Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1932)
- Date
- 1932-06-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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0rzic^ütig und Lei? 2L0L.S Organ -es Kun-es gejrtzestreuer Wischer Kehrer Deutschlands. mm »LM UM» MW Verantwoitliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach). Religionsunterricht nach methodisch-didaktischen Prinzipien. Ein Tätigkeils- und Erfahrungsbericht von £. Warhaftig, Darmsladt. (Fortsetzung.) Die vorliegende Arbeit stellt einen Tätigkeits- und Erfahrungsbericht dar, den der Verfasser zu einem Examen vorlegte und der deshalb allgemein-verständlich — auch für nichtjüdische Leser — gehalten sein mußte. Erlebnisgestaltung. Die stärkste und nachhaltigste Wirkung des Unterrichts kann nur erreicht werden durch die Gestaltung des Unterrichts zu einem Erlebnis Der Lehrer hat die Aufgabe, — und besonders im Religionsunterricht — durch methodisch-geschickte Anordnung und Darbietung des Lehrstoffes, sowie durch den angemessenen Lehrton seinen Unterricht aus der Stufe des Lernens zur Stufe des Erlebens zu erheben. Auch die Schwachbegabten sollen frohe Stunden haben, weil im Religionsunterricht nicht das Wissen, sondern das Gemüt vorherrschend sein soll. Sehr deutlich sah ich, wenn mein Ziel erreicht war: Alle Kinder reagierten auf eine Weise; durch atemlose Aufmerksamkeit. Es ist nicht immer möglich, eine Erlebnisstunde zu haben, aber als Ziel schwebt mir vor, einen freudedurchfluteten, herzlichen und frohen Unterricht zu erteilen. Wie richtig ist das Wort: „Heiterkeit ist der Himmel, unter dem Alles gedeiht." In jedem Religionsfach muß uns das gegenwärtig fein. Wie ich meinen Ueberfetzungsunterricht zu verlebendigen suchte, habe ich bereits gezeigt. Das stärkste Mittel zur Verlebendigung und zur Erlebnisgestaltung des Uebersetzungsunterrichts war die dramatisch-mimische Darstellungsweise. Für die natürliche Hinneigung des Kindes zu dieser Darstellungsform zeugen schon die zahlreichen Kinderspiele. Oft haben wir nach beendigter Uebersetzung eines Abschnittes den Inhalt dramatisch dargestellt. Es war Spiel, lauter Lust und Freude und dennoch, oder besser gesagt, gerade dadurch, eine kostbare Unterrichtshilfe zur Verarbeitung eines wertvollen Stoffes. Durch das eigene Mittun, Fühlen, Denken war den Kindern die notwendige Anschauung gegeben, -die allein geistiges Wachstum verbürgt. So führten wir die Jvsephsgeschichte auf, dramatisierten Isaaks Segenerteilung, dabei wurde nur hebräisch gesprochen, was den Kindern durch den vorangegangenen Ueberfetzungsunterricht nicht schwer fiel. Beim Gebetübersetzen konnte die Erlebnisgestaltung nicht in dieser Weise geschehen. Vielmehr mußte ich hier dafür sorgen, daß den Kindern durch rechte Einstimmung und Einfühlung sowie durch psychologische Vertiefung der Stoff so nahe und interessant vor Augen stand, daß sie die Darbietung als ein Erleben empfanden. Dasjenige Fach, das die größte Möglichkeit zur Erlebnisgestaltung bietet, ist die biblische und nachbiblische Geschichte. Die Bedeutung der biblischen Geschichte liegt in der Forderung sittlich-religiöser Erziehung. Sie zeigt dem jungen Menschen bei feinem Streben nad) Vollkommenheit erhabene Vorbilder und kräftige Motive. Sie soll außerdem dem Kinde das Walten des Einzig- Einen offenbaren und so den Glauben an das Dasein G'ttes, die Wahrheit der Propheten, das Wirken de» g'ttlichen Gerechtigkeit und Liebe im Geschicke des Einzelnen und der Völker in den jugendlichen Herzen begründen. (Stern.) Wegen dieser ihrer hohen Aufgabe habe ich der biblischen Geschichte eine große Bedeutung unter den anderen Religionssächern zuerkannt. Für die Art und Weise der Behandlung war mir Scharrelmanns „Technik des