Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1932)
- Date
- 1932-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 28 11+ 3. Tammus 5692 ffber Israeli* J) Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1928: Deutschland IM Mark monatlich; Ausland: Vterteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga5. Holland 3 fl.; Italien ab 1.1.28.13 Lire; Jugo« slavien 85 Din.; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 160 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowaket 35 Kronen; Ungar» Pengö 5 ab 1. Juli 1837; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.60 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfenntge. „. Goldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Famtlienanzeigen nur 40 Pf. 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Tin ruhender pol in der Flucht der Crschei- Mtngerr, hat sie dem Individuum ermöglicht, dem starken Trieb des Menschen in seiner unedlen komponente zu wehren, andererseits ihm in seinen natürlichen und zweckgemäßen Forder u n g e n Rechnung zu tragen. Darüber hinaus ist es der exakten Befolgung des Sittengesetzes zu verdanken, wenn das jüdische Volk von einer tödlichen Bevölkerungskrise bisher verschont geblieben, wenn es im Gegenteil auf den äußeren Druck stets nüt Bevölkerungszuwachs reagierte. „Tin tragisches Geschick ist es, daß die Juden lediglich aus dem Grunde ihrem Untergang entgegeneilen, weil sie ihr religiöses Sexüalgesetz verwerfen." So schrieb Tis enstadt, der nicht-orthodoxe Arzt. Das ist die Lehre und die Warnung der Geschichte. Heute — unter der Diktatur der wirtschaftlichen Betrachtungsweise — ist diese Lehre im Winde verhallt, heute ertönt eine andere Musik: „Die Ausführungen der Herren Rabbiner haben gezeigt, daß die Gefahren, die mit der w ö r t - l i ch e n L e f o l g u n g der jüdischen Gesetzgebung Zusammenhängen, so groß sind, daß auch sie glau- - den, stch nicht mehr an alle religiösen vorfchriftenhalten zu können. Ts wird notwendig sein, die a l t e jüdische Weltanschauung zu revidieren und so zu gestalten, wie die Zeitverhält nisseH sie erfordern." Das sind nicht etwa die hingeworfenen Sätze eines jüdischen Privatmanns, nicht die Berichterstattung eines jüöisch-neologen Journals, es sind vielmehr die zusammenfassenden überlegten Worte der Präsidentin der bevölkerungspolitischen Ausschuß- Tagung des „preußischen Landesverbands", der Frau Wronsky?) Und diese Worte sind unwidersprochen in der Versammlung geblieben, bis heute — nach dreijähriger Frist —, auch unwidersprochen von den beiden theologischen Sachverständigen Dr. T s ch e l b a ch e r und Dr. Cmil L e v v auf deren Gutachten das vernichtende Urteil über das jüdische Sittengcsetz beruht. Die Rede Dr. C s ch e l b a ch e r s ist in der Tat geeignet, die Thesen der Präsidentin zu stützen. Seine Darstellung der jüdischen Fortpflanzungspflicht ist unvollständig — er entschuldigt sich mit Zeitmangel auf der Tagung. Aber die Darstellung ist auch nicht stichhaltig, was die soziale Indikation zur Geburtenverhütung betrifft. Hierauf soll später einmal eingegangen werden, wesentlich ist für ihn, daß die Halacha als einzigen Ausweg in wirtschaftlichen Röten die A b st i n e n z sieht und daß sich daraus die „schwere und ethisch-unnatürliche Forderung der Abstinenz in der Che" ergibt. Warum eigentlich u n n a t ü rlich? <E. weist doch selbst darauf hin, daß sich „der Standpunkt unserer jüdischen Gesetze mit der modernen medizinis ch e n und biologischen Erkenntnis verträgt. Ts sei nur an die These von Freud erinnert: Wir nennen eine Sexualbetätigung pervers, wenn sie auf das Fortpflanzungsziel verzichtet und die Lustgewinnung als davon unabhängiges Ziel verfolgt." Somit wäre umgekehrt den von C. zugelaffencn künstlichen Verhütungsmethoden das Prädikat „unnatürlich" erteilt. Und worin soll der e t h i s ch e Mangel der Forderung einer Abstinenz in der The bestehen? weil diese. Forderung „kaum je verwirklicht" wird, weil stch „echte schwere Perversionen" ergeben können. Das erscheint übertrieben. Cs mag sein, daß sich bei prädisponierten Individuen bei allzu straffer.und langer Ausübung der Cnthaltsamkeit gewisse ' nervöse *) Diese und folgende Zitate teilweise von uns gesperrt! -) Jüdische Bevölkerungspolitik. Berlin 1929, S. 53. Erscheinungen geltend machen können. Bei Willensstärken und seelisch geschulten Menschen ist dies so gut wie ausgeschlossen. Auf diese A b n o r m i täten hin ein ethisch gerechtfertigtes Prinzip ins Gegenteil zu verkehren und mit einem ethischen Makel zu behaften, ist demnach vollkommen unmotiviert?) Stellt man aber sein System aus so schwache Füße, so hat man gewiß keine Berechtigung zu dem Schlüsse, daß die Halachah für die Lösung dieses Problems versage. ... . Der andere Gewährsmann der Frau Wronsky, Dr. Cmil Levy, will nicht „alles billigen, was Dr. Cschelbacher gesagt hat." was das ist, sagt er uns nicht. In einem ist er aber mit Dr. Cschelbacher eins: „'Absolute Abstinenz nach Erreichung des Zeugungszweckes-soll man nicht fordern, denn man predigt tauben Ohren und macht sich nur lächcrl i ch." Das kennzeichnet die ganze Einstellung. Entweder fordert das jüdische.Gesetz keine „absolute Abstinenz", dann sollte man dies sagen, oder die „absolute Abstinenz" wird vom Gesetz gefordert, dürfen dann solche Motive ins Feld geführt werden? wenn Angst vor den tauben Ohren und vor der Lächerlichkeit bestimmend ist, wo wird dann ein Rabbiner noch Wahrheit verkünden können? wird er entschlossen für die Forderungen des jüdischen Gesetzes sei es. des Sittengesetzes, sei es beispielsweise des Sabbatgesetzcs, eintreten? Ist es nicht geradezu ein Erfordernis, daß Männer auftreten und die Wahrheit verkünden, wenn das Herz des Volkes gelähmt, die Ohren taub und die Augen verklebt sind? Rie wäre ein Prophet in Israel erstanden, wäre Furcht vor Lächerlichkeit sein Leitmotiv gewesen, lind gerade die Propheten will Dr. Cmil Levy als Vorbild für seine jüdische Ethik nehmen, er will „die Halachah auf ihre Grundlage, das prophetische Ethos", zurückführen. Die Methode hierfür ist allerdings etwas originell. Statt, wie es uns als Aufgabe erscheint, die Kenntnis und Durchführung der Halachah zu fördern, Jollen „die Rabbiner in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit die brennenden Gegenwartsfragen sozialer Arbeit stellen." Wie diese neue Halachah im einzelnen anssehen wird, verraten uns die Worte des. Redners nicht. Er macht wohl für sich geltend, daß er — der Spezial- Delegierte der „Allgemeinen deutschen Rabbinervcrbands" — „die Materie nicht bis in alle Einzelheiten studiert haben." Rur einen Lichtblick gewährt uns 3) Siehe hierüber auch: Dr. Jacob Levy. Geburtenregelung im jüdischen Schrifttum. Jüd. Wohlfahrtspflege u. Sozialpolitik 1932, Heft 1.