Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1932)
- Date
- 1932-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 27 Der Israelit 30. Juni 1932 DINGES DIABETIKER-BROT NACH DR. S ENFTN E R ■ Bekommt ausgezeichnet - Schmeckt vorzüglich | Bewirkt günstiges Absinken des Zu<ker-(ieha!tes! I Madien Sie noch heute einen Versuch. Laib nur 50 Pfennig. I DINGES-B.ROTFABRIK G M B H tonische Liebe gibt, kann es auch einen platonischen a ß geben, und dem dient dieser ganze Apparat. Die Herren wissen sehr wohl, das; Preußen in steuerlichen Dingen für das Reich gar nicht zuständig ist, sie wissen auch, daß das Reich auf diese ihre Gehirngespinste nicht eingehen kann, ohne sich moralisch, und auch politisch aufzugeben ' und aus dem Rahmen der Weltwirtschaft auszuschalten. Denn es soll Deutsche gebe;" Fach- und Gesinnungsgenossen von Herrn Hugenberg, die etwas größere Werte in den Ostländern investiert haben, als die Ostjuden in Deutschland. Cs ist dies alles so wahnwitzig, daß gar kein Wort darüber zu verlieren wäre, wenn nicht diese Demonstration als Wettermache für den 51. Juli deutlich beweisen würde, wohin wir angelangt sind, mit welch faulem Köder man heute glaubt, im Trüben fischen und den kleinen Wann aus der Rot des Tages angeln zu können. Kulturbolschewismus? Bolschewismus wohl, aber ein solcher der U n kultur. Untecgrundantisemitismus! In einer beachtlichen Rede, die Hugenberg, der Freund und Gönner des Rationalsozialismus, auf einer Reichsführertagung feiner Partei am Sonntag gehalten hat, macht er sich schwere Gedanken über die starke Hervorkehrung des „Sozialismus", — lies: Bolschewismus! — bei seinen ungezogenen Lieblingskindern auf der rechten Seite. „Einig", sagte Hugenberg, „sind wir mit dem Rationalsozialismus nur in der Unduldsamkeit bei der Schaffung eines einheitlichen Volkes". Ja, er sprach, der Parteiführer der Deutschnationalen, von der „Unduldsamkeit" als Parteimaxime und Cinheitslinie für die Rechtsparteien. Rlan schämt sich nicht mehr, mit diesem Worte eine Kulturentwicklung von hundert Jahren zurückzuschrauben, man steigt zu den Uniformierten in die „Untergrundbahn" . . . Aber unheimlich werden Herrn Hugenberg diese Heißsporne mit ihrer „sozialen Gleichmacherei", mit ihrer Wegsteuerung der großen Einkommen, mit ihrem „braunen Marxismus". Uns will scheinen, als täte Onkel Hugenberg seinen Lieblingen Unrecht. Er ist, von der Schwerindustrie kommend, zu massiv, einen Spaß zu verstehen. „Laßt uns erst das kleine, notleidende Volk,, mit der Hoffnung, daß auch alle Größeren mit ins Elend hineingezogen werden, in die Garne gehen, alles andere wird sich schon finden. Bleiben wird von all den Demonstrationsanträgen der Freitagnacht nur die Unduldsamkeit. In diesem Zeichen werden wir uns finden! . . ." Das ist der tiefere Sinn aller nationalistischen Anträge und Beschlüsse. Und nun noch ein Wort an und — für. uns selbst. Daß der wildtvestliche Ucberfall auf die Juden in der Untergrundbahn am Sabbat nachmittag stattgefunden hat, beweist zwar, daß sich keineswegs der Antisemitismus, wie Max Raumann oft vermutet hat, nur gegen die Bärte in der Grenadierstraße richtet — diese schaukelten zu dieser Stunde ganz gewiß nicht in der Untergrundbahn, sondern in den Bet- und Lehrhäusern der Rordendstraßen — gehört. aber ganz und gar nicht hierher, wenn aber dieser ganze verschärfte Feldzug gegen die Juden ein Fingerzeig zur Teschuwa sein soll und die einzelnen Phasen dieses Feldzuges die Wege anzeigen sollen, auf denen die Einkehr einzusetzen hat, so ist darin in der Tat ein kleiner Fortschritt zu verzeichnen. Cs ist erfreulich bei all dem Unerfreulichen, daß in der jüngsten Berliner R e p r ä f e n t a n t e n v e r s a m m l u n g , ebenso bei den Besprechungen des E. ,P., alle Parteien, auch die linksliberalen, .Wext düt'auf legten, zu betonen, daß, mit Hinblick auf die neuesten Verleumdungen und' Verunglimpfungen, Unters'ch e idungen z w i's chen Ost - unö Westjuden, von jüdischer; Seite mit aller "Entschied e n h e i t abgelehnt werden m ü s - s e n, und die Gemeinden nur Juden schlechtweg kennen dürfen. Hoffen wir, daß die deutsche Iudenheit auch sonst in all den Punkten, in denen man sie heute ins Herz zu treffen sucht — auch die Schechita gehört in erster Reihe dazu — in ihrem Innersten aufgerüttelt wird, nmtyn *]Y7 rvm.