Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1932)
- Date
- 1932-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 29 Der Israelit 14. Juli 1932 Sublimierung gelingen leichter, wenn der Jugendliche in seinem Streben nicht für sich allein steht, wenn ein entsprechendes Crziehungsmilieu ihn stützt. Gibt es aber keine Schädigungen derGes u n d h e i t durch Enthaltsamkeit? Als eine dieser Schädigungen gilt die Selbstbefriedigung, die namentlich in der männlichen Jugend sehr verbreitet ist. Ls gibt nicht wenige Aerzte, die zur Heilung dieses Nebels sogar zu vorehelichem sexuellem Ausleben raten. Indes die Hygiene hat heute erkannt, das; die gesundheitlichen Gefahren der Selbstbefriedigung nicht allzu hoch eingeschätzt werden dürfen. Darum ist man — schon vom medizinischen Standpunkt — keinesfalls berechtigt, den jungen Mann der Prostitution in die Arme zu schicken und ihn so noch schwereren Gefahren, insbesondere auch den Geschlechtskrankheiten auszusetzen. Was aber sagt die jüdische Ethik dazu? Die Selbstbefriedigung, die mit Samenvergeudung einhergeht, wird aufs schärfste verurteilt. Aber auch das außereheliche Sexualleben ist an allen Ecken und Enden mit schweren religiösen Versündigungen belastet. Mancher Sachverständige wird sich schon mit der Frage geplagt haben, was das geringere Nebel von beiden sei. Doch diese Frage ist nur von theoretischem Interesse. Cs heißt in Wirklichkeit ja nicht entweder — oder, sondern keines von beiden. Denn Selbstbefriedigung ist auch ohne Preisgabe d e r C n t h a l t f a m k e i t in der Regel heilbar. Zwar nicht von heute auf morgen. Aber wenn man neben den eigentlichen medizinischen Heilmitteln die psychischen Kräfte in geeigneter weise aktiviert, wenn man im Rotsalle auch die modernen Seelen-Heilmethoden zur Anwendung bringt, dürfte ein Erfolg im Laufe der Zeit bei gutem willen kaum ausbleiben. von erheblichem Nutzen sind schon die einfachen Methoden der Stärkung des Willens zur Bekämpfung der gewohnheitsmäßigen Selbstbefriedigung, wie sie Martindale^) empfiehlt. Aber wird durch einen derartigen seelischen Kampf um die Abstinenz nicht das Nervensystem Schaden nehmen? lautet die übliche Frage. Hören wir zwei Sachverständige! Moll 4) äußert sich dahin, daß dicAbstinenzansichunschädl i ch sei. Wenn sie bei Nervösen die Arbeitsfähigkeit und den Schlaf beeinträchtigen kann, so ist das nicht ohne weiteres ein Grund, den außerehelichen Verkehr anzuraten. Auch dieser kann hygienisch schäd- 3) Zitiert nach Kolnai, S. 256. Berücksichtigung der verminderten Rolle des Willens, doch keine zu nachsichtige Beurteilung. „Entdeckung des Willens" in kleineren Ueberwindungsakten und mittels „Zerkleinerung der Aufgabe" durch Absteckung von „Terminen", innerhalb welcher keine Unkeuschheit geschehen soll. Bolle Bewertung aller „Erfolge" trotz der Rückschläge usw. lich sein . . . Auch Förster4) gibt zu, daß die Enthaltsamkeit gewisse nervöse Krisen verursachen könne, dafür sei sie geeignet, einer Charakterfestigkeit den Grund zu legen, die vor viel schlimmereck Nervenstörungen bewahrt. Cs sei lehrreich, daß gerade heute, wo „Ausleben" Trumpf ist, so viel über „Nervosität" geklagt wird! Man darf noch hinzufügen, daß viele Nervöse