Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1932)
- Date
- 1932-06-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 27 D'erJsraelit 30. Juni 1932 Erziehungsarbeit. Als meine ganz besonders wichtige Aufgabe betrachte ich es, die Liebe und das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Was war es, was Pestalozzi so bedeutend machte? Nicht seine Methode, sondern sein Herz voll Liebe. Soll meine religiöse Unterweisung von Erfolg gekrönt sein, so muß ich vor allem das Vertrauen der Kinder gewinnen. Sie müssen die Ueberzeugung haben, daß sie mit all ihren inneren Hemmnissen, ja, mit all ihren kleinen Nöten und Freuden sich an mich wenden können und Verständnis finden. Dieses Vertrauen zu gewinnen, war mein ehrliches Bemühen. Und. wie schwierig ist es, es zu erlangen! Der ehrlichen Erziehungsarbeit des Lehrers wirken so viel Faktoren innerer und äußerer Art entgegen, von denen der Lehrer, wenn er das Vertrauen nicht gewonnen hat, nie erfährt. Wie oft ist das Elternhaus schuld. Da bemüht man sich in der Schule, das Kind zu einem religiösen Menschen heranzubilden und zu Hause muß es sehen, wie das Religionsgesetz praktisch außer Acht gelassen wird. Schon ist der innere Konflikt da. Oft machte ich bei den Eltern einen Besuch, sie anzuregen, während der Schulpflichtzeit ihres Kindes wenigstens nicht offensichtlich der Arbeit unserer Religionsschule. entgegenzuarbeiten.. Der dadurch entstehende Konflikt würde ein Resultat zeitigen, das gewiß nicht im Einverständnis der Eltern liegt. Wenn auch die Unterredung mit den Eltern bisweilen die gewünschte Wirkung hatte, so erhoffte ich doch den größten Erfolg vom Unterricht in der Klasse. Hier galt es — nur indirekt und bei gelegentlichen Anlässen — leise darauf hinzuweisen, wie auch Eltern sich irren können, wie auch sie als Kinder G'ttes dem g'ttlichen Willen unterstellt sind. Diese Besprechung war sehr allgemein und in äußerst vorsichtigem Tone gehalten; es sollte doch andererseits die Autorität der Eltern unbedingt gewahrt bleiben. Ich finde diese Unterredung für äußerst nötig, um dem Kinde bei seinen inneren Kämpfen beizustehen. Ich konnte feststellen, daß die Kinder mit großem Verständnis diesem Thema zuhörten und dann in offenherziger Weise sich äußerten. Besondere Sorgfalt und psychologisches Vreständnis mußte ich für die seelisch-religiösen Konflikte der Jugendlichen aufbringen. Wenn schon im allgemeinen durch die jetzigen Zeitströmungen (Sachlichkeit, Politik usw.) die religiöse Erziehung bei den Jugendlichen leicht ins Wanken gerät, so ist die Gefahr für den jüdischen jungen Menschen besonders groß. Er hört von der Wirtschaftskrise, sieht den um sich greifenden Abfall vom jüdischen Religionsgesetz und die seichte Lebensauffassung vieler Kreise, lernt und erkennt, wie viel des Schönen und Guten Kultur und Ethik der Menschheit gebracht haben. Das alles vermag den jüdischen jungen Menschen, der erst im Werden begriffen ist, in seiner bisherigen religiösen Ueberzeugungstreue zu erschüttern. Mit der Tradition will er noch nicht brechen. Es entsteht der seelisch-religiöse Konflikt, der den Jugendlichen zermürbt. Auch sexuelle Probleme treten zu gleicher Zeit auf. Das Elternhaus vermag oft die Probleme nicht recht zu würdigen und noch weniger vermag es zu. raten. Ja, nicht selten lassen Eltern bewußt eine Aussprache nicht zustande kommen, weil sie für sich fürchten, nicht genügend Auskunft und Antwort geben 'zu können. Hier kann sich der Lehrer ein ungeheures Verdienst erwerben, wenn es ihm gelingt, die jüdische ringende Seele aus diesem Kampfe zu befreien. Wenn er das^Vertrauen des jungen Menschen gewonnen hat, wird er ihm in ruhiger, persönlicher