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Der Israelit · 1932-06-30 · Heft 27 (30.6.1932) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 27 (30.6.1932)
Date
1932-06-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Jeuilkton. Srllsge Der jsraetit ßr.27 1932 Typen aus einer allen Gemeinde. Von Hermann Löwinger. I. Moifche Baal Milchome. Sonderlinge und die Spottlust erregende Individualitäten gedeihen am Besten nur in uralten Städten und jüdischen Gemeinden. Die von der Natur zumeist stiefmütterlich bedachten Menschen sind noch die Ueberreste einer.vergangenen Zeitperioöe, die für diese Bedauernswerten nur Spott und Neckereien hatte, während diese,in unserer Zeit das Mitleid ihrer Zeitgenossen wachrufen, vor kurzem haben wir bereits eine originelle Gestalt aus dem alten preßburger Iudenghetto den Lesern vorgeführt. Mit Gegenwärtigem gehen wir an die Zeichnung der nicht.minder charakteristischen und komischen. Figur Moifche B a a l M i l ch o m e' s. ■; Lang war Moifche Baal Milchome wie das Golus, wie man in der preßburger Iudengasse zu sagen pflegte. Mit seinem auf einem langen halse sitzenden breiten Kopse, mit dem vom Wetter verbrannten Gesichte, den von dichten Augenbrauen beschatteten großen Äugen und seinem hervorstehenden Kinne hätte er recht gut, aufs Feld hingestellt, eine Vogelscheuche abgeben können. Vielleicht hätten aber auch die diversen Vögel mit ihm ihren Spott getrieben, wie es die Kinder der Gasse stets taten, wenn seine holde Gestalt in ihrem Bereiche erschien. Denn kaum wurde Moifche in ■ der. preßburger Iudengasse sichtbar, wurde er von den kleinen und großen Gassenjungen mit den verschiedensten Spottnamen, wie „Mehlsackschießer", „Molsche mit der Spritz" begrüßt, welche Rufe von einem dem Schafe trefflich nachgeahmten Blöken begleitet waren. Doch sein Hauptname, unter welchem er am besten bei allen Gemeindemitgliedern bekannt war, blieb' „Molsche Baal Milchome", ein Name, der von seiner Soldatenzeit her datierte, wenn er auch dem Kriegerstande nur einige Monate angehörte, da man ihn schon nach kurzer Zeit als total unbkauchbar entlassen mußte. Moifche war so begriffstützig, daß die kräftigsten Püffe seines Korporals nicht imstande waren, ihn beim Exerzieren den Unterschied zwischen rechts und links bcizubringen. wurde „rechts geschaut" kommandiert, so richtete Moifche gewiß seine Glotzaugen nach links, ertönte das Kommando „links geschaut"; so war Molsche wieder in die rechte Seite ganz vernarrt. hieß -man ihn das Gewehrpräsentieren, so schulterte er dasselbe oder hielt es, als ginge es zum Sturme vor. .Da Moifche auch seine Uniform nicht rein hielt und an seinem Waffenrocke gewöhnlich zwei oder drei Knöpfe fehlten, so kam er aus den Strafen nicht heraus. Dunkelarrest, manchmal sogar verschärft mit Fasten, lösten sich bei ihm oft mit gewöhnlichem Kasernenarrest ab. Doch ein Stücklein, welches unser Moifche vollführte, brachte die ohnehin hart auf die Probe gestellte Geduld seiner militärischen Vorgesetzten endlich zum Reißen und befreite ihn plötzlich vom Militärdienste, für welchen Molsche weder Neigung noch Beruf in sich fühlte. Eines Tages, als Moifche vor einem militärischen Depot Wachtposten stand, und um einem menschlichen Bedürfnisse zu entsprechen, das Gewehr ans wachthäuschen anlehnend, seinen Posten verließ, wurde er plötzlich von einem höheren Offizier inspiziert und angesprochen. Die Art, wie Molsche in dieser kritischen Situation auf den überraschenden Besuch reagierte, führte dazu, daß er endlich als untauglich — aus dem Militärverbanöe entlassen wurde. was ' wurde zu damaliger Zeit ein verabschiedeter jüdischer „Baal Milchome", wie unser Moifche einer war? Cr vergrößerte' die ohnehin respektable Zahl jüdischer Lastträger. So sehen wir auch eines schönen Tages Moifche Baal Milchome am Platze „vor dem wachthüttel", mit dem Wahrzeichen