Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1932)
- Date
- 1932-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 28 Der Israelit 7. Juli 1932 genstehen, wie es liberale Rabbiner und liberale Gemeinden gibt. . . . Sollte aber Herr Dr. Norden bei dieser Trauung, mit der ec die Reform der holländischen Iudenheit antraute, vom bündigen Gesetze der piwpi nsui' von rmro und anizo an? abgewichen fein — was hätte sonst die Mitteilung von der „ersten religiös-liberalen Trauung" für einen Sinn? — dann hätte die holländische Iudenheit allen Grund, den schwarzen Gedenktag des 25. Silvan, als einen Tag der Zerreißung jüdischer Einheit, mit einem allgemeinen irayn für alle Zeiten festzuhalten. Denn ernst ist die Situation, ernster vielleicht als das Gros der braven frommen holländischen Juden, die sich in der Burg ihrer schlichten, ehrlichen Synagogenfrömmigkeiten geborgen fühlen, selber ahnen. Der Weltverband für das liberale Jude n t u m hält am 8. August im Haag, gewissermaßen als Ersatz für die dieses Jahr ausbleibende Weltkonferenz, eine große Parade ab. London und Berlin lassen ihre Kerntruppen marschieren, die Liste der Akteure enthält alle bekannten Kamen aus der englischen und deutschen Reformbcwcgung. Ist die junge jüdische Generatoin genügend gerüstet und gewappnet gegen die Verlockungen der Emissäre, die in großer theatralischer Aufniachung und mit hellem Wortgeklingel die neue Lehre vom „Liberalismus als Maximum an Religion" und von der „Ueberwindung der Assimilation durch das liberale Judentum" verbreiten? Der verdiente Oberrabbiner vom Haag hat ein paar vortreffliche Schriften gegen die Reform in Holland losgelassen. Me wir weiter hören, hat in seiner Sitzung das Z e n i r a l k o m i t e e für die Angelegenheiten der Holländischen A s ch k e n a s i s ch e n Jüdischen Gemeinde in scharfer Form gegen das liberale Judentum in Holland Stellung genommen. Der neugewählte Gemeindepräsident, Herr A. Ascher, warnte eindringlich und appellierte an die Gemeinöemitglieöer, auf der orthodoxen Basis der Gemeinde zu verharren. Die Schicksalsfrage für Hollands Iudenheit angesichts dieser neuen Anstürme ist aber: wie steht es um ihre Jugend? Ist für ihre Ausrüstung mit jüdischem Wissen und Durchdringung mit jüdischem Geiste durch Schule und Fortbildung, durch Ieschiwoh und Lchrhaus genügend gesorgt? Wenn ja, dann — aber nur dann — wird sich die Welle der Reform an diesem Damm brechen. Ilm so mehr in einer Zeit, da alle Jugend, und sicher auch in 'Holland, an der Hohlheit schöner Phrasen und selbsterdachter Zeremonien verzweifelt, nach fester geistiger Rührung lechzt. Das Recht und die Wissenschaft im Falle Halsmann. In einem Luche, betitelt „Der Strafprozeß gegen Philipp Halsmann. Aktenmäßige Darstellung und kriminalpsychologische Würdigung" (E. L. Hirschfeld-Verlag Leipzig) hält der bekannte Direktor des psychologischen Institutsin Würzburg, Geheimrat Professor Dr. Karl Marke, scharfe Abrechnung mit den Instanzen, die bei der Verurteilung des wegen Vatermordes angeklagten und in Innsbruck verurteilten Philipp Halsmann mitgewirkt haben. In einer Zeit, da der Vernichtungskampf großer Parteien gegen das Judentum als solches und die Iudenheit als Masse und Bevölkerung die übelsten Formen annimmt, ist leider nicht zu hoffen, daß das Weltinteresse und das Weltgewissen zu Gunsten eines armen lettländischen Jünglings geweckt werden könnte, der da in einer österreichischen Stadt, unter dem Druck und frenetischen Beifall der Gasse, erst wegen Vatermordes und dann wegen Totschlages zu langjähriger Kerkerstrafe verurteilt wurde, obwohl alle Indizien gegen seine Schuld sprachen. Aber es ist doch von Bedeutung, daß gerade aus Deutschland und aus Bayern eine gewichtige Stimme der Wissenschaft und der Gerechtigkeit sich erhebt gegen ein Fehlurteil, das wie ein Attentat auf alles Rechtsempfinden anmutet. Marbe ist eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiete der Psychologie. Er kennt Halsmann nicht und hat keinen Gmnd, irgend Partei für ihn oder wider andere zu nehmen. Er 'steht auch allen politischen Strömungen der Zeit fremd und fern