Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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t :i JCRilleton. Beilage nr. 2t> i-rr 3m Lheder Nach Ben-Ami von Saly Geis. (Schluß.) Wenn wir des worgens das, (Oberste zu unterst und das Unterste zu oberst kehrten und das mit Sorgfalt gedeckte saubere Bett sogar mitunter nicht schonten utt6; der armen Lhajah-Henjah viel Aufregung bereiteten» — so lebte aber des Abends in uns ein anderer Geist. Der Geist der Abenddämmerung herrschte in unserem Lheder. Zunächst hatte unser Lehrer die jüngeren Schüler» die noch keinen Talmudunterricht genossen und am meisten lärmten» nach Hause geschickt. Sie zählten etwa zwanzig gegenüber uns zehn Talmudschülern. Wohl war der Aelteste unter uns nicht älter als zwölf Jahre; doch wir kannten schon längst Ueberlegung» Ernst und Verantwortung» Forderungen, die der Uame Talmudschüler auf seine Träger lud. Uoch mehr beeinflußte uns aber die Stimmung der Dämmerung. Nur ein grober Alensch hätte sich von dem Zauber dieser Stunde in unserm Lheder nicht gefangen nehmen laen und einen Ringkampf oder sonst ein typisches Spiel begonnen. Alles im Lheder schien uns zuzuflüstern: »»Still» still» still!" Ls erübrigt sich» zu bemerken» daß hier nur die winterzeit gemeint ist. Im Winter lernten wir nämlich bis acht oder gar neun Uhr abends. Anders im Sommer. Da gingen auch wir noch bei Tag nach Hause. Unserm Lehrer gehörte das kleine Haus. Ls war das letzte Haus der Straße» die auf jeder Seite sechs Häuser zählte. Große, ungezäunte Höfe schieden die Häuser von einander. Uur der Hof Iwans war von einem Zaun umgeben. Iwan war ein frommer Christ alten Stiles» aber sehr wild. Schon sein Aussehen ließ unser Herz erstarren. Lin Bretterzaun mit einem großen Holztore» vor dem stets zwei dunkelfarbige Hunde lagerten» umzäunten Iwans Hof. Ach und weh über die schändlichen Hunde! Grausamere. Raubtiere als diese hielt ich damals nicht für möglich. Schon bei ihrem Knurren blieb mir das Herz stehen. Häufig wollte ich ihnen das einzige Stück Brot» das mir für den ganzen Tag als Nahrung dienen sollte» hinwerfen» um ihnen nur den Rachen zu stopfen. Schlimmer noch. als die Hunde waren Iwans Jungen, wieviel (Dualen erlitten wir täglich durch sie! Doch es dauert zu lang» und es blutet das Herz» darüber zu erzählen. Ich zittere» wenn ich nur an sie zurücköenke. ° Das kleine Haus unseres Lehrers war alt und baufällig und hatte ein seit langem zerbrochenes Dach. Das Haus bestand aus einem dunklen Korridor» einer Küche und einem großen» dreifenstrigen hellen Zimmer. Lines der Fenster-schaute auf den Hof» wo eine kleine gemauerte Baracke stand» in der David Schraga» der Schneider» wohnte. Ls sah so aus» als ob auch dieser zum Lheder gehörte. Stets saß er mit seiner großen Brille auf der Rase am Fenster» ein Stück Arbeit — wenn er nur welche hatte — auf den Knieen» und seine Radel lief eifrig zwischen seinen Fingern hin und her. Lr machte keineswegs den Eindruck eines Schneiders. Sein Gesicht mit der hohen Stirn» den großen» klugen Augen und dem prächtigen Bart drückte Bedeutung aus. Rabbi Ierocham begegnete seinem Nachbarn mit viel Ehrerbietung und Liebe. Aber auch wir hatten ihn sehr gern. Stets hatte er eine interessante humoristische Geschichte für uns» die uns lachen ließ» wenn er herüberkam. Doch mit ihm haben wir hier nichts zu tun. Das Lheder bedeutete gleichzeitig die Wohnung für unfern Lehrer» d. h.: sein Bett stand in dem Zimmer. Lhajah-Henjah wirtschaftete meistens in der Küche herum. Außerhalb der Küche war sie nicht ohne einen Strickstrumpf sichtbar. Strickend kam sie ins Lheder» strickend ging sie auf den Hof oder zu den Nachbarn oder auf den warkt. wenn ihr im Winter das einsame Sitzen in der Küche nicht behagte» kam sie an den Abenden zu uns hinein» setzte sich mit ihrem Strumpf an den brennenden (Ofen und hörte ehrfürchtig unserm Lesen im Lhumesch zu. Manchmal fiel ihr Blick auf uns» und dann drückte er Seligkeit aus. wir liebten ihr Sitzen im Lheder sehr, denn es strahlte von ihr eine zarte Wärme auf uns. Das also war — in großen Strichen gezeichnet — unser Lheder. Jüdische