der Träger, nämlich mit dem Stricke und dem Tragbande um den Leib geschlungen, auf Aufträge warten. Doch da, wie schon erwähnt, Molsche das Pulver nicht erfunden hatte und seine neuen Kameraden viel pfiffiger und anstelliger als er waren und ihm alle Aufträge vor der Nase wegschnappten, brachte er es auch bei diesem Metier auf keinen grünen Zweig. Trotzdem er als Vaterlandsverteidiger sich keine Lorbeeren geholt, war er doch auf seine kurze Dienstzeit als solche stolz. Als gewesener Soldat hielt er viel aufs gegebene Wort, und wenn er einmal für einen Dienst einen Preis genannt hatte, so ging er davon nicht ab. Lieber ließ Moifche die Kunden fortgehen, als daß er.von dem geforderten Lohn etwas hätte abhandeln lassen. Eine kleine Episode aus Moifche Baal Milchomes Trägerleben wurde in der Gasse viel belacht. Moifche hatte für einen Reisenden einen schweren Koffer vom Dampfschiffe ins Hotel befördert, ohne den Lohn ausgemacht zu haben. Als nun dieser den von Moifche geforderten Lohn zu teuer fand und davon abhandeln wollte, drohte Moifche, den schweren Koffer zum Schiffe zurückzutragcn, und er machte die Drohung zum Gaudium aller Gassensteher auch wahr. „Der Kopf soll eso leben wie ich nit weniger nehm." Mit diesen Worten nahm er den schweren Koffer auf den Rücken und trug ihn umsonst unter dem Geschimpfe des Reisenden wieder zum Schiffe. „Der Kops soll eso leben", diese Worte gebrauchte er, so oft er etwas beteuern wollte, während er mit dem Zeigefinger auf seinen Dickschädel deutete. wie aber Moifche zu dem Titel „Mehlsackschießer" kam, das möge folgendes Geschichtchen erklären. Außer seinem nicht besonders einträglichen Metier als Träger bekleidete er in der Iudengasse noch das Amt eines Nachtwächters, welches er seiner Eigenschaft als gewesener Soldat zu verdanken hatte. Cs war in der bewegten Zeit des Jahres 1848, als nach der Plünderung des Iudenviertels sich allerlei verdächtiges Gesindel in den Gassen preßburgs Herumtrieb, da wurden der gefährdeten Sicherheit wegen die Nachtwächter mit Gewehren versehen. Kaum daß die Uhr vom Domturme die zehnte Stunde verkündet hatte, konnte man Moifche Baal Milchome im Vereine mit den übrigen jüdischen Gcwölbwächtern in Uniform und Tschako, bis an die Zähne bewaffnet, ausrücken sehen. Cs war in einer finsteren regnerischen Nacht; die in der Iudengasse nur.Fpärlich angebrachten Oellaternen beleuchteten nur wemg die Gasse. Besonders auf dem Platze „vor dem wachthüttel" am Ende der Iudengasse herrschte dichte Finsternis. Vor. einem dort befindlichen Mehlgeschäfte waren mehrere Säcke Mehl abgelagert worden. Als unser Moifche auf seinem Runögange dort vorüberkam und in der Finsternis etwas Weißes schimmern sah, wurden die Mehlsäcke von Moifche mit „Wer da!" angerufen. Doch es kam keine Äntwort und als auch nach dreimaligem Anrufen die Mehlsäcke immer noch keine Äntwort gaben, feuerte Moifche sein Gewehr auf sie ab. Durch dem Schuß alarmiert, eilten seine Kameraden und auch viele Bewohner der Iudengasse herbei. Als sie nun den angeschossenen Gegenstand näher betrachteten, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus. Seit dieser tapferen Tat, die wie ein Lauffeuer sich in der Iudengasse verbreitete und durch welche Moifche noch mehr zur Zielscheibe des Spottes würde, erhielt er für die Zeit! seines Lebens den Spottnamen „Mehlsackschießer"/ Doch wenn Moifche in seinem ganzen Leben es zu nichts Ordentlichem bringen konnte, so leistete er doch in einem Fache Respektables, nämlich als zweiter Kommandant von „Kohols Feuerspritze", wenn er in dem Vereine mit dem Oberkommandanten Koppel Leble, beide mit Tschakos am Kopfe, das Sturmbanö hinter dem Kinne, bei einem ausgebrochenen Brande vom Schloßberge, wo das Spritzenöepot der jüdischen Gemeinde sich befand, wie rasend mit der von den jüdischen Trägern gezogenen Koholsspritze herunterfuhr, da