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Der Israelit · 1932-07-07 · Heft 28 (7.7.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 28 (7.7.1932)
Date
1932-07-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Jeuilietom Beilage ßr.2$ \m Typen aus einer alten Gemeinde. Von Hermann Löwinger. II. „General Flederwisch" und „meschuge Sorele". Ich sehe sie noch, als wäre es erst heute, die beiden noch übrig gebliebenen Spezialitäten des preßburger Iuöenghettos, den „General Flederwisch" und „meschuge Sorele", wie sie am Samstag Nachmittag auf den längs des Fole Lensches'fchen Hauses laufenden breiten Stufen neben einander sitzen. Beide die Rücken gegen einander gekehrt, und trotz dieser zum Gespräche nicht einladenden Situation von großen Gedankenpausen unterbrochenen Diskurse über die Schlechtigkeit der „jetzigen Welt", die nur Unheil bringenden Neuerungen, führten. Der „General Flederwisch" mit seinem schielenden Blicke und immerfort lächelnder Visage ist natürlich im- Sabbathelm, grünem Leibrock und weißen Leinwandhosen, und Sorele mit ihrem dummen, aufgedunsenen Gesichte, ihren kleinen Aeuglein und ungemein niederer Stirne, der Kopf umrahmt von einem großgeblumten Kopftuche, von einem Körperumfange wie ein Berg.. Ueber die Iudengasse ist eilte weihevolle Sabbatruhe gebreitet. Die Geschäftsläden sind geschlossen, die Gasse menschenleer, die Bewohner derselben haben sich zur Ruhe begeben und halten ihr Mittagsschläfchen. Nur einzelne spielende Kinöergruppcn bringen etwas Leben in die stille Iudengasse. Wer das Glück hatte, feine Jugendzeit in einer so streng religiösen, von wahrem G'ttesglauben durchdrungenen Gemeinde, wie es preßburg ist, zu verleben, dem wird die feierliche und weihevolle Stille, die an &ab* bau und Feiertagen dem Iuöcnviertel ein eigenes Gepräge verleihen, unvergeßlich bleiben. Diese beschauliche Ruhe nimmt erst ihr Ende, wenn gegen vier Uhr nachmittags der „Schulklopfer" „in die Schul" ruft und die zahlreichen andächtigen Beter in die verschiedenen „Schulen" zum Minchagebet sich begeben. Bis zu dieser Zeit herrscht am Samstag nachmittag „über allen Wipfeln Ruhe". So ruhen denn auch „General Flederwisch" und „meschuge Sorele" von den Arbeiten und Plackereien der Woche. . Daß der „General Flederwisch" kein veritabler General und daher seine Ruhe nicht den Mühen der in der Woche mssgemachten Manöver galt, brauchen wir wohl nicht erst zu sagen; wir werden schon gemerkt haben, daß diese Titulatur nur ein Spottname ist, wie sie noch immer in den alten Gemeinden ungerechterweise den von der Natur an Geist und Körper benachteiligten armen Menschenkindern von den Spottoögcln der Iudengasse beigelegt werden. Ts ist eine Eigentümlichkeit unserer Glaubensgenossen, dieser Sarkasmus, diese Spottsucht, und es scheint, daß wir uns für den Spott, den wir selbst von anderen Völkern zu erdulden haben, bei unseren eigenen Glaubensbrüöern schadlos zu halten suchen. „General Flederwisch" ist also nichts weniger als ein General, sondern ein „Träger", doch nicht eines großen Namens, sondern von nicht besonders schweren Lasten, die aber doch wegen seiner schwächlichen Konstitution und seiner krummen linken Hand manchmal seine Kräfte zu übersteigen drohen. Gewöhnlich wird er zum Holz- und Scholettragen und zu kleineren Trägerarbeiten mit Schiebkarren verwendet. , Seinen hohen Rang, den Generalstitel, hat er seiner krummen Hand zu verdanken. Die Spötter behaupten, daß er Soldat gewesen und im Kriege verwundet wurde. Zum Lohne dafür habe ihm die Preßburger Straßenjugenö den Chrentitel „General Flederwisch" beiglegt. In Wahrheit aber verdankt er diesen hohen Titel seiner alten Gepflogenheit, sich am purimfeste als General zu maskieren, und weil er auf seinem Generalshute, anstatt des obligaten grünen Federbusch, einen Flederwisch (Gänseflügel) anzustecken pflegte. Doch sei es wie immer, von