Erzählens und Schilderns" oft richtunggebend. Auch „Zurhellen" gebrauchte ich bisweilen. Bei meiner Vorbereitung zur lebensvollen, plastischen Darstellung einer biblischen Geschichte hatte ich sehr viel zu beachten. Vor allem heißt es, den Stoff sammeln und ordnen. Auch aus anderen Büchern und Schriften hole ich Material herbei. Oft muß die Sprache der heiligen Schrift, wo sie für die Kinder nicht verständlich ist, in Kinderdeutsch umgeformt werden. Das Bedeutsame wird ausführlich, das Nebensächliche ganz knapp geschildert, um dadurch eine gewisse „Plastik" in der Erzählung zu erreichen. Ganz besonderen Wert lege ich darauf, nicht die Person an sich zu schildern, da dies trocken wirkt, sondern alle ihre Eigenschaften durch irgendeine Handlungsweise erkennen zu lassen. Also, nicht das Ding an sich, sondern die Handlung. Nach dieser gründlichen Vorbereitung hoffte ich, eine wesentliche Vorbedingung zur Erteilung eines erlebnisreichen biblischen Geschichtsunterrichts erfüllt zu haben. Nun kam das Lehroerfahren. Nachdem ich an den durch Erfahrung und Umgang gewonnenen Vorstellungsinhalt der Kinder angeknüpft hatte, auch — wenn bisweilen nötig — für Einstimmung gesorgt hatte, konnte ich zur Darbietung übergehen. Die ganze Erzählung wird langsam und eindrucksvoll in kindlichem (nicht süßlich verweichlichtem) Tone geschildert. Dann wird nochmals mit Angabe des Unterzieles der erste Abschnitt dargeboten. Stets war ich darauf bedacht, nie den Gesamteindruck zu zerpflücken Nur was tatsächlich einer Erklärung bedarf, wurde besprochen. Bei der Besprechung suchen wir eine Gliederung des Ganzen zu gewinnen, die ich dann anschreibe. Wenn möglich, lasse ich den Grundgedanken der Erzählung finden und einprägen. Dann wird der sittlich-religiöse Gehalt der Geschichte kurz auf bestimmte Fälle aus dem Leben der Kinder angewandt. Die Schüler erkennen dadurch deutlicher den religiösen Wert der Geschichte und ziehen die Folgerungen für ihr eigenes Handeln. Gewiß sind wir uns dessen bewußt, daß der eigentliche religiöse Kern der biblischen Erzählung sich nicht in Worte fassen läßt. Aber das ist gewiß kein Grund, gegen die Form der Erzählung überhaupt gleichgültig zu sein. Der Maler kann auch die Seele nicht malen, obwohl sie ihm das Wichtigste ist, aber er kann durch treffende und lebendige Wiedergabe des Körpers dazu beitragen, daß die Seele zum Ausdruck kommt. Je genauer der Körper, desto deutlicher die Seele. Sa müssen auch die Vorgänge und Personen, die wir schildern, den Kindern so deutlich vor Augen stehen, daß sie alles m i t e r l e b e n. Das religiöse Erlebnis soll ihnen die Erfahrung bringen, daß tatkräftige Menschen ihre Energie empfangen können aus einer Quelle, die nicht sichtbar, aber doch wirksam ist. Erziehung zur Tal. Wenn ich als fünftes Prinzip „Erziehung zur Tat" genant habe, so liegt diesem Gedanken das Erziehungsziel Gaudigs zu Grunde. Wenn es nach Gaudig gilt, den Persönlichkeitswert allen Sachwerten überzuordnen, so geht daraus hervor, daß alle pädagogischen Maßnahmen dahin gerichtet sein müssen, dem Ziele der Kraftentfaltung der werdenden Persönlichkeit zu dienen. Unsere gesamte Arbeit an den Kindern ist nicht für die Schule, sondern für das Leben bestimmt. Wir vermögen in ihnen Fähigkeiten zu entfalten, ihnen Lehren zu geben, die sie im späteren Leben in die Tat Umsetzer?. „Tatschule" hat der Pädagoge Lay (Die Tatschule) die moderne Schule genannt und damit uns die Aufgabe umschrieben. „Tatschule" muß in verstärktem Maße auch die Religionsschule sein, ist doch das ganze Judentum Religion der Tat. Der Religionsunterricht darf demnach kein Wissensunterricht, sondern muß Anregung zum religiösen, gemütsvollen Leben sein. Von diesem Gedanken erfüllt, suchte ich meine ganze