Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Festredner, Herr Dr. Leo D eu ts ch l ä n d e r, rollte das Bild der Entstehung und Entwicklung der Agudas Jisroel auf, skizzierte die bisher vollbrachten Leistungen und forderte zu noch stärkerer Teilnahme und positiver Mitarbeit auf. Reicher Beifall belohnte den Redner. Es folgten noch Ansprachen der Herren Komm.-Rat Siegmund B o n d i und P r e m i n g e r. Sämtliche Redner hoben besonders die Leistungen der Beth-Jakob-Bewegung auf dem Gebiete der jüdischen Mädchenerziehung hervor und die Jugend b e w e g u n g, die im Rahmen der Agudas Jisroel überall eine segensreiche Tätigkeit entfaltet. Als Herr David Bondy das Wort zur Schluhan spräche erhielt, hatte die Festesstimmung ihren Höhepunkt erreicht. Nach hübschen Gesangsvorträgen des Herrn Oberkantor Braun und des Jugendgruppenchors gin gen die Teilnehmer an dieser herrlichen Feier auseinander, im Bewußtsein von der Bedeutung der Agudas Jisroel und der Absicht, nunmehr mit doppelter Kraft den hehren Idealen der Agudas Jisroel zu dienen. bei den Kürzungen eingesparte Viertelmillion wird den schwer um ihre Existenz ringenden Institutionen zugute kommen. * Sommerkolonien und Ferienkurse der Keren Hathora-Zeirtrale. Wien, 19. Juni. Im Sommer ds. Js. werden vom Keren Hathora und Veth Jakob folgende Lehrkurse veranstaltet, die gleichzeitig der körperlichen Erholung dienen sollen. 1. In Rabka (Polnische Tatra, Strecke Krakau- Zakopane) für die amtierenden Veth Jakob-Lehrerin neu in Polen. 2. Im Semmeringgebiet (Aue) für die Kandidatinnen des Beth Jakob-Instituts in Wien und für die Teilnehmerinnen des Kurses auf dem Sobor im Jahre 1931. 3. In Palangen an derOstfee inLitauen, gemeinsam mit der Schulorganisation „Jawneh" Kowno Als Dozenten sind in Aussicht genommen: Oberrabbiner Aron Bakst (Schaulen), Oberrabbiner Dr. Carlebach (Altona), Dr. Leo Deutschländer (Wien), Direktor Dr. Holzberg (Telsiai). Zu diesem Kurs sind junge Lehrer und Studierende aus dem Ausland eingeladen. Vorgesehen ist im Anschluß an den Kurs in Palangen eine Studienfahrt zu den Kulturstätten des Landes (Telsiai, Slobodka, Poniewicz; evtl, eine Weiterfahrt nach Riga und Wilna.) Auch an den Kursen in Rabka und am Semmering können junge Mädchen aus dem Auslande teilnehmen. Im Anschluß an den Kurs in Rabka ist ein Besuch in Krakau und Lublin geplant, im Anschluß an den Kurs auf dem Semmering, Besuch in Wien, Besichtigung der Sehenswürdigkeiten und eine Donaufahrt bis Preßburg, Besuch der Stadt. Der Beginn der Kurse ist auf den 10. Juli festgesetzt. Nähere Auskünfte erteilt die Keren Hathora-Zentrale, Wien II., Leopoldsgasse 26, wo auch die Anmeldungen entgegengenommen werden. Polen. Die Not der warschauer Gemeinde. Warschau, 20. Juni. Die katastrophale Lage in der jüdischen Kehilla zwingt die Verwaltung, neue Reduktionen der Beamtengehälter vorzunehmen. Natürlich benutzen die Führer der Opposition die willkommene Gelegenheit, den Aerger der Betroffenen gege die „böse Orthodoxie" zu lenken, die zuviel Geld für ihre religiösen Institutionen verschwende und dadurch die Beamten verkürze. Dabei kann nachgewiesen werden, daß für Deckung der religiösen Bedürfnisse im Ganzen nicht mehr als 7 Proz. des Etats gebraucht werden. Die Steuereinnahmen sinken beständig, und zudem ist die Verwaltung noch mit schweren Schulden belastet, die von der früheren, zionistischen Verwaltung herstammen. Die Reduzierungen werden schonend mit sozialem Empfinden durchgeführt, so werden Gehälter bis zu 300 Zloty im Monat nicht gekürzt. Ueber all diese Dinge klärte in eingehender Weise Herr Präses Mafur die Vertreter der Presse in einer großen Pressekonferenz auf, besonders auch über die geplanten Anstellungen von neuen Rabbinern. Für 8 neue Rabbinen waren Posten schon im alten Etat eingestellt. 