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Der Israelit · 1932-06-23 · Heft 26 (23.6.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 26 (23.6.1932)
Date
1932-06-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 26 Der Israelit 23. Juni 1932 Der lange Rede kurzer Sinn ist also, daß die 20.000 Juden, die in aller Form aus Grund der geltenden Staatsgesetze aus der Kneses Israel ausgetreten und damit bekundet haben, daß sie weder mit der Kneses Israel, noch mit ihrem Oberrabbinat irgend etwas zu schaffen haben wollen, wider ihren Willen der rabbinischen Jurisdiktion des Gberrabbiners des Waad leumi unterworfen sein sollen, ja, noch mehr, daß sogar die Sonnenfeld s ch e Ge m ein de selbst, deren Mitglieder nie in als der Kneses Israel angehörten und die vom erstenTagean aus der Tiefe ihrer religiösen Ueberzeugung heraus in schärfster Opposition gegen das Rabbinat standen, nicht das Recht besitzen sollen, sich einen eigenen Rabbiner/einen Wann ihres eigenen Vertrauens, zu berufen und nach eigener Fasson selig zu werden. Der versuch, es zu einer halachischen Frage zu machen, ob die Berufung eines Rachfolgers von Rabbiner Sonnenfeld durch seine eigene Gemeinde ein gegenüber einem fremden Rabbinat darstellt, scheitert zwar in den Augen jedes denkfähigen Menschen an seiner eigenen Lächerlichkeit, ist aber ein trauriges Zeugnis für das Maß der, Kühnheit, mit der hier nackte Machtgelüste durch religiöse und sittliche Kulissen bemäntelt werden sollen. Die Tragikomödie hat damit ihr Ende noch keineswegs erreicht. Das Oberrabbinat selber scheut sich nicht, einen weiteren, noch schlimmeren versuch zur Vergewaltigung der Orthodoxie zu unternehmen, der noch deutlicher als die ersten Aktionen die rein machtpolitischen Hintergründe des ganzen Verfahrens zeigt. Bekanntlich bat man in der heiligen Stadt organisierte Gemeinden, die als solche vom Staat anerkannt waren und ihre Mitglieder zwangsmäßig erfaßten, niemals gekannt. Die Mittelpunkte des gesellschaftlichen und körperschaftlichen jüdischen Lebens waren mehr oder minder freiwillige Gebilde, die sich teils nach Landsmanns ch a f t e n gliederten, teils um Wohlfahrtsinstitutionen gruppierten, die oft von den weitschauendsten Persönlichkeiten ins Leben gerufen wurden. Auf der it n - abhängigkeit dieser Institutionen beruht beute, nachdem man unter zionistischem Cinfluß eine Zwangsgemeinde künstlich ins Leben gerufen hat, die ganze Gewähr und Sicherheit für die unabhängige Entfaltung des un - > verfälschten religiösen Lebens, von j dieser Tatsache sind Männer, wie Rabbiner Kuk und! die Mitglieder seines Bcsdin, zweifellos ebenso sehr! durchdrungen, wie der Sonncnfeld'sche Kreis. Sie I alle wissen, daß im Rahmen der künstlich geschaffenen Gemeindeorganisation das sogenannte „Oberrabbinat" nur solange einen gewissen Einfluß auszuüben vermag, wie es den wirklichen Machthabern, den Trägern des innerpolitischen Einflusses, des Agency-Geldes und der europäischen Zivilisation beliebt, die Dekoration eines Oberrabbinats zu dulden. Sie wissen, daß die wahren Wurzeln ihrer Kraft auf der einen -Seite in der Angst der Machthaber vor der unabhängigen Orthodoxie, vor der Sonnenfeld'schen Gemeinde, vor Agudas Iisroel und vor den weiten aus der Kneses Israel ausgeschiedenen orthodoxen Kreisen ruhen, andererseits über in den oben erwähnten unabhängigen Institutionen derwohlfahrtspflege, die heute noch ein wohltätiges Gegengewicht bilden gegen das Machtmonopol der zionistischen Arbeiterpartei in den offiziellen Körperschaften. Man sollte daher glauben, daß das Oberrabbinat und sein Lesdin selber alles Interesse daran hätten, diese unabhängigen Faktoren bestehen zu lassen, schon um damit ihrer eigenen