geneigt sind, ihre anderweitig bedingten Beschwerden zu unrecht der Abstinenz in die Schuhe zu schieben und daß — wenn wirklich nervöse Störungen entstehen — sie nicht selten im letzten Grunde darauf beruhen, daß der Nervöse von der Schädlichkeit der Enthaltsamkeit überzeugt ist. Sie schwinden nicht selten, wenn man den Träger von der Irrigkeit seiner Voraussetzung überzeugen kann. Zusammensassend können wir uns hier der Auffassung Kol n a i s anschließen: Nicht auf Leugnung etwaiger Störungen des allgemeinen Wohlbefindens kommt es an, sondern auf den Mut, zu bekennen, daß solche Unzukömmlichkeiten allenfalls mit in Kauf genommen werden müssen, daß sie der Unsittlichkeit und der Gefährdung von Lebensaufbau oder religiöser Lebenswidmung vorzuziehen seien. Wir werden uns also nicht einer niedrigen Apologetik schuldig machen, wenn wir umgekehrt darauf Hinweisen, daß gewisse gesundheitliche Vorzüge einer vorehelichen Abstinenz zuerkannt werden. Reich 5) und ebenso Almkvist beides Gegner einer vorehelichen Abstinenz, müssen zugeben, daß es für die Jugend gesundheitsschädlich ist, vor dem Abschluß der körperlichen Entwicklung (19 Jahre, häufig noch später) sexuelle Verbindungen einzugehen. Es kann noch hinzugefügt werden, daß die Vermeidung einer Anspannung der Fortpflanzungsorgane. sogar zu einer Kräftigung der übrigen Organe zu führen pflegt. Eine alte Erfahrung lehrt dies. Denn Meister des Sports pflegen sich vor einem Kampfe, der starke Anforderungen an Muskeln, Nerven und Gehirn stellt, vom Geschlechtsleben fernzuhalten. Auf diese Weise kommen die wertvollen Zeugungsstoffe dem eigenen Körper zu Gute. Wir hatten eingangs gesehen, daß der jugendliche Jude nicht ohne Rüstung im Kampf um seine Reinheit steht. Aber es wäre vermessen, zu behaupten, daß durch diese Rüstung allein schon der Sieg garantiert sei. Das Gegenteil ist der Fall. Cs bedarf in der Regel eines lang dauernden Kampfes, eines zähen, unbeugsamen willens. Nicht selten kommen Perioden des Unterliegens, aber auch diese werden den starken willen nicht brechen können, 4) Zitiert nach Kolnai, S. 288. B) In „Sexualnot und Sexualreform", S. 81 u. S. 316. bis ihm schließlich doch die Palme der Reinheit gereicht wird. Und diese vom Judentum geforderte Kraft und Zeit des schweren Ringens um Reinheit ist nicht nutzlos vertan. Denn es schließt auch ein Ringen um körperliche und seelische Reife in sich. b) D i e F rü h e h e. Der Kampf stählt, der Kampf gefährdet aber auch um so mehr, wenn er unnatürlich lange währt. Drum hat man stets die Früh ehe als vornehmlichstes Mittel einer kausalen Therapie gegen die sexuelle Not des Jugendlichen mit Recht empfohlen. „Mit 18 Jahren wird der Mensch reif für die Che." Daß die Reife für die Ehe aber nicht der einzig ausschlaggebende Faktor für den Entschluß zur Che sein kann, ist ebenfalls jüdische Auffassung. Die Thora lehrt die Weise der Welt: erst pflanze der Mensch den Weinberg, dann baue er das Haus, dann trete er in die Che. Auf derartige soziale Gesichtspunkte ist es denn wohl zurückzuführen, wenn schon in alter Zeit — unter römischer Zwangsherrschaft — die Heirat zwischen 50 und 40 Jahren als Brauch der Welt angesehen wurde?) In der Frage der Frühehe ist ein M i t t e