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Der Israelit · 1932-06-30 · Heft 27 (30.6.1932) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 27 (30.6.1932)
Date
1932-06-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 27 Der Israelit 30. Juni 1932 nun abgeladen. Doch als der wissende Finanzwächter den Sack ergriff und gerade gegen die Magengegend Morsches einen heftigen Stoß führend an Lasel Schneider die Frage richtete: „was ist da drinnen?" da ertönte zum Gaudium aller Anwesenden aus dein Sacke die grobe Stimme Moisches heraus: „(£ Schöps!" Moische Baal Milchome hatte es sich also in seiner Klugheit nicht nehmen lassen, dem Finanzwächier selbst die Auskunft zu erteilen. Was wunder, daß er seit diesem komischen Intermezzo bei seinem jeweiligen Erscheinen von den Spottvögeln der Iudengassc mit dem Titel, den er sich selbst beigelegt, begrüßt wurde. Don den sonstigen Erlebnissen Moische Baal Milchoines läßt sich nicht viel mehr erzählen. Er blieb die Zeit seines Lebens unbeweibt. Doch wenn es ihm selbst versagt war, sich in den Hafen der Ehe zu begeben, so hatte er einen kleinen Ersatz an den Ehen Minderer, von welchen er Dützen hatte. Cr wurde in den Häusern, wo Hochzeitsdiners abgehalten wurden, gewöhnlich als Wächter genommen, damit Ungeladene nicht in den Speisesaal eindringen und die Hochzeitsgäste belästigen konnten. „Der iiopf soll leben, wie mir kaner hereinkommt", konnte man ihn bei dieser Gelegenheit rufen hören, während er seinen großen Knotenstock drohend emporhob. Die so sanft Abgewiesenen rächten sich mit den Spottrufen „Mehlsackschießer" und die anwesenden Gassenjungen sekundierten mit dem obligaten Blöken des Tieres. Doch sollte auch unser Moische einmal von dem Gespötte und Schikanen der böswilligen Menschen befreit werden. Eines Tages sahen wir den Schames Moische Berlin „Meß Mizwoh" rufend mit der Ehewrabüchse in den Häusern der Iudengasse die Runde machen. Auf die Frage, wer gestorben sei, antwortete er gleichgültig: „Moische Baal Milchome Zdoko tazil mimoweth". Ein Schlagansall hatte dern Leben Moisches ei^ jähes Ende bereitet. Tags darauf brachte der schwarze wagen Moisches sterbliche Hülle unter Begleitung sämtlicher jüdischer Träger und Gewölbwächter nach dem „guten 0rt". Zum erstenmal schwiegen die Spottvögel in der Gasse. Sie hatten auch einen großen Verlust erlitten. Durch seinen plötzlichen Tod hatte Moische der bösen spottsüchtigen Welt noch einen Schabernack gespielt, indem er ihr ein Hauptobjekt ihres Spottes für immer entzog. Das alte Preßburger Iudenghetto hatte eines seiner seltensten „Antiquitäten" verloren. (Schluß folgt.) alleen errichtet, so entstanden ganze Promenadenvierwildfroh, so rauschend, voll Jubel und Trubel, wie ihn tel. Ehaluzim und Arbeiter erbauten sich Baracken, und die Gasse im Städtchen nie gekannt hatte. Ist es der Jemeniten sind gerade auf dem Wege, aus Wohneuropäische Karneval? Auch das nicht. Dafür ist er zu wagen in neuerrichtete Hütten überzusiedeln. Das gesittet. Es fehlt die Pritschenschlacht, es fehlt über- „Scheunenoiertel" in der Vorstadt wird abgerissen, die Haupt die Roheit, der harte Ton des Fasching, die Zü- Peripherie besser ausgebaut. In den Hauptstraßen, die gellosigkeit hinter dem Mummenschanz. Keiner ist bealle biblische Namen tragen oder nach Männern aus trunken. Es ist ein milder Frühlingsabend mit einem der Geschichte des Aufbaus benamst werden (man muß dunkelblauen Himmel, wie er sich bei uns in Hochfomin Tel-Awiw nicht erst sterben, um in einem Straßenmernächten über die Erde wölbt. Tausend elektrische namen verewigt zu werden, auch Bialik hat bereits Birnen hüllen das Treiben in helles/grelles Licht. Die feine Straße) reiht sich Geschäft an Geschäft, Laden an Matrosenjacken der Musikanten schimmern weiß und ihre Laden, Speisehalle an Speisehalle, Ausschank an Aus-. Instrumente glitzern golden in den ' festlichen Abend, schank (selten Alkohol, zumeist Tee, Limonade, Eis).! Die Trompeten schmettern bekannte Weisen, die Men- Viele Menschen, handelsbeflissen vor ihren armseligen! schen singen und tanzen. Die Freude, zuerst etwas kom- 2Ttit der Agudas Israel in Palästina. VIII. Tel-Awiw, die jüdische Stadt. In den Reisebllchern, in „Preß" wie im „Baedeker", ist zu lesen, daß „eine Viertelstunde von Jaffa entfernt Tel-Awiw liegt, eine Stadt, die mit ihren großen modernen Häusern und geraden, breiten Straßen 3000 Einwohner zählt." Wie anachronistisch, wie gewaltig von den Verhältnissen überholt! In wenigen Jahren sind in diesem Lande des fieberhaften Aufbaues alle Zahlen und Daten auf den Kopf gestellt. Zutreffend bleiben die Angaben in den Reiseführern höchstens noch über die Breite des Jordan, die Höhe des Tabor, den Wärmegrad der Quellen von Tiberias, den Salzgehalt des Toten Meeres, vorausgesetzt, daß sie je gestimmt baben . . . Die „Viertelstunde" zwischen Jaffa und Tel-Awiw ist von der neuen Entwicklung einfach weggestrichen. Es gibt keine territoriale oder sonstwie sichtbare Grenze. Man windet sich durch die Basare und winkeligen Gassen des hochliegenden Jaffa, an den schöneren jüdischen Quartieren vorbei, bis zu einer breiten Promenade, hinter der die Nablusstraße beginnt. Links dehnen sich die Stahladern der Eisenbahn nach Jerusalem. Geradeaus gelangt man unvermittelt in eine schöne asphaltierte Straße, flankiert von soliden, hübschen, nicht zu hohen und nicht übermodernen Steinhäusern, und man ist in Tel-Awiw. Tel-Awiw hat, alle Wegweiser auf der Straße und im Baedeker über den Haufen werfend, mit seinen langen Armen in das altehrwürdige Jaffa hineingegriffen. Jaffa setzt sich in Tel-Awiw fort, wie die alte Zeit unmerklich, aber unaufhörlich und unerbittlich in die neue übergeht. 45 000 Menschen, d. h. Juden, zählt die aufstrebende Stadt. Sie lebt vom reichen Hinterlande, empfängt von diesem die Produktion und gibt ihm den Absatzmarkt oder Durchgangshafen. Rentner aus allen Gegenden Europas und Amerikas haben sich ihr „Glück im Winkel" in Form herrlicher Eigenheime mit allem Komfort und eigenem Baucharakter zwischen Baum- Kramläden, tragen die Züge von Nalewki in Warschau in ihrem - Gesichte. Man sieht aber auch schöne, reiche Auslagen. Das Bild der Straße ist, wie m Jerusalem durch Langbart und Kaftan, hier durch Windjacke oder Sporthemd gezeichnet, Esel und Kamel sind vom Auto ganz verdrängt. Hebräisch spricht auch das Dienstmädchen in der Küche, der Schaffner auf dem Bocke des Omnibus und der Beamte am Postschalter. Hebräisch lallt das Kind in der Wiege. Die leuchtende Fassade des offiziellen Lebens ist zionistisch, sie täuscht mit der Judenstadt den kleinen I u d e n st a a t vor, und auch der Fremde ist bald von der Fiktion hingerissen. Hinter dieser Fassade steht aber, fest und breit, eine Brandmauer von zehntausend einfachen, schlichten, frommen Juden, die keine andere Ambition haben, als in der jüdischen Stadt still und fromm, nach alter guter Väterart zu leben. Dazu bietet Tel-2lwiw mit seiner prachtvollen neuen Synagoge neben vielen kleineren Bethäusern, seinen Lehrhäusern, seiner strengen Arbeitsruhe am Sabbat, mit all seinen religiösen Einrichtungen, bei allem und allem, mindestens so viel Möglichkeit und Gelegenheit wie die beste Kehilla in der jüdischen Diaspora. Freilich müßten die frommen Massen in dieser Stadt, wo Aufbaurausch gemischt mit levantinischer Leichtblütigkeit die Jugend ganz in seinen Bann zaubert, mehr, viel mehr tun, um sich die kommende Generation zu sichern. Purim in Tel-Awiw. Wir haben bereits bei der Ankunft einen Blick auf die jüdische Stadt geworfen, gewissermaßen nur die Ueberschriften des Traktates gesehen. Nun fahren wir am Montag, einen Tag vor Purim, nachdem wir fast das ganze Land der Länge und Breite nach durchstreift haben, in Tel-Awiw