Unterrichts- und Erziehungstätigkeit'im Sinne „einer Erziehung zur Tat" auszuführen. Ich suchte den Schülern recht viel Gelegenheit zur Gesetzesausübung zu geben. Beim Lernen der Segenssprüche brachte ich bisweilen Obst oder dergl. mit, um die Kinder an die praktische Uebung zu gewöhnen. Wir beteten gemeinsam im Schulraum. Erzählte irgend ein Kind von freudigen oder traurigen Ereignissen in der Familie, so nahm ich das als Anlaß, um über die besonderen Gesetze und Verhaltungsmaßregeln bei diesen Geschehnissen zu sprechen. Auch im theoretischen Unterricht war alles zum praktischen Leben in Beziehung gebracht. Beim Lesen bevorzugte ich die liturgischen Stücke, um dadurch den Kindern eine- Anleitung zur Teilnahme am G'ttesdienst zu geben. Aus den Erzählungen der Vergangenheit fanden wir stets Fäden, die zum Leben der Gegenwart, zum eigenen Leben führten. Fr. W. Förster hat uns darin manche Wege gewiesen. Bei spezifisch jüdischen Themen haben mir die Literaturwerke jüdischer Meister (Raschi, Hirsch, Malbin) gute Dienste geleistet. So weist z. B. Förster bei einer Betrachtung über „Esau verkauft die Erstgeburt" darauf hin, wie viele Menschen Esau-gleich handeln, wenn sie um eines kleinen Geldgewinnes wegen hohe geistige Güter weggeben, wenn sie, um der Lust eines Augenblicks zu frönen, ihre ganze Menschenwürde verscherzen. Diese und ähnliche Gedanken suchte ich stets in kindertümlicher Form anzubringen, um aus der Schilderung der Vergangenheit Lehren für das praktische Leben zu bieten. Doch das höchste und erstrebenswerteste Ziel unserer „Erziehung zur Arbeit" liegt darin, die Schüler zur selbständigen Weiter- und Selbsibildung anzuspornen. Wie häufig begegnen wir dem Typus derer, denen die Schule eine Fülle des Wissens mitgab, die es aber später völlig brachliegen und dahinsinken lassen. Mit treffenden Worten schreibt Gaudig in seinen „Didaktischen Ketzereien", wie die Schulentlassung mit einem Schlage eine Fülle bewegender Kräfte ausschaltet. Und er fordert, daß die Schule „eben jene bewegenden Kräfte, die der Schule eigen sind, je länger, je mehr abschwächen und dafür die Kräfte, auf die sie den entlassenen Schüler hinweist, immer mehr erstarken lassen soll." Gilt dies schon von der Schule im allgemeinen, so muß es mit noch größerem Nachdruck auf die Religionsschule angewandt werden. Denn statt der bewegenden Kräfte im Schulleben treten später zwei andere Faktoren: Der Beruf und die Gesellschaft. Beide Faktoren sind so machtvoll, um den Jugendlichen die Notwendigkeit einer Weiterbildung erkennen zu lassen. Den Religionsfächern fehlen diese Faktoren. Deshalb ist es unsere besondere Aufgabe, in unsere Schüler den Trieb zur Weiterbildung einzupflanzen. Ich sehe darauf, die Schüler in die Kenntnis der jüdisch-literarischen Erzeugnisse der Gegenwart einzuführen. Die Namen der neueren (jüdischen) Erzähler sollen sie kennen. Und wenn ich ab und zu eine Erzählung in der Stunde bot, ließ ich — scheinbar unabsichtlich — eine lobende Bemerkung über das betreffende Buch fallen. Die Wirkung ging nicht fehl. Zum Geburtstag oder zum nächsten Feste mar jenes Buch der Wunsch des Kindes. Die Erziehung zun? Buch muß gleichfalls als Aufgabe der Schule betrachtet werden. Eine weitere Form der selbständigen Tätigkeit, sind die Hausaufgaben. Sie haben den „Charakter einer Arbeit in einer wirklichen Lebenslage und damit den Vorzug der Lebenswirklichkeit" (Gaudig). Der Schüler arbeilet zwar für die Schule, aber in einer Situation, die der Situation gleicht, in der er später nach seiner Schulentlassung arbeiten wird. So sind uns in der Religionsschule genügend Möglichkeiten gegeben, unsere Schüler für das praktische jüdische Leben auszuriisten, um unserem Prinzip der „Erziehung zur Tat" gerecht zu werden.