Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1932)
- Date
- 1932-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 26 DerZsraelit 23. Juni 1932 Zur Diskusston über MizwaS'Jischuw'Erez-Irsroel. Der Jerusalemer H a h e ö , -er seine Aufgabe als offizielles zionistisches Werbeorgan im Kreise -er (Orthodoxie mit Lrnst und Geschick erfaßt, setzt die Diskussion über den Sinn der Mizwas Iischuw Lrez Jisroel mit uns fort und bringt in seiner Ijar- Nummer eine ziemlich korrekte, objektive Wiedergabe der Antwort, die wir Rabbi Benjamin auf seine irreführende und vielfach unrichtige Darstellung gegeben haben. Dieser Wiedergabe unseres Aufsatzes fügt aber „Rabbi Benjamin" selber ein Resume an, das aus zwei Punkten besteht und das er als ge - m e i n s a m e Grundlage der weiteren Diskussion betrachtet wissen will. Wenn Benjamin im ersten Teile dieses Resumes feststellt, daß auch nach unserer Ansicht das Wohnen in (Lrez Jisroel eine Pflicht jedes Juden sei, soweit keine zwingenden Hinderungsgründe vorliegen, so haben wir dagegen nichts zu erinnern. Desto mehr müssen wir Verwahrung einlegen gegen die uns im zweiten Punkt unterstellte Meinung, die durchaus nicht die unfeige ist. Cs heißt da: „Das Freidenkertum dispensiert niemand von der Pflicht des Wohnens im Lande, sowie es von keiner anderen Mizwo dispensiert. Die Pflicht des Wohnens in Erez Jisroel fällt auf jeden Juden ohne Unterschied. Die Sünde ist in Erez Jisroel, dem Palaste des Königs, ein sehr schwerwiegendes Moment; jedoch wenn der Sünder die Mizwas-Jischuw-Haarez und des Aufbaus des Landes mit Begeisterung erfüllt, mit Hingabe seines Lebens, um ihrer selbst willen, aus Liebe zum jüdischen Volke und um dessen Namen in der Welt zu vergrößern, so erwirbt er sich dadurch einen großen Fürsprecher und er legt Zeugnis ab für feine Seele, daß sie, wenn sie auch in die Irre geht, aus heiliger Quelle geboren ist und daß sie in Zukunft eingehen wird in die Gesamtheit Israels." Hier liegt wieder eine ganz gefährliche Verwirrung der Begriffe vor. Cs ist ein logischer Trugschluß, wenn Rabbi Benjamin sagt, der in Lrez Jisroel lebende Sünder (gemeint ist natürlich jemand, der bewußt fortdauernd das G'ttesgesetz verletzt) erwerbe sich einen Fürsprecher durch die „Lrfüllung der Mizwas-Jischuw-Haarez", denn die M i z w a s - Iischuw-Haarez wird überhaupt nicht erfüllt bei gleichzeitiger Verleugnung G ' t t e s durch Höhnung seines Willens. Der Sinn der M i z w a s -Iischuw-Haarez ist nicht das w o hn e n in Lrez Jisroel schlechtweg, sondern das Wohnen in Lrez Jisroel als Mizwo, d. i. mzmpn N1NV21- Solange diese Bedingung nicht erfüllt ist, liegt die Lrfüllung einer Mizwo überhaupt nicht vor; es bleibt also bloß die Awero. Daran kann auch die größte „nationale", d. i. doch im Grunde egoistische Begeisterung, auch der Wunsch, den Ruhm des jüdischen Volkes zu mehren, nichts andern. Denn das jüdische Volk kennt keinen anderen Rationalruhm als denjenigen, Träger und verwirklicher desoffenbarten G'tteswillens - zu sein. ' Wenn Rabbi Benjamin einen änderen Standpunkt-vertritt, so mag er ihn aus welchen (Quellen immer beweisen^ aus denen der jüdischen Ueberlieserung kann er es nicht. Line weitere, wenn auch nicht ganz zu diesem Diskusstonsgegenstand gehörende Wirrnis stiftet Rabbi Benjamin an, indeni er die (frage des Sündigens oder Richtsündigens vermischt mit der Frage nach der ursprünglichen Wesensart und nach der jenseitigen Zukunft einer sündigenden jüdischen Seele. Bekanntlich ist dies einer der Punkte, durch dessen Behandlung in seinen jrmx Rabbiner kuk die Gegnerschaft und die. Lntrüstung weitester Kreise der rabbinischen Welt des Ostens auf sich konzentriert hat. Unseres Trachtens betritt man mit der Behandlung dieser Frage das Gebiet der mystischen Konzeption, das wahrlich aus dem T ü g e s st r e i t besser ausgeschaltet bleibt. Die „Liebe zum jüdischen Volk" darf keinesfalls zu einem legitimen Surrogat für die v e r l e u g n e t e Liebe zu G'tt und für die Abschüttelung des Joches der G'ttesherrschaft erhoben werden, wozu die misrachistischen Anwälte des Zionismus in ihrem