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Der Israelit · 1932-07-07 · Heft 28 (7.7.1932) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 28 (7.7.1932)
Date
1932-07-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 28 Der Israelit 7. Juli 1932 derung der heute wahrlich schwer genug gefährdeten Interessen des jüdischen Volkes, sondern im Gegenteil eine schwere Gefahr, die unsere Lage in vielen Ländern der Diaspora wesentlich verschlimmern könnte. Im Einzelnen haben wir die Gründe dieser unserer Ueberzeugung zu wiederholten Malen in der uns nahestehenden Presse der Oefsentlichkeit darlegen lassen, so daß sich eine Wiederholung der für uns maßgebenden Momente an dieser Stelle wohl erübrigt. Wir können uns auch zu einer Beschickung der Genfer Konferenz nicht durch die Erwägung bestimmen lassen, daß mit der Teilnahme an dieser Konferenz nach dem ausgesprochenen Willen der einladenden Körperschaft keinerlei Festlegung auf die Idee des Weltkongresses für die eingeladenen Organisationen verknüpft sein soll. Denn die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, daß die bloße Tatsache der Teilnahme schließlich doch zu Gunsten des Weltkongreß-Projektes ausgelegt werde und daß durch Mehrheitsabstimmungen in der Konferenz Beschlüsse in die Welt gesandt werden könnten, die nach unserer Ueberzeugung der jüdischen Gemeinschaft nicht zum Heile gereichen würden. Wir widersetzen uns keineswegs dem Gedanken, daß zur gegebenen Zeit Vertreter der verschiedenen jüdischen . Weltorganisationen zusammentreten könnten, um in Ruhe über solche Maßnahmen zu beraten, die geeignet wären, die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern zu erleichtern. Aber dies müßte, wenn es geschehen soll, ohne irgend welchen Ausblick auf die große Demonstration eines Weltkongresses oder auf die Schaffung einer die jüdischen Rechte nach außen verteidigenden ■ internationalen Organisation, vielmehr in Ruhe und Anspruchslosigkeit geschehen." wimderheitenkongreß. Wien, 1. Juli. Auf dem elften Kongreß der nationalen M i n d e r h e i t e n E u r o p a s , der 40 Millionen Angehörige von Minderheitenvölkern in 14 Staaten Europas repräsentiert, von denen etwa 83 Proz. auf dem Kongreß vertreten sind, sprach wieder Leo M o tz k i n im Namen der jüdischen Minderheiten in Osteuropa. Er führte in seiner Erklärung u. a. aus: Die fünf Millionen Juden, die in acht europäischen Staaten leben, stehen heute im Kampf um ihre Rechte und haben manche schweren Schicksalsschläge erlitten. Was die Juden bisher erlebt haben, sei kein internes jüdisches Problem, sondern als ein allgemeines Minderheitenproblem zu betrachten. Er überbrachte auch Grüße aus P a l ä st i n a. Im Verlaus der großen Aussprache aus dem 8. Kongreß der nationalen Minderheiten Europas kamen auch jüdische Vertreter, durchweg zionistische, aus verschiedenen Ländern zu Wort. Ein Novum war das Auftreten des agudiftifchen Sejmabgeordneten S. Vittenberg aus Lettland, der erklärte, daß die orthodoxe Judenheit in den östlichen Ländern aus politischen und weltanschaulichen Gründen an den Minoritätskongressen bisher grundsätzlich nicht teilgenommen hätte. Seine Teilnahme an diesem Kongresse erfolge zunächst lediglich zu i n forma t i v e n Zwecken, da die vorhandenen Bedenken nicht gegenstandslos geworden feien. Angesichts der chauvinistischen Uebergriffe gegen die Minderheiten jedoch, die in manchen osteuropäischen Staaten in der letzten Zeit oorgekommen seien, wolle man von der Arbeit des Kongresses Kenntnis nehmen, der ja auf dem Prinzips völliger Loyalität gegenüber den Staaten und der absoluten Anerkennung ihrer Integrität, wie sie das orthodoxe Judentum verlange, beruhe. (Siehe hierzu die Korrespondenzen aus Riga. Red.). Abg. Dr. M. N u r o k (Lettland) sprach im Verlauf der Kirchen-Debatte über Volkstumserhaltung und teilte mit, daß die jüdischen Vertreter auf dem Kongreß einen Entschließungsantrag gegen die von einigen Ländern angenommenen Schächtverbotsg e s e tz e eingebracht hätten. Lettland. Zerstörung der jüdischen Schulautonomie in Lettland. Riga, 27. Juni. Die neuesten Erlasse des Volksbildungsministers Kehninsch, die die letzten Reste der Schulautonomie der Die