Besprechung klarlegen, wie die Ethik wohl das Gute fordern, aber ihm nicht die Kraft zum Vollbringen des Guten verleihen kann, welche Kraft und Hilfe und Beglückung der jüdische Mensch in allen Lebenslagen durch seine Religion findet. Besonders suchte ich immer aufzuzeigen, wie die Erkenntnisse und Formen des modernen Kulturlebens wohl mit den prinzipiellen Grundfragen des Judentums in Harmonie zu bringen sind. Ich war mir bewußt, daß meine religiöse Erziehertätigkeit nur dann von bleibendem Erfolg gekrönt sein kann, wenn es mir gelingt, innere Hemmnisse zu beseitigen, um den Schülern zu einer seelischen Harmonie zu verhelfen. Dazu war es nötig, den agnzen Jnteresfenkreis der Kinder zu erfahren. Nur dadurch ist es dem Lehrer möglich, einerseits durch Aussprache das Nachteilige gewisser Interessen aufzuzeigen und andererseits die Schüler in ihren guten Zielen und Bestrebungen zu stärken. So sprach ich mit meinen Schülern öfters über ihre Einstellung zum Sport. Dabei betonte ich die gesundheitlichen Vorteile der sportlichen Betätigung, wie ich andererseits die Schäden eines übermäßig betriebenen Sportes aufwies. Auch suchte ich, über die Tätigkeit der Schüler außerhalb der Schulzeit manches zu erfahren. Sie erzählten mir von ihren Vereinen, wir besprachen öfters Tagesfragen. Dies alles tat ich, um bei den offenen Aussprachen die Möglichkeit zu haben, auf die Entwicklung des harmonisch-religiösen Charakters in den Schülern wirken zu können. Unter Beachtung aller angeführten Prinzipien suchte ich durch zielbewußte pädagogische Führung und methodisch begründete Arbeitsweise, meine Religionsstunden zu Erlebnisstunden werden zu lassen. Dadurch hoffe ich, meine Schüler zu bewußten, gesetzestreuen Juden und wertvollen Persönlichkeiten heranzubilden. Der neue badische Lehrplan. Von Lehrer Schloß in Alehingen. Der neue Lehrplan der badischen Religionsschulen läßt mich älteren badischen Lehrer unwillkürlich die Frage aufwerfen: Was hat er gegen den alten, bisherig gen voraus? — Neue Schulbücher, Lehrpläne ufw. trcr gen in sich immer das Gepräge der Zeit, in der sie geboren wurden. Und die Zeit in steter Verbindung mit der Menschheit ist wandelbar, schreitet unaufhaltsam vorwärts; deckt das Alte zu, um neues auf der Bildfläche erscheinen zu lassen; wirft alte Erfahrungen über den Haufen, um die neuen der Menschheit anzupassen. So entstand auch unser neuer Lehrplan, — in einer unheilschwangeren Zeit, in der das deutsche Judentum gewisse Fehler der früheren Zeit verbessern muß, wenn sie nicht das Judentum in seinen Grundfesten erschüttern sollen. Besonders heute, wo wir von allen Seiten von grimmigen Feinden umgeben sind, muß das Judentum fest in sich gefügt sein, in einer Zeit, wo Taufen, Abfall und Mischehen miteinander wechseln, kann nur positives Judentum helfen. Das ist vornwegs wohl die Triebfeder des Gedankens, einen neuen Lehrplan zu schaffen, neues, reges, frisch pulsierendes Leben in die badischen Religionsfchulen zu bringen, um unsere kleinen Lieblinge einer schweren prüfungsreichen Zeit anzupassen und sie zu bewußten Juden zu erziehen, die auch imstande sind, dereinst ihr Judentum verteidigen zu können. Der neue Lehrplan strebt in erster Reihe „positives Judentum" an, er wird es in dem gegebenen Rahmen erzielen, wenn der Lehrer sein Denken und Fühlen ihm unterordnet und ihn meistert. Was im alten Lehrplan unklar, fast unjüdisch, fast phrasenhaft war, altes Judentum, alte jüdische Geschichte mied, tritt heute in einem festen religiösen Gepräge hervor. Der Schüler soll in er st er Reihe seine Gebetsprache kennen, soll gut hebräisch lesen und übersetzen lernen, soll unsere hebräischen Gebete in unserer religiösen, heiligen