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Der Israelit · 1932-06-30 · Heft 27 (30.6.1932) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 27 (30.6.1932)
Date
1932-06-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 27 Der Israelit 30. Juni 1932 30 Familien ausländischer Juden, von denen 19 aus Polen stammen, um die Erlaubnis zu weiterem Aufenthalt in Luxemburg endgültig abschlägig beschieden, so daß diese Familien Luxemburg verlassen müssen. Diese Ausweisungsaktion der Luxemburger Behörden trägt keinen antisemitischen Charakter. Das Gesetz, welches vorsieht, daß alle seit dem 28. Oktober 1920 in Luxemburg eingewanderten Fremden sich eine Aufenthaltserlaubnis vom Generaljustizdirektor beschaffen müssen, soferne sie sich länger als sechs Mo- 'nate im Lande aufhalten, richtet sich gegen alle, nicht allein gegen die jüdischen Ausländer. Die Behörden untersuchen sorgfältig jeden einzelnen Fall, bevor sie eine Ausweisung aussprechen. Bei den ausgewiesenen 30 jüdischen Familien handelt es sich meist um solche, die entweder behördlichen Anordnungen sich nicht fügen oder nicht in der Lage sind, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Daß es sich bei den Ausgewiesenen hauptsächlich um Juden handelt, ist auf die Beschäftigungsart der eingewanderten Juden zurückzuführen. Polen. polen und der nationalsozialistische Ostjudenantrag. W a r s ch a u, 27. Juni. Im Hinblick auf die vom Preußischen Landtag auf Antrag der Nationalsozialisten angenommene Entschließung, die gesamten Vermögen der seit dem 1. August 1914 eingewanderten Ostjuden restlos zu beschlagnahmen und sie der Arbeitsbeschaffung dienstbar zu machen, wird aus Kreisen, die der polnischen Regierung nahe stehen, erklärt: Das vom Preußischen Landtag angenommene Gesetz, das Vermögen der aus Osteuropa stammenden Juden zu beschlagnahmen, stellt ein Unikum in der modernen Gesetzgebung dar; es hat keinen Präzedenzfall in der Geschichte des internationalen Rechtes und in der Gesetzgebung der einzelnen Länder. Es ist dies der erste Fall, daß die gesetzgebende Versammlung eines Staates, in welchem eine kommunistische Ordnung nicht herrscht, die Konfiszierung des Eigentums einer gewissen Kategorie von zivilen Einwohnern beschließt. Die polnische Regierung wird sich mit diesem vom Preußischen Landtag angenommenen Gesetz befassen müssen, sollten bei der Durchführung desselben Juden polnischer Staatsangehörigkeit in Mitleidenschaft gezogen werden. Sollte dieses Gesetz in Kraft treten und die Interessen polnischer Bürger in Preußen berühren, so werde die polnische Regierung alle hieraus sich ergebenden Konsequenzen ziehen. Die polnische Regierung wird in keiner Weise zugeben, daß polnischen Bürgern in Deutschland eine andere Behandlung zuteil wird, als Bürgern anderer Staaten; sie wird es nicht zugeben, daß gegen Bürger ihres Landes, die in Deutschland wohnen, spezielle sie benachteiligende Gesetze zur Anwendung kommen. (Siehe Wochenrundschau.) warschauer Etat. — Rrarvalle. Warschau, 26. Juni. Der erwartete Be amten streik als Antwort auf die neuen Gehaltskürzungen ist eingetreten. Der Streik umfaßte sogar die Beamten des Beerdigungsdienstes, so daß man Bestattungen durch Hilfskräfte nachts besorgen mußte. Auch die Lehrer in den Gemeindeschulen machen den Streik mit. Da auch die Kanzleibeamten nicht zur Arbeit erschienen, mußte die für Dienstag vorgesehene Plenarsitzung des Kehillorates vertagt werden. Als sie einen Tag später dennoch stattsand, verstand es die zionistische Opposition, durch Störungen und allerlei Zwischenfälle, die Arbeit zu sabotieren. Kaum hatte der Vorsitzende, Herr Trockenheim, Herrn Präses M a s u r das Wort zum Exposee über den Etat erteilt, schlugen einige Zionisten Lärm über die Polizeiwache vor der Türe. Der Vorsitzende erklärte, die Sitzungen seien immer von der Polizei bewacht, dieses Mal fei die Bewachung doppelt geboten durch den Umstand, daß die streikenden Gemeindebeamten auf die gleiche Zeit eine Demonstrationsversammlung im Verwaltungsgebäude einberufen hätten und Störungen zu erwarten seien. Wie um die Wahrheit dieser Angabe zu beweisen, entstand mitten in der Rede ein ungeheurer Tumult, und zwar dadurch, daß die Beamten vom Hofe in den Saal einzudringen