Woche. Berlin. Die Universität Berlin, die zwei Tage lang wegen der antisemitischen Unruhen geschlossen war, wurde am Sonnabend morgen wieder geöffnet, nachdem die Führer aller Studentengruppen, unter ihnen die der Nazi-Studenten, das Versprechen gegeben haben, daß Burgfrieden gehalten werden wird. — Etwa fünfzig nationalsozialistische Kinobesitzer unterhielten innerhalb des Verbandes der Lichtspieltheater Berlin-Brandenburg eine Nazi - Zelle. Insgesamt gibt es in Groß-Berlin gegen 400 Lichtspieltheater, die beim Berliner Verband Ausschluß aller Ausländer und Juden aus dem Berliner Lichtspielgewerbe forderten. Der Antrag wurde mit allen gegen die nationalsozialistischen Stimmen a b g e l e h n t. Danach verließen die Mitglieder der Nazi-Zelle den Versammlungsraum und gründeten in einem anderen Lokal eine eigene Organisation. — Das Landgericht Berlin I fällte am Dienstag nachmittag das Urteil gegen den 17jährigen Zepernick und den 22jährigen R ü h l o w, die am 2. Februar d. I. an dem jüdischen Kaufmann Meyerhardt einen Raubmord begangen haben. Zepernick wurde zu sechs Jahren und einem Monat Gefängnis, Rühlow zu zwölf Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. In der Verhandlung vor Gericht erklärten beide Angeklagten, ihre Tat sei der nationalistischen Jdeologoie entsprungen. Güttingen. Der Geschäftsführer der Göttinger Synagogengemeinde, T a u st e i n , wurde in der Nacht von vier Nationalsozialisten, die ihn im Kraftwagen verfolgt hatten, überfallen, mit der Anlasserkurbel des Autos mehrere Male über den Kopf geschlagen, so daß er bewußtlos und blutüberströmt zusammenbrach. Taustein wurde schwer verletzt in die chirurgische Klinik gebracht: die Täter sind ermittelt worden. Zürich. Das Bezirksamt St. Gallen hat mit Entscheid vom 8. Mai 1932 verfügt, daß der „Eiserne Besen", ein nationalsozialistisches Hetzorgan, im Straßenhandel nicht vertrieben werden dürfe. Das zuständige Departement sah sich aus Gründen des konfessionellen Friedens, gestützt auf den Art. 6 des Gesetzes über den Hausierverkehr, veranlaßt, zu dieser Maßnahme zu greifen. Men. In der Nacht zum 1. Juli erfolgte ein Ueberfall nationalsozialistischer Sturmtrupps auf den exklusiven Golf- und Landklub im Lainzer Tiergarten in der Nähe von Wien. Nationalsozialisten stürmten plötzlich die Terrasse des Klubhauses, verprügelten wahllos Tänzer und Tänzerinnen, zertrümmerten die gesamte Einrichtung und flüchteten schnell. Der rumänische Gesandte, Gast des Klubs, wurde die Terrasse herabgeworfen und an den Händen verletzt. Ein rumänischer Gesandtschaftsattache erlitt Verletzungen ernsterer Natur. Auch die anderen Mißhandelten waren zum größten Teil Christen. Paris. Mehr als 90 aus Osteuropa stammende jüdische Arbeiter haben sich heute von Paris nach Viro-Bidschan begeben. Es handelt sich hauptsächlich um qualifizierte Arbeiter, die einen für zwei Jahre geltenden Arbeitskontrakt unterschrieben haben. Sie erhalten alle die Sowjet-Bürgerschaft. Jeder der Arbeiter hatte 600 Francs für Reiseausgaben vorzustrecken. Bukarest. Dis Wahlagitatoren des Professors Cuza betreiben in den Provinzorten eine beispiellose antisemitische Hetze, die unter der jüdischen Bevölkerung Erregung und Panik hervorruft. In F a l t i c e n i hat der Cuza-Student Gheorghe Georgian den jüdischen Fuhrmann Jtzig Nach i m durch Schläge auf den Kopf ermordet, weil dieser ihm auf die Frage, ob er für Cuza stimmen werde, eine ironische Antwort gab. Lodz. Auf der Chaussee Ronow-Lodz wurden mehrere jüdische Kaufleute, die zu einem Jahrmarkt fuhren, in der Nacht von etwa 20 Bauernhuligans überfallen und mit Steinen, Messern und Eisenstäben mörderisch mißhandelt. Fünf Reifende wurde in schwerverletztem Zustande in das nächstgelegene Hospital überführt. Die Polizei verhaftete am nächsten Morgen vier der Huligans. Kowno. Am 29. Juni ist in Karmelowa, 14 Kilometer von Kowno entfernt, die von den Brüdern Finke l st e i n gestiftete Kinderkolonie der litauischen Ose eröffnet worden. Die Kolonie ist in einem prächtigen nach den letzten Errungenschaften der Technik erbauten, mit Liegehallen und Terrassen versehenen Haus, das ca. 100 Kinder beherbergen kann, untergebracht. Das Grundstück