den Gassenjungen wurde er als General behandelt. Kaum hat er Samstag Sorele verlassen und sich in die Iudengasse begebn, salutieren die in der Gasse spielenden Kinder, und in echt militärischer Weise wird er beim Vorbeipasfleren mit dem Rufe „Gewehr heraus!" und „Habt Acht!" begrüßt, welchen Ruf er gewöhnlich mit „tausend Kriees" und ähnlichen Verwünschungen beantwortet. Cs ist aber auch hochkomisch, zu sehen, wie §ie Gassenjungen beim Erscheinen des Generals plötzlich ehrerbietig Front machen und während der Größte unter ihnen „Gewehr heraus!" schreit, die anderen Burschen, in Reih und Glied ausgestellt, ehrerbietig salutieren, wie der General wütend die Fäuste ballt, den Lindern nachrennt, aber nie erwischen kann. Diese Schikanen, die er in der Gasse zu erdulden hat, vermochten nicht, seinen angeborenen Humor und seine Selbstzufriedenheit zu verscheuchen, wenn er an Wochentagen „gute Geschäfte" gemacht, so singt und jodelt er lustig beim Führen seines Schiebkarrens und am Samstag ist er immer bei guter Laune, wenn er neben Sorele auf den Stiegen sitzt und sie bespötteln kann. Ja, es ist eben bei uns der Hang zum Bespötteln so eingebürgert, daß sich ein General Flederwisch, der gewiß das Pulver nicht erfunden, die Spöttereien, die er immerwährend zu erdulden hat, an Sorele weitergibt. Und doch scheint Sorele einen. Anziehungspunkt für unseren General zu bilden. Das menschliche Herz ist nicht zu ergründen. Trotz seiner fortwährenden Spöttereien, mit denen er Sorele plagt, trotz der Gleichgültigkeit, die er ihr gegenüber an den Tag zu legen sich bestrebt, scheint der „General" doch Interesse für sie zu haben und so wie seine Generalsuniform am Purim nur eine Maske, so ist auch sein protziges Benehmen gegen Sorele nur Verstellung. Tr scheint zu tief in die schönen Augen Sorcles gesehen zu haben. Uebrigens wären sie kein so ungleiches paar; der „General" ist ein alter Junggeselle von 50 Jahren, dem es bis jetzt noch nicht gelungen ist, Eroberungen zu machen, und Sorele ungefähr im gleichen Alter. Leide teilen sie ein Schicksal, sie sind die Zielscheibe des Spottes in der Iudengasse. was Wunder, wenn der General im Geheinien an eine Verbindung mit Sorele denkt. Sorele ist überhaupt keine so schlechte Partie. So dumm und blöd sie auch aussteht und ist, ist sie ein notwendiger Faktor in der Iudengasse. Soreles Hauptbeschäftigung ist nämlich W a s s e r t r a g e n , und ihre Nebenbeschäftigung Holzhacken. Zu der Zeit, in welcher unsere Skizze datiert, gab es in preßburg noch keine Wasserleitung und es war nur ein Brunnen in der Iudengasse, der wegen seiner Lage neben der Apotheke der „Apothekerbrunnen" genannt wurde. Dieser aber gab ein schlechtes ungenießbares Wasser. Dafür gab es außerhalb der Iudengasse, in der Gaisgasse, einen solchen, der wegen seiner Nähe zum Gebirge ausgezeichnetes Wasser gab. Da war es nämlich die Mission Soreles, in den heißen Sommermonaten die durstigen Kehlen zu befeuchten und frisches Wasser vom Gaisgassenbrunnen zu bringen, wofür sie außer einem Honorar von zwei Kreuzer per Butte, noch alle übrig gebliebenen Speisereste, wie ein altbackenes, acht Tage altes Brot und „Barchesstücke", manchmal etwas anrüchiges Fleisch gratis hinzubekam. Ts war aber auch spaßig anzusehen, mit welcher Gier, als wären es die besten Leckerbissen, sie diese Speisen verschlang, was Sorele nicht verzehren konnte, das steckte sie in einen Sack, der vollgepfropft war von verschiedenen Cßmaterialien und sozusagen eine Vorratskammer für Sorele bildete. So glich sie denn mit ihren zahlreichen Röcken und dem hinter denselben verborgenen angefüllten Sacke einer wandelnden Tonne. Trotz allem war sie doch in den meisten Häusern der Iudengasse ein gern gesehener Gast, und es gab keinen Feiertag JT und kein Familienfest, wo Sorele nicht für ihre Gratulationen an die „gnädige jungen Frauleben", die sie gewöhnlich 