4 Rabbiner sind im Laufe der Zeit gestorben, so daß die Anstellung von zwölf Rabbinen (es sollen aber nur zehn angestellt werden) keineswegs als „luxuriöse Maßnahme" der neuen Verwaltung anzusprechen ist. Die Die Woche. Frankfurt a. 2H. Im Alter von 55 Jahren starb der Gemeinderabbiner Dr. Arnold L a - z a r u s. Dr. Lazarus war ein Neffe des bekannten Philosophen und Ethiker Prof. Dr. Moritz Lazarus. Ein ausgesprochen liberaler Rabbiner, trat er nie aggressiv hervor und beschränkte sich auf seine Amtstätigkeit und eine karitative Wirksamkeit. Berlin. Die lang erwartete Rede Georg Strassers im Rundfunk befaßte sich mit den Juden nur wenig, und diese wenigen Worte sollten mehr beruhigend wirken. Straffer sagte u. a.: „Wir wollen keine Judenverfolgung, aber eine deutsche Führung, ohne fremde und jüdische Einflüsse, ohne jüdische Hintermänner." — Die jüngsten Friedhofsschändungen betreffen den alten jüdischen Friedhof in D r e i ß i g a ck e r bei Meiningen und in Osterberg (Schwaben). Außerdem wurden vor wenigen Tagen die Fensterscheiben einer Synagoge in B r e s - l a u und eines Bethauses in Chemnitz von Nationalsozialisten eingeschlagen. Breslau. Am Freitagvormittag wurde in der Schweidnitzer Straße gerade unmittelbar neben dem Polizeipräsidium ein jüdischer Leichenzug von Nationalsozialisten angepöb e l t. Essen. In der St. Ludgeri-Kirche in Essen-Werden wurden Mittelgang und Kreuz mit Hakenkreuzen und der Aufschrift „Los von Rom!" beschmiert. Die Wand der Kaplanei wurde mit unflätigen Worten bemalt. Die katholische „Essener Volkszeitung" bemerkt, daß die Untat aus der nationalsozialistischen Saat erwachsen ist. Erst Synagogen, dann katholische Kirchen! Karlsruhe. Am 15. Juni hat der Badische Landtag einen nationalsozialistischen Schächtverbvtsantrag nunmehr zum dritten Male abgelehnt. Zürich. Bei einer Veranstaltung der Handelskammer in Zürich, auf der auch ein Nationalsozialist zu Worte kam und besonders gegen die „Oftjuden" loszog, erklärte Kantonsrat Dr. P. G y g a x, Präsident des großen Stadtrates von Zürich und Handelsredakteur der „Neuen Züricher Zeitung" u. a.: „Die'Schweiz hat den Antisemitismus nie gekannt und wird ihn nie kennen. — Die schweizerische Bundesregierung hat eine Verordnung erlassen, die das Tragen von Braunhemden und von Emblemen der Nationalfozialistischen Partei verbietet. Zwei deutsche Nationalsozialisten wurden wegen unerlaubter Umtriebe ausgewiesen, eine Reihe weiterer deutscher Staatsangehöriger wurde unter Androhung der Ausweisung verwarnt. Men. Im 79. Lebensjahre starb in Wien Dr. Heinrich Kolischer, früher ein führender jüdischer Politiker und jahrzehntelanger Abgeordneter. im österreichischen Parlamente. Er betrieb eine jüdisch-polnische Assimilationspolitik. Riga. In R'o g a t s ch o w bei Mobilem in Rußland verstarb im Alter von 77 Jahren der Ortsrabbiner Rabbi Schneiur Salman K l a tz k i n, Bruder des vor kurzem Heimgegangenen Rabbi Elijahu Klatzkin in Jerusalem. Auch Rabbi S, S. Klatzkin war im gesamten Osten als rabbinische Größe hoch geachtet. Jerusalem. Die vier Beduinen, die unter dem Verdachte des Mordes am sephardischen Hausierer Joseph L e v y standen, sind wieder aus der Haft entlassen worden. Ein anderer verdächtiger Araber wurde verhaftet. Rewyork. Die Jahreskonserenz des Verbandes polnischer Juden in Amerika, an der 300 Delegierte polnischjüdischer Vereine im ganzen Lande teilnahmen, appelliert an die polnische Regierung, die politische und soziale Lage der Juden in Polen zu verbessern. — Die große jüdische sozialistische Tageszeitung „Vorwärts" hat einen eigenen Sender, den ersten sozialistischen Sender der Welt, eröffnet. Die Gesinnungsgenossen des „Vorwärts" haben 120 000 Dollar für das Unternehmen aufgebracht. Man kann der Meinung sein, daß das Geld in dieser schweren Zeit besser zu verwenden gewesen wäre. Frankreich. Alliance