Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1932)
- Date
- 1932-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Juli 1932 Nr. 28 Seite 3 gewissenhaften ftHTin fni»*8 9 10) Lein Arzt hat das Rechts in diesen Fragen von sich aus Lntschetöungen zu treffen. Cs handelt sich hierbei um Diir?si ti»*) und darum ist die größte Vorsicht geboten." Das bemerkt Rabb. Dc. Klein zur Frage der'Schwangerschaftsverhütung, die von der heutigen Welt, einschließlich großer Teile der Aerzteschaft, als. gegebene Selbstverständlichkeit betrachtet wird. wir haben es als einen Vorzug der jüdischen For.ipfianzungsgesetze erkannt, daß man sie nicht in schablonenhafte Regeln und Normen gießen kann, in die sich der Linzelsall automatisch einreiht. Das schließt jedoch selbstverständlich nicht das Vorhandensein allgemein geltender ethischer Grundlagen aus, die wir als die ideellen Fundamente der für die Religionspraris allein maßgeblichen formulierten Vorschriften wohl ansehen dürfen. Die grundlegende Pflicht „Seid f r'u ch t b a r und mehret euch" wird von der jüdischen Gesetzgebung als für das Individuum geltend so ernst genommen, daß derjenige, der die Pflicht nicht ausnbt, einem Rlörder verglichen wird, der G'tt veranlaßt, sich von seinem Volke zurückzuziehen.") wenn das Gebot auch in erster Linie für den wann und für die Zeugung von zwei Lindern (Knabe und Aläöchcn) gilt, so ist durch ergänzende Worte der Propheten und Gesetzeslehrer die Pflicht erweitert und insbesondere auch die Frau eingeschlossen. Als besondere Pflicht für den wann gilt darüber hinaus auch der regelmäßige eheliche Umgang in bestimmten Zeiten, wie weit die Frau auf dieses erweiterte Recht verzichten kann, ist gesetzlich genau festgelegt. So schwerwiegend das grundlegende Fortpflanzungsgebot der Thora ist, so wird es noch übertroffen von der Schwere der Sünde (Dnans. Das verbot, Samen z u vergeuden, wird gerade dann als besonders schwer erachtet, wenn wirtschaftliche wotive den Anlaß bieten, sich über das g'ttliche Gebot der Fortpflanzung hinwegzusetzen. Dann liegt in der Uebertretung im Grunde genommen eine Leugnung der g ' t t l i ch e n W e l t e n f ü h - r un g. Reben diesen beiden Grundpfeilern der Fortpflanzungsgesetze bestehen als Basis für die Sexualethik noch die tiefgreifenden w e i b l i ch e n Reinheitsgesetze der Thora und ihre Keuschheitsregeln. Verständnisvoll sind auch sie durch Anordnungen der Weisen gestützt und sinngemäß erweitert. 8) D. i. eines in überlieferter Weise autorisierten Rabbiners. 9) D. i. Kapitalvergehen. 10) Siehe hierüber und einiges Folgende die Einleitung von Rabb. Horovitz. .' Der Israelit Aus all dem resultiert ein weitverzweigtes System von Gesetzen und Regeln, das dem kundigen gestattet, den vom Judentum geforderten weg der Reinheit in jedem einzelnen Falle zu bestimmen. Poren wir, welche Wege uns die palachah aus der sexuellen Rot führen will' (Fortsetzung der Serie folgt.) wochenrundschau. Dem LI. Iuli entgegen. Der letzte Aufruf des Z e n t r a l v e r e i n s in seinem (Organe zeichnet mit knappen Strichen die derzeitige Lage der deutschen Juden in ihreur ganzen Crnste. Cr lautet: „In den letzten Wochen entfesselt dek Nationalsozialismus stärker denn je den Kampf gegen uns, gegen noch nicht ein Hundertstel des 65 Millionen-Volks Deutscher. Nationalsozialistische Zeitungen überschlagen sich förmlich im Judenhaß. Anträge über. Anträge werden in den Parlamenten der Länder, besonders in Preu- | ßen, Don der Hitler-Partei eingebracht. Abgeordnete sprechen gegen das deutsche Judentum in einer Schärfe, mit einer Brutalität, von der bereits rechtsgerichtete Persönlichkeiten Abstand suchen. Wir deutschen Juden lassen uns nicht ins Bockshorn jagen. Wir behalten unsere Nerven. Wir werden mit zusammengebrssenen Zähnen jedes Stück Boden verteidigen und uns um jedes Stückchen Gleichberechtigung mutig zur Wehr setzen. Eine kleine Schar, das Recht auf ihrer Seite, kampfentschlossen, opferwillig, stolz auf eine große Geschichte und eine ewige Religion, deutsch auf deutscher Heimaterde, wird und muß