Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1932)
- Date
- 1932-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 28 Der Zsraelit 7. Juli 1932 am feilte aphoristische Notiz: „Wir können z. B. nicht darüber liinwegseben, daß bei jedem Zeugungsakte pundcrttausende von Neimen verloren gehen." Was soll das anderes bedenken, als das; das biblisch-halachische Verbot der „Samenvergeudung" bagatellisiert werden soll. Line halachische Kritik einer solchen Linstellung kann nicht meine Ausgabe sein. Das eine aber glaube ich, das; durch eine solche Behandlung der palachah die Jugend nicht für ein überzeugungstreues Oorajubcittuiit begeistert werden kann. Auch die anscheinend unvermeidliche Reiterattacke Emil Levv's aus die „ G r t h o d o x.i e " wird die Jugend kaum in diesem Sinne fördern. Cr preist zwar die jüdische optimistische Weltanschauung, die bei unseren Ostjuden ihre Wirkung entfalte. „Sie halten es für ein Verbrechen, gegen dienstlichen Gesetze zu verstoßen und durch freiwillige Maßnahmen die Fortpflanzung zu behindern." Aber, nun kommt der Pferdefuß: „Mit Orthodoxie hat das nichts zu tun: ich kann nicht jeden orthodoxen Juden als religiös ansehen." Wozu dieser Degradierungsversuch? Ist Dr. Lmil Levy denn in der Lage, eine andere, bessere seelische Schulung zur Religiösität anzugebn, als es die peinliche Befolgung der gütlichen Gebote bietet? Kann er denn dem Jugendlichen eine bessere religiöse Selbstecziehungsmethode angeben, als das orthodoxe Judentum mit seiner palachah für die Beherrschung der unedlen Triebe gewährt? Schließlich muß er doch selbst zugeben, „das; in orthodoxen Kreisen die freiwillige Kinderbeschränkung nicht die Bolle spielt wie in anderen Schichten." Zwar glaubt er, daß auch hier „das Gefühl der religiösen Verantwortung" im Schwinden begriffen ist. Aber ist denn „das Gefühl der reglosen Verantwortung" der Orthodoxie, das sich doch nach L. zumindest jetzt noch bewährt, nicht ein eminent wertvolles Symptom der Religiosität? Der direkte Weg der Pilfe für die sexuelle Rot der Jugend durch pflege orthodoxer Ges i n n u n g und Betätigung erscheint uns jedenfalls aussichtsreicher als der Umweg über die vornehmliche Cinstellung des Rabbiners auf soziale Arbeit zur Pflege der „Verbindung mit der jüdischen Jugend." Eine gesunde jüdische Jugend will ja keine Kompromisse mit „Lebensverhältnissen". Sie ringt in ihrer Rot um jüdische Wahrheit, sie sucht eine jüdische Führung. Und eine solche können ihr die rabbinischen Worte auf der Bevölkecungskonferenz des Preußischen Landesverbands nicht gewähren. So triumphiert denn in diesem Gremmin der alte, neu aufgeputzte Götze der Reform: Die „alte jüdische Weltanschauung" muß „revidiert" w e r 6 c tt! Diese unheilvolle Kapitulations-Urkunde vor den „Zeitverhältnissen" trägt den Stempel des „preußischen Landesverbands jüdischer Gemeinden". 2. Das thoratreue Iuöentum. Das thoratrene Judentum lehnt es ab, dem Rat der Frau Wronsky und ihres Ausschusses zu folgen und die alte jüdische Weltanschauung je nach den „Zeitverhältnissen" zu revidieren. Und das thoratreue Judentum glaubt, trotzdem oder vielmehr gerade durch die Einheitlichkeit seiner Welt der sexuellen Rot gegenüber besser gerüstet dazustehen als die Feinde der allen jüdischen Weltanschauung. Cs ist zu begrüßen, daß im vergangenen Jahre zwei berufene Kenner der palachah denjenigen, die die wahre Stellung der jüdischen Tradition zur sexuellen Frage kennen lernen wollen, den Weg durch die schwierige Riaterie gewiesen haben. Rabb. Dr. Permann Klein, Berlin hat in einem Aufsatz über „Geburtenregelung"") an panö der halachischen Entscheidungen die allgemeine prinzipielle Stellungnahme; des Judentums zu dem Problem dargelegt und in einem hebräischen Anhang die halachischen Grundlagen selbst in instruktiver kürze entwickelt. Besonders beachtenswert ist dabei die Bewertung aller z. Z. in Betracht kommenden Verhütungsmethoden. Diese systematische Arbeit findet in einem Aufsatz des Frankfurter Rabbiners Joseph p o r o v i tz °) eine wertvolle Ergänzung. Rabbiner porovitz hat hier in einer Reihe von einschlägigen Fragen die halachische Stellungnahme in schöpferischer Weise erarbeitet. Besonders originell sind die Prinzipien des Verbots der „Samenvergeudung" und einige praktische Fragen für