100 Jahre leben ließ, ihren Teil an Geld und Backwerken erhielt. Für unseren General Flederwisch hatte, wenn auch nicht ihre Person, doch aber ihre gute Tinnahme --ine Anziehungskraft, und so kam es denn, daß unser General an einem Samstag nachmittag mit seiner Liebeserklärung herausrückte und folgende Worte an Sorele richtete: „Hör' zu, Sorele, mir san zwa anschischtige Stock', jung sau mir auch nit mehr, mir könnten ganz gut miteinander wirtschaften, natürlich nit ohne Thuppe und Kiduschin. was sagst du dazu, Sorele?" Doch wenn jemand der Rleinung wäre, daß Sorele mit Freuden diesen Antrag angenommen hätte, ist er auf dem Holzwege. Zur Ueberraschung des Generals wies Sorele ohne lange Ueberlegung dessen Hand zurück mit den Worten: „Ich nehm' kan Trägler, der noch dazu e krumpe Hand hat, ich will mich aach nit in der Gasse Generalin Flederwisch Hasen lassen, und dann schnorren kann ich allan auch gehen." So bekam der General von Sorele einen Korb und seitdem waren beide geschiedene Leute. Den Samstag danach saßen sie wohl gewohnheitsgemäß auf der bewußten Stiege in der Iudengasse, aber ein Jeder an einer anderen Ecke derselben. Doch nach einigen Wochen, als sich der Groll ein wenig gelegt, rückten sie immer näher und näher und die Spöttereien fingen jetzt von Seite des Generals von neuem und. in verstärktem Maße an, um so mehr, da ihm die neu eingeführte Wasserleitung und erfundene Holzverkleinerungsmaschine zum Spotte gegen Sorele Anlaß gab. In der Stadt preßburtz wurde nämlich, wie in allen größeren Städten die Wasserleitung cingeführt und jedes Haus auch in der Iudengasse mit guten: Wasser versehen. Mit dieser neuen Cinführnng, die nicht wenig Aufsehen in preßburg erregte, wurde der Haupterwerb Soreles lahmgelcgt. Nach dem frischen Wasser aus der Gaisgasse war natürlich keine Nachfrage mehr und Sorele war Wasserträgerin gewesen. Anfangs, als diese Katastrophe hereinbrach, war Sorele untröstlich, gänzlich verzweifelt und stieß die schwersten Flüche gegen die Urheber dieser Neuerungen aus; doch da diese ihr natürlich nichts halfen, so begann sie resigniert zu werden. Die Zeit heilt alle Wunden und Sorele konzentriert nun ihre Haupttätigkeit auf ihre frühere Nebenbeschäftigung, das „Holzhacken" und versorgt nun die ganze Iudengasse mit Kleinholz. „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten"; es dauerte nicht lange und es drohte der armen Sorele auch auf diesem Gebiete eine vernichtende Konkurrenz, nämlich die Erfindung der Holzverkleinerungsmaschine. Die Spottvögel der Iudengasse sagen ihr schon den Ruin ihres einzigen Crwerbszweiges voraus, indem sie ihr das Gespenst dieser Tenfelsmaschine in den düstersten Farben malen. Diese Prophezeiungen sollten sich jedoch nicht ganz bewahrheiten. Zum Glücke Soreles wohnen in der Iudengasse zumeist die ärmeren und mittleren Klassen der jüdischen Bevölkerung, die nicht imstande sind, ihren Holzbedarf per Klafter aus den Meierhöfen, wo die Verkleinerungsmaschinen eingeführt waren, zu beziehen. Dieser Teil der jüdischen Bevölkerung kauft zumeist sein Holz bei den mit kleinen Wägelchen hecnmfahrenöen Slowaken, die die Teufelsmaschine genau so verabscheuen wie Sorele. So kann sie denn ihr Holzhackergewerbe in der Iudengasse betreiben. Doch der Frohsinn und die Zufriedenheit, die sich früher auf ihren: dummen Gesichte ausgeprägt, sind seit der Schaffung der Wasserleitung von ihr gewichen. Nur wenn hie und da in irgend einem Hause die Wasserleitung, beschädigt, den Dienst versagt, kann sie ihr schadenfrohes Lächeln nicht verbergen und grinsend stößt sie die Worte hervor: „Cs gescheht scho rächt, alle neue Sachen wäre so einen Sof nehmen." Sie kann daher auch in Zorn geraten, wenn, wie oben erwähnt, der sich für klug haltende General Flederwisch bei ihrem Rendez-vous auf der bewußten Stiege sie mit der

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