für die Kolonie ist von der Regierung der litauischen Ose unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden. Minderheiten in Lettland zerstören, haben in den Kreisen aller Minderheiten in Lettland außerordentliche Erregung und Empörung hervorgerufen. Am schwersten betroffen ist das jüdische Schulwesen; nach dem neuesten Erlasse soll es in Schulen mit jiddischer Unterichtssprache verboten sein, hebräisch zu unterrichten oder auch nur die Bibel in hebräischer. Sprache oorzutragen, während es an Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache verboten ist. die jiddische Sprache im Unterricht zu gebrauchen. Das 'neue Dekret zerstört alle bisherigen Lehrpläne gewisser Typen jüdischer Schulen, so der Schulen „Thora wederech Erez", „Tuschiah" und einer Reihe weltlicher hebräischer Schulen. Die Zahl der Unterrichtsstunden in der lettischen Sprache wird von 21 auf 39 in der Woche erhöht. Die Zahl der Unterrichtsstunden für Deutsch, Englisch, Russisch und Französisch wurde außerordentlich stark vermindert. Der Unterrichtsgegenstand Jüdische Geschichte wurde aus dem Lehrprogramm gestrichen und die Zahl der Unterrichtsstunden für lettische Geschichte von zwei Stunden auf fünf Stunden in der Woche erhöht. Der jüdische Deputierte Rabbiner N u r o k und der deutsche Deputierte Schiemann erschienen gemeinsam beim Ministerpräsidenten Skueniek und erhoben Protest gegen die Anordnungen des Ministers Kehninsch. Der Ministerpräsident versprach für einen Ausgleich zwischen den staatlichen Erfordernissen und den Erfordernissen der Minderheitenschulen zu wirken. (ITA.) Die Mehrheit der lettländischen Juden erwerbslos. Riga, 29. Juni. In der Sitzung des lettländischen Sejm erklärte der Aguda-Deputierte M. D u b i n, daß die Mehrheit der Juden in Lettland erwerbslos sei. Die Wirtschaftspolitik der Regierung, die immer wieder Staatsmonopole einfiihrt, stößt immer mehr Juden aus dem Wirtschaftsleben heraus. Juden werden in staatlichen oder städtischen Anstalten nicht beschäftigt. Die Not ist unbeschreiblich. Die jüdische Gesellschaft tut, was sie kann, um wenigstens einen Teil der hungernden Kinder zu ernähren, die Regierung aber tut nichts, um das Los der jüdischen Arbeitslosen zu erleichtern. Tschecho-Slowakei. Schächtverbot in der Tschechoslovake! verfassungswidrig. Prag, 22. Juni. Der Gablonzer Stadtrat hatte bekanntlich das rituelle Schlachten im Städtischen Schlachthaus von Gablonz verboten und, als dem Einspruch der Kultusgemeinde Gablonz gegen diese Entscheidung von der politischen Behörde stattgegeben worden war, sich an das Oberste Verwaltungsgericht gewendet. Das Oberste Verwaltungsgericht hat nun in einer für die gesamte Tschechoslowakei gültigen Entscheidung erkannt, daß „die Vornahme von Schächtungen nach jüdischem Ritus unter die von der Verfassung geschützten religiösen Uebungen fallen. Die Verletzung dieses verfassungsmäßig gewährleisteten Rechtes kann auch darin bestehen, daß die Mitglieder einer Kultusgemeinde ihre Kultusbedürfnisse nichl an Ort und Stelle zu befriedigen vermögen. Auch wenn sie die Möglichkeit hätten, die rituelle Schlichtung anderwärts vornehmen zu lassen bezw. das geschlichtete Fleisch von auswärts zu beziehen, so könnte dieser Umstand sie doch nicht des Rechtes berauben, die Befriedigung ihrer Bedürfnisse auch in Gablonz anzustreben." Durch diese Entscheidung scheint der Anti-Schächtbewegung, die im letzten Jahre in mehreren Städten Böhmens sich bemerkbar machte und antijüdischen Motiven entsprang, der Boden entzogen. Polen. Protest der warschauer Juden gegen die Weltjudenhetze. Warschau, 4. Juli.ch Im Riesensaal Karowa 31 fand die von der polnischdemokratischen Gruppe veranstaltete Protestversammlung gegen die Judenhetze in Deutschland, die ihren prägnantesten Ausdruck in der Ostjuden-Entschließung des Preußischen Landtags gefunden hat, und gegen die antisemitische Hetze in anderen Ländern statt. Der Versammlung wohnten Vertreter des Ministerpräsidiums, des Außenministeriums und des Innenministeriums, Professoren 8 der Warschauer Hochschulen, unter ihnen der frühere 'Ministerpräsident Antony Poniekowski, bei. Dr. Gerfchon

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