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Der Israelit · 1932-06-30 · Heft 27 (30.6.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 27 (30.6.1932)
Date
1932-06-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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30. Juni 1932 Nr. 27 Seite 3 unbedingt wahr, denn Lin her hat danach gehandelt. Dieser Brief ist ein Merkmal eines politischen Ingeniums von durchdringendster Weisheit. Mit Gut und Löse hat das natürlich nichts zu mn. .Hat man aber einmal den Unterschied verstanden zwischen dem Empirisch-Geschichtlichen mit seinen Lergen von Dokumenten und seinem endlosen Hin und Her von passiertsein oder nicht: und der Ebene der reinen Historie, von der wir hier immer reden, so wird man auch anerkennen müssen: in dieser. Ebene ist jener Brief aus £?ei6ingjsfeI6 unbedingt geschrieben worden; ohne ihn ist das literarische Schaffen Llühers in der Gegenwart unerklärbar. .Uimnrt man aber seine Wirklichkeit an, so verliert die Haßphantasie, unter der Vlüher steht, jede Spur von Undeutlichkeit. Eder mit anderen Worten: gibt Blüher zu, daß seine Briefe Fälschungen sind, dann ist es auch der unsere. Hält Blüher den intelligiblen Inhalt des seinen aufrecht, so ich den des meinen in verstärkter Form. Prüfen wir einmal in Kürze den Inhalt des Konftantinopeler Briefes, nach dem wir Juden angeblich gehandelt haben sollen. „Laßt Eure Kinder Domherren werden und christliche Kleriker." Aerzte, Advokaten und Kaufleute sind bei den Juden beliebte Berufe. 'Aber bei allen Berufsberatungen der Juden habe ich noch nie gehört, daß ihre Kinder — ausgerechnet -— Domherren werden sollten. Wie kommt diese Ungeheuerlichkeit in Blühers Kopf? Welche Juden wollten denn Domherren werden, daß inan sie deshalb verleumden wollte? Diese Frage führte mich.auf die richtige Spur nach der Duelle für diese Blüher'sche Ausgrabung; solch ein Vorwurf konnte sich nur gegen M a r a n n e n richten, die in hohe Kirchenämter gelangten. So kam ich dem Falsifikat auf den Grund. Graetz schreibt darüber IX, S. .274: „Die spanischen Marannen, auch diejenigen,' welche durch ihren kirchlichen Eifer den Argwohn der Inquisition zu entwaffnen wußten, waren ebenso wenig frei von Anfechtungen, besonders diejenigen, welche vermöge ihrer ererbten Anlagen, durch Fleiß, Ausdauer, Lernbegier, Verstand und Strebsamkeit höhere weltliche und geistliche Bildung erlangt hatten. Gerade die vorsichtigsten unter ihnen strebten nach höheren Kirchenwürden oder traten in einen Mönchsorden, um durch die Kutte oder die Stola geschützt zu sein. Aber gerade deswegen wurden sie von ihren altchristlichen Mitbewerbern beneidet und gehaßt. An der Hauptkathedrale in Toledo waren die meisten Erzpriester und Kanoniker Geistliche von jüdischer Abkunft und bezogen reiche Präbenden. Darob war der Erzbischof von Toledo, Juan Martinez S i l i c e o (Guijarro) ergrimmt, zumal diese ihn durch boshafte Aeußerungen und beleidigende Pasquille gereizt hatten. ’ Vergebens hatte er Gesuche an den Papst Paulus III. gerichtet, Marannen zur Bekleidung von Kirchenämtern für unwürdig zu erklären. Da aber alle seine Mühen, den Marannen den Zutritt zu Kirchenwürden zu verschließen, ohne Erfolg waren, beging er eine niederträchtige Falschmünzerei, welche augenscheinlich machen sollte, wie sämtliche Marannen nicht bloß falsche Christen, sondern nur daraus bedacht wären, die Kirche zu schänden und das Christentum zu verderben. Siliceo verfaßte selbst oder ließ einen Briefwechsel verfassen zwischen einem angesehenen Juden in Spanien und einem Rabbiner in Konstantinopel. Der erstere hätte sich zur Zeit, als den Juden in Spanien die Wahl zwischen Auswanderung und Taufe gestellt war, mit einer Klage und Anfrage an den letzteren gewendet, was in dieser Not zu tun sei. Bei diesem gefälschten Briefwechsel beging Siliceo noch ein Bubenstück. Er nannte den Namen des angesehenen Juden, welcher angeblich die Anfrage nach Konstantinopel gerichtet hat, C h a m o r r o. Es lag eine für seine Zeit erkennbare Niedertracht darin. Mose Chamorro hatte mit seiner Frau die Taufe genommen und den Familiennamen C l e m e n te angenommen. Ihr Sohn Felipe Elemente war vom König Fernando zum Protonotar des königlichen Kabinetts ernannt worden. Sein Sohn Miguel Velasquez Elemente hatte dieselbe Stellung eingenommen. Durch den gefälschten Briefwechsel sollte erwiesen werden, daß der Großvater dieser am Hofe geachteten Familie, welcher in Konstantinopel um Rat gefragt, nur widerwillig sich bekehrt habe und daß seine Nachkommen auf Verderben der Christenheit sännen. Diesen Briefwechsel wollte Siliceo in einem Archiv von Toledo gefunden haben." 