l w e g zu suchen zwischen einem sträflichen Leichtsinn, der sich auf Wunder verläßt, und einem gesunden G'ttvertrauen, das die Ueberzeugung gewährt: wer mit reinem willen kommt, dem wird vom Himmel geholfen, wo diese Mittellinie verläuft, ist generell unmöglich festzulegen. Hier sollte sich die Jugend mit Führern beraten, die in Leben und Thora erfahren sind und die den Grundzug des jüdischen Optimismus im einzelnen Fall anzuwenöen verstehen werden.! Zweifellos wird eine solche Entscheidung nicht nur die individuellen Verhältnisse berücksichtigen, sie wird auch den allgemeinen Zeitverhältnissen Rechnung tragen müssen. Heute wird dä als markantestes Charakteristikum der Zeit die Unübersehbarkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse anzusehen sein, wenn heute jemand auf Grund eines gesicherten Einkommens heiratet, so kann er morgen bereits stellungslos sein. Eine Gewißheit oder Wahrscheinlichkeit gibt es überhaupt nicht mehr. Gerade dies Moment, das als absolutes Chehindernis erscheint, hat eine eigenartige psychologische Wirkung ausgeübt, weite Kreise der Jugend — namentlich ostjüdischer Herkunft — fragen aus einer gewissen Verzweiflung an der wirtschaftlichen Zukunft heraus: worauf foll ich warten? ich werde in 5 oder 10 Jahren nicht mehr reale Basis haben als jetzt. Drum lieber jetzt nach Wunsch und Pflicht heiraten, denn das Risiko ist jetzt nicht größer als späterhin. Wenn man solche Iugend- 6) Siehe Julius Preuß, Biblisch-Talmudifche Medizin Berlin 1911, S. 528. Mtrnpnb ’a nnanxn xV |jp •(20,12 -Dian) Versuch einer Deutung. Von Dr. M. Ascher in Ber-les-Bains. Es existiert wohl kaum eine Stelle in der min, über die es so viele verschiedene Ansichten gibt wie über das Kapitel des Vergehens von rwn und pnx (XX, 7—13, *iamn npn). Der gewöhnliche Sterbliche hat wohl kaum ein Recht mitzureden, wo die Größten i-xiv'a ihre Meinung ausgesprochen. Als Versuch einer Deutung mag aber eine neue Erklärung immerhin ihre Berechtigung finden, zumal einige der großen Erklärer in Widerspruch zueinander stehen und so keine einheitliche Meinung gebildet werden kann. (n"bo) bsb nna min “ins- Worin bestand eigentlich das Vergehen Moscheh's, daß nach unserem dürftigen menschlichen Ermessen solch schwere Strafe die Folge sein konnte?! Zugegeben'aiipa «npx, daß G'tt durch die Ihm Nahestehenden geheiligt sein will, n*wwn vina iV>dx op-nxn n» pnpm n'apn. G'tt nimmt es mit den Gerechten haarscharf genau — so ist die strenge Ahndung dennoch schier unfaßbar, um so mehr als es sich angeblich doch nur um einen Irrtum handelte, in? nao nvr rPvn i>x nman mapn rnxv nn najp an® dx '2 ir»n xi> iran n®n 'in nvna mr»n s?Von na*t xm trnavn) 'in n'apn '->ai bv Sjanbelt es sich doch um keinen Geringeren als um den, von dem G'tt selbst bezeugt "«in pxa 'wa i>3aso daß auch pan*» seine Erklärung mit den Worten beginnt nV*Vn nV’Vndaß wir von ia’a*i n®n etwa, denken könnten, daß er daran gezweifelt hätte, ob sich aus dem Felsen Wasser ergießen könnte. Deshalb ist auch inai's Erklärung schwer annehmbar, wonach die Sünde Mosche's darin bestanden hätte, daß er «’xia statt r,st> gesagt habe. Vielmehr deutet das nbx®n m wohl schon darauf hin, daß der Satz rein fragend zu verstehen ist; nicht