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Der Israelit · 1932-06-30 · Heft 27 (30.6.1932) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 27 (30.6.1932)
Date
1932-06-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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30. Juni 1932 Der Israelit Nr. 27 Seite 5 rkngshof gesehen. Daß wiederum bei früheren, Bestrebungen dieser Art unter „Zuführung der Juden zur Landwirtschaft" Wegführung vom Judentum zur Landwirtschaft verstanden wurde, ist aber genugsam bekannt, wir wollen hoffen, daß mit dem Spaten auf Lanöwerk Neuenöorf kein jüdisches Seelengut zerstampft, sondern betreut und ausgebaut wird, und daß nur deswegen in den Bekanntmachungen so wenig von Religion und jüdischer Atmosphäre die Rede ist, weil man diese für selbstverständliche Voraussetzung hält. Die sexuelle Not der Gegenwart. Von Dr. med. Jacob Levy in Berlin. / III. Der Ruf der Kirche. Gegen eine materialistisch zu begründende Cthik und gegen „Cigengesetzlichkeit" der Wissenschaft ruft die christliche Sexualauffassung auf. Der Papst selbst hat sich durch seine Enzyklika „casti connubii" mitten hinein in den Kampf der Meinungen begeben und gegenüber einer schwankenden Tagesethik den historischen christlichen Standpunkt dargelegt. In einem mutigen Aufsatz wirft der katholische Frauenarzt R i e d e r m e y e r die Frage aus: „was hat die Enzyklika der modernen Medizin zu sagen?" (Katholisches Jahrbuch peyl 1952.) Der bekannte katholische Rhetor Kaplan F a h s e l sucht in seiner neuen Broschüre „The und Liebe"p eine populär-philosophische Begründung des katholischen Standpunkten zu geben. (Ein Philosoph vom Range Ko! nais, baut auf dem Boden der christlichen Cthik stehend in seinem Werk „Sexualethik"') vor unseren Augen ein harmonisches Gebäude auf, in dem die mannigfachen sexualethischen Probleme ihre befriedigende Charakterisierung erfahren. Biedermeier geht von dem Wandel der „Ligengesetzlichkeit" der Wissenschaft aus. während 'rüher jede Beeinflussung medizinischer Fragen durch mßermedizinische Gesichtspunkte als „unwissenschaftlich" abgelehnt wurde, bricht sich jetzt auch in den Reihen der medizinischen Wissenschaft selbst die Erkenntnis immer mehr Bahn, daß Fragen des menschichen Sexuallebens nicht ausschließlich von biologi- 'chen Gesichtspunkten aus zu lösen sind, daß diese fragen nicht nur eine die menschliche Gemeinschaft ^treffende soziale Seite, sondern auch darüber nnaus eine auf die letzte Verantwortlichkeit hinweiende metaphysische Seite haben?) „Die wisenschaft erkennt an, daß die Tatsachenforderung Mein nicht die letzten Lebensrätsel lösen kann, daß ie allein überhaupt nichts Entscheidendes aussagen ann über alle Fragen, die über das rein Tatsächliche ünausgreifen; daß vielmehr hier das Dunkel erst erhellt wird durch das Licht der Weltanschauung — also einer übergeordneten Erkenntnis — in dem sich die einzelnen Tatsachen erst sinnvoll zum Weltbild ordnen." Auf dieser Basis entwickelt Nieöermeyer die Gedanken der Enzyklika, so weist sie ihm den weg in dem modernen wirrsal der sexualhygienischen Probleme. Die sexuelle Rot des Individuums wird von der katholischen Kirche auch in ihrer wirtschaftlichen Wurzel erkannt und gewürdigt. Cinen gesunden sozialen Ausgleich anzubahnen ist ihr Bestreben, der dem Menschen ein sittlich einwandfreies und menschenwürdiges Leben wieder ermöglicht. Aber gerade aus der Erkenntnis der Rot als sozialer Krankheitserscheinung ergibt sich für die Kirche die Ablehnung einer Anpassung ihrer sexualsittlichen Wahrheiten an die jeweilige Wirtschaftslage. „Man kann nicht soziale Rotstände dadurch zu beseitigen suchen, daß man an ihre Stelle neue, andere — und in ihrer Massenwirkung auf die Dauer noch viel größere — setzt." Demgemäß sagt die Enzyklika: „Cs gibt keinen auch noch so schwerwiegenden Grund, der etwas innerlich Naturwidriges zu etwas *) Helmut Fahfel. Ehe, Liebe und Sexualproblem. 