatte. Rabbi Sonnenfeld wurde zum Gouverneur beschieden und von diesem angehecrscht: „Wo steckt der Mörder?" In aller Ruhe, mit kühlem Tone gab der Rabbi zurück: „Cs ist keine Polizeigewalt in meine Hand gegeben. Ich bin ein kleiner jüdischer Rabbi. Mörder zu suchen, ist Sache der Regierung und ihrer Polizisten, nicht meine." Der Gouverneur kam in Zorn: „Cs ist aber bekannt, daß Ihr den Aufenthalt des Mörders kennt, also habt Ihr die Pflicht, ihn uns sofort auszuliefern oder seinen Aufenthaltsort zu verraten." „Cs kann nicht meine Pflicht sein," blieb Rabbi Lhajim ruhig, „Angeberdienste der Regierung zu Kisten, ich bin nicht dafür bestellt." Der Gouverneur drohte, Rabbi Lhajim zu verboten und ihm durch Folterungen die Angaben abzup ressen. „Damit habe ich gerechnet," sagte Rabbi Lhajim, „darum habe ich gleich Gebetmantel und Tefillin mitgebracht." Damals war A n t e b i, der bekannte Bevollmächtigte der Alliance, der mächtigste Mann in Jerusalem. Der Gouverneur wandte sich nun an Antebi und verlangte von ihm kategorisch, die Herausgabe des Mörders durchzusetzen. Antebi berief noch am gleichen Abend alle Führer der Stadt Jerusalem zu einer geheimen Sitzung ein, zu der auch Rabbi Lhajim geladen war. Auf der Sitzung wurde einstimmig beschlossen, mit Hinblick auf die Gefahr für die ganze Gemeinde den Schuldigen p r e i s z u g e b e n. Rabbi Lhajim aber schüttelte nur mit dem Kopfe und sagte, alle Beschlüsse würden nicht imstande sein, ihn Zum Denunzianten M machen. Antebi geriet in wilde Wat, so daß er, alle Rücksichten außeracht lastend, dem Rabbi die schlimmsten Vorwürfe und Beleidigungen an den Kopf warf. Ohne Spur von Lrregung trat nun Rabbi Lhajim an den donnernden Antebi heran, berührte sanft seine Hand und sprach: „Das würden Sie, Herr Antebi, gesagt haben, wenn der unglückliche junge Mensch, dem das Verhängnis chre eigentliches Verschulden widerfahren ist, Ihr einziger Sohn wäre?" Antebi war entwaffnet. Cs gelang später dem jungen Manne, über die Grenze zu kommen und die Sache verlief im Sand. Freunde fragten Rabbi.Lhajim, warum er, ungeachtet der Gefahren, sich mit seiner ganzen Person für diesen, vielleicht doch nicht ganz unschuldigen Denschen eingesetzt hätte und nicht dem Recht seinen Oanf ließ. Rabbi Lhajim antwortete: „Hätte ich damit rechnen können, daß der Angeklagte vor ein reguläres Gericht gestellt würde, ich hätte ihn der Gerechtigkeit nicht entzogen. Hat jemand Schuld auf sich geladen, so ist es Sache des Gerichtes, zu ermessen, ob und in welchem Maße sie Sühne erheischt. Hier aber war es eine wilde Meute, die ihres Opfers wartete. Die fanatischen Menschen hätten den Unglücklichen schon erschlagen, bevor er noch die Türe des Gerichtes erreicht hätte. Vor solchem Tode ohne Kläger und Richter haben wir Menschen, die Zuflucht bei uns suchten, auch unter eigener Gefahr zu schützen. Cs steht geschrieben: „Stehe nicht still bei dem Blute deines Nächsten ..." Line Geschichte mit einem Konsul. Limnal geriet Rabbi Lhajim Sonnenseld in einen schweren Konflikt mit dem Generalkonsul von Oesterreich-Ungarn, der sich nicht durch besondere Liebe für die Juden auszeichnete. Die Sache hing mit dem Diskin'schen Waisenhause, zu dessen Vorstehern bekanntlich Rabbi Sonnenfeld gehörte, zusammen. Im Diskin'schen Hause war ein Waisenjunge aus Aegypten namens Menasche untergebracht. Lines Tages kam die Mutter des Knaben, holte den Jungen heraus und führte ihn der katholischen Mission zu. Alle Interventionen bei der Mission blieben nutzlos. 