aber als ob es sich rn bei inan n®n um einen Zweifel gehandelt hätte, ob aus dem Felsen wirklich Wasser sprudeln werde, sondern etwa im Sinne von: Wir, pnxi n®nkönnen mir wohl Wasser aus dem Felsen Hervorbringen?! Mit Nichten! Ihr, b*r\w>f ihr werdet "leich Wasser aus dem Felsen hervorsprudeln sehen, doch nicht wir können dergleichen vollziehen, sondern es geschieht nur auf G'ttes Geheiß — man v"p» noam!» -pix «’xi sniv ia’xi naiv ia’X® nr s^o nn iax mini bp dipn bv und wenn schon dieser Felsen dem Worte G'ttes treulich folgt, so müßten wir Menschen es doch erst recht tun. — Dabei braucht das Wasser durchaus nicht, wie einige Erklärer wollen, erst jetzt in den Felsen zu kommen, vielmehr kann es sehr wohl auch schon vorher im Felsen gewesen sein, wie es ja heißt: mvs pn daß er seine Wasser gebe. Vielleicht war hinter oder unter dem Felsen eine unterirdische Quelle verborgen. Es muß sich schon um viel Wasser gehandelt haben, wenn die Gemeinde und das Vieh genug zu trinken hatten. Es war ja jPon der berühmte Felsen, der vier Namen hatte vi>v' nix, vrwn ns und 1X3 der Brunnen, der durch mm's mar Wasser spendete und beim Tode Miriams versiegte oder nicht mehr aufzufinden war. Dieser Brunnen soll wieder i'wn fe i n e Wasser geben, d. h. die Wasser, die in ihm enthalten sind, «iw px allerdings bemerkt: nsn «in ®*rp>a 'a tan« fix nspa «m sPon nn anna «in* 2)es^a^& übersetzt xiw px das Wort i'n'n mit ia inxv wn „die Wasser, die ich in ihn geben werde". Zu letzterer Annahme liegt jedoch keine Veranlassung vor, da für ^xitf' das Wunder darin bestand, daß es vorher kein Wasser hatte und nun durch G'ttes Willen Wasser in Fülle vorhanden war, wobei es ganz gleichgültig bleibt, ob das Wasser vorher im, hinter, unter dem Felsen war oder nicht. Es ist doch wahrlich schwer anzunehmen, daß vorher gar kein Wasser im Felsen gewesen sei und auf das Schlagen Mosche's hin trotz des Ungehorsams resp. Irrtums G'tt das Wunder nicht versagen ließ. Worin mag die Sünde des hohen Brüderpaares denn bestanden haben?! erkennt als das Vergehen ~ti vbon n«" Statt zu reden, habe nvn auf den Felsen geschlagen. Warum sollte es aber wohl nur Wunder fein, daß auf das Sprechen hin das Wasser komme?! Es ist doch sicher ein ebenso großes Wunder, wenn auf das Schlagen hin Wasser kommt. Da '"vn gesagt hatte nvnnnxnp und schon einmal bei ähnlicher Gelegenheit (17, 6 mn® ) befohlen hatte, enn nnn ixxn iixa man-, so mußte logischerweise zu schließen sein, daß hier neben dem s^vn Vx annan auch geschlagen werden mußte. Auch nach "na iraYs Erklärung, daß die Sunds n»»'$ darin bestanden hatte, doppelt auf den Felsen geschlagen zu haben, wäre schwer begreiflich, warum wohl im Doppelschlagen eine Beschränkung des G'ttvertrauens zu erblicken fei. "na man führt aus, pnxi n®n hätten , geglaubt, daß weil sich hier die G'ttesherrlichkeit nicht! wie sonst offenbarte, es nötig fei, aus den höheren Welten die Kraft des Segens länger andauern zu lassen. * Wie könnte dieser logische Gedanke wohl irgendwie ein Unrecht bergen?! "na man muß deshalb selber zugeben, daß pnxi n®n sich für unschuldig hielten, wie es ja auch heißt D33j«ai> 'a mynn. Wie sollen wir nun aber fassen, daß pnxi n®n im Glauben, G'ttes Willen zu erfüllen.