5) erd er u. To. Frei bürg i. B. 1931. ") Aurel K o l n a i. Sexualethik. Ferdinand Schö - ningh. Paderborn 1930. o) Pgl. Niedermeyer. Sexualethik und Medizin, Wissenschaft und Weltanschauung. H i l d e s h e i m , Naturgemäßem und sittlich Gutem machen könnte." Dieser These wird man — jedenfalls soweit es sich um soziale Motive handelt — die Anerkennung nicht versagen können. Als naturgemäß und sittlich gegeben ist für das Sexualleben des Christen die Che gesetzt, patte auch der Materialismus die Che als Notwendigkeit gefordert, so wird hier die zentrale Stellung der Che mit der Einsetzung durch G'tt besonders geweiht. „Sie wächst hinaus über eine Institution sozialer Zweckmäßigkeit, die sich auf Fortpflanzung, geordnete Triebbefriedigung und persönliches Lebensglück beschränkt." Als Konsequenz dieser Einstellung ergibt sich für den Jugendlichen das Postulat der Enthaltsamkeit in viel stärkerem Maße als es in der materialistisch-hygienischen Wissenschaft ebenfalls gefordert wird. Lesenswert sind die Ausführungen Fahsels gerade über die Notwendigkeit, Möglichkeit, Unschädlichkeit und Nützlichkeit der Enthaltsamkeit bis zur Che. Mit besonderer Gründlichkeit hat sich K o l n a i gerade für die ethischen und natürlichen Grundlagen dieses Postulats eingesetzt. ‘ Auch innerhalb der Che wird als einziges regulatives Moment gegenüber wirtschaftlicher und gesundheitlicher Gefahr die Enthaltsamkeit zugelassen. Es ist als bedeutsamer Fortschritt der Wissenschaft zu bezeichnen, daß durch Erkenntnis der biologischen periodischen Unfruchtbarkeit der Frau statt der totalen Enthaltsamkeit in vielen Fällen eine periodische Enthaltsamkeit zur Vermeidung der Kinderzeugung genügt. Riedermeyers Gchriftenp haben viel zur Verbreitung dieser Erkenntnis belgetragcn, er selbst aber warnt noch vorerst vor einem absoluten Verlaß auf seine Regel. Er will sie drum bei den Fällen n ich t angewandt wissen, in denen eine Schwangerschaft eine Lebensgefahr bedeutet. Für solche Situationen kommt für die katholische Kirche allein völlige Enthaltsamkeit in der Ehe in Betracht, eine Forderung, deren konsequente Durchführung den Katholiken in die tragischsten Seelenkonflikte führen kann. Diese Entscheidung ist noch von besonderer Tragweite, wenn man bedenkt, daß selbst bei eminenter Lebensgefahr für die Mutter die Austragung des einmal erzeugten Keimes um jeden Preis gefordert wird. Sollte dies nicht eine Ueberspannung eines an sich gesunden Prinzips sein? Soll man wirklich in diesem Sinne die Gleichung Leben — Leben als Realität ansehen? Man wird die Anschauung begreiflich finden, daß das Leben der Mutter als sicherer lebensfähiger und lebensbedeutsamer wert den unsicheren wert des unentwickelten keimenden Lebens unendlich überwiegt, nainentlich in den ersten Stadien der Entwicklung. Dies wird sowohl in biologischem wie in ethischem Sinne gelten können. Cs ist gegen die periodische Enthaltsamkeit der Cinwanö gemacht worden, daß die Kirche konsequenterweise auch diese Methode verurteilen müsse. Es sei doch gleichgültig, w i e der Effekt der Geburtenverhütung erzielt werde. Diese Kritik übersieht, daß es der Kirche in wesentlicher pinsicht darauf ankommt — unabhängig von Eintritt oder Ausbleiben der Fortpflanzung —, die Natur- Widrigkeit des ehelichen Lebens zu bekämpfen. Rur jenes eheliche Zusammensein soll verurteilt werden, „das durch die Willkür des Menschen seiner natürlichen Kraft zur Wirkung neuen Lebens beraubt wird." (Enzyklika.) Das gilt nicht für die periodische Enthaltsamkeit. Wenn hierbei keine Befruchtung eintritt, so „wird dies durch die Natur selbst verursacht, die der Frau in diesem Zeitraum keine Fruchtbarkeit verlieh." (peymeijer°). Das eheliche Zusammensein selbst erfolgt so ganz naturgemäß und ist ebenso erlaubt, wie etwa im Zustand der Schwangerschaft oder einer dauernden Nnfruchtbarkeit der Frau. Man wird sich der Logik einer solchen Ideologie nicht verschließen können. Dagegen entbehrt die von der katholischen Kirche geforderte Unauflöslichkeit der Che der zwingt Cäpellmann-Niedermeyer, Fakultative Sterilität. Limburg 1931. Steffen'sche Buchhandlung. Niedermeyer, Was muß der Seelsorger von der „Fakultativen Sterilität" wissen? Trier 1932. 