Stimme innerhalb der Kneses Israel eines Tages, wenn es hart auf hart geht, die Resonanz eines immerhin gefürchteten Machtfaktors von außen zu erhalten. Das wäre auch der Fall, wenn nicht auf der anderen Seite der nun einmal geweckte brennende Ehrgeiz, die Leidenschaft zu herrschen und sich für den Mangel an Einfluß nach links eine Kompensation in dem u n - beschränkten Terror nach rechts zu schaffen, die Augen des Oberrabbinats blendete. Rur so kann man den nunmehr unternommenen versuch des Oberrabbinats erklären, dem Waad leumi in seinem Bestreben nach Erlangung einer Kontrolle über sämtliche Jerusalemer Wohltätigkeitsinstitutionen Hilfsdienste zu leisten und damit gleichzeitig der unabhängigen Orthodoxie einen Schlag zu versetzen. In diesem Sinne hat das Oberrabbinat an die größte und bedeutendste 'dieser unabhängigen Institutionen, das Diskin 's cheWaisenhaus, das nachfolgende Schreiben gerichtet, das die neueste Phase in dem Kamps des Misrad-harabanuth gegen das religiöse Judentum darstellt. Das Schreiben ist vom 1. Siwan datiert und lautet wie folgt: „An die Leitung des Diskin'fchen Waisenhauses. Schon seit einiger Zeit klopfen viele und pflichttreue Brüder von den angesehenen Männern unserer heiligen Stadt an unsere Tore und fordern von uns, unsere Pflicht zu tun und herauszutreten zum Besten der armen Waisenkinder, die im Schatten Eurer Institution betreut werden, einer Institution, um die sich ihre BauleuteAo sehr mühten. Zu unserem Bedauern aber mehrt sich in der letzten Zeit die Verwahrlosung in der Erziehung der Waisen. Es finden sich ob unserer Sünden unter den Beamten des Instituts solche, welche das Werk G'ttes gewissenlos verrichten und deren ganzes Streben darauf gerichtet ist, ins Innere der Kinder die giftigen Wurzeln der Geringschätzung der Weisen und des Lesens profaner Bücher e i n z u p f l a n z e n. Es graut uns bei dem Gedanken, daß eine Sache, um welche der große Zadik und heilige Gaon aus Vrisk sich so sehr abmühte und weswegen er ein Waisenhaus in reiner Absicht gründete, um die jüdischen Kinder vor dem Netze des liberalen Erziehungssystems zu retten, daß man darüber jetzt st r a u ch l e. Deshalb möchten wir hiermit Cure Aufmerksamkeit darauf lenken, daß Ihr Euch eifrig bemüht, die Sache, solange es noch Zeit ist, zu verbessern. Wollet uns ohne Verzug mitteilen, was Ihr zu tun beabsichtigt, um die Ehre des Instituts hinsichtlich der Reinheit seiner Erziehung im altjüdischen Geiste wieder herzustellen. Selbstverständlich, wenn wir eine uns klare und wohlgefällige Antwort nicht bis zum nächsten Sonntag haben, werden wir gezwungen sein, uns der Forderung des orthodoxen Judentums zu fügen, in die Sache einzutreten, das Krumme grad zu machen nach dem Willen der Gründer und nach dem Willen der Spender. Unser Gebet ist, daß der Wille G'ttes durch uns vollendet werde, damit die heiligen Pflanzen an die Wasser der Thora und der reinen G'ttesfurcht geleitet werden. In der Hoffnung auf sofortige Antwort, um uns zu beruhigen, und den Geist aller G'ttesfürchtigen, die sich kümmern um das Wohl der Waisen und ihrer Erziehung und Reinheit, beehren wir uns zu zeichnen In Hochachtung Im Namen der Rabbinen: Der Generalsekretär Schmuel Aron W - b e r. (Siegel des Oberrabbinats für Erez Iisroel in der heiligen Stadt Jerusalem.) Wenn man dieses Schreiben in Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse liest/ so ist man im ersten Augenblick sprachlos über den unerreichten Gipfel von Heuchelei und Unwahrhaftigkeit, die hier mit dem Siegel des Oberrabbinates von Palästina legalisiert werden. Das Diskin'fche Waisenhaus hat von jeher und bis zum heutigen Tage unter der Oberaufsicht der anerkannten Gedaule Iisroel