das Verhalten des jüdischen Arztes. Den Schluß der halachischen Arbeit bildet eine t a b e l l a r i s ch e U e b e r s i ch t der einschlägigen Verbote — der Schwere des Verbots nach geordnet. Pier zeigen sich allerdings einige graduelle Abweichungen von den entsprechenden Thesen des Rabb. Dr. klein, worüber sich vielleicht noch eine halachische Verständigung wird erzielen lassen. In den Grundzügen stimmen beide Arbeiten aber naturgemäß überein und auf einer solchen Basis ist es für uns möglich, die Stellungnahme des Judentums zur sexuellen Cthik und zur sexuellen Rot der Zeit zu eruieren. Die sexuelle Cthik ergibt sich aus der Verbindlichkeit der sexuellen Gesetze, die ihren Ursprung auf die G'ttesoffenbarung im Rahmen des gesamten Thoragesetzes zurückführen. Wie das gesamte schriftliche und mündliche Thoragesetz sind die einschlägigen Sexualvorschriften umhegt von auslegenden und ergänzenden Bestimmungen, die auf Grund der überlieferten exegetischen Grundregeln von 4) Rabb. Dr. Hermann Klein. Monatsschrift Nachalath Zwi 1931, Heft 8. (Als Separatabdruck: Draller Frf. 1931.) "') Festschrift für Jacob Rofenheim Frf. a. M. 1931, hebräischer Teil. den autorisierten Thoragelehrten der verschiedenen Zeilepochen ausgelegt bezw. ergänzt sind. Diese Thoragelehrten selbst haben auch heute noch nach feststehenden Prinzipien in jedem einzelnen vorliegenden Fall i h r e C n t s ch e i d u n g zu treffen. Durch diese Regelung ergibt sieh, daß die jüdische ~ Sexualethik einerseits nicht eine starre Ordnung zur Folge hat wie der Katholizisinus und andererseits nicht der Subjektivität des protestantischen Standpunktes verfällt. Die feststehenden Grundsätze der Sexualgesetzgebung werden in ihrer Verbundenheit und ihrer Gegensätzlichkeit zu anderen Pflichtenkomplexen erkannt und durch die individualisierende Entscheidung des autorisierten Gesetzeskundigen zur Anwendung gebracht. Daraus resultiert eine l e b e n s w a r m e I Cinstellung, die den jeweiligen L e b e n s Verhältnissen gerecht werden kann. Cs ist vielleicht nicht gleichgültig, daß gerade die Cinleitung der Sexualgesetze der Thora betont,- das; die G'ttesgesetze so geübt werden sollen, daß der Mensch durch sie nicht den Tod erleiden soll.") Cs ist bekannt, daß diese S i t t e n g e s e tz e zu den drei Kardinalgruppen gehören, für die man unter Umständen sein Leben bergeben muß. Wenn trotzdem die Cxistenz des Menschen mit den Sittengesetzen in einem Atem genannt wird, so will das wohl darauf Hinweisen, daß der Gesetzgeber, der doch gleichzeitig der Schöpfer und Kenner der menschlichen Ratur ist, die Gesetze selbst so eingerichtet hat, daß der normale Trieb des Menschen nicht naturwidrig unterdrückt wird. Diese enge Beziehung zwischen S i i t e n g e s e tz und Ratur macht es uns verständlich, daß dir Sittenlehre der Thora im Grunde genommen keine spezifisch jüdische Lehre sein will.') Denn die sexuelle Sittlichkeit soll für die Gesamtmenschheit durch das noachidische Verbot geschützt sein. Dem Stamm-Ähncn der Menschheit ward es offenbart und hat dermaßen in der Menschheit Wurzel gefaßt, daß heute die peteronomie schon in die Autonomie eines Raturrechts umgewandelt ist. In diesem Zusainmenhang verdienen die Forschungen.des katholischen Crbforschers Prof. Muckermann Beachtung, der mit Geschick die p a r m o n i e der biologischen Naturgesetze mit dein S i t t e n g e s e tz nachweist. Gegen die natürliche Weltordnung lehnt sich die Unsittlichkeit auf, und darum wiegt sie. schwerer als das einzelne Leben. Um so verantwortungsvoller ist die Entscheidung im Cinzelfall. „Cin jeder Fall liegt anders und bedarf der sorgfältigsten Prüfung eines ") Levitieus 18, 5 (vgl. Talmud Babli Joma 85 b). 7) und S. R. Hirsch zur Stelle. Gedanken zum Kapitel von Korachs Empörung. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Israels Wüstenwanderung ist eine Schule der Entsagung und Ueberwindung, ' aber auch der Läuterung und Vorbereitung für das heilige Ziel, dem die Gesamtheit zustrebt. Wie sehr diese Zeit der Rüste ein dringliches Gebot der Notwendigkeit ist, um Israel mit all' jenen Fähigkeiten und Vorzügen auszustatten, die es des Besitzes des heiligen Landes würdig machen, das beweist die vielfältige Abkehr des Volkes von G'tt und feinen von Ihm berufenen Führern und Lehrern. Israel erhält fein tägliches Brot vom Himmel und hat mit jedem neu anbrechenden Tage einen neuen deutlichen Beweis für das Walten einer gnadenvollen Vorsehung, die es so wunderbar leitet, — ..