Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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23. Juni 1932_ - .gemeinen Bevölkerungsproblem wesentliche Aussichten, so wird eine solche wirtschaftliche Hilfsaktion vollends versagen bei der ungleich schärferen jüdischen G e b u r t e n k r i s e. Theilhaber, dem das Verdienst gebührt, als erster auf die Katastrophe der deutschen Iudenheit hingewiesen zu haben, zählt zwar immer noch zu den Verfechtern einer einseitig-wirtschaftlichen Betrachtungsweise. Aber gerade die Entwicklung seiner Auffassung im Lause der Jahre ist ein Paradigma dafür, in welche Sackgasse man hineingerät, wenn man die Prävalenz der wirtschaftlichen Momente verficht. Noch im Jahre 1921 hatte C. von einer kulturell-nationalen Wiedergeburt eine Lösung des jüdischen Bevölkerungsproblems erwartet, allerdings mit gesünderen ökonomischen Verhältnissen, „weckt mit-Posaunen die Hunöerttausende aus der Apathie und Lethargie, erfüllt sie mit neuem religiösen und nationalen Willen, vor allem schafft ein gesundes Volkstum, Möglichkeiten normalen "Liebeslebens, ökonomische Grundlagen, kurz reformiert an Haupt und Gliedern, werdet Juden wie die der früheren Zeiten." 3m Jahre 1929 hielt T. im bevölkerungspolitischen Ausschuß des „preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden"*) sein grundlegendes Referat über die Levölkerungskrise und zeigte uns in beredter weise die deutsche Iudenheit am Abgrund. Unter den Ursachen findet zwar auch noch der moderne Individualismus und feine Folgen, der zunehmende Lebensgenuß, Erwähnung. Aber in seinen bevölkerungspolitischen Vorschlägen vermissen wir schon den allgemeinen Appell zur inneren Umstellung. Diese moralische Beeinflussung wird nebenbei in den bescheidenen Winkel der Wirksamkeit der einzelnen „Richtungen" der Iudenheit gewiesen, während für die jüdische Allgemeinheit nur wirtschaftliche und nochmals wirtschaftliche und abermals wirtschaftliche Maßnahmen gepriesen werden. Cs liegt mir fern, den wert einer Sozialpolitik oder der einzelnen sozialpolitischen Maßnahmen zu kritisieren, denn stets hat die jüdische Gemeinschaft in Erkenntnis realer Notwendigkeit eine starke sozialpolitische Wirksamkeit entfaltet, wogegen Einspruch erhoben werden muß, ist die Einseitigkeit, mit der hier die ganze Zukunft allein auf die Karte „Wirtschaft" gesetzt wird. So mußte sich als Konsequenz des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der letzten Jahre ein völliges Versagen von T.'s System ergeben. In seinem Aufsatz über „Das Problem der jüdischen Ehelosigkeit" 1951 . muß er zugeben, daß wirtschaftliche Stützungsversuche „lediglich das augenblickliche Elend einzelner lindern" können. Als einziger Faktor der Hilfe bleibt die völlige oder fast völlige Beschränkung der Kinderzahl übrig. Unsere Gemeinschaft opfert ihre F o r t p f l a n z u ng s Möglichkeit, um das nackte Leben zu fristen —• eine stilistisch gelungene Umschreibung nicht des „Untergangs", sondern des „Selbstmordes" der deutschen Juden. — Das also ist der wirtschaftlichen Weisheit letzter Schluß! Dieser trostlosen Entwicklung einseitiger mechanistisch-wirtschaftlicher Betrachtung sei gegenübergestellt, was der Altmeister der Sozialhygiene Grotj a h n gewissermaßen als Vermächtnis in seiner Lebensbeschreibung^) über seinen Lehrer Schmoller und seine eigene Entwicklung sagt: „Bei aller Betonung des Crfahrungswissens wollte er doch die Wirtschaft und die Gesellschaft nicht lediglich aus einer sozusagen notwendigen mechanisch-technischen Entwicklung erklären, sondern hielt auch Recht und Sittlichkeit für wichtige Faktoren. Erst nach Erfahrungen von Jahrzehnten mußte auch ich ihm hierin beistimmen und durfte aus dieser Erkenntnis auch für die Wertschätzung der idealen und sittlichen Forderungen in meinem Sonöergebiete der Hygiene Folgerungen ziehen." So eröffnet sich ein Blick in die Zukunft, wo