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Der Israelit · 1932-06-23 · Heft 26 (23.6.1932) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 26 (23.6.1932)
Date
1932-06-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 26 Seite 7 23. Juni 1932 __ daß die Justiz den Fall mit voller Objektivität behandle und daß das gräßliche Verbrechen die angemessene Sühne findet. Rumänien ist ein Rechtsstaat und das neugeschaffene Groß-Rumänien nimmt einen ansehnlichen Platz ein in dem Konzerte der Kulturvölker. Der Fall Samson Braunstein darf nicht zum europäischen Skandal werden, und es ist Sache der neuen Regierung, über die Ehre des Landes zu wachen, welche mit. der Art, wie Verbrechen geahndet werden, steht und fällt. Leider steht der Fall nicht vereinzelt da.' Die jiddische Tageszeitung „Unser Zeit" veröffentlicht eine Zuschrift aus U n g h e n i, in der geschildert wird, wie die dortige jüdische Bevölkerung von dem Gendarmeriesergeanten Jlie terrorisiert wird. Dieser wie ein Dorfpascha sich gebärdende Beamte veranstaltet täglich 9 Uhr abends Razzien in den Straßen und schleppt harmlose Spaziergänger auf die Wachstube. Er zwingt jüdische Kleinkrämer, ihm Waren ohne Bezahlung auszufolgen. Wer sich seinen Wünschen nicht fügt, wird mit Faustschlägen, Fußtritten und Kolbenhieben bedroht. Als der Kaufmann Jakob Schneider, bei dem Jlie schon tief in Schulden steckt, ihm Zigaretten ohne Geld nicht ausfolgen wollte, versetzte ihm der Gendarm zwei Kolbenhiebe über den Kopf, so daß er zusammenbrach. Als die Mutter und die Gattin Schneiders hinzukamen, wurden auch sie von Jlie auf das schwerste mißhandelt. Die Mutter Schneiders liegt jetzt in bedenklichem Zustande im Hospital darnieder. Von einem Einschreiten der Vorgesetzten Behörde gegen den gewalttätigen Gendarmeriepostenführer ist bis jetzt noch nichts bekannt geworden. Rußland. Das Stalin'sche Freihandelsdekret festigt das jüdische Rolonisaticmswerk. Moskau, 7. Juni. In Neu-Zlatopol, dem Hauptorte des gleichnamigen jüdischen Verwaltungsrayons in der Ukraine, hat in den letzten Tagen eine Delegierten-Konferenz aller vier jüdischen Rayone in der Ukraine und der Krim stattgefunden, die sich mit Maßnahmen zur Kräftigung des jüdischen Kolonisationswerkes befaßte. Die Konferenz wurde vom Zentralexekutivkomitee der ukrainischen Sowjetrepublik, vom Landwirtschaftskommissar der Sowjetregierung, von Komzet und anderen Behörden der Zentralregierung begrüßt. Den von den Delegierten der vier Rayone erstatteten Berichten war zu entnehmen, daß Stalins Dekret, laut welchem den einzelnen Kolonisten und Mitgliedern der landwirtschaftlichen Kollektive ihr früherer indvidueller Viehbesitz zurückgegeben und ihnen gestattet wird, die landwirtschaftlichen Produkte direkt an den Verbraucher heranzusühren, ferner garantiert wird, daß ihnen genügend Brotgetreide zu eigenem Verbrauch gelassen werden wird, auf die jüdischen Kolonisten so ermutigend gewirkt hat, daß von einer Flucht zurück in die Stadt nicht mehr die Rede sein könne, sondern daß im Gegenteil das Bestreben sich kundgibt, sich auf dem Lande zu verwurzeln. (ITA.) Cinreisevisa für ausländische Juden nach Birc>- Bidschan. Mos k a u, 13. Juni. Die Regierungskommission für Zuführung der Juden zu Landwirtschaft und Industrie, Komzet, hat beschlossen, für das Jahr 1932 4000 Visa für ausländische Juden, die sich in dem jüdischen Rayon Biro-Vidschan anzusiedeln wünschen, zur Verfügung zu stellen. Komzet hat soeben 62 Visa nach Amerika, 64 Visa nach Palästina, 139 Visa nach Frankreich, 17 Visa nach Polen, 10 Visa nach Lettland und 26 Visa nach Südamerika für Juden, die sich in Biro-Bidschan ansiedeln wollen, überwiesen. 