->»» ra1» dv>V dv ein Tag strömt dem andern diese Lehre zu" —, unzufrieden aber und lüstern ruft es nach anderer Nahrung und wagt es. nach dem Sklavenbrot in Aegypten sich zurückzusehnen. Sein Weg soll es jetzt zur Verwirklichung der den Vätern gegebenen Verheißung ins gelobte Land führen, das die Vorbedingung ist für die Erfüllung seiner Aufgabe, — undankbar jedoch und voller Zweifel fordert es die Sendung der Kundschafter, die ihm d i e Botschaft bringen, die es zu hören wünscht und zum Ausgang neuen man-! gelndes G'ttvertrauen bezeugenden Abfalls wählt. Die besten opferfreudigsten Führer, die je einem Volke beschieden sein können, hat G'ttes treu waltende Liebe und Fürsorge Israel bestellt —, Moses, Ahron und Mirjam, die wie leuchtende Sterne an feinem Lebenshimmel strahlen, — welch geringes Maß von Treue und Vertrauen zu seinen Führern bekundete jedoch dieses Volk, daß Korachs Eitelkeit und Ehrgeiz die Massen' zu blenden und zu betören vermochte! Wahrlich, da mußte erst Israel unter Entbehrungen und Kämpfen zum Volke der G'tteswahl heranreifen, erst in der versengenden Glut und Dürre der Wüste des Schutzes des Herrn sich bewußt werden und dahin gelangen, daß es über allen Wandel und Wechsel hinweg unerschütterlich dasteht in seinem G'ttesglauben und unwandelbar in seinem Vertrauen zu seinen Lehrern und Führern . . . 112p mrw2i v'vrvi „Sie glaubten an G'tt und an Moscheh seinen Diener". Das war das Ergebnis der großen Wunderschau, deren Israel am jenseitigen Gestade des Schilfmeeres gewürdigt wurde. Der Glaube an G'tt bedingt auch die volle Ueberzeugung: van nwn na« iniim „Moscheh ist wahr und wahr auch seine Lehre". Diesen Glauben im Volke zu schwächen oder ihn ganz zu zerstören, das war das Ziel, das Korach anstrebte. Gelang ihm dies, dann hoffte er, seinen Ehrgeiz befriedigen und seine selbstsüchtigen Pläne verwirklichen zu können. Was ficht es einen Korach an, wenn mit der Erschütterung des Glaubens an die von G'tt gewollte und bestimmte Ordnung auch der Glaube in seiner Ganzheit unterwühlt wird? In den gleißnerischen Mantel der Scheinheiligkeit gehüllt, ruft er es in die Menge hinein«' Vnp bv ixvmn smm 'i 021021 D’iznp aVa ms?n V2 '2 02*» 21 „Zuviel für euch! Dann die ganze Gemeinde, sie alle sind heilig und unter ihnen ist G'tt. Und warum erhebt ihr euch über die Gemeinde G'ttes?" Zweierlei ist es, womit Korach unter Zustimmung derer, die ihm nicht nur räumlich nahe waren, sondern auch der gleichen Gesinnung und Geistesverfassung, wie er die Massen für sich und seine Auffassung zu gewinnen sucht. Jeder in Israel ist von G'tt berufen und darum heilig und dem Herrn nahe, es bedarf also das Volk keiner besonderen Führer und Auserwählter. Das ist das eine, und das andere: Soll das Volk in seiner Gesamtheit denn doch Wegführende haben, dann hat es selber das Recht freier Bestimmung und steht ihm allein die Wahl derer zu, denen es sein Vertrauen schenken will. Diese Rede, die der Menge in ihren Wünschen und Neigungen wie in ihrer Eigenliebe schmeichelt, mußte den Beifall des Volkes auslöfen, das Korach und seine Genossen als Verteidiger seiner Rechte und seiner freien Selbstbestimmung bejubelt und auf den Schild erhebt. Sieht es doch die sich Auflehnenden, wie sie — eben erst ist das Gebot der Schaufäden verkündet — in peinlichster Sorgfalt an ihre Gewänder die n’X’s angelegt haben —, also gerade die Frommen, die G'ttes Gebote so streng und gewissenhaft erfüllen, wenden sich gegen Moses und Ahron und klagen sie der Anmaßung, der Verletzung der Volksrechte an. Da ist kein Zweifel mehr erlaubt und die Wahrheit und Echtheit ihrer Bestrebungen erwiesen. Und wie jubelt das Volk und wähnt seinen Lehrer und Führer unterlegen und überwunden, als Korach ihm klügelnd in spitzfindiger Rede Fragen vorlegt, die die Berechtigung seiner Vorwürfe und Anklagen erweisen sollen. »JVS'X p Nlvlv rw'2? KT1 na 7li>271 ni-12V Ist ein Kleid ganz aus blauer Wolle nicht von Zizis befreit? — p niivs KnncMnn v'isv w2 Braucht man etwa noch an ein Haus, das voller Gesetzesrollen ist, eine Mesusoh anzubringen? Armes be-