siegreich bestehen. Ihr, deutschen Juden, seid mit uns. Der 31. Juli kommt näher. Helft! Opfert!" wollte man für diese Darstellung Belege anführen, man müßte die ganze Rachtsitzung des preußischen Landtages protokollieren, man müßte die letzten Vorgänge an bet Berliner Universität schildern, man müßte die B l u t h e tz e in den wablflugblättern der NSDAP, in Verbindung mit dem Ueberfatt auf den „Vorwärts" wieöergeben, man müßte die Angriffe des Berliner „Angriff" und die „Beobachtungeil" des „Völkischen Beobachters" alle niedriger hängen. Das wollen wir uns und den Lesern an dieser Stelle ersparen und uns mit öem Cxtrakt in den Berichten des korrefpondenzenteiles begnügen. was sollen aber die deutschen Juden für den 31. Juli und am 3 I. Juli tun? Der Z. V. sagt es nicht. Riit gutem Grunde! was wir nicht tun dürfen, wissen wir alle "ohne Fingerzeig allzugenau, was wir tun sollen? Die Wahl macht uns keine große (Qual, da uns, sofern wir nicht unsere schwache Stimmkraft als bloße — und auch verdiente — S x' m p a t h i e g a b e an die leider -zur Bedeutungslosigkeit zufammengefchrumpfteu demokratischen RUttclparteien vergeuden wollen, nur noch Soziald e m o k r a t e n und Z e n t r u m als Parteien unserer Wahl bleiben. Unser (Eintreten für das Zentrum, mit dem wir vor Jahren vereinzelt dastanden, findet jetzt immer mehr Verständnis und Zustimmung. Unsere an diese Partei geknüpften Erwartungen, besonders wenn es um die Wahrung unserer religiösen Interessen ging, wurden nicht getäuscht. Heute, wo die Gefahr eines nationalsozialistischen Regimes immer näher rückt, erscheint es uns schon geradezu als Gebot der Sclbsterhaltung, neben der Sozialdemokratie, der wir viel Dank schulden, auch das uns weltanschaulich aur nächsten stehende Z e n t r u m zu stärken und mit daran zu arbeiten, daß keine rechtsgerichtete Regierung ohne diese Parteien der Toleranz und inneren Ausgeglichenheit ans Ruder kommen kann. Indem wir das tun, tun wir unsere Pflicht als Juden u n d als D e u t f ck c! ' Einbruch der Reform in Holland. Das jüdische Holland, das von der Reformflut, die sich vor bald hundert Jahren über Westeuropa ergoß, verschont geblieben ist, ist seit letzterer Zeit die vielumworbene Plattform des liberalen Judentums. Der konzentrische Angriff erfolgt zur gleichen Zeit und in gleichem Maße von London und Berlin. Tlaude Al o n t e s i o r e und die gute Lilli (w o n - t a g u) tragen ihre (Offenbarungen über den Kanal hinaus, die deutsche Sektion des liberalen w e l t v e r b a n d e s hat gewissermaßen die Patenschaft für die neue Vereinigung im Rachbarlande übernommen und als geistiger Rährvater der jungen Bewegung kann der liberale Rabbiner in Elberfeld, Dr. R o r d e n f gelten. Elberfeld . liegt zwar noch im Industriegebiet Deutschlands, aber die kleinen Reformgemeinden in A m st e r d a m und im Haag sind gleichsam in Clberfeld cingemeinöet . . . Der verflossene 27. Juni (25. Siwan) war ein Gedenktag für Hollands Iudenheit. An diesem Tage batte, wie inan von Berlin und London aus durch die ITA. in die Welt hinausposaunt, besagter Dr. Rorden in Amsterdam, zum ersten Wale in Holland, eine Trauung nach „religiös-liberaler Zeremonie" vollzogen. wir kennen uns im religiös-liberalen Zeremonialgefetze nicht aus, wußten gar nicht, daß es ein solches gibt, wußten nur, daß dem einen Schulch a n A r u ch der Gesetzestreuen auf dem Cröenrunde so viele liberale „Schulchan Aruchs" entgetörtes Volk —, das gedankenlos dröhnenden Beifall 'spendet, wo es doch bei einiger Ueberlegung die Demagogie dieser frevelhaften Volksbeglücker hätte erkennen müssen! Ist auch das ganze Volk zur Heiligkeit berufen, — heilig s i n d die Einzelnen deshalb nicht. Hier wird das Ideal schon als Wirklichkeit gepriesen. Das Volk, jeder Einzelne in ihm soll nach Helligkeit, nach Selbstläuterung und Selbstoeredlung streben. Damit es diese Verpflichtung niemals preisgebe und immer wieder an sie gemahnt werde, sind ihm Führer, Wegweiser, Vorbilder nach dem Willen des Herrn bestimmt. Das weiß Korach wohl selbst. Die G'tterwählten