100 Visa sollen demnächst für Juden in Deutschland zur Verfügung gestellt werden. Komzet teilt mit, daß aus vielen Ländern dauernd Bewerbungen um Einreise-Visa für Biro-Bidschan einlaufen. Gegenwärtig leben in Biro-Bidschan bereits 273 ausländische, hauptsächlich litauische und lettische, Juden. Sprechsaal. Blitzableiter ... Geehrte Redaktion! In der „Wochenrundschau" der jüngsten Nummer warnen Sie so richtig die deutschen Juden, den „Ostjuden" als Blitzableiter für den Judenhaß gelten zu DerIsraelit lassen. Wie nötig die Warnung ist, dafür eine Illustration: In einer Zivil-Prozeßsache, die ein Ostjude in Gl. mit einem westjüdischen Rechtsanwalt führt, glaubte der Rechtsanwalt, Herr Dr. N., die Sache durch folgende Angabe an das Amtsgericht Gl. für sich „schmackhaft" zu machen: „ . . . doch möchte ich mir den Hinweis erlauben, daß der Beklagte aus dem Osten (Polen) stammt und daß bei diesen Ostleuten die Moral — leider vielfach — sehr löcherig ist. Ausnahmen gibt es, was ich gerne zugebe, aber der Beklagte ist eben keine." Es ist tief beschämend, daß in einer Zeit, in welcher wir alle auf dem Pulverfaß sitzen, es noch Juden gibt, die den Mut besitzen, dem Gerichte ein derartiges Zeug zu unterbreiten und ihre Glaubensgenossen anschwärzen. S. P. Das Eis ist gebrochen! Mit freudigem Herzen begrüße ich die seit den letzten Monaten im „Israelit" gewidmete Aufmerksamkeit für die Palästinaaufgaben des thoratreuen Judentums. Wir haben dieses in erster Linie dem Herrn Redakteur S. Schachnowitz zu verdanken, der an Ort und Stelle war und sich von der Notwendigkeit der Palästinaarbeit für das thoratreue Judentum überzeugt hat. Es klingt als Mißton in diese herzliche Musik die „Warnung" des verehrten Herrn Dr. Nathan Birnbaum, denn wie berechtigt feine Gründe scheinen mögen, so bleiben sie doch bei praktischer Betrachtung des Problems, das von Tag zu Tag an Bedeutung gewinnt, unberechtigt. Auf feine (Herrn Dr. N. B.'s) Gründe eingehend, will ich folgende Fragen stellen: Ist die ms» und Notwendigkeit von 'mar p« aiv' weniger zu beachten, weil sie ein Produkt wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs des gesamten Judentums in der Welt ist? Welche Unterlagen begründen seine Annahme, daß die psn nan, welche bei uns jetzt zum Durchbruch kommt, von den Zionisten geborgt ist? Man kann gerade das Gegenteil beweisen; und ist es dem Herrn Dr. N. B. nicht bekannt, daß in unserer ganzen Golusgeschichte berühmte Männer in Israel einzeln oder in Gruppen, getrieben von der tief in der jüdischen Seele wurzelnden Sehnsucht nach Erez Jisroel, ihrer Heimat den Rücken kehrten und nach Palästina auswanderten? Hunderte Jahre bevor noch ein sogenannter Zionismus entstanden ist! Ist denn nicht für den, der tiefer die Ereignisse der letzten Jahre betrachtet, klar genug, daß wir hier im Golus^ ob .Deutschland, Polen, Litauen oder Amerika, keine ersprießliche Arbeit in religiöser und thoratreuer Hinsicht leisten können. Und werden, nicht unsere Positionen trotz großer Anstrengungen schwächer und weniger? Haben wir die Gewähr, daß wir auch dann, wenn wir uns in unsere mvrr '~i einschließen, ohne an den Interessen des gesamten Judentums teilzunehmen, die überlieferten rmm rnm-Jdeale bei unfern Nächsten erhalten können? ' Als Beispiel will ich hier folgendes anführen: Unsere Stadt M., die früher als die Hochburg