Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1932)
- Date
- 1932-06-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 27 Der Israelit 30. Juni 1932 der christlichen „Hochehe", wie man es in ihrer reli- > g lösen Begründung und ihrer wissenschaftlichen Stützung nur durchaus würdigen kann. Und doch wird die Wirkung dieses ernsten Appells dadurch neutralisiert, das; im selben Atemzug gesagt wird, das; die Hochehe selbst „sündig" ist — eine Konzession an das Fleisch. In noch stärkerem Ul aste ist die Reaktion der evangelischen Kirche auf die Schwierigkeiten des Lebens in dem Bekenntnis Id a u g s zu erkennen, das; Christen unter dem Druck der Verhältnisse „sündigen müssen" (S. lÖdf.) Haug legt dies im beruflichen Leben an vielen Beispielen dar. Der christliche Kaufmann m u st oft übervorteilen, der Arbeiter m u st in Industrien Arbeit verrichten, die der Sittenverderbnis dienen üsw. So ergibt es sich auch auf serualethischem Gebiete oft aus der Rolwendigkeit der Zeit, ein sittenwidriges Leben zu führen. Dieses ethische versagen im Kampf ums Leben könnte in milderem Lichte erscheinen, wenn man. die Belange des Lebens selbst als sittliches Gebot betrachtet, so das; es sich dann um eine Idealkonkurrenz der Pflichten handeln würde. Hermann Wagner') deutet dies an: gerade aus Gehorsam gegen den willen G'ttes '6 a r f nicht nur, sondern m u st das Gesetz übertreten werden. Doch kann in der evangelischen Kirche ein solcher richtiger Gedanke nicht die entsprechenden Früchte für das praktische Leben reifen lassen, da die Lösung des Konflikts der Pflichten dem subjektiven Gewissenscntschlust überlassen bleibt. Cs „bleibt die Handlung in jedem Falle wagende und gläubige Entscheidung", wenn auch das Wort G'ttes „Fingerzeige" gibt. Diesem gefährlichen Subjektivismus könnte begegnet werden, wenn in einem sexual-ethischen System statt der „Fingerzeige" konkrete objektive Cntscheidungsmöglichkeiten geschaffen werden, wir hoffen darlegen zu können, wie dieser Forderung in dem ethischen System des Judentums Rechnung getragen ist. Bier wird die Szylla des Subjektivismus ebenso wie die Charybdis einer starren, nicht genügend lebensnahen Einstellung vermieden, wie sie das katholische Gesetz bietet. (Fortsetzung der Serie folgt.) Korrespondenzen « Dacftricbten. Deutsches Reich. Der neue „Pfefferkorn". Berlin, 26. Juni. lieber die Nachtbeschlüsse des P r e u h i s ch e n Landtages, deren demonstrativen Wert und effektive Wertlosigkeit berichten wir an anderer Stelle (siehe Wochenrundschau.) In der Debatte, die dem nationalsozialistischen Manöver die Begleitmusik gab, tat sich besonders ein Herr Peperkorn (ist Herr Pfefferkorn wieder auferstanden?) hervor. Der Herr, der sich als Pastor bezeichnet, zeterte eine halbe Stunde lang über die Juden, denen er überall begegne, und sagte dann: „Wir denken nicht an Judenpogrome. Wenn Sie wissen wollen, was ein Pogrom ist, dann schlagen Sie doch das Buch „Esther" aus. Wir Nationalsozialisten wollen die Judenfrage ganz anders lösen. Dem uns fremden und zugleich verhaßten jüdischen Volke wünschen wir nur eine nationalsozialistische Bewegung in seinen eigenen Reihen. Ein jüdisches Volk kann irgendwo in der Welt seinen Aufbau erleben. Ob es in der Krim eine , Stätte findet oder in Palästina, das ist uns egal. Aber aus Deutschland, aus dem wirtschaftlichen, aus dein kulturellen Deutschland sollen die Juden heraus." (Stürmischer Beifall und Händeklatschen bei den Nationalsozialisten.) In kurzen Sätzen antwortete die sozialdemokratische Abgeordnete, Frau Dr. Wegscheider, den Nationalsozialisten, die bei ihren Ausführungen lärmend den Saal verließen. Frau Wegscheider zitierte das Bekennt- 7) Hermann W a a n e r. Der Kampf um den § 218. . 