> Der Kampf um die Schechita in Deutschland. Den nationalsozialistischen Bemühungen um die Herbeiführung von Schächtverboten in den deutschen Landespaclamenten war in den letzten Monaten keinerlei Erfolg befchieden. So sind Anträge auf Einführung des sogenannten „Letäubungszwanges", mit dem sich die Schächtverbote maskieren, nacheinander in Thüringen, Oldenburg, Württemberg und in Baden der Ablehnung verfallen. In den Städten sind seit Beginn dieses Jahres in etwa 50 Fällen Anträge auf Unterbindung des Schächtens durch polizeiverorönung gestellt und zumeist a b g e l e h n t worden. Inzwischen hat das R e i ch s i n n e n m i n i st e r i u m sowohl wie das preußische Innenministerium erklärt, daß kommunale Schächtverbote mit der Rcichsverfassung nicht in Einklang zu bringen sind, so daß dieser letztere Weg zur Vernichtung der Gewissensfreiheit der jüdisch-religiösen Bevölkerung wenigstens einstweilen abgeschnitten worden ist. Mit um so größerem Eifer stürzen sich unsere Gegner nunmehr auf die L a n ö e s p a r l a m e n t e, Und es ist feit Wochen bekannt, daß man insbesondere in Preußen sich angesichts des starken Machtzuwachses der nationalsozialistischen Partei schon mit Rücksicht auf die bevorstehenden Reuwahlen um einen judengegnerischen Erfolg auf dem Gebiete der Schächtsrage stark bemüht. Wie wir in unserer vorigen Rümmer berichten konnten, ist nun der Antrag der Rationalsozialisten, der originellerweise sich nicht nur auf Großvieh, sondern auch auf Geflügel erstreckte, im Landwirtschafts-Ausschuß des preußischen Landtages mit den Stimmen des Zentrums, der Sozialdemokraten und der Kommunisten abgelehnt worden. Dagegen fand mit den Stimmen der Rationalsozialisten und der Deutschnationalen ein Antrag Annahme, daß das Staatsministerium „geeignete Mittel bereit zu stellen habe, um alle Methoden zur Schlachtung von Schlachttieren zu prüfen und zu fördern mit dem Ziele, das betäubungslose Schächten für die Zukunft zu unterbinde n." Von Seiten des Zentrums war hierzu ein Abänderungsantrag eingebracht worden, der die bösartige Formulierung der Resolution beseitigen und an die Stelle der Worte „das betäubungslose Schächten für die Zukunft zu unterbinden" folgende Fassung setzt: „Zwecks Gewinnung eines Betäubungsverfahrens, das mit dem rituellen Schächten vereinbar ist mit dem Ziele, daß in Zukunft keine Tiere ohne Betäubung geschlachtet werden." Cs ist anzunehmen, daß dieser Abänderungsantrag schließlich im Plenum angenommen worden wäre,- wenn nicht durch die lange Dauer der 'Sitzung in der Rächt zum letzten Samstag, die bis in die Morgenstunden hinein währte, ein großer Teil der Zentrums- und sozialdemokratischen Abgeordneten das Haus bei der Abstimmung bereits verlassen hätten, so daß sich die Rechte in der Mehrheit befand. Infolgedessen wurde um %ö Uhr morgens der A b - änöerungsantrag öesZentrums ab-' gelehnt, gleich darauf allerdings die Beschlußunfähigkeit des Hauses festge'stellt. Die Verhandlungen werden zwischen dem 6. und 9. Juli wieder auf genommen werden.