Dokumente aus berühmten Sammlungen. Von Dr. Karl Erwin Bloch in Luzern. (Schluß.) Ein interessantes Kulturdokument stellt auch eine am 8. September 1435 ausgestellte Pergament-Urkunde dar: Pernhart, der Rindshirt, bekennt, daß er für eine ausstehende Schuld mehrere in Steiermark gelegene Huben, Höfe und Liegenschaften übernommen hat und erklärt den über den Schuldbrief erhaltenen Uebergabebrief und Schirmbrief des Jud Lampel (Gratz) für null und nichtig. Einen Einblick ist das Rechts- und Geschäftsleben der Juden der damaligen Zeit bietet uns eine im Jahre 1481 in deutscher Sprache ausgestellte Abtretung. Mardochay, Jud des Abraham Jud zur Weidn zediert feine auf Georg von Tfchernembl hastende Schuld Aronn dem Judn Soldmanns Sun von Markburg, 1481 am Mittichen Sand Marxtag. Auch hier findet sich die Unterschrift des Ausstellers in hebräischen Schriftzeichen vor, während der Text der Urkunde mit deutschen Schristzeichen versehen ist. Die Rückseite derselben trägt ein schön erhaltenes Siegel der Stadt Triest. Als weitere jüdische Kostbarkeiten zeigt die zur Versteigerung gelangende Sammlung zwei in Oedenburg im Jahre 1442 ausgestellte Dokumentein welchen eine. Schuld forderung an Oron Sohn Jacobs aus Oedenburg nach Verlauf einer gewissen festgesetzten Zeit für nichtig erklärt wird. Ein weiteres Zeitdokument, das uns interessiert, führt uns in die Zeit der Belagerung Roms durch Karl V. Während derselben hatten eine Reihe von Persönlichkeiten im Hause des Kardinals Andrea della Balle Zuflucht gefunden Dieser war Kardinal unter Papst Leo X. Am 4. Juni 1527 fertigte er eine Liste derjenigen Personen an, die sich bei ihm aufgehalten hatten. Dabei sind auch die Beträge genannt, die ihm zur Aufbewahrung übergeben wurden. Uns interessiert in der Hauptsache die Rubrik „Hebrei". Es sind dort acht Namen genannt. Das Dokument gibt uns einen Beweis dafür, daß der Kardinal auch Andersgläubigen seinen Schutz angedeihen ließ. Daß die Juden schon im Jahre 1640 Hoflieferanten waren, zeigt eine Abrechnung, welche „Loew Austerlitz Jud" der römischen Kaiserin, auch der Ungarn- und Böhmen-Königin, der Erzherzogin zu Oesterreich unterbreitet. Er bittet sie um Ueberweisung eines Restbetrages für gelieferte Tuchrvären. Die letzte Urkunde, die hier besprochen werden soll, wurde am 7. Januar 1638 von Fröschel, Moyses, kaiserlicher Hofjude zu Preßburg ausgestellt. Es ist die „Völlige gepflogene Abraittung zwischen Jhro Ex. dem Grauen Franz Christoph Khevenhiller . . . und Moyses Fröschel Khay, Hoff-Juden". Neben diesen äußerst interessanten Urkunden zeigt die Sammlung Bruchstücke eines unbekannten Hiob-Kommentars, dessen Redaktion aus dem Jahre 1347 stammen soll. Es handelt sich um zwei Pergamentblätter, die von einer Handschrift des Sachsenspiegels im Jahre 1295 losgelöst wurden. Professor Gildemeister in Bonn hat diese Bruchstücke im Jahre 1879 eingehendst untersucht und kommentiert. Er kommt in seiner Arbeit zum Schluffe, daß es sich offenbar um' Bruchstücke eines größeren Kommentars handelt, die infolgedessen Beachtung verdienen. Bei den Blättern liegt ein Schreiben Gildemeisters, an den damaligen Besitzer. Er kommt zum Schluffe, daß es sich um ein merkwürdiges und seltenes Fragment handeln dürfte, so daß die Erwähnung dieser eigenartigen Handschrift in jüdischen Kreisen mehr als gerechtfertigt ist. Ein letztes Stück, das unsere Beachtung verdient, ist ein hebräischer Kalender, der Jahre 5167—5225 (1406 bis 1465), ein Manuskript, das wunderbare Lettern abwechselnd in schwarzer, roter und grüner Farbe trägt. Seiner ganzen Form nach war es offenbar ein Taschenkalender und kann somit in gewissem Sinne als Vorläufer unserer heutigen Kalender betrachtet werden. Der Herr Hofrat. Von 3. Weigl. Persönlichkeiten gibt es, welche mit ihrem ganzen Wesen so eindrucksvoll auf uns wirken, daß wir nach langer Zeit noch sie in Erinnerung haben, als wären wir gestern erst mit ihnen züsammen gewesen. Eine derartige Persönlichkeit ist mir der fürstliche Hofrat Raphael von Simonsfelden. Fünfunddreißig Jahre hatte er seinem Landesherrn treue Dienste als Hofbankier gÄeistet, ihn