131—132. Die Woche. Berlin. Die Nationalsozialisten beschweren sich beim Preußischen Landtag in einer kleinen Anfrage über den Oberregierungsrat L e l) m ann beim Oberprüsidium Königsberg. Lehmann sei Jude und er habe „aus der seiner Rasse entsprechenden Einstellung heraus das notwendige Einvernehmen zwischen Oberpräsidium und Wehrkreiskommando zerstört und dem Wehrkreiskommando allen Widerstand entgegengesetzt." Aus diesem Grunde habe bereits der O st p r e u ß i s ch e Provinziallandtag in seiner überwiegenden Mehrheit Lehmann als zur Erfüllung des ihm übertragenen Arbeitsgebietes ungeeignet erklärt. Zu bemerken ist, daß besagter Ostpreußische Provinziallandtag eine nationalsozialistische Mehrheit hat. Breslau. Wie bereits berichtet, haben die wiedergenehmigten nationalsozialistischen S.-A., die in neuer Uniform in geschlossenen; Zuge durch Vreslau marschierten, einen ihnen begegnenden jüdischen Leichenzug mit antisemitischen Rufen empfangen. Es war dies bei der Bestattung des um Breslau hoch verdienten jüdischen Bürgers Joseph Deutsch. Auf jegliche Weise wird die Erregung der Bevölkerung zur Siedehitze gesteigert und Pogromstimmung erzeugt. Im Straßenbilde der innerer; Stadt dominieren die braunen Uniformen. Für die Geschäftswelt entstehen schwere Schädigungen. Die gesamte nationalsozialistische Propaganda ist hier auf den Judenhaß eingestellt. Stuttgart. Im Württembergischen Landtag hat die Fraktion der NSDAP, u. a. einen Antrag eingebracht, der bei der Neuzulajsung zur Kassenpraxis „ausreichende" Beschränkung für jüdische Aerzte fordert. Die nächste Landtagssitzung wird über diesen Nazi- Aittrag zu entscheiden haben. Karlsruhe. Der Oberrat der Israeliten hat die Synode der Israelitischen Religionsgemeinschaft Badens zu der 16. ordentlichen Tagung auf Sonntag, den 3. Juli, in das Landtagsgebäude Karlsruhe einberufen. Posen. Obwohl nach der Intervention jüdischer Persönlichkeiten im polni«-''en Innenministerium gegen den antisemitischen Terror in T h o r n (Pomerellen) die Polizei in Thorn verstärkt worden ist, dauert der antisemitische Terror ungeschwächt fort. Es ist schon die zweite Woche her, seitdem sämtliche jüdischen Geschäfte von antisemitischen Agitatoren blockiert werden, so daß kein christlicher Käufer sie betreten kann. Hand in Hand damit gehen Ueberfälle auf jüdische Passanten. Das Geschäftsleben stockt völlig. Warschau. Im Verlaufe eines Wassersportfestes oer Schuljugend von Vrestlitowsk überfielen Schüler der Technischen Schule dieser Stadt die jüdischen Zuschauer und schlugen barbarisch auch auf jüdische Frauen und Kinder ein. Hierauf zogen sie durch die Straßen der Stadt, schlugen in etwa 50 jüdischen Häusern die Fenster ein und mißhandelten alle ihnen begegnenden jüdischen Passanten. Am Abend wiederholten sich die Ueberfälle auf jüdische Passanten. Man zählt eine Anzahl jüdischer Verletzter. — Aus K a l i s ch wird nach Warschau telegraphiert, daß in dem Städtchen P j a s k, Wojwodschaft Posen, eine Bande Huligans mit den Rufen: „Schlagt die Juden, rettet Polen!" über die jüdischen Teilnehmer an dem dortigen Jahrmarkt herfiel, mehrere von ihnen blutig schlug und die jüschen Warenstände ausraubte. Die herbeigeholie Polizei erklärte, gegen die Uebermacht der Huligans nichts ausrichten zu können. Mehrere jüdische Kaufleute erlitten erhebliche Verletzungen. Der Wert der geraubten Ware beläuft sich auf Zehntausend Zloty. — Die Warschauer jiddische Tageszeitung „Hajnt", die infolge Streiks des Druckerei-Personals sechs Wochen lang nicht erschienen war, erscheint nun wieder. Der „Hajnt" machte vor kurzem durch wüste Angriffe auf die polnischen und litauischen Rabbiner von sich reden. Der Streik stand in losem Zusammenhänge mit jenen Anpöbelungen. Jerusalem. Herbert B e n t w i ch, der Vater Norman Bentwichs, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Auch Herbert Bentwich war hervorragender Jurist und Führer der englischen Zionisten in der Zeit Theodor Herzls. Er entstammte einer jüdischen Familie in Westdeutschland und wurde i. I. 1856 in London geboren. Auf dem Gebiete des literarischen Urheberrechtes und auf anderen Gebieten des englischen Rechtslebens war er führend. Er verfaßte eine Anzahl grundlegender juristischer Werke. Im jüdischen Leben Englands nahm er einen hervorragenden Platz ein. >nis Walther Rathenaus zum deutschen Land und deutschen Volk und rief den Nationalsozialisten, die