ein, da wo es am wildesten tobt. Die Stadt hat zu ihren 45 000 Menschen (der Tel- Awiwer spricht in seinem lokalen Stolz von 50 000) noch 30 000 Gäste von auswärts bekommen, die das Purimfest in der jüdischen Stadt feiern wollen (der stolze Tel-Awiwer rundet die Zahl auf 100 000 auf) und macht heute den Eindruck einer Metropole. Im Brennpunkt des Verkehrs zwischen Oper und Rathaus sieht es in der Tat so aus wie auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Hundert Llutos und Droschken stauen sich, Fußgänger warten, Pfiffe und Lichtsignale ordnen den Verkehr. Ein Kutscher, der sich von einem Auto etwas unsanft angefahren fühlt, deklariert den Kollegen von der „höheren Zunft" als „Ehamor", worauf der Autolenker mit einem „Gamal" reagiert ... Da ersterer daraufhin vielversprechend die Faust ballt und dem Kollegen auf hebräisch etwas anbietet, was wie „Matnath Jad" klingt, mahnt ein dritter: „Schekel!" (Ruhe.) D er S ch o t e r (Polizist) auf dem Podium in weißen Aermeln erhebt den Arm. „Haderech penuja!" (der Weg ist freigegeben). Die Masse der Wagen und Menschen setzt sich in Bewegung. Ein anderer Schoter kommandiert „Lajamin!" (rechts), „Lasmol!" (links). Der Knäuel ballt sich zusammen, löst sich auf, splittert auseinander. Licht und Kommando. Kleine Anrempelungen, über die der Strom reinigend hinwegspült. Scheket! Alles wickelt sich wie am Schnürchen ab . . . Vor dem Rathause ist eine Tribüne aufgestellt, so kitschig und sinnvoll unsinnig bemalt, beschmiert und beschrieben, wie alle Karnevalbühnen der Welt, nur daß die quadaratischen hebräischen Riesenlettern noch schreiender ins Auge fallen. Auf der Tribüne eine Riesenkulisse, den König Achaschwerosch mit seinem Hofstaate darstellend, davor die liebliche Esther und der bärtige Mordechai. Haman fehlt, was wir sehr geschmackvoll finden. Bei der Zeichnung des Königs hatte dem Maler icherlich ein Kronentrüger auf den Spielkarten als Modell gedient. Die liebliche Esther sieht etwas verlegen, die Hände ineinander gelegt, zu der jubelnden Menge zu ihren Füßen hinab. Mordechai hat bereits den roten Purpur an und die Krone auf dem Kopfe, obwohl Purim noch gar nicht begonnen hat. Die Dinge werden hier alle etwas vorweg genommen. 2luf der Estrade postieren sich gutgewachsene junge Menschen in Matrosen- -racht mit blitzenden Blechinstrumenten: die Polizeikapelle. Die Menge unten wäckist mit jeder Minute. Wer darin eingekeilt ist, steht hinter einer Mauer ohne Notausgang. Zumeist Jungvolk, auch viele Araber, die von den naheliegenden Dörfern und aus Jaffa angelockt wurden. Genau mit Nachtanbruch erschallt die Stimme der Posaune, ähnlich einem langgezogenen Schofarton, von der Höhe herab. Die jüdische Polizeikapelle auf der Tribüne setzt mit einem Marsch ein. Unten tanzt Jungvolk wild und immer wilder die Horra. Die Menge wächst und wächst. Tel-Awiwer Purim hat begonnen. Indes die Synagogen vollgefüllt sinh von älteren Leuten, die nach guter Galuthart noch fastend die Megilla hören, hebt vor der Tribüne ein Purim an, so mandiert und gezwungen zur festgesetzten Minute begonnen, wird inniger, ehrlicher, schlägt hohe Wellen. Mit zunehmendem Abend wächst der Ström gewaltig an, denn es kommen auch die Alten, nachdem sie gefastet, gebetet und gegessen hatten, dazu. Einzelne Masken und Kostüme mischen sich unter die Menge. Straßauf, straßab wogt der Strom. Vom Westen her blinken Lichter, wie Edelsteine gesät aus die nachtblauen rauschenden Fluten des Meeres. Im Strahlenglanz der tausend Lichter spielt oben die jüdische Polizeikapelle „Uzu Eza" ... Am Purimvormittag ist es etwas stille. Die Privatfreude in den Familien kommt sin wenig zur Geltung. Morgens sind die Synagogen gesteckt voll. Man sieht wenig Jugend. Sie feiert den Purim auf ihre eigene Art. Nachmittags gibt es einen Zug durch die Straßen zum „Meruz Hassussim" (Pferderennen) im Stadion. Der eigentliche