gegenüber. Cr hatte den Prozeß als Wissenschaftler verfolgt und aus rein wissenschaftlichem Interesse sein Luch geschrieben, gewissermaßen aus tiefem Schmerz über einen unerhörten Akt von. Rechtsschändung. Der zu Anfang des Buches gegebene kurze Abriß des Vorfalls zeigt die absolute Vertrautheit Marbes mit den Akten und mit allen Einzelheiten des Falles. Cr hält die Indizien für die Schuld und Unschuld des Angeklagten gegenüber und zeigt, daß die letzteren so schlagend, wie die ersteren konstruiert und an den Haaren herbeigezogen sind. Daß sich Halsmann bei den ersten Vernehmungen in einige Widersprüche verstrickt hatte, ist mit seiner Gemütserregung angesichts der Leiche des von ihm heißgeliebten Vaters und der Ermüdung infolge der tagelangen Vernehmungen mehr wie genügend geklärt. Es werden im Luche alle Mißgriffe der Voruntersuchung und alle untauglichen Mittel, mit denen da gearbeitet wurde, einzeln aufgezeigt. Einer geradezu vernichtenden Kritik wird das Gutachten der medizinischen Fakultät Innsbruck unterzogen, das statt mit der Ermüdung Halsmanns seine verworrenen Aussagen zu erklären, in dieser Ermüdung ein Zeichen seiner Schuld sieht, von gleichem Werte waren die meisten Aussagen der gerichtlichen psychologischen Sachverständigen. Cs ist nachzuweisen und ergibt sich klar aus dem Verhallen der Geschworenen, daß diese in beiden Hauptverhandlungen von vornherein mit der felsenfesten Ueberzeugung von der Schuld Halsmanns oder von der R o t w e n d i gkcit seiner Verurteilung an den Richtertisch gingen. Fakultät und Sachverständige lieferten ihnen die wissenschaftlichen Belege und die johlende Gasse den dunklen Hintergrund. Cs ist, wie gesagt, nicht zu hoffen, daß das Luch Marbes praktisch zur Wiederaufnahme des-Verfahrens führen wird. Man freut sich aber, in einer Zeit, in der alle Musen zu verstummen und alle Lichter zu verlöschen drohen, eine Stimme der Wahrheit und der Wissenschaft, der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit zu hören. Es gibt noch Anwälte der Gerechtigkeit, auch in Deutschland und in B a y e r n '■ Helft der jüdischen Schulet Von Dr. Ed. Biberfeld in Berlin. „Die Kulturaufgaben leiden nicht!" ES war in einer Reichstagssitzung des Vorkriegsdeutschlands, wo der Regierungsverteter dem Redner der Opposition, die der Regierung Vernachlässigung der kulturellen Leistungen zu Gunsten des militaristischen Aufwandes vorgeworfen hatte, dieses Quos ego entgegenschleuöcrte, ohne freilich mehr als einen anhaltenden, ironischen Beifall für seine mit den Tatsachen allzusehr im Widerspruch stehende „Feststellung" zu ernten. Inzwischen hat vieles, Allzuvieles sich im Deutschen Reich geändert; aber jener Vorgang könnte sich genau ebenso auch beute in unserem Parlament wiederholen, wenn ein Regierungsvertreter den Mut zu einem solchen „geflügelten Wort" fände! Man braucht aber diesen Fall ernsthaft nicht zu setzen; denn wie zersplittert und zerrüttet unsere Parteiverhältnisse auch sein mögen: in der Feststellung, daß in Reich, in den Ländern und den Gemeinden die pflegliche Behandlung der Kulturwerke den Tiefpunkt erreicht, wenn nicht gar unterschritten hat, ist man sich auf allen Seiten einig. vieles, Allzuvieles hat sich geändert; aber die alte Lehre der Staatskunst, daß praktische Politik, wenn sie der unvermeidlichen Widerstände Herr werden will, ihre Stoßkraft am Punkt der geringsten Widerstandskraft anzusetzcn habe, galt jeher und gilt heute erst recht als aller Weisheit erster und' letzter Schluß. Heute erst recht! Denn die soziale Demokratie, unter deren Herrschaft wir stehen, muß ja mehr noch als der frühere obrigkeitliche Staat der Parteien Haß und Gunst in ihre Rechnung einstellen und, je vollständiger in deren Programmen weltanschauliche Auseinandersetzungen hinter wirtschaftspolitischen Formulierungen zurücktreten, für den Ausgleich dieser Interessenkämpfe den verfügbaren Aufwand an Zeit, Kraft und, vor Allen, Geld so gut wie restlos bereitstellen. Auf dem Rücken der wirtschaftlich Schwachen werden diese Kämpfe ausgetragen; die Explosivkraft der s o z i a l e n S p a n n ungen erscheint bedrohlich