zum Teil lauschend am Eingang zum Sitzungssaale standen, zu: „Wenn Sie in der Lage wären, eine Minute darüber nachzudenken, was der Abgeordnete Peperkorn eben über das deutsche Judentum gesagt hat und was dieses Bekenntnis Rathenaus besagt, dann müssen Sie zugeben, daß eine solche Rede eines Ihrer Abgeordneten Ihre eigene innere Existenzberechtigung desavouiert. Haben Sie denn, meine Herren Nationalsozialisten, überhaupt keinen Glauben mehr an das deutsche Volk? Die innere Verlumpung des deutschen Volkes, von der Sie reden, drohte nicht und würde nicht drohen, wenn die Nationalsozialisten nicht aus der äußeren Not ein Mittel des politischen Machtkampfes für sich und für die, die hinter ihnen stehen, gemacht hätten." Die Not der Rabbinerhochschulen in Deutschland. Berlin, 24. Juni. Das Kuratorium des Hildesheimer'schen Rabbiner-Seminars hat sich an die Freunde und ehemaligen Schüler dieser Anstalt mit einem Schreiben gewandt, in welchem ausgesührt wird, daß der Fortbestand des Instituts an einem Zeitpunkt in Frage gestellt ist, an dem der Besuch durch deutsche und außerdeutsche Hörer in einer Weise blüht wie kaum je zuvor. Das Berliner Rabbiner-Seminar zählt heute 89 Hörer. Das Institut, wird weiter gesagt, hat durch 59 Jahre seine ideellen und materiellen Pflichten erfüllt; nie waren seine materiellen Grundlagen glänzend gewesen, aber in den letzten 10 Monaten wurde es der Verwaltung unmöglich, die erforderlichen Summen zur Erhaltung des Instituts herbeizuschaffen. Das Rückgrat der Einnahmen des Instituts waren Subventionen des Preußischen Landesverbandes und der übrigen Landesverbände jüdischer Gemeinden. Während wir, heißt es in dem Schreiben weiter, von diesen Seiten noch vor drei Jahren 65.000 bis 70.000 Mark jährlich bekommen haben, werden es im laufenden Jahre keine 22.000 Mk. sein. Während uns die größeren jüdischen Gemeinden Deutschlands noch im Vorjahre mit 8000 bis 10.000 Mk. unterstützten, werden es i. I. 1932 kaum 2000 bis 3000 Mark werden. Auch die von privater Seite einfließenden Beiträge sind auf ein Minimum gefunken. Der Ausgaben-Etat, der 1930 noch 125.000 Mk. betrug, wurde in diesem Jahre auf 70.000 Mk. vermindert. Gehälter und Witwengelder wurden erheblich herabgesetzt, Stipendien werden ganz eingestellt werden müssen, aber selbst von diesem verminderten Etat sind noch etwa 25.000 Mark ungedeckt. Das Kuratorium des Rabbiner-Seminars zu Berlin appelliert an die Freunde und ehemaligen Schüler des Instituts: „Schaffen Sie dem Institute neue Einnahmequellen! Helsen Sie, seinen Fortbestand zu ermöglichen! Sichern Sie der thoratreuen Judenheit ihre vornehmste und wichtigste Ausbildungsstätte!" In dem Schreiben werden noch einzelne Vorschläge zur Beschaffung von Mitteln für das Institut gemacht. Der Brief ist unterzeichnet vom Ehrenmitglied und Vorsitzenden des Kuratoriums Hermann Gumpertz, Hamburg, sowie von Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer, Handelsgerichtsrat Felix Struck und Rechtsanwalt Dr. Aron Barth in Berlin. Die Lage des preußischen Judentums. Berlin, 20. Juni. Am Sonntag, den 19. d. M. trat der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zu einer Sitzung zusammen, die, wie stets, gut besucht war und von dem Präsidenten, Kammergerichtsrat Leo W o l f f, geleitet wurde. Unter den zahlreichen Punkten, die der Beratung unterlagen, ist vor allem die eingehende Erörterung zu erwähnen, die der Lage des preußischen Judentums unter den gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen gewidmet war. Dabei kamen besonders die Gesichtspunkte in Betracht, die für die einzelnen Gemeinden sowohl wie für den Landesverband selbst von Wichtigkeit sind. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß insbesondere der Landesverband vor Probleme gestellt ist, deren Erörterungzwar ihrer Natur nach nicht in der Oeffentlichkeit er-' folgen kann, die aber gerade bei der Zusammensetzung! des Großen Rates durch die ihm angehörenden Vertreter aller Richtungen mit Gründlichkeit und dem ihnen gebührenden Ernst geprüft werden konnten.