Israelite Universelle interveniert in Sachen, von Soroca. Paris, 8. Juni. Der Präsident der Alliance Jsraelite Universelle, Sylvain Levi, übergab heute im Namen der Alliance dem rumänischen Gesandten in Paris zur Weitergabe'an feine Regierung ein in scharfen Worten abgefaßtes Memorandum, in welchem die Erschießung von fünf jungen Juden in Soroca durch Grenzsoldaten unter Mitwirkung, eines Hauptmanns und die Zerstörung der Jassyer Synagoge durch randalierende Studenten dargelegt werden. In dem Memorandum wird darüber Klage geführt,, daß in den beiden Affären bisher die Untersuchung nicht zu Ende geführt und noch keine Schuldigen festgestellt wurden; in der Angelegenheit der Jassyer Synagogenschänüung sei überhaupt eine Untersuchung nicht eingeleitet worden. England. vom agudistischen Leben in London. London, 12. Juni. Wie die Juni-Nummer des London-Jewish-Bulletin meldet, hielt die Londoner Agudas Jisroel im Jewish Center unter Vorsitz von Rabbi M o s k o o i tz ihre Jahresversammlung ab. Mr. Goodman erstattete den Jahresbericht, in dem ausgeführt wird, daß im Berichtsjahre die Agudas Jisroel sich nach vielen Richtungen entwickelt habe. Der Keren Hathora im besondereu hatte Gelegenheit, vielen Rabbinen, die im Interesse ihrer Jeschiwos nach England kamen, behilflich zu sein. Der Bericht lenkt die besondere Aufmerksamkeit auf den Empfang einer Delegation von Rabbonim beim Lordmayor in der Guildhall und auf die öffentliche Verammlung zu Ehren der Rabbinen aus Radun, an der der polnische Gesandtschaftsrat Graf Potocki sowie Dr. Gaster und die Dajonim Hillman und Mendelssohn teilnahmen. Die Beth Jacob-Schule hat unter der Oberleitung von Rabbi Dr. Munk Fortschritte gemacht. Einer großen Zahl von Durchwanderern wurde Beistand und Rat gewährt. Es wurde beschlossen, die Agudo- Arbeit in London zu dezentralisieren durch Bildung verchiedener Gruppen in den verschiedenen Zentren der Hauptstadt. Rabbi Dr. Munk erstattete den Keren Hathora-Bericht. Rabbi Zimmermann widmete eine warmherzige Gedächtnisrede dem Heimgegangenen Oberrabbiner Sonnenfeld. Es wurde beschlossen, zu seinem Andenken einen Fond Ozar Hachajim zu gründen. In einer weiter abgehaltenen Versammlung im Jewish Center wurde einstimmig beschlossen, eine Agudas Harabonim (Rabbinerverband) zu bilden. Die Notwendigkeit, eine Zusammenarbeit unter den Rabbinen in London herbeizuführen evtl, mit denjenigen in der Provinz, wurde allgemein als eine Lebensfrage für die Zukunft der Orthodoxie in Großbritannien anerkannt. Es wurde beschlossen, sobald wie möglich eine größere Versammlung einzuberufen und es wurde bis dahin ein zeitweiliger Vorstand gebildet aus den Herren Rabbiner R a b i n o w i tz als Präsidenten, Rabbi S. M o s k o v i tz als Vizepräsidenten und Rabbi Dr- Munk als Ehrensekretär. Es wurde beschlossen, daß die Agudas harabonim in religiösen Angelegenheiten dem Mauezes Chachme Hathauro der Agudas Jisroel unter--, 'teilt sein soll. Rumänien. Das Foltersystem in Beßarabien. B u k a r e st, 21. Juni. Dr. Mayer Ebner, Führer der Jüdischen Reichspartei und früherer Senator, schildert einen Besuch bei dem in Jedinetz, Beßarabien, gefolterten Samson Vraun- 'tein, der im Czernowitzer jüdischen Hospital noch immer chwer verletzt darniederliegt. Die Einzelheiten sind so chauderhaft, daß sie einem in die Zeiten der Inquisition versetzen. Während Deputierter Dr. Reifer und ich, fährt Dr. Ebner fort, uns mit Braunstein unterhielten und in Gedanken das Gräßliche schaudernd miterlebten, trat seine Gattin in das Krankenzimmer, eine junge Frau, mit Strähnen grauen Haares. In den drei Tagen, als er im beßarabischen Spital zwischen Leben und Tod schwebte, ist sie ergraut. Was wir verlangen, schreibt Ir. Ebner weiter, ist eine entschiedene '.Stellungnahme des Armeekommandos gegen den Offizier, der Menschen peinigt. Wir fordern.