suchten und von der Polizei, zum Teil unter Anwendung von Gewalt, zurückgedrängt wurden. Die Sitzung mußte längere Zeit unterbrochen werden. Bei Wiederaufnahme, der. Sitzung stellte der Vorsitzende entgegen falschen Ausstreuungen fest, das Ueberfallkommando sei nicht gerufen worden, Mißhandlungen seien nicht vorgekommen, nur zwei Renitente, die sich' den Anordnungen der Polizei nicht fügten, seien sistiert und wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Zwölf Vertreter der Beamten werden zur Sitzung herangezogen. Damit hätte der Zwischenfall erledigt sein können, wenn nicht die zionistischen Volkstribune gleich die Gelegenheit benutzt hätten, — da sie die Verantwortung jetzt nicht tragen —, die Beamten systematisch gegen die orthodoxe Majorität in der Verwaltung zu hetzen, als wären all die Kürzungen aus purem bösen Willen vorgenommen worden. Bei der folgenden Abstimmung wurden die Anträge zur Rücknahme der Reduktionen mit 22 gegen 16 Stimmen a b g e l e h n t. Nach der Pause ergriff Herr I. M. Lew in das Wort, um das Treiben der Opposition, die früher nie den Etat fertigstellte und jetzt Sturm gegen die Orthodoxie läuft, plastisch darzutun.. Endlich konnte in vorgerückter Abendstunde Präses Masur mit seinem Referat über den Etat beginnen. Freilich brach schon nach den ersten Sätzen ein unerhörter Skandal auf den Bänken der Opposition aus. Dank der geschickten Leitung von Trockenheim und; der kalten Ruhe des Herrn Masur konnte das Exposee zu Ende geführt werden. Es ist eine verwaltungstechnisch kunstvolle Arbeit, die deutlich beweist, daß alle Kürzungsmaßnahmen nur von der Not der Gemeinde und il?rer Mitglieder bittievi seien, durch die übrigens die religiösen und Lebensinteressen der Kehilla bedroht sind. Ein Mißtrauensantrag gegen den Vorsitzenden des Kehillorates, Trockenheim, wurde abgelehnt. Italien. Mussolinis Faschistengruß . . . Rom, 27. Juni. In einer Zeit, da sich die Hitlerei zur Weltkrankheit auswächst (auch die Antisemiten in Rumänien wie in Bulgarien und Griechenland sprechen im Parlamente wie vor Gericht den Namen Hitlers wie den ihres Schutzpatrons aus) ist es ein Trost, zu wissen, daß der Schöpfer des Faschismus, Mussolini, an dem sich Hitler ursprünglich emporzuranken suchte, von dieser Bewegung wie von der Pest, abrückt. In einem Gespräche mit Emil Ludwig, aus dem der Verlag Paul Szolnay Wien-Berlin ein lesenswertes Buch macht, spricht sich Mussolini zuerst über den Rassenschwindel in der Wissenschaft und Politik und dann über den Antisemitismus insbesondere aus. „Antisemitismus existiert nicht in Italien," sagte Mussolini. „Die jüdischen Italiener haben sich als Bürger stets bewährt und als Soldaten tapfer geschlagen. Sie sitzen in hervorragenden Stellungen an Universitäten, in der Armee, in den Banken. Eine ganze Reihe sind Generäle: der Kommandant von Sardinien, General Modena, ein General bei der Artillerie." Die Ausstreuung, er hätte den Eintritt der Juden in die Akademie verboten, bezeichnete er als absurd. Bisher hätte sich nur keiner dafür gefunden, jetzt habe Della Seta kandidiert, „einer unserer größten Gelehrten, der die Vorgeschichte Italiens geschrieben hat." Mussolini erklärte zum Schlüsse, wie unwürdig es für ein Kulturvolk sei, wenn es ihm schlecht geht, einen Sündenbock dafür zu suchen. Danach werden die deutschen Nationalsozialisten den Faschistengruß ablegen und Mussolini aus ihrem „Goldenen Buche" streichen müssen. Er wird darüber nicht böse sein! Bulgarien. Das Urteil im Prozeß gegen die antisemitischen Terroristen in Bulgarien. Sofia, 26. Juni. In dem Prozeß gegen Dimiter Kalpaktschiesf und zwei weitere antisemitische Terroristen, die einen jüdischen Arzt und einen jüdischen Kaufmann verschleppt und gepeinigt haben, sowie Vorbereitungen getroffen haben, einige Führer der bulgarischen Juden gewaltsam zu entführen — Kalpaktschiesf hat außerdem noch einen bulgarischen Chauffeur ermordet und sich seines Autos zwecks Entführung der Juden bemächtigt —, ist das Urteil gesprochen worden: Dimiter Kalpaktschiesf wurde zu sieben Jahren schweren Kerkers (Zuchthaus), der Beamte für „spezielle Dienste" der antisemitischen Organisation „Rodna Zastita" Radan Radeff wurde zu sechs Monaten Gefängnis, der Helfershelfer Toma