2ln einem schönen Morgen machten die Kinder der katholischen Missionsschule einen Spaziergang durch die Altstadt. In der letzten Reihe schritt auch Menasche im Kreise seiner Kameraden. Lin alter Jude erkannte den Knaben, packte ihn am Arm und lief mit ihm durch die engen Gasten, was er laufen konnte, bis zum Hause von Rabbi Sonnenseld. 2lls die Missionsschwester das Fehlen des Knaben entdeckte, war dieser bereits im Rabbihause in bester Sicherheit. Bemerkt sei noch^ daß der Junge selbst unter der neuen Umgebung seelisch schwer litt und sich nach dem Waisenhaus furchtbar zurücksehnte. Rabbi Lhajim nahm den Jungen auf, pflegte und betreute ihn, und nach wenigen Tagen war er wieder in bestem Gewahrsam im Diskin'schen Waisenhause. Die Misstonsleitung, die den Lntführer nicht kannte, aber in Ccfahrung gebracht hatte, daß Rabbi Sonnenfeld seine Hand mit im Spiele hatte, verklagte den Rabbi beim Oesterreichischen Konsulat (es war zur Zeit der „Kapitulationen", da man Ausländer nur vor den Konsulaten ihrer Länder zur Rechenschaft ziehen konnte). Der Konsul ließ den Rabbi kommen und verlangte die sofortige Herausgabe des Kindes. Der Rabbi lehnte kühl ab und berief sich darauf, daß das Kind wider Recht und wider seinen Willen aus seinem Heime im Waisenhause entführt wurde. „Wenn in zwei Tagen der Knabe nicht herausgegeben ist," drohte der Konsul, „werde ich Cuch aus dem Lande weisen, wozu mir das Recht zusteht." Rabbi Sonnenfeld richtete sich in seiner ganzen Größe auf: „Dazu steht Ihnen das volle Recht zu. Ich werde der 2lusweisung folgen, bin aber sicher, daß ich mein Recht in Wien finde. Und ich hoffe zuversichtlich, daß das Schiff, das mich wieder nach Palästina bringt, den Herrn Konsul aufnimmt, um ihn zurück nach Oesterreich zu bringen ..." Rabbi Lhajim wurde nicht ausgewiesen. 2lber schon nach kurzer Zeit hatte der Konsul das Schiff betreten, um Palästina zu verlassen. Die Vorsteher des ungarischen Kolel waren nicht entschlosten, die Beleidigung ihres Rabbi hinzunehmen und ruhten nicht eher, als bis vom Ministerium in Wien die Abberufung des Konsuls verfügt wurde. Ls sei bemerkt, daß bei sonstigen Gelegenheiten, wo eg sich nicht gerade um Gewaltakte handelte, jede staatliche Verordnung von Rabbi Lhajim als heiliges Gesetz anerkannt und beachtet wurde. Cr duldete in seiner Umgebung nicht, daß die kleinste behördliche Maßnahme umgangen wurde. Lrlebnis bei einem Leich engeleite. Roch bis in den letzten Jahren pflegte Rabbi Lhajim trotz Alter und Schwäche bei Leichenbestattungen den schwierigen Weg bis zum Oelber ge zu ina- Nr. 29 im chen, besonders wenn es'sich um die Bestattung eines Gelehrten handelte. Als inan ihn bat, doch seine Kräfte zu schonen, gab er zur Antwort: „Cs ist leider die einzige Chre und das einzige Vergnügen, das wir den Thoragelehrten in Jerusalem, die im Leben kaum eine heitere Stunde haben, noch bereiten können ..." „Ich bin bald fünfzig Jahre