tauschte er gewiß mit keinem General, wie strahlte sein Gesicht, wenn er, von dem alten in diesem Falle ihm zustehenden Rechte Gebrauch machend,' die schönsten Pferde der ihm zuerst entgegenkommenden wagen oder Equipagen ausspannen und vor die Koholsspritze spannen konnte. Seinen höchsten Stolz setzte er aber darein, wenn dieselbe als die erste am Brandplatze anlangte und wenn diese, da sie die größte und ihre Wasserstrahlen die weitreichendsten waren, vom angesammelten Volk mit dem Freudenrufe.' „Die Iudenspritze ist da! Jetzt ist das Feuer bald gelöscht!" begrüßt wurde. Der Spritzenkommandant erhielt für das erste Anlangen am Brandplatze vom Magistrat die obligate Belohnung von einem Dukaten. Doch ohne dummen Streich ging es einmal bei unserem Morsche nicht ab. Wenn er manchesmal, was zwar selten geschah, zu spät mit der Spritze anlangte und das Feuer schon gelöscht war, da mußte trotzdem das betreffende Haus angespritzt werden und alle Drohungen des Hausbesitzers und der Bewohner konnten ihn nicht abschrecken, unter den Bravorufen der lieben Straßenjugenö solange zu spritzen und große Massermassen zu verschwenden, bis die intervenierende Polizeiwache dein dummen Spiele ein Ende machte. Warum Moifche Baal Milchome von den Gassenjungen bei seinem jeweiligen Erscheinen in der Iudengasse mit dem Spottnamen Schöps und dem diesem trefflich nachgeahmten Blöken begrüßt wurde, dies soll folgende hochkomische Episode aus Moisches tatenreichem Leben erklären. Moisches sehnlichster wünsch, den er oft genug äußerte, war, einmal die schöne, vielgerühmte Haupt- und Residenzstadt Wien zu sehen. Zu damaliger Zeit war cs nicht so leicht, nach Wien zu kommen. Das Dampfroß, mit dem inan jetzt von preßburg aus die schöne Kaiserstadt an der Donau in 2lA Stunden erreicht, verkehrte damals noch nicht, und es mußte diese Strecke per Achse zurückgelegt werden. Da der Fahrpreis für einen zu mietenden Wagen ein enormer war, so bildeten sich zwei- bis dreimal in der Woche Reisegesellschaften, zumeist aus Kaufleuten, die zum Cin- oder Verkaufe nach Wien fuhren, bestehend, die sich zusammen einen Wagen mieteten. Da bei jeder kleinen Station Halt gemacht und gefüttert wurde, so dauerte eine^Fahrt von preßburg nach Wien manchmal l—2 Tage. Zu dieser Zeit gab cs in preßburg einen Spaßvogel namens Lasel Schneider. Als unser Moifche auch diesem gegenüber seinem sehnlichsten Wunsch, einmal Wien zu sehen, Ausdruck verlieh, da eröffnete ihm Lasel Schneider, daß er gewillt sei, ihn auf seine Kosten" nach Wien mitzunehmen, doch mache er ihn darauf aufmerksam, daß jeder Fremde, der zum erstenmale nach der Kaiserstadt komme, die eiserne Kette bei der wiener Mauth durchbeißen müsse, bevor ihm Einlaß in dieselbe gewährt werde. Moifche war durch diese Mitteilung sehr verstimmt, da er nicht willens war, diese unangenehme Prozedur zu vollziehen und ihm um seine guten Zähne'leid war. Doch Lasel Schneider tröstete ihn, indem er Moifche ein Mittel vorschlug, wodurch er das ihn so unangenehme Kettenbeißen ersparen würde. Er riet ihm, eine Station vor Wien sich in einen Sack stecken zu lassen, wenn der bei der Mauth postierte Finanzwächter um den Inhalt fragen sollte, so werde er ihn für ein geschlachtetes Schaf ausgeben und ihn so nach Wien hereinschmuggeln. Mit Freuden willigte Mosche ein/ und eines schönen Tages sehen wir ihn inmitten einer lustigen Reisegesellschaft an der Seite Lasels auf dem Wege nach Wien. Der Verabredung gemäß wurde er eine Station vor Wien von Lasel Schneider, begleitet von dem-unterdrückten Lachen der Mitreisenden, in einen Sack gesteckt. In Wien angelangt, stieg Lasel zuerst aus und weihte den dort postierten Finanzwächter in den mit unserem Moifche beabsichtigten Spaß ein. Der Sack, in welchem Moifche seinen einstweiligen Wohnsitz aufgeschlagen, wurde

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