^ Schon heute sei aber ausgesprochen, daß vom jüdisch-religiösen Standpunkt aus mit aller Entschiedenheit gegen die nicht zur Ruhe kommenden Versuche protestiert werden muß, geraöebeim Schächten einen Betäubungszwang einzuführen, der sonst nirgends existiert, und der daher •— ganz abgesehen von der praktischen Unterbindung des rituellen Schlachtverfahrens eine Herabsetzung derjüdischen Religion bedeutet. Gegenüber der auf diesem...Gebiete herrschenden Begriffsverwirrung fei nochmals: festgestellt, daß in Deutschland kein einziges Schlachttier vor der Tötung betäubt wird. Die Tiere werden dort, wo die betreffenden Einrichtungen vorhanden sind, durch einen Bolzen oder Schießapparat, der die Gehirnschale zertrümmert, erschossen, nicht a b e r' v o r h e r betäubt. Daß die antisemitischen Tierschützler diese liebliche Art des Erschießens als „Betäubung" bezeichnen, ist ihre Sache; sie dürfte aber von den betroffenen Schlachttieren durch diese Etikettierung keineswegs angenehmer empfunden werden als der Schächtschnitt. Wir sind vielmehr überzeugt, und wir können uns dabei auf die Zeugnisse des größten Teiles aller physiologischen Autoritäten der Welt berufen, daß der Schächtschnitt selber durch die fast momentan bewirkte Blutleere des Gehirns die beste „Betäubung" darstellt, die es gibt, solange man sich nicht etwa dazu entschließt, sämtliche Schlachttiere vor der Tötung, ähnlich wie die Menschen vor einer Operation, durch anästhetische Mittel wirklich zu- „betäuben". Ob es eines Tages gelingen wird, religionsgesetzlich zulässige Betäubungsmittel zu finden, die mit Sicherheit wirksam sind, ohne die v o l l e Leb e n si n t e g r i t ä t sämtlicher Organe des Tieres bis zum Moment des Schächtschnittes in Frage zu stellen, läßt sich-nicht voraussehen, erscheint jedoch unwahrscheinlich. Sollten solche Mittel aber' jemals gefunden werden, dann müßten sie im Interesse der Humanität u. C. zur allgemeinen Einführung gelangen und dürften nicht einseitig dazu verwendet werden, um dem überlieferten System der Schechita, gegen alle Wissenschaft und gegen alle Hl o ral, den. Stempel der Minderwertigkeit aufzudrücken. Jüdische Arbeiterkolouie. Die steigende Zahl jüdischer Erwerbsloser, die Unmöglichkeit für viele, auf absehbare Zeit in den Produktionsprozeß wieder eingereiht zu werden, die Rot der Jugendlichen, die eben ihre Lehrzeit beendet und keine Aussicht haben, neue Arbeitsstellen zrr finden, der abgebaute ältere Angestellte, all.das hat die Hauptstelle der jüdischen Wandersürsorge in Berlin veranlaßt, mit - Unterstützung der Verbände und des preußischen Wohlfahrtsministeriums auf Gut Reuendorf eine, jüdische A r b e i t e r k o l onie zu errichten. Sie wird vorerst 50—40 Personen aufnehmen; es ist aber geplant, diese Zahl bald erheblich zu erhöhen, um den jüdischen Arbeitslosen eine wirklich merkbare Hilfe zu geben. Ueber das Gut.Reuendorf wird uns noch mitgeteilt, daß es in landschaftlich besonders schöner Gegend liegt. Die Arbeitsmöglichkeiten sind vielseitig; und umfangreich, die Unterbringungsmöglichkeiten angemessen und ausreichend gesichert, die Werkstätten (Tischlerei,.. Schlosserei, Schuhmacherei, Stellmacherei) ohne größeren Kostenaufwand auszubauen unk zu erweitern. Die Leitung liegt in besonders qualifizierten Händen; fozialpädagogisch und auch sonst vorgeschulte Kräfte werden dem Betrieb eine gute pädagogische und soziale Atmosphäre: sichern. Als Rechtsträger hat die Hauptstelle für jüdische Wanöerfürsorge den Verein „Jüdische Arbeitshilfe e. V." ins Leben gerufen, dessen Geschäftsstelle sich in Berlin- Eharlottenburg, Kantstr. 158, befindet, wohin auchalle Gesuche um Aufnahme zu richten sind..— - Die Idee ist so gut und so sehr aus der Forderung der Zeit heraus geboren, daß es sich erübrigt, ein wort darüber zu sagen. Fordern, nein voraussetzen müssen wir natürlich, daß die qualifizierten Hände, in denendie Leitung liegt, nicht allein in sozialpäöagogischer, sondern auch, in jüdischer Hinsicht qualifiziert sind, daß sie dem Betrieb nicht nur — wie im Ausruf hervorgehoben eine „soziale", sondern eine jüdische Atmosphäre, sichern. Daß sich dieses bei voller Wahrung sozialer,/ pädagogischer und landwirtschaftlicher Grundsatzes wohl erreichen läßt, haben wir neulich auf Ge-