die berufenen Führer der sozialen Wissenschaft es ablehnen, auf einseitig materialistisch-wirtschaftlicher Basis ihr eigenes Fachgebiet zu erkennen, geschweige denn der sittlichen Welt das Antlitz des Materialismus aufzuzwingen. (Fortsetzung der Serie folgt.) *) „Jüdische Bevö.lkerungspolitik" Berlin 1929. Beiheft zur Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege Nr. II. 2) Alfred G rotj ah n. Erlebtes und' Erstrebtes. Berlin 1932, S. 112., D e r I s r a VI t i Korrespondenzen « fiacftricDten. Deutsches Reich. Nationalsozialistischer Schächtverbot-Antrag im Landtag. Berlin, 21. Juni. Im landwirtschaftlichen Ausschuß des Preußischen Landtags wurde heute Vormittag, wie die Reichszentrale für Schächtangelegenheiten mitteilt, der Urantrag der Nationalsozialisten auf Einführung eines Verbotes des Schlichtens für Großvieh und Geflügel gegen die Stimmen der Nationalsozialisten und Deutschnationalen abgelehnt. Dagegen fand nach längerer Aussprache ein Entschließungsantrag der Nationalsozialisten Annahme, wonach das Staatsministerium ersucht wird, 1. geeignete Mittel bereit zu stellen, um alle Methoden zur Schlachtung von Schlachttieren zu prüfen mit dem Ziele, das betäubungslose Schächten für die Zukunft zu unterbinden, 2. bis zur ersten Oktober-Sitzung dem Landtag einen Bericht über den Erfolg seiner Bemühungen in dieser Richtung vorzulegen. Gegen Amnestierung von Friedhofs- und Spnagogenschändern. Berlin, 16. Juni. Während der gestrigen Landtagsdebatte im Preußischen Landtag über den Amnestie-Antrag der Nationalsozialisten führte der sozialdemokratische Abgeordnete Kuttner u. a. aus: Nach dem Amnestie-Antrag sollten jetzt viele Nationalsozialisten mit befreit werden, die teilweise bis zu 12 Jahren Zuchthaus erhalten haben. Wir glauben, daß kein Ordnungsstaat es unbestraft dulden darf, daß Mord, Raub, Schändung von G'tteshäufern und Friedhöfen begangen werden. Der sogenannte.Amnestie-Ausschuß soll einfach richterliche Urteile ausheben können. Wir Sozialdemokraten sind der Ansicht, daß weit wichtiger eine Amnestie für diejenigen Personen wäre, die, sonst unbescholten und anständig, aus wirtschaftlicher Not straffällig geworden sind. Diese Menschen haben mehr Anspruch auf unser Mitleid, als ein gewisses politisches Schlägertum, das sich in den Straßen breit macht. Ein Schutzgesetz gegen politischen Terror lehnen wir ab. (Sollte das Amnestie-Gesetz zur Annahme gelangen, so würden auch die Teilnehmer am Kurfürstendamm- Pogrom am vergangenen jüdischen Neujahrsfest, die die verhältnismäßig geringen Strafen, zu denen sie das Berufungsgericht verurteilt hatte, noch nicht abgesessen haben, straffrei ausgehen.) Der nationalsozialistische Abgeordnete Dr.. F r e i s - l e r antwortete auf Kuttners Ausführungen in längerer Rede, in der er wenig Sachliches, aber viel über die jüdische Abstammung Kuttners zu sagen hatte. Eine Friedenssitzung der Berliner Repräsentantenversammlung. Berlin, 19. Juni. Nach Abschluß der hinter den Kulissen geführten Friedensverhandlungen zwischen der liberalen Mehrheit und der Volkspartei und unter dem Drucke der innerpolitischen Entwicklung in Deutschland, bot die letzte Sitzung der Nepräsentantenversammlnng der Berliner jüdischen Gemeinde ein Bild vollkommener Einigkeit. Die aus der Tagesordnung stehende erste Lesung des Gemeindehaushaltes bot den Führern der Parteien, von den Liberalen Bruno Woyda, von der Volkspartei Dr. Alfred Klee, Gelegenheit, den Ernst der Stunde zu betonen, die unter Zurückstellung aller innerjüdischen weltanschaulichen Gegensätze eine starke jüdische Einheitsfront zur Vertiefung der inneren sittlichen Widerstandskräfte fordere. Im Einzelnen ist folgendes zu berichten: Der Gemeindehaushalt sieht im ganzen Ausgaben von über 10 Millionen Mark vor, wovon 1,6 Millionen auf den Kultus, 1,1 Millionen auf Schulverwaltung, 1,5 auf Wohlfahrtswesen, 2,1 auf Anstalten und nicht weniger