'Go klärt sich also öie Sache auf. Der Brief bezog sich gar nicht auf öie Juden, vielmehr auf jene Zwangstäuflinge, denen der Wut zum großen jüdischen Martyrium fehlte, denen aber ihre Untreue gegen ihren G'tt wenig nützte. Dem Bischof von Toledo und seinem Klüngel waren sie unangenehme Konkurrenten; Neid und Mißgunst auf die neuchrist- D e r Israelit_ lieben Emporkömmlinge führten ihn zu denselben gemeinen Mitteln antisemitischer Verleumdung, zu denen das gleiche Gefühl auch die Minderwertigen von heutzutage verleitet. Die verleumderischen Briefe gefielen den Gesinnungsgenossen des Bischofs so gut, daß sie an geeigneter Stelle eine Ueuauflage veranftalteien. Dabei verwandelte sich Ehamorro in den „Rabbiner E b a m o r " von Arles, — Rabbiner macht sich besser — und der König von Spanien in den von Frankreich. Die Zauberwünschelrute Blühers entdeckte diese Giftquelle neu und verwandelte den Vorwurf - gegen Marannen und Täuflinge in einen gegen alle Juden, daß sie den christlichen Völkern ihren Glauben, ihr vermögen und ihr Leben rauben und. ihre heroische Lebensauffassung zerstören wollen. Die Feder zitterte ihm nicht, als er diese furchtbarste aller Verleumdungen über sechzehn Millionen Menschen niederschrieb. Wie muß es in der Seele eines Skribenten aussehen, wenn sich dagegen sein Gewissen nicht sträubt? wir begreifen, wie schmerz-' lich es für Vlüher ist, daß er keiir so gutes Buch über Goethe, Shakespeare, Kleist und Lesstng geschrieben hat wie Gundolf und ihn deshalb verunglinipft. Wir verstehen, daß es ihm außerordentlich leid tut, daß er die sittliche Höhe eines Buber und Gustav Landauer nicht erreicheit kann, daß sie Um deshalb ärgern. Das ist für ihn offenbar Rechtfertiguitg geitug, um Buber zu bezichtigen, „daß er mit den Kreisen gemeinsame Sache machte, die später die Widerstandskräfte der Ration gegen den Feind lähmten und zur Kapitulation zwangen." Solchen Erscheinungen ist eben, mit Blüher zu reden, auf antisemitisch oder auf deutsch-politisch nicht beizukommen. Aber dennoch verstehen wir nicht, daß er zu solch niedrigen Mitteln wie der Verleumdung des gesamten Judentums, zu Mitteln a la Juan Martinez Siliceo als zu seinem letzten Rettungsanker greifen mag. Was versprechen sich Verfasser und Verlag von dieser Lügenanklage? Die anmaßliche Ankündigung des Werkes spricht es folgendermaßen aus: „Das Buch ist antisemitisch von einer wohl noch nie dagewesenen Schärfe, aber dadurch, daß cs die Rolle der Juden in der Geschichte nicht nur von der Rasse, sondern vom theologisch-politischen Stattdpunkt aus deutet, von einer Position geschrieben, die nicht nur unangreifbar ist, (!) sondern auch die christlichen Kirchen auf ihren Boden zwingt." Eins ist an dieser Ankündigung vielleicht wahr; die antisemitische Position des Luches ist von einer wohl noch nie dagewesenen Schärfe; so gemein hat in der Tat selten jemand v e r l e u mdetwicin diesem B n ch m i t d e r B e h a n pt u n g vom g e h e i m e n w e l t p l a n d e r Juden, den Tendenzen ihrer K a u s l e u t e, Aerzte u n d Rot a r e. Richtig ist auch, daß „hier die Rolle der Juden in der Geschichte nicht nur von der Rasse, sondern vom theologisch-politischen Standpunkt gedeutet" wird. Die Rassentheorien sind ja eitel Humbug, nur erfunden, um schwachen Gemütern, die noch von moralischen Gefühlen erblich belastet sind, „auf wissenschaftlich" beizukommcn Rein, das Buch ist vom „politisch-theologischen" Standpunkt geschrieben, zu deutsch: es ist ein politisches Manöver, wie aller moderne Antisemitismus, die eigne Schuld auf den bequemen Sündenbock der Weltgeschichte abzuwälzen. Reu