den Völkern abgelauschten Rationalgefühl naturgemäß immer geneigt sind. Die sexuelle 1tof der Gegenwart. Von Dr. med. Jacob Levy in Berlin. II. Die Antwort des Materialismus. (Schluß.) Ist schon die theoretische Forderung der Lugenik im Einzelnen schwer durchführbar, ohne mit einer exakten wissenschaftlichen Kritik in Konflikt zu kommen, so sind auch die Methoden durchaus nicht einwandfrei, deren sich die rationale Geburtenregelung bedient. Daß die verbreitete Tötung keimenden Lebens mit schweren Gefahren für die Mutter verknüpft ist, die sie häufig mit dem Tode büßen muß, ist bekannt. Weniger verbreitet ist indes die Kenntnis von den Schädigungen, die auch bei chirurgisch gelungener Abtreibung den mütterlichen (Organismus treffen. Wir wissen heute, daß Mutterschaft nicht nur ein Tragen und Nähren keimenden Lebens bedeutet, sondern daß mit dem (Eintritt der Gravidität eine grundlegende Umwälzung im mütterlichen Organismus vor sich geht. Die innersekretorischen Drüsen werden umgestimmt, die Zellen und Säfte erfahren eine bedeutungsvolle Crneuerung, der Stoffwechsel wird vollkommen umgeschaltet. Im psychischen Verhalten tritt eine auch dem Laien bekannte Aenderung ein. Man hat die Schwangerschaft direkt als I u n g b a d für den weiblichen (Organismus bezeichnet. Wir können uns nun selbst das Verhalten derer, die sie nicht legen, in einem 2-27i'2, in dem sie gelegt werden, geregelt. Zu der mpn einer nbnp, auch in Anwesenheit von nnm diese zu bestimmten Zeiten nicht auszurufen, wird eingehend Stellung genommen und hierbei die nprn bes ins überhaupt untersucht. Darf Jemand eine n"o aus seinem Privat pm Jemandem als Geschenk geben, so lautet eine weitere Frage, die beantwortet wird. Reichstags- oder Landtagswahlen am nov rufen einen Konflikt der Pflichten hervor, der gelöst wird. Darf man Zeitungen, Zeitschriften oder Briefe am nnw lesen, die von auswärts geschickt, am vor? eintreffen? Darf man Kinder mit einem Lesekasten, — modernste Pädagogik empfiehlt dies, — oder mit Stäbchenlegen am jm? lesen lassen? Dürfen sie Bilderfiguren zusammensetzen oder mit einem Baukasten am na» spielen? Das umfangreiche und sehroft praktisch in Frage kommende Problem von nsa!» ni'»rr wird nach allen Seiten hin beleuchtet, die Auswirkung desselben bei der Herstellung von „Gefrorenem", beim Gasauslöschen, beim Lichtanzünden in der Synagoge im Zusammenhang mit der elektrischen ^chaltuhr behandelt. Darf ein am no» geschlossen gewesenes Geschäft seine Firma an einen unfrommen Juden als Nachfolger verkaufen? Wie verhält sich der Arzt bei der Berechnung ärztlicher Hilfeleistung am Wie ist zu beurteilen, das am N00 mit der Bahn eintraf und am Güterbahnhof blieb? Darf Spiritusgeist am nos beim Plombieren des Zahnes verwandt werden? Die Frage des Bartabnehmens in der ni'so-Zeit und in den „drei Wochen" wird eingehend geprüft. Vorstehende Angabe umfaßt nur einen Teil der aufgeworfenen Fragen, die der jetzt erschienene 1. Teil behandelt. Sie zeigt, wie zeitgemäß und akut, aus dem täglichen Leben gegriffen, die erörterten Probleme sind, wie er für jeden, der in Theorie und Praxis zu ihnen Stellung zu nehmen hat, reiche Belehrung bietet. Die Anschaffung dieses Teils, zu dem in dankenswerter Weise der Jugendoerein Ehinuch Neorim in Karlsruhe einen Druckkostenzuschuß gewährt hat, ist sehr zu empfehlen. Der Erlös soll die Herausgabe des 2. Teils ermöglichen. Erhältlich ist das Werk zum Preise von Mk. 2.50 beim Verleger I. Rabinowitz in Karlsruhe, Kriegsstr. 132, sowie in allen einschlägigen Buchhandlungen. Dr. M. Wochenkalender. vom 25. Juni bis 2. Juli 1932 > vom 21. — 28. Siwan 5692 Samstag Jun. 25 21 Sonntag 26 22 Montag 27 23 Dienstag 28 ]1’D 24 Mittwoch 29 j25 Donnerstag 30 26 Freitag Juli 1 27 Samstag 2 28 »ar *p snv '1 '2 j?-3 qnl>NN2 u n ra w D KO 'l 'n fns »“Tfin P2-I2V 20 Sonntag nachm. 5 Uhr 3N/r Minuten. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnoWitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.r S. Schach nowitz, ebenda. — Dür die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlar des Israelit und Hermon ffi. m. b. H.» Frankfurt a. M. — Drull Hermon-Druikerei, Frankfurt a. M. aüsmalen, daß die plötzliche rohe'Unterbrechung dieser physiologischen Vorgänge nicht ' ohne tiefgreifende Schädigung vor sich gehen kann. ' sis ' Diese Betrachtungsweise wird uNs auch von vorneherein eine kritische Stellung gegenüber, der Methode der Geburtenverhü-tung gewinnen lassen. Ls gehört eben zur physischen und psychischen Gesundheit der Frau, daß von Zeit zu Zeit eine Erneuerung des (Organismus durch e i n e S ch w a n g e r s ch a f t stattfindet. Wird die Schwangerschaft -ausgeschaltet/ so nimmt es'nicht Wunder, wenn sich Schädigungen am Ablauf der innersekretorischen /Vorgänge einstellen. Hinzu kommt, daß die angewandten mechanischen und chemischen Methoden für die Unterleibsorgane der Frau durchaus keine harmlosen Eingriffe darstellen, und daß selbst die besten dieser Methoden nach der Auffassung kompetenter Frauenärzte auf die Dauer von Nachteil sind. Ganz abgesehen.von einer gewissen Unsicherheit der Wirkung, die auch heute noch besteht. Man schätzt die Fehlerquelle auf etwa 5 proz. Und die Furcht, daß trotz der angewandten Methoden eine Schwangerschaft eingetreten sei, bewirkt eine psychische Pein, die die körperlichen- Störungen noch verstärkt. Man mag darin eine Abwehr der Natur sehen, die ihre verletzte Majestät nicht ungestraft läßt. Der Schlüssel zur Lebenszeugung ward keinem Cngel übergeben, geschweige denn, derrationaliftischen Wissenschaft. Cs steht dieser Wissenschaft schlecht an, die Vorsehung zu spielen, wo ihre eugenischen Grundlagen schwankend, wo die unnatürlichen Methoden der Geburtenverhütung sich als nicht einwandfrei erwiesen haben. Ihr vollkommenes Debatte aber müssen d i e rationalistischen Methoden finden, die auf Lösung des quantitativen Problems hinzielen: man geht von der Theorie von der Uebervölkerung der Crde aus und sucht ein Dichtigkeits- Optimum zu finden, ö. h. eine Bevölkerungsdichte, die die beste Lxistenzmöglichkeit für jeden einzelnen gewährt. Der Begriff des Dichtigkeitsoptimums ist als Ziel rationaler Bevölkerungspolitik also im wesentlichen ein wirtschaftlicher Begriff. Ls erscheint auch verlockend, den Gedanken sich anzueignen, daß durch die Technisierung des Wirtfchaftsbetriebs eine Unsumme menschlicher Arbeitskräfte frei wird, was in den Millionenziffern der Arbeitslosen zum Ausdruck kommt. Daher sei der Geburtenrückgang die notwendige Anpassung an den technischen Fortschritt. Dabei wird zu leicht übersehen, daß in Wirklichkeit der Rückgang der Bevölkerung auch die Verringerung des Bedarfs und somit auch die Lahmlegung weiterer Arbeitskräfte zur Folge haben muß. Cs läßt sich auch eine Auffassung nicht von der Hand weisen, wie sie Carr Saunders vertritt: je primitiver ein Volk ist, desto mehr Nahrungsspielraum braucht der einzelne Mensch, wie sich in der Cntwicklung vom Jäger über das Nomadenstadium, dem Ackerbauvolk bis zum Industriestaat Nachweisen läßt. Diese Reihe läßt erhoffen, daß es durch die fortschreitende Entwicklung der Zivilisation gelingen wird, den auf dem Erdball jetzt durchaus noch gen ü g e n ö e n Raum später einmal noch konzentierter ausnutzen zu können. Die so wenig begründete Vorstellung des Geburtenrückgangs als Anpassungs-Erscheinung ist aber um so gefahrvoller, als bei der nun einmal ausgegebenen Parole „Geburtenverhütung" es niemand mehr in der Hand hat, die abgleitenöe Kurve aufzuhalttn! So sing's. stets an, wenn eine Menschengruppe ihrem Untergang entgegenging. Griechenland und Ronr sollten warnende Zeugen sein. Die Versuche, durch wirtschaftliche Maßnahmen das Gefälle zu hemmen, erweisen sich gegenüber dem mit elementarer Gewalt stürzenden Strome als .untaugliches Werk, besonders in unserer Zeit der Wirtschaftskatastrophe. Die Geburtenbeschränkung ist bereits soweit in der Volksseele gedanklich und gefühlsmäßig verankert, daß nur hochgespannte Seelenenergien; einen Aufstieg durchsetzen könnten, und. gerade cm fo1 qualifizierten (Energien mangelt es in dem rationa-! Wischen Flachlanöe. Bietet so die materialistisch-wirtschaftliche Cinstellung weder in der individuellen Not, noch in dem all-