als 2% Millionen auf allgemeine, Fi- Nr. 26 Seite 5 nanz- und Vermögensverwaltung entfallen. Die einzelnen Sparten erbringen 5.3 Millionen Einnahmen, so daß ein durch Steuer zu deckender Zuschuß von rund o Millionen erforderlich bleibt. Der Verwaltungsdirektor berichtete, daß die Zahl der Besucher der Berliner Synagogen 1932 gegen 1931 sich um 15 bis 20 Proz. erhöht habe — ein Zeichen der Notzeiten. Eine Anregung der volksparteilichen Redner, den Steuersatz von 1—l1/, Proz. zu erhöhen, damit mehr geleistet werden könne, fand bei der Mehrheit keine Gegenliebe, die auf dem Standpunkt steht, daß Steuererhöhungen heute keine Mehreinnahmen gewährleisten. Ein besonderes Kapitel bildete in den Reden sämtlicher Parteiführer die Lage und die Bedürfnisse der O st j u d e n. Erfreulicherweise wurde auch von liberaler Seite mit aller Entschiedenheit betont, daß gerade heute alle Unterscheidungen zwischen Ost- und Westjuden von jüdischer Seite abgelehnt werden müßten und daß die Gemeinde nur Juden schlechtweg kennen dürfe. Von der religiösen Mittelpartei sprach Dr. Alfred Wiener. Er forderte, daß die Rabbiner weniger Predigten halten und sich mehr der persönlichen Fürsorge und der Verinnerlichung des Religionsunterrichts widmen sollten. Die Wahlen zum Hessischen Landtag. Berlin, 20. Juni. Die am Sonnrag in Hessen durchgeführten Wahlen zum Landtag haben das Ergebnis gebracht, daß die Nationalsozialisten gegenüber den Landtagswahlen am 15. November 1931 ihre Stimmenzahl von 291.183 auf 328.313 und ihre Mandatszahl von 27 auf 32 erhöhen konnten. Auch die Sozialdemokraten haben eine Erhöhung der Stimmen- und Mandatszahl zu verzeichnen (17 statt bisher 15 Sitze), das Zentrum konnte seinen Besitzstand von 10 Sitzen behaupten, alle anderen Parteien haben an Stimmen, zum Teil auch an Mandatszahl verloren. Sollte es auch den Nationalsozialisten gelingen, sich mit dem einen Deutschnationalen und den zwei Repräsentanten der Nationalen Einheitsliste (Volkspartei, Wirtschaftspartei usw.) zu einer Koalition zu vereinigen, so wird diese über 35 von insgesamt 70 Mandaten, also nicht über eine absolute Mehrheit verfügen. Von den übrigen 35 Sitzen verfügen das Zentrum über 10, Sozialdemokraten über 17, Kommunisten über 7; Sodialiftifcfye Arbeiterpartei verfügt über einen Sitz. Nationalsozialistische Pogrom- und Austreibungs- Drohung. Breslau, 22. Juni. Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Feder sprach gestern Abend in der Jahrhunderthalle über das Thema: „Fertigmachen nach Palästina". Der Vortrag war eine scharfe Hetze gegen das „System" und gegen die Juden, die nach der Machtergreifung „zu Boden gehauen würden". Der antisemitische Gedanke sei in der letzten Zeit etwas zurückgetreten, müsse aber jetzt kurz vor Erreichung des Zieles wieder aufleben. Im Laufe des Abends kam es zu zahlreichen Zusammenstößen zwischen Kommunisten und S. A.-Leuten. Eine Person wurde durch Brustschuß schwer und eine andere leicht verletzt. Auch in anderen Teilen der Stadt wurden zahlreiche Personen bei den Zusammenstößen verletzt. Oesterreich. Jubiläumsbankett der Aguöas Jisroel. Wien, 21. Juni. Anläßlich des zwanzigjährigen Bestandes der Agudas Jisroel veranstaltete die österreichische Landesorganisation am Sonntag, den 19. Juni (15. Siwan) d. I. im Festsaale ihrer Jugendgruppe ein Jubiläumsbankett, bei dem die führenden Persönlichkeiten der Bewegung, an ihrer Spitze Sr. Ehrw. Herr Oberrabbiner Fürst, erschienen sind. Nach kurzen Einleitungsworten des Obmannes der österreichischen Landesorganisation, Herrn Wolf Pappenheim, ergriff Herr Oberrabbiner Fürst, der selbst an der Kattowitzer Gründungsversammlung veilgenommen hatte, das Wort, um in meisterhafter Weise die Bedeutung der Agudas Jisroel und ihrer Leistungen zu beleuchten. Namens des geschäftsführenden Ausschusses begrüßte Rabbi Beer Friedmann, Ezortkow und im Namen der Aguda-Jugend Herr Ehaim Herzog.