möchte er aber in seinem gekränkten Ehrgeiz ablösen. Dathan und Abiram, diese ewig Mißvergnügten, die immer Genossen der Streitenden sind, sind schnell zur Stelle, wo es gilt, Aufruhr anzuzetteln und Bewegung in die Massen zu bringen. On ben Peles ist ein getreues Bild der Mitläufer, die nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren haben. Diese in den niedrigsten Instinkten des Menschenherzens wurzelnde Bewegung konnte nur fo.enden, wie geendet. Moscheh, dieser echte treubewährte Diener G'ttes, der allen Streit und Hader zu beschwichtigen suchte und alles daran setzte, um die Europäer zur Einsicht und Umkehr zu bringen, und auch hier sich in seiner Milde und Selbstverleugnung zeigten und im innigen Gebete den Zorn des Höchsten von der ganzen Gemeinde abzulenken wußte; sprach das bedeutsame alle Sendung und Berufung in ihrem Wesen und in ihrem Ziele deutende Wort: ivn n« n sm *ipa Morgen — da tut G'tt kund, wer der Seine ist." G'tt, der den neuen Morgen immer wieder auf die Nacht folgen läßt, zerstreut auch die Mebel und Dünste des Irrtums und Zweifels und . läßt das Licht der Wahrheit hervorstrahlen. Ist 'dieses aus dem 'rechten Glauben und Vertrauen keimende Wort nicht auch uns ein Quell des Trostes und der Zuversicht, wo wir es wieder einmal erfahren, daß die Korachiten nicht aussterben und ihr Geist fortwaltet unb die Ruhe und den Frieden unterwühlt? Auch für uns und für alle, die auf eine bessere Zukunft bauen, wird ein neuer Morgen anbrechen, an dem sich der Herr in seiner Liebe und Weisheit offenbart ... Uleines Feuilleton. Eine schwierige Raschi-Stelle. Äon Vilmos Löffler in Cluj. In mp jiehd zu Kap. 16, Vers 12: »D-P2x^n ]mV n»n mad)t Nascht die Bemerkung: »'im npibnni pp'mn ('"p p-nmo) Dieser Ausspruch des 'vn m findet sich tatsächlich in *y pnimv, doch zieht er diese Lehre nicht aus dem Satze ]mi> Klip!» nt?» rösri sondern lehnt dieselbe an Vers 23: »D-vaKi srn ovv Dp,i während zu Vers 12 in i"v svp iyin 'o» ,,rrrn die Lehre anlehnt: avm si’-iV pantm Ntm »an 8nil>v p'rnv'i stw »rn'anin jmV mpV nva In keinem der bekannteren Raschi-Kommentare oder sonstwo fand ich einen Hinweis auf diese auffallende Abweichung, die sich auch in den ältesten, verläßlichsten Raschi-Ausgabeu vorfindet. Nur zu allerletzt dürste man an ein in eine alte Ausgabe eingeschlichenes und spater nachgedrucktes drucktechnisches Versehen denken. (Sammlung Kirschstein.) Die berühmte Sammlung K i r s ch st e i n in Berlin, eine der nach Umfang wie innerer Bedeutung bemerkenswertesten jüdischen Sammlungen, soll vom 12. bis 14. Juli in der Galerie Hugo H e l b i n g in München versteigert werden, wenn sich bis dahin nicht noch die Möglichkeit ergibt, die Sammlung als Ganges in anderen Besitz überzuführen und in ihrer einheitlichen Geschlossenheit, was überaus wünschenswert wäre, zu erhalten. Die Sammlung umfaßt 166 Nummern Kultusgeräte, mehr als 100 Nummern Thorarollen, Megiloth, Gebetbücher? Urkunden, ferner jüdische Gemälde und Miniaturen, Handzeichnungen und Graphik, Abbildungen zur jüdischen Kulturgeschichte und alsdann seltene Hebraica und Judaica. Von den Kultusgeräten verdienen eine Vrismilodecke, ferner ein großer Chanukastandleuchter aus einer polnischen Synagoge besondere Beachtung. Kirschstein selbst hat e)nen Teil seiner Sammlungen, denjenigen der die Megilath umfaßt, in einem Werke: „Jüdische Graphiker aus der Zeit von 1625 bis 1825" literarisch auszuwerten versucht. Als wertvollstes Stück betrachtete er eine Megilla, die er als ältestes ihm bisher bekannt gewordenes illustriertes Exemplar aUfieht. Ein Unikum ist die Hagada auf 64 Rundblättchen. Besonders reichhaltig ist die Sammlung von Porträts jüdischer Persönlichkeiten. In 151 Originalblättern wird die Entwicklung des jüdisch-hebräischen Buchdruckes aufgezeigt. S. Sch achnowttz. Frankfurt a. M.; Inserate i B.: iutueton nowitz. ebenda. — Für diepädagogische "Beilage: Le^er^^. A auf «rann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Sermon ®. ur. b. g„ Frankfurt a. M. - Druck: Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M.