5) Bei I. N. I. S m u l d e r s. Periodische Enthaltung in der Ehe. Regensburg 1931. ... und vergessen Sie nicht.... -^Bergmann Klasse Z|4 Mit. Go'ldmundstück und Ohne Mundstück genden biologischen und ethischen Begründung. Mit den dogmatischen Grundlagen dieser Forderung sich zu befassen, steht uns nicht zu. Darüber hinaus sucht aber F a h s e l einen erzieherischen und wirtschaftlichen Beweis zu erbringen. Ls ist zwar richtig, daß im Interesse der harmonischen Erziehung der Kinder eine lebenslängliche „Dauerehe" gelegen ist. Auch umgekehrt ist für das Alter ein gesundes Familicnband von zweifellosem Wert. Namentlich dann, wenn die Eltern auf die Unterstützung der erwachsenen Kinder angewiesen sind. Doch kann aus dieser allgemeinen Bewertung nicht schematisch auf den Linzelfall geschlossen und die Folgerung gezogen werden, daß die Ehe „in allen Fällen ausnahmslos unauflöslich fein" muß. Es sind genügend Situationen denkbar, wo der eventuelle Nutzen einer Lhegemeinschaft weit überwogen wird von deren schädlichen Einflüssen — sogar für die Kindererziehung. Da muß — natürlich unter exakten gesetzlichen Kautelen — die Möglichkeit einer Scheidung gegeben sein. Und schließlich ist doch auch die Rücksicht auf die Kinder nicht das einzig bestimmende Moment im ehelichen Leben. Als ein besonderer Vorzug des katholischen Systems ergibt sich als Konsequenz die gesunde Bevölkerungsbewegung. Eine Geburtenregelung wird nicht a limine abgelehnt, aber die Schranken sind doch so eng gesetzt, daß es zu einer Bevölkerungs k r i s i s nicht kommen kann. Zwar gilt das Gebot der Bibel „seid fruchtbar und mehret euch" eigenartigerweise nicht für jeden einzelnen. Um das Zölibat der Geistlichkeit zu begründen, wird das Gebot nur generell für die Gesamtmenschheit gefaßt, so daß es dem einzelnen freisteht, sich dem Gebot zu entziehen. Diese der jüdischen Lehre widersprechende Deutung hat jedoch niemals praktisch eine Beeinträchtigung der Bevölkerungsbewegung herbeigeführt. Die kritische Stellungnahme zu einzelnen Konsequenzen des katholischen sexualethischen Systems darf uns nicht hindern, der großen Linie dieses Systems Anerkennung zu zollen, wer sich in die Philosophie K o l n a i s zu vertiefen die Zeit nehmen kann, wird die Aehnlichkeit oder gar die Identität vieler ethischer Grundsätze mit denen der jüdischen Auffassung feststellen können. Und aus der Begründung und 2lnwendung für die sexuelle Rot der Zeit wird auch der Jude und besonders der jüdische Führer Nutzen ziehen. wenn wir uns zur Prüfung des christlichen Standpunktes die katholische Einstellung als Basis wählten, so geschah dies deswegen, weil wir in der p rote st a n t i s ch e n Einstellung nicht eine einheitliche unzweideutige Linie erkennen können. Zwar baut auch die protestantische Lehre auf überlieferter Grundanschauung über die Ehe und die anderen sexuellen Fragen auf. 2lber sic läßt dem Zeitgeiste und den Lebensverhältnissen einen starken Spielraum,' so daß man deutlich die Kluft zwischen der ursprünglichen kirchlichen Lehre und der jeweiligen Forderung des Lebens erkennt. Als oberster Richter gilt das Gewissen des einzelnen Gläubigen. Durch diese individualistische Einstellung wird naturgemäß nicht das einheitliche grandiose Bild geschaffen, wie es die katholische Sexualcthik darstellt. Es ergibt sich statt dessen nur eine Summe lebensgerechter sexualethischer Forderungen, die der Notlage des Individuums und der Gemeinschaft in ihrer Wandelbarkeit in hohem Maße Rechnung tragen. Als Beispiel einer solchen Entwicklung mag die Stellung der anglikanischen Kirche dienen, die vor 10 Jahren in feierlicher Erklärung „mit Nachdruck" vor jedem Eingriff in den Zeugungsvorgang warnte. In der Resolution 1950 „gesteht die Konferenz zu", daß in bestimmten Fällen außer der Enthaltsamkeit auch andere Mittel der Kinderverhütung angewandt werden dürfen. In seinem System evangelischer Sexualethik gibt uns Pa u g °) auf der einen Seite ein Ideal-Bild °) Theodor H a u g. Im Ringen um Reinheit und Reife. Stuttgart 1930. I. F. Ste i n k o p f.

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