von d’ö® nx-pi mm im äußersten Norden .Deutschlands angesehen wurde und die noch bis vor ca. 10 Jahren dieses Ansehen verdiente, (waren doch dort nur drei jüdische Geschäfte am Schabbos geöffnet), zählt heute nach 10 Jahren, da die Stadt einen Zuwachs von ca. 1500 jüdischen Familien aus den benachbarten litauischen Städtchen erhalten hat, die zum größten Teil dort der frommen Klasse angehörten, nur noch kaum 10 Geschäfte, die am Schabbos geschlossen sind. Das zeigt klar genug, daß wir im Golus in religiöser Hinsicht keine Zukunft haben. Ich will nicht die Fehler des neuen Jischuw in Palästina außer Acht lassen, aber könnten wir nicht, wie Herr Schachnowitz so treffend bemerkte, darauf hinarbeiten, daß es uns gelingen soll, ein Winkelchen an ws bma für uns zu erobern, wo wir einerseits einen Ton in die gesamte Harmonie von Tönen hineintragen können, andererseits unser eigenes Leben führen, so wie wir es hier im Golus führen müssen. Dürfen wir uns von den einigen Makkabijungens, die am Schabbos Fußball spielen, einschüchtern, von unserer Arbeit ablenken lassen? Dort in Erez Israel haben wir doch die Zusicherung des mar: cmia« bv v'ra abi wra bv mas ai> a'emi- Das Argument, daß man der Palästinaarbeit wegen nicht die wichtigsten und primären Ideale und Aufgaben des Judentums preisgeben darf, kann auch damit zurückgewiesen werden, daß dann, wenn das thoratreue Judentum sich zu positiver jüdischer Arbeit aufraffen wird, auch die andern jüdischen Aufgaben mit einem größeren Tempo betrieben werden. Im allgemeinen aber ist die Frage zu richten: Wer kann die Verantwortung auf sich nehmen und die ps aicr>« gragc negativ beantworten? Es wird erzählt, daß in einem litauischen Städtchen ein großer p-nxi tum amtiert hat, der ein großer b'pn war. Vor seinem Tode sagte er zu seinen Talmidim: ich gehe jetzt in die wvp xnbv und werde mich vor dem ewigen Richter zu verantworten haben. Was ich als koscher erklärte, kann ich verantworten. Bange ist mir um das, was ich irrtümlich trefo machte, obwohl es koscher war. Und wer kann die von der das ganze jüdische Leben abhängig ist, mit trefo beantworten? Ist es nicht für uns warn»» ein strenger Wink von oben, daß die Haßwelle, die gegen Juden und Judentum in der letzten Zeit im ganzen Golus so angewachsen ist, daß wir zurückkehren sollen zu unserer trauernden Mutter Zion, nachdem wir die sanfteren Winke außer Acht gelassen haben? Wenn das westliche orthodoxe Judentum immer wieder und wieder Versuchs macht, mit dem Ostjudentum in Kontakt zu kommen und es ihm bis auf kleine Experimente nicht gelungen ist, muß die Palästinaarbeit die Bindeschnur werden, und wird der Kontakt dann sehr schnell hergestellt werden, da die Palästina-Arbeit beim Ostjuden ein großer Faktor ist. Sie muß aber, damit nicht, wie Herr Dr. Nathan Birnbaum sich richtig ausgedrückt hat, der Enthusiasmus leerlaufen soll, über die Zeitungsartikel hinausgehen und hoffe ich, daß meinen Ausführungen praktische Vorschläge folgen werden. A—n. Personalien. Rabbi Herz Wolf Lodz, 20. Juni. Am ersten Schwuaustage ging von uns Rabbi Herz Wolf im Alter von 80 Jahren. Ein intimer Freund und Mitarbeiter vom alten Lodzer Raw, Rabbi Clijs Chajim Meisel b"v\, war er viele Jahrzehnte hindurch der treueste Hüter und Förderer aller religiösen und Wohlfahrtsinstitutionen der Gemeinde. Die Versorgung der Soldaten, der Kranken in den Spitälern, der jüdischen Gefangenen in den Gefängnissen mit Koscherkost, besonders am Pessach, sowie mit Ritualien war seine Arbeit. Der Verein „Linath Hazedek" ist sein Werk. Dieser Verein stellt die Wachen und das Pflegepersonal bei Krankheiten. Das Posnanzki-Spital war auf seine Initiative und durch sein Einwirken auf den Philantropen Posnanzki entstanden. Aus alter chassidischer Familie hervorgegangen, deren Ahnen bedeutende Rebbes waren, hielt er selbst treu zur chassidischen Tradition und ließ auf eigene Kosten wertvolle chassidische Werke herausgeben. In seinem Nachlaß ist ein großes Archiv, umfassend eine Korrespondenz von Jahrzehnten mit den größten jüdischen Führern, enthalten. Bei der Bestattung spiegelte sich die ganze Liebe und die ganze tiefe Verehrung der Lodzer Bevölkerung für den heimziehenden Veteran der Jüdischkeit und der jüdischen Bruderliebe wider. masm- Vermischtes. Emden, 20. Juni. Im Anschluß an die hier stattgefundene Jahresversammlung des Vereins der jüdischen Lehrer Emden-Oldenburg fand ein öffentlicher Gemeindeabend statt, zu dem der Lehrerverein unsere Gemeindemitglieder eingeladen hatte. Herr Landesrabbiner Dr. de Haas, Oldenburg, sprach über das Thema: „Das jüdische Festjahr nach Franz Rosenzweig". Der Referent verstand es, die tiefen Gedankengänge dieses früh vollendeten jüdischen Philosophen plastisch darzustellen und die gespannt lauschenden Zuhörer in die Gefühlswelt des jüdischen Festjahres einzuführen. Der immer wiederkehrende Dreiklang Schöpfung, Offenbarung, Erlösung prägte sich den Zuhörern tief ein. Umrahmt war die Veranstaltung von gesanglichen Darbietungen eines Schülerchores unter Leitung des Herrn Lehrers Gottschalk. Mit dieser Veranstaltung dürfte wohl die auch in diesem Jahre überaus rege geistige Arbeit unserer Gemeinde, die in öffentlichen Veranstaltungen, interner Vereinsarbeit und regelmäßiger Lehrtätigkeit bestand, abgeschlossen sein. Zum ersten Male machte die Verwaltung unserer Gemeinde den Versuch, von sich aus Gemeindeabende einzurichten, in denen Herr Landrabbiner Dr. Blum über: „Jüdische Weltanschauung im Wandel der Zeiten" und „Goethes Gedanken über Judentum" und Herr Lehrer Gottschalk über: „Ewiges und Vergängliches im Zeitgeschehen" sprachen. Der reiche Besuch dieser Veranstaltungen dürfte als Beweis dafür gelten, daß gerade diese Veranstaltungen in unserer schweren wirtschaftlichen Zeit geeignet sind, den Zusammenhang der Gemeinde zu fördern. — Auch die einzelnen Organisationen luden die Gemeinde zu öffentlichen Veranstaltungen ein. Im Aufträge des C. V. sprach Herr Dr. Mauritius Kahn über: „Judenhaß, Judenfrage, Judentum", während für die Z i o n i st i s ch e Ortsgruppe Herr Prof. L e s s i n g, Hannover, ein kritisches Bild über die Eindrücke seiner Palästinareise entwarf und Herr Dr. Zacharias, Bremen, über: „Das Judentum in der Krise der Zeit" sprach. — An den vom Jugendbund Haschachar veranstalteten Vortragsabenden sprachen Herr Lehrer Steinhardt, Magdeburg, über: „Assimilation und ihre Grenzen" und Herr Lehrer R ap h a e l, Beckum, über: „Die Krise im Judentum". Weitere Vortragsabende veranstalteten der I s r a elitische Frauenoerein, die z i o n i st i s ch e Ortsgruppe und der I u g e n d b u n d. (Wettere Personalien und Vermischtes auf Seite 11) FamUiennachrichken. Barmizwoh: Leo, Sohn von Gustav Höchster inbrma rav, 25. Juni. Verlobte: Selma Hirnheimer, Bamberg mit Moritz Neumark, Berlin. — Menachem Rosenzweig — Mindi Schwarz, Bratislava Schreibergasse—Judengasse. Vermählte: Aby Schönkopf mit Roguhild Lapidus, Wösterwick, Betsmansgaten 3 26. 3uni 1932.

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