genug, um dahinter die Rücksichtnahme auf 6ieseelisch-geistige n Spannungen, die kein Par/eiapparat finanziert, zurücktreten zu lassen. Und da angeborenes Stilgefühl diese Kreise, auch hindert, ihre Schmerzen in die Welt hinauszuschreien, so erfahren sie an ihrem Leib die Wahrheit des Bismarckwortes, daß artige Kinder nicht schreien,, aber auch nichts kriegen! Geteilter Schmerz ist nach Volksmeinung halber Schmerz. ' Dann mögen die bei der Teilung der Erde ohnedies zu kurz gekommeuen Kulturwerte der Menschheit einen freilich mageren Trost über, ihre Zurücksetzung darin finden, daß überlegene staatsmännische Weisheit ausnahmslos alle Bezirke des seelisch-geistigen Kosmos in den Rahmen ihres großzügigen Stillbalteprogramms cinbezogen hat., Man nehme das Reich der Kunst mit allen ihren Verzweigungen und Ausläufern, von Oper und Schauspiel bis zur Museumspflege; man wähle die wissenschaftlichen Betriebe in allen ihren Disziplinen von den öffentlichen Bibliotheken bis zur Schließung „entbehrlicher Kliniken"; überall das gleiche Bild stiefmütterlicher Behandlung höherer und höchster Kulturgüter durch diejenigen Instanzen, die zu ihrer pflege berufen wurden! Und doch: was wollen diese Einsparungen und Zuschußverkürzungen, die doch wenigstens das Lebenszentrum dieser Belange intakt belassen, am Ende besagen, verglichen mit den in erbarmungsloser Zielsetzung bis unter die Grenze der Lebensmöglichkeit vorgetriebencn Glied- und Organabsetzungen, zu denen seit Jahr und Tag das öffentliche Schulwesen in fortschreitendem Maße verurteilt worden ist, ohne daß ein Ende dieser Prozeduren abzusehen wäre?! Eine spätere Zeit wird, mit Schrecken, den ganzen Umfang der Verwüstungen erkennen, welche die jetzigen Sparmaßnahmen in die Charakter- und Wissensbilöung der Heranwachsenden Jugend eingezeichnet haben; erst dieser Zeit wird es Vorbehalten sein, die Größe des Aufwands' an physischen, geistigen und seelischen Energien bei den Lehrenden und den Lernenden richtig einzuschätzen, welchen die Zusammenlegung von Schulen, Erhöhung der Klassenfrequenz und her Pflichtstundenzahl, der Zwang zum Behelfen mit überalterten und konsumierten Lehrmitteln usw. usw. bis zur Erschöpfung gesteigert hat. Gilt diese trübe Zeichnung sogar auch für die staatlichen und städtischen Lehranstalten, für deren Unterhalt öffentliche Geldmittel tributär sind, so zeigt sich in dem Sonderschicksalsleben der unter dem Patronat der jüdischen Gemeinden stehenden j ü d i - s ch e n Schulen ein noch wesentlich düstereres Gemälde . . . Klassenzusammenlegungen, unzureichende Unterrichtsräume, Ueberstunden der Lehrer u. v. a. sind zu 2llltäglichkeiten geworden, die kaum noch als Nebel angesprochen werden! Hat doch die bittere Rot des Tages sogar schon zu Eingriffen in die Gehaltsansprüche der Lehrer geführt und ihnen noch über das Ausmaß der Rotverordnungen weitere Cinkommensverkürzungen auferlegt! Braucht es erst gesagt zu werden, wie sehr unter diesen Zwangsmaßnahmen die Arbeitskraft und Arbeitsfreude der Lehrenden leiden muß, und welch irreparabler Schaden für die Lernenden, unsere Kinder, aus diesen Zuständen erwächst? Liegt in dieser, sicher nicht übertriebenen, sondern hinter der ganzen Wahrheit noch zurückbleibendcn Schilderung des Schulelends der jüdischen Schule ein Vorwurf für die offiziellen Träger der Schullasten, für die jüdischen Gemeinden? Ganz gewiß nicht! Cs soll und muß vielmehr anerkannt und gegenüber vielfach irrigen Einstellungen betont werden, daß die jüdischen Gemeinden als solche und ihre Vertretungen wohl ausnahmslos alle moralischen und materiellen Energien, die ihnen zugänglich waren, so restlos im Dienst und für den Dienst ihres Schulwerks mobilisiert haben, daß sie oft genug sogar den Vorwurf der Benachteiligung anderer Gemeinöeinstitutionen durch den allzugroßen Aufwand für das Schulwerk in den Kauf nehmen müssen . . . Könnte man nur auch von den ureigentlichen Nutznießern dieser Gemeinöeeinrichtung, von den Eltern der Schulkinder dasselbe mit der gleichen Ausnahmslosigkeit aussagen! Man soll Uebertreibungen vermeiden und nicht, was irrtümlich oft geschieht, unser ganzes