Schrift und Sprache verstehen. Als obersten Erziehungsgrundsatz stellt Diesterweg auf: „Entwicklung der Selbsttätigkeit im Dienste des Wahren, Guten und Schönen, zur Hervorbringung des Wahren und Guten im öffentlichen Leben, und in der Gemeinschaft der Menschen." Der neue Lehrplan zwängt den Lehrer nicht eine gewisse Schablone, er läßt ihm Freiheit; doch das Ziel tritt überall deutlich, fest geprägt, hervor: Im Hebräischen unbedingtes Beherrschen der Gebete; der Jude der Zukunft soll und muß seine täglichen Gebete kennen und verstehen, er soll wissen, was er betet. Selbstverständlicher Grundsatz. Selbstredend ist das nur der gegebene Rahmen, in dem der Lehrer, je nach den vorhandenen Umständen und Verhältnissen sich bewegt und schafft. Das in dieser Richtung gewünschte Lehrpensum in der biblischen und jüdischen Geschichte verfolgt in Parallele indirekt fast das gleiche Ziel: Die biblische und jüdische Geschichte soll als ein in sich geschlossenes Ganze figurieren. Der Jude muß die glorreiche Vergangenheit seiner Väter und Ahnen kennen. Aus den Leiden und Qualen der jüdischen Geschichte soll der Jugend der heutigen Zeit das Rüstzeug für eine schwere Gegenwart und eine dunkle Zukunft gegeben werden. Dem jungen jüdischen Bürger soll die Geschichte seines Volkes nicht fremd sein; sie darf ihm nicht fremd sein, wenn er einmal in die traurige Lage kommt, sich und sein Judentum gegen gewissenlose Angriffe verteidigen zu müssen. Klar und deutlich treten diese Ziele, dieses Streben aus dem gegebenen Umriß des Lehrplans hervor. Und wir Lehrer können besonders den Schöpfern dieses Lehrplans nur dankbar sein, daß sie uns den Weg zeigen und die allgemeine Richtung, um unserer Jugend positives Judentum in fruchtbarer Weife übermitteln zu können. Selbstredend hat jede neue Schöpfung gewisse Fehler, gewisse Lücken, wie überhaupt nichts vollkommenes in unserem Leben ist. Wie gesagt, die Richtung ist in der Hauptsache gegeben; jeder erfahrene Lehrer vermag aus den gezeichneten Wegweisern über alle Hindernisse sich selbst seinen Weg zu bahnen, um das Endziel, positives, selbsttätiges Judentum zu erzielen. Und hier muß uns die moderne, zeitgemäße Arbeitsschule vorschweben; sie muß einsetzen, um den Schüler in der Materie zum Selbstdenken, zum Selbstsuchen und Selbstfinden zu erziehen. Anschauungsunterricht und Erleben müssen in der Schule in erster Reihe mithelfen, wenn das Ganze von Erfolg gekrönt fein foL Die Erziehungsideale Lefsings, Kants, Herbarts, sie alle wurzeln in diesen Gedanken, sie liegen der Voraussetzung der Vervollkommnungsfähigkeit zugrunde. Die zu erstehende Vervollkommnungsfähigkeit besteht darin, daß der menschliche Verstand zu seiner völligen Aufklärung gelangen soll. Die Lehren der Humanität und der Sittlichkeit können nur in einer religiösen Ausprägung Wurzel fasten. Die Pensen in der Religionslehre zeigen in ihrer Auswahl auch nur den Weg zum Erleben: Sabbate, Festtage, Fasttage, Bibellesen, Propheten,, g'ttesdienstliche Thoraabschnitte, Religion und Ethik usw. — Positives Judentum ist der Weg zur Betätigung. Nicht mehr wie früher Katechesen und Sprüche; totes Rüstzeug, wenn es nicht erlebt wird. Für den Anfangsunterricht im Hebräilckien in den ersten drei Schuljahren müssen unter allen Umständen nur gute, erprobte Schulbücher gewählt und ausgesucht werden. Wir besitzen heute zwar viele Lehrbücher im Anfangsunterricht im Hebräischen; doch nur wenige geben uns die Mittel in die Hand, um uns zum sehnlichft ersehnten Ziel durchringen zu können. Ich benütze bis heute meist die Lehrbücher unseres bekannten badischen Schulmannes Rosenfelder, die sich bei mir gut bewähren. . Ich wünsche unserem neuen Lehrplan