in allen Vermögensangelegenheiten mit Umsicht beraten. Er durfte sich der Achtung des ganzen Hofes erfreuen. Als nach dem Ableben des Fürsten dessen Nachfolger jüngere Kräfte um sich scharte, übergab der Herr Hofrat sein Bankhaus den zwei Söhnen, auf die des Vaters Redlichkeit und unbedingte Zuverlässigkeit sich fortgeerbt hatten, so daß des Hauses Zukunft gewährleistet war. Mit angemessener Rente nahm das hofrätliche Paar den Altensitz in H. Dieses freundliche Städtchen im anmutigen Rahmen von Wäldern und Wiesen bildete bis zum Anfang des abgelaufenen Jahrhunderts die zweite Residenz eines nachher mediatifierten Grafengeschlechtes. Von da stammte das hübsche Rokokoschlößchen inmitten eines Parkes vom Stil des Ludwig XIV.; gegen den Höhenzug, der im Nordosten verlies, erstreckte sich eine Anlage nach englischer Art mit aus Nadelhölzern und Laubbäumen gemischtem Bestand; gepflegte Wege darin führten auf den Bergrücken, von dem sich weithin Ausblick in das Land bot. Die Fernsicht war überwältigend. Zu diesem ganzen hübschen Fleckchen Erde paßten die Menschen. Da war die treue Ruth, welche nun, seit-, dem sie als Waise eines jüdischen Lehrers ins Haus gekommen, bald vier Jahrzehnte der Frau Hofrat ergebene Stütze abgab. Dann Philipp, der gleich vom Militär weg bei Hofrats eingetreten, als Hausmeister und Gärtner waltete, während seine Frau Stine in Haus und Küche mithalf. Ständiger Hausesgenosse war ein Jugendfreund des Hofrates, ein anerkannter Talmiü Chacham, dessen Entscheide allseits gesucht wurden; seine frühere Gemeinde hatte ihn, als sie verschiedene Neuerungen einführte, mit aller Verbindlichkeit emeritiert. Jetzt lernten die beiden Freunde Tag für Tag ihr Blatt Gemoro. Die jüdische Gemeinde in H. mit ihren sechzig Familien, von denen einige bis in die Zeiten der Reformation zurück hier siedelten, stand treu zum überlieferten Judentum. In ihrem Rabbiner besaß sie den ruhigen sicheren Führer. Er zeichnete sich aus durch umfassendes jüdisches und weltliches Wissen; ganz außerordentliche Kenntnisse eigneten ihm auf den Gebieten der Astronomie, es gab am nördlichen Sternenhimmel wohl kein Gestirn, dessen Bahn er nicht gewußt hätte. Freundschaftlich verkehrten im Hause sodann die Pfarrherren der beiden christlichen Bekenntnisse. Den evangelischen achtete die weiteste Umgebung als erfahrenen Sachverständigen im Obstbauwesen, besonders in der Pflege der Spalierbäume; der katholische war Blumenkenner und Bienenvater. Jeder Sonntagabend sah die Herren bei Hofrats. Nach einem schlichten Abendessen wurde ein Stündchen musiziert, es ging ein entzückendes Streichquartett zusammen. Der Rabbiner spielte ausgezeichnet die Geige, der Hofrat war in Cello Meister. In diese Idylle durste ich zu Besuch. Wir hatten damals einen sonniggoldenen Herbst. Da erhielt ich eines Tages von Justizrat N. die Einladung, mit ihm nach H. zu fahren. An einem wundervollen Ereb Sabbat kamen wir an. Von den Spalieren leuchteten Birnen und Aepfel, Zwetschkenbäume ließen von ihreü bläulichen Früchten dicht beladene Aeste herabhängen. Aber die schönste Zier war die Sukkoh. Sie stand auf dem kleinen Hügel, den frühere Zeiten aus Felsgestein im Park aufgebaut hatten; Steinbrechpflanzen wuchsen empor; ein niedlicher Springbrunnen plätscherte; Meisen und Finken flogen zu und ab. Die Hütte trug reichen Festschmuck. Auf bunten Teppichen standen altertümliche bequeme Sessel um den schweren Eichentisch. Buchsgewinde durchzogen den Raum; der Harzgeruch von Fichtensträußen gesellte sich zum Honigduft der gelben und weißen Wachskerzen, die in altsilbernen Girandolen ruhten. Eine Schale, das Werk edelster Goldschmiedekunst, barg vier Esrogim von ausgesuchter Schönheit; sie schimmerten uns ent- §egen mit ihrem goldigbraunen Ton, „die schönen Süchte". Myrthen gaben ihr dunkles Grün dazu. Weiden und Palmzweige bewegten sich im leisen Luftstrom, der von der Türe kam. Die herbstliche Abendkühle milderte der Kamin in der Ecke, durch dessen Glimmertäfelchen der rote Schein der Flamme drang. Eine silbergetriebene Lampe, mit Oel aus dem heiligen Lande k; I H'f-1 •;.: I ■ '"l ..j i: - I - i!