Karnevalszug zieht am zweiten Purimtag (Schuschan-Purim) durch die Hauptstraßen und besteht in der Hauptsache aus geschmückten Wagen. Einige haben historisches Motiv, wie die verschiedenen Alijoth von Abraham bis zu den zionistischen. Andere sind satyrisch gedacht, auf Kosten der Verwaltung, der britischen Regierung, des Waad Leumi, der Universität, und werden von den Auswärtigen nicht verstanden. Einige Kolonien präsentieren in eigenen Festwagen ihre Produktion, auch ihre Not, ihre Klagen und Erwartungen . . . Jemeniten führen eine Königin Esther, geziert und geschmückt wie die Königin Saba in der Sage, zur Schau. Ehassidim, echte und mit angehängten Bärten, führen auf riesigen, mit Olivenzweigen geschmückten Leiterwagen Tänze auf. Vor jeder Gruppe spielt eine Kapelle. Die Straßen, die Balkone, die Fenster, alle flachen Dächer, sind mit Menschen besät. Die Stadt hallt wider von Sang und Klang, Jubel und Freude. Drei volle Stunden, dauert der Festzug. ' ede Gruppe wird mit rauschendem Jubel empfangen. Ein Schoter hoch zu Roß hält lächelnd, einen Vibelvers im Munde, die Ordnung aufrecht. Alles fügt sich gern und willig. In einer Stadt Mitteleuropas hätte unter solchen Umständen der Gummiknüppel die Massen in Schach halten müssen, hier tut es eine lächelnde Miene, ein hebräisches Witzmort. Keine Roheit und keine Trunkenheit. Es fällt überhaupt kein hartes Wort. Selbst der Polizeigaul scheint die Sache mehr von der humoristischen Seite zu nehmen. Er trampelt nicht so massiv auf und trabt nicht in die Reihen hinein, er schüttelt nur den Kopf, als wäre er das Pferd von Schuschan und sein Reiter Mordechai, der vielgeehrte . . . Auch die Straßen lachen in froher Purimstimmung. Sie haben für den Tag andere Namen angenommen, heißen nicht mehr nach Herzl, Jehudä' Halevi, Lilienblum. Achad Haam, Rothschild, sondern tragen bunte Schilder mit passenden Worten aus der Megilla. Der Tel-Awiwer nennt dieses Fest in Anlehnung an ein bekanntes Talmudwort „ A d d e l o j a d a ". Aber er weiß ganz genau, wo er hingehört, weiß sich einzuordnen, weiß, daß Purim nicht Karneval ist. Und dennoch! . . . Der Karneval ist in den Purim hineingewachsen, wie Tel-Awiw in Jaffa . . . Die fest frohe Stadt. Nach wenigen Tagen bewegt sich der große Aufzug der W e l t m a k k a b i a d e durch die gleichell festgeschmückten Straßen. Das gleiche Bild. Aber viele sind schon verärgert: Fest auf Fest, als gäbe es heute für die jüdische Welt nichts Wichtigeres, als Feste zu' efiern. Zum Abschluß kommt die Festskala mit der feierlichen Eröffnung der Levantinischen Ausstell u n g , die selbstverständlich auch einen L u n a p a r k haben muß (wie heißt eine „Achterbahn" auf hebräisch?) Wer in diesen Tagen Tel-Awiw sieht und die Stadt nach ihrem etwas närrisch geschminkten Gesichte beurteilt (es ist eine fremde, billige Schminke), kennt natürlich Tel-Awiw nicht. Sehr richtig bemerkt mir eine prominente Dame: „Diesen Karnevaltrubel machen wir ja für euch, für die Touristen, die um diese Zeit ins Land strömen und etwas für ihr Geld haben wollen. Wir in Tel-Awiw haben ganz andere Sorgen . . ." Es ist in der Tat ein bißchen Geschäft dabei, Fremdenindustrie. Alle „Malons" (größere und kleinere Hotels) und „Misadas" (Restaurationen) sind in diesen Tagen überfüllt, die „Gasus"-Verkäufer (Limonade und Süßigkeiten) können nicht genug Ware für den Absatz auftreihen. Manche kleine Geschäftsleute leben das ganze -Jahr von diesen paar einbringlichen Tagen. —tz. (Fortsetzung folgt.)J Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton §. Sch achnowttz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schach« nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). - Verlag des Israelit und Herwon ®. m. b. H., Frankfurt a. M. - Druck! Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M.

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