Stojanoff wurde zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. In jüdischen Kreisen wird das Urteil als zu milde kritisiert; ein härteres Urteil, das die Angeklagten durchaus verdient haben>> hätte abschreckender auf diejenigen Kreise gemeiner Verbrecher gewirkt, die ihre. Opfer vornehmlich unter den Juden suchen. Man nimmt an, daß Staatsanwalt Golüboff gegen das allzumilde Urteil Berufung einlegen Als Kalpaktschiesf aus dem Gerichtssaal in das Gefängnis zurückgeführt wurde, wurde ihm seitens seiner antisemitischen Freunde eine Ovation bereitet,, er wurde mit Blumen beworfen. Die neue, unter dem Titel „Prozeß" herausgegebene antisemitische Zeitung bringt an der Spitze ein Huldigungsgedicht für Kalpaktschiesf, sowie sein Bild und die Bilder seiner Verteidiger. Ferner druckt die Zeitung die Reden der Verteidiger Kalpaktschiefss, die voller Verleumdungen der Juden sind, im Wortlaut ab. England. vJewish Chronicle" zum Agudas Israel-Jubiläum. London, 23. Juni. „Jewish Chronicle" widmet an leitender Stelle dem Kattowitzer Gedenktag der Agudas Jisroel eine Betrachtung, die, wenn sie auch den Parteistandpunkt des Blattes nicht verleugnet, doch wegen ihrer wohlwollenden Objektivität Beachtung verdient. Das Blatt schreibt: „Vor 20 Jahren wurde in diesem Siwan-Monat die Agudas Jisroel-Weltorganifation auf der denkwürdigen Kattowitzer Konferenz begründet. Daß die Bewegung auf Seiten eines wichtigen Teiles der! Juden einem Bedürfnis entsprach, ist durch die Ausdehnung ihres Wachstums in vielen Teilen der Welk und das Gewicht ihres Einflusses in den jüdischen Angelegenheiten genügend bewiesen worden. In diesen Tagen des Wankens und Schwankens aller geistigen Grundlagen kann man einem so mutigen Versuch, einen sicheren Hasen im traditionellen Judentum zu finden, die Bewunderung nicht versagen. Es war vielleicht zu erwarten, daß die Anhänger einer solchen Bewegung, indem sie für die Erhaltung der ihnen teuren Ideale kämpften, die von der fortschreitenden Woge des Modernismus bedroht waren, etwas Fanatismus und Intoleranz zeigen würden, wie sie allen Bewegungen eigen sind, welche in jedem Kompromiß eine Gefahr erblicken. Jedoch gibt es bemerkenswerte Beispiele von Agudisten, die in glücklicher Weise zähes Festhalten an den Verbandszwecken mit einer gewissen Milde der Anschauung vereinigen und denen eine Neigung, das Verbindende mehr zu betonen als das Trennende, nicht abgesprochen werden kann. Cs ist jedoch die eminente Gefahr einer solchen Bewegung, daß die Ueberzeugung des eigenen Rechthabens einen abstoßenden Pharisäismus erzeugt, der gegebenenfalls zur Isolierung und Uebersteigerung führen kann. In unserem Lande werden die Führer der Bewegung, so hoffen wir, sich gewiß bemühen, die Einheit der jüdischen Gemeinschaft aufrecht zu erhalten und Parteidisferenzen der Erhaltung, einer, harmonischen Kommunalorganisation unterordnen. .Eineder glücklichsten, Offenbarungen des Geistes der Agudas Jisroel ist die BethJacob- Bewegung zur Erziehung jüdischer Mädchen geworden. Sie trägt wirklich keinerlei Parteicharakter. Sie hat die Sympathie so verschiedenartiger Menschen gewonnen, wie Claude Montesiore und Baron Edmond de Rothschild. Ihr Ursprung ist keiner Organisation zu verdanken, sondern der Inspiration einer einzigen Frau, die in den dunklen Tagen der Nachkriegszeit erschüttert war von dem Heranwachsen einer Generation von Mädchen in den verwüsteten Gebieten von Osteuropa ohne religiöse Erziehung, versunken in einer Umgebung von seelenzerstörender Armut und Unsauberkeit und von Gefahren bedroht, die man am besten nicht schildert. Beginnend mit einer einzigen Klasse in ihrer eigenen-Wohnung, begann Frau Schenk er er ein System aufzubauen, das gesunde religiöse Erziehung mit Berufsbildung verband, bis die Bewegung die Aufmerksamkeit > der Führer der westlichen Judenheit aus sich zog. Dann l verbreitete sie' sich von Polen nach Litauen, Lettland und , Slovakei. Zentrale Erziehungsinstitute für Lehrerinnen sind errichtet worden und jede Lehrerin, deren Ausbildung vollendet ist, bildet sofort den Kernpunkt für eine neue Schule. Die Bewegung befindet sich nicht mehr/ im Stadium der Experimente. Sie hat bereits d^ f

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