Mitglied der Heiligen Bruderschaft," pflegte er auch zu sagen, „und sehe nicht ein, warum ich mich mehr schonen soll, als die anderen Genossen." Cinmal, es war am Rüsttage zum pesachfeste und Freitag nachmittag, zog ein Leichengeleit zum heiligen Berge. Cin bedeutender Talmudgelehrter wurde zu Grabe getragen, Rabbi Lhajim war natürlich dabei. In der Nähe von „Iad Absalom" sahen die Träger plötzlich, wie ihnen ein gewaltiger Zug von der Ierichostraße entgegenkam. Ls war ein 2lraberzug zu Chren des Festes R a b i a l M u s i. Klan weiß, was das bedeutet, es empfiehlt sich nicht für einen Juden, den ait solchem Tage doppelt fanatisierten Massen in den Weg zu kommen. Ls war nämlich in den unruhigen Zeiten, kurz nach denk ersten Pogrom. Die Träger kalkulierten: „Gelingt es nicht, mit der Bahre den Oelberg vor Ankunft der Prozession zu erreichen und wird inzwischen der Weg von dieser abgeriegelt, so ist an eine Bestattung vor dem Feiertag (Sabbat) nicht mehr zu denken. Ls bliebe nichts anderes übrig, als mit der Leiche in eines der jüdischen Häuser zu gehen und dort dieselbe bis Sabbatausgang aufzubewahren. Vielleicht aber konnte man es noch packen und im Lauftempo den Friedhof, bevor noch die Arabermenge den Berg hinuntcrgekommen ist, erreichen. Die Träger konntne es wagen.'- 2lber was machte man mit den 2llten und Rabbi Lhajim an deren Spitze, denen man doch gewiß nicht zumutcn konnte, im Laufschritt den Weg zu machen? Liner von der Bruderschaft trat ehrerbietig an Rabbi Lhajim heran und klärte ihn flüsternd über die Situation auf: „Die Träger müssen ihre ganze Kraft zusammennehmen und ihre Schritte beschleunigen. Sie könneir doch aber den Rabbi nicht allein hier lassen. So bitten wir den Rabbi zu verzeihen, wenn einige, von uns ihn nach Hause begleiten . . „Wer sagt denn das, daß ich nicht laufen kann?" gab Rabbi Lhajim zurück. Und schon schritt er kräftig aus und lief vor der Bahre her. Cr war um einige Minuten früher am Ziel als die Träger. Rabbi Lhajim zählte damals 78 Jahre, war gebrechlich am Körper und ein Riese an Geist. Die Liebe zur Guttat beflügelte seine Kraft. Roch vor zwei Jahren, kurz nach den Pogromen ging er am Sabbat, in Talith gehüllt, durch das R a b l u s t o r, die gefährlichste Gegend, ganz allein, um dort eine Miloh zu vollziehen. „Cs ist große Gefahr," ermahnte man ihn, „kein Mohel will dahin." „Eben darum muß i ch hin, weil cs kein anderer tut und ein jüdisches Kind in den Bund 2lbrahams eingeführt werden muß." Man erbot sich, ihn zu begleiten. Cr lehnte entschieden ab. „Mir wird nichts passieren," sagte er. „Ich habe aber nicht das Recht, das Leben Anderer, in Gefahr zu bringen!" (Schluß folgt.) m AM der Agudas Jisroel in Palästina. X. Eine Stadt,' die keine ist. Von weiteren Städten sei noch Afule, die immer noch auf diesen Namen hört, obwohl sie in allen Verzeichnissen der zionistischen Informationsbüros als „Ir Jesreel" bezeichnet wird, genannt. Als der Aufbaurausch km Emek einsetzte und dort eine Kolonie neben der anderen, Kwuzah neben Kwuza entstand (in knapp zehn Jahren 2H Niederlassungen), mußte man eine Stadt schaffen als Zentrum für das rapid aus dem Boden wachsende Hinterland. Man wählte das arabische Dorf i! „J B B