eine gute und fruchtbare Zukunft! Vücherbesprechungen. S. Rosenfelder, Ladenburg a. N., Bibl. Geschichte, Geschichtsbogen Nr. 1. Vorgeschichte; Selbstverlag des Verfassers. Kollege Rosenfelder in Ladenburg, einer der wenigen jüdischen Landlehrer, die produktiv auf dem Gebiete der Schulbücherliteratur tätig sind, ist auch in diesem Jahre wieder mit einer Neuerscheinung auf den Plan getreten. Er bringt den ersten Bogen einer „Biblischen Geschichte" auf den Büchermarkt, die in ihrer Neuartigkeit von den seither erschienenen Büchern dieses Faches abweicht. Der Text wird von zeichnerischen Darstellungen begleitet, die einfach und schön sind und darum von den Kleinen leicht nachgezeichnet werden können. Somit wird dem Arbeitsschulgedanken in ansprechender Weise Rechnung getragen. Der Text ist in seiner kindertümlichen Einfachheit den kindlichen Nacherzählungen abgelauscht. Er ist darum zum Nachlesen für die Kleinen geeignet, um eine rasche Einprägung der vom Lehrer dargebotenen Geschichten zu erreichen. Einige Ausdrücke erscheinen noch zu schwer und über den Horizont der Unterstufe hinausgehend. Die angefügten Merksprüche entsprechen unserm Geschmacke nicht, sie erinnern zu sehr an Katechismen. Abgesehen von diesen wenigen Ausstellungen, die den Wert des Büchleins als Ganzes nicht zu mindern vermögen, können wir dasselbe bestens empfehlen. Es ist eine Neuerscheinung, die in der Tat etwas Neues bietet und darum der Aufmerksamkeit der jüdischen Lehrerwelt Ansprachen. Von Wiesner, Wien, Rembrandtstraße 22, 2. Selbstverlag. In dieser angezeigten Schrift bietet Verfasser eine Auslese selbstgehaltener, erprobter Ansprachen an die Schuljugend für eine Anzahl von Wochenabschnitten als Marksteine des Jugendg'ttesdienstes. Pädagogische und methodische Grundsätze, die ihn bei der schriftlichen Fixierung dieser gehaltvollen Ansprachen leiteten, werden in der Vorrede erörtert. Die Ansprachen sollen eine knappe Viertelstunde nicht überschreiten, auch nicht allzuwöchentlich sich häufen, damit das Interesse der Schuljugend nicht zu sehr in Anspruch genommen wird. In origineller Weise werden hier die Vorbilder des Flerzes, des Gehorsams, des G'ttvertrauens usw. vor das nnere Auge der Jugend gestellt, wobei aber diesen abtrakten Begriffen durch die in den Vordergrund geteilte Betrachtung der entsprechenden Eigenschaften biblischer Charaktere Fleisch und Blut verliehen wird. Man empfindet wohltuend den wohlüberlegten, treffenden Ausdruck der Darbietungen. Exakte Durchführung eines einzigen Gedankens bildet einen Hauptvörzug dieser Schrift. Um in der Bildsprache des Autors zu sprechen, dürfte man sagen, daß überall nach dem Schriftworte verfahren wurde (II. B. M. K. 16, 5): mv» N'N1 ">vrr NX Wohl vorbereitet, ist der Erfolg ein doppelter. Schon aus diesem Grunde ist jedem jungen Kollegen zu empfehlen, nach dieser Schrift zu greifen. Möge sich dem 1. Heft des Verfassers eine Reihe weiterer anschließen, damit der reiche Schatz pädagogischer Erfahrung und die ideale Gesinnung des Autors einem immer größer werdenden Kreise von Jugendbildnern sich fruchtbar erschließen. N. Adler, Nürnberg. Berichtigung. In der Besprechung der kulturgeschichtlichen Erzählung „An der Grenze" in der letzten Nummer von „Erziehung und Lehre" hat sich ein bedauerlicher Setzfehler eingeschlichen, der Name des Verfassers des Buches war fortgeblieben. Berichtigend bemerken wir, daß der Autor des Buches „An der Grenze" der jüdische Schriftteller Heinrich Kurtzig in Berlin ist. ,der Verfasser der früher erschienenen Bücher „Ostdeutsches Judentum", „Dorfjuden", „Kaufmann Frank". Der neben dem Titel oerzeichnete Name Gustav ist der Vorname des Verlegers Engel in Leipzig.