ist nur das Beiwörtchen „theologisch", durch das man den lieben G'tt zum Schützer von Mordtaten, Friedhofsschändungen, Verleumdungen und sonstigen edlen Künsten machen will, voreilig aber ist die große Sicgessanfare, öie ankündtgt: dieser politisch-theologische Antisemitismus würde auch die.christlichen Kirchen auf ihren Boden zwingen. Unsere Erfahrung lehrt uns G. s. D., daß alle anständigen und f r o m - m cn Christen es weit v o n sich weisen, mit den Mitteln d e r v e r l c u m d u n g und des Mordes sich oder öie Kirche zu beflecken. Denn nicht für eine „heroische", Aufopferung und Selbstlosigkeit lehrende Weltauffassung ist das Judentum eine Gefahr mit seinem 2000jährigen Martyrium, mit seiner Lehre „liebe deinen Rächsten (Lev. 19, 18), liebe den Fremdling 'ucherkrankKBZ Nahrungsmittel! Jnteressantes Preisbuch frei! fhi fwHtm&tOi <UöteAcftmß#c${x Frankfurter Hirsch-Apotheke, Zeil 111 Niederlagen: ReformhausBoermel-Ernst,Schillerstr.27 wie dich selbst (das. 54)", sondern nur für jene herrische Lebensauffassung, die in sich einen Herrentypus sieht und andere Menschen zu Wesen' zweiten Ranges herabwürdigt. vor Blühers Theologie sind wir nicht bange. Solange Mord und Verleumdung Mittel des Satans bleiben, mögen die Verfechter solcher Methoden sich selber fragen, wessen Adepten und Bannerträger sie sind. wochenrunoschau. wochenrunoschau. Berliner Untergrund- Antisemitismus. In Berlin wurden am Samstag nachmittag in der Untergrundbahn Juden von neuinformierten Rationalsozialisten überfallen und zu Boden geschlagen, und nur das Einschreiten des Zugpersonals konnte es noch im letzten Augenblicke verhindern, daß die Ueberfallenen aus dem fahrenden Zuge geworfen wurden. Bei der Sistierung auf der nächsten Station meinten die Hitlerjünger treuherzig: Es könne doch nicht strafbar fein, ein paar Iudenlümmels aus einem fahrenden Zuge zu werfen . . . Das ist einer der hundert Fälle — und Ueberfälle — der letzten Wochen und Tage, einer der krassesten vielleicht, der ein Blitzlicht auf die Lage wirft und zeigt, wie weit cs gekommen ist, zu welchem Tiefstand der Kultur die ewige Verhetzung gut ein Drittel des deutschen Volkes hcrabgczerrt hat. Tiefer, sollte man meinen, kann die Moral der Partei, die sich für die Machtergreifung in Preußen und im Reiche rüstet, nicht mehr sinken. Untergrund! . . . Symbolisch fast wirkt dieses wort aus dem tiefen finsteren Schacht besonders für die Rachta r b e i t, — echten Ausgeburten der Rächt —, die der p reußif ch e Landtag unter der Geißel des Rationalsozialismus in seiner Sitzung von Freitag abend bis Samstag morgen geleistet hat. Daß die preußischen Staatsthcater - und Kunststätten von allen Fremdstämmigen und von allen nicht nachweislich rein teutonischen Elementen gesäubert werden — im Jahre, da die gesamte Kulturwelt von Pol zu Pol den Genius Wolfgang von Goethes feiert — zeigt zwar, daß die Begriffe dieser Herren von der Kunst kaum höher gelagert sind als die von der Moral, würde uns indes weiter keine Träne abzwingen. Ein Stcucrgesctz wurde aber in „jener Rächt" vom preußischen Landtag, der dafür gar nichtzuständig ist, im Prinzip» „angenommen", von dem man sich logischerweise fragen müßte, ob dies der „Kulturbolschewismus" ist, gegen den anzukämpfen, die neue Regierung von Papen in ihrer ersten Erklärung versprochen hat. Danach soll u. v. a. den Ostjuden, sofern sic nach 1914 eingewandert sind, alles Vermögen restlos beschlagnahmt werden. Etwas reichlich spä* komint man damit auch — zu einer Zeit, da die wirtschaftliche Rot gerade die Ostjuden erfaßt und deren vermögen, das sie sich — trotz der paar Rainen, die in öffentlichen Skandalprozessen eine Rolle spielen — mindestens so ehrlich und fleißig erworben haben wie manche bekannte Herren von der Großindustrie und der längst nicht mehr jüdischen Hochfinanz, „restlos beschlagnahmt hat." Aber nicht darauf kommt cs den Rachtgestalten des preußischen Landtages an, wie es ihnen überhaupt nicht darum zu tun ist, irgend eine praktische Ruance über den Demonstrationszweck ihrer Anträge hinaus hervorzukehren, wie es eine pla-

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