gestanden, es ruht auf ihm der Rame Rabbi Lhajim Sonnenfelds und es wird niemand glauben, daß feit dem Tode dieses Mannes die in der Anstalt wirkenden Persönlichkeiten und Führer plötzlich sich a u s K am o i m reinsten Wassers, denen jedes p rosa ne Buch ein Greuel ist, plötzlich in fanatische Anwälte der. modernen Bildung verwandelt haben. Daß aber ausgerechnet das Oberrabbinat der kneses Israel, in deren Schatten Zehntausende von jüdischen Kindern jahraus jahrein nicht nur zur Lektüre „profaner Bücher", sondern zur radikalen Verleugnung aller jüdischen Heiligtümer geführt werden, daß ausgerechnet 'diese Instanz in Kummer vergeht über die liberalen Bildungsfanatiker des Diskin'fchen Waisenhauses, das ist eine Ironie der Weltgeschichte, die man in der ganzen Welt wohl mit einem homerischen Gelächter beantworten wird. Aber es ist hier gar nichts zu lachen. Hinter der heuchlerischen Maske des bekümmerten frommen Oberrabbinats-Sekretärs lugt für den, der sehen kann, die gepanzerte Faust des Machtpolitikers heraus, dessen Ziel nichts mehr und nichts weniger ist, als die Bestellung eines S t a a t s k o m m i f - mmmmm Die Lehre INosis. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die 'pV« mm, die Lehre G'ttes, deren Geburtstag wir zu unserer Weihe und Erhebung eben begingen, wird auch ns?« min genannt. Die Lehre Mosis! Darin liegt die höchste Anerkennung für Israels größten Lehrer und Führer, die rückhaltlose Würdigung seines Lebenswerkes. Bon G'tt gerufen, erwies sich Moses als der Berufene in seinem unverdrossenen Mühen und Schaffen, G'ttes heiligen Willen in Israel für die Ewigkeit der Zeiten zu verankern. Diese beispiellose Arbeit bedingte eine Selbstverleugnung und Hingabe, wie sie nur Moses, dem n my dem Diener des Herrn, diesem pi>rw vs, diesem G'ttesmanne eigen waren. Was Moses lehrte 'i ’s ^5? gemäß dem Ausspruche G'ttes, das lebte er. Sein Leben war förmlich die Verwirklichung der nun. Da gilt geradezu das Wort auch m nr mp, ms 31,12V Moses hat in seinem Leben die Lehre vom Sinai zur Verwirklichung gebracht. Er wurde Beispiel und Vorbild für vn m-m, für Selbstopferung im Dienste unserer hl. Ideale. Darum mahnt der Propheten letzter, Maleachi, in seinem Schlußwort: iV» mm in „Gedenket ja der Lehre Mosis!" Vergesset nimmer, daß Mosis' Größe als Mensch die Blüte der Sinaikunde ward und den Segen des reinen, unverfälschten Judentums in edelster Weise immer wieder zur Anschauung bringt. Es bedeutet einen Höhepunkt im Leben Mosis, daß er in der Stunde, wo er das Volk wieder einmal mit seinem Schicksal hadernd klagen und weinen sieht, dieses Fehlschlagen seiner Sendung aus seine Unzulänglichkeit zurücksührt und das Urteil der Selbsterkenntnis ausspricht: ,'20» 122 '2 7171 0571 b2 71« 71«27^ '12b '22« l>21« «l- „Nicht vermag all dieses Volk zu tragen ich allein, denn zu schwer ist's für mich!" Nicht das Volk klagt er an. Was dieses fordert: ii>2«2i nj73 mn. Gib uns Fleisch, daß wir essen!", während G'ttes Fürsorge ihm täglich die Nahrung vom Himmel herniedersendet, erscheint Moses selbst so überflüssig und entbehrlich, daß er diesen Wunsch nur als Ausfluß der Unzufriedenheit der Gesamtheit mit seiner Führung wertet. Er fürchtet weitere Rückschläge und fleht mit aller Inbrunst: ti«i«!>«i 'M12, „Ich möchte nicht schauen mein Unglück!" — nicht es erleben, wie das Volk immer mehr entartet, je weniger ich seinen Forderungen gewachsen bin . . Schön und sinnig sagen unsere Lehrer: tihi im« «’xinw cn«i> ,'22 712-171 71«1« «l>27 15 '2-2-171 1»« 7>27p33 2171'l- 123 Zu vergleichen etwa ist's: Jemand wird mit seinem Sohn zur Richtbank geführt. Da bittet er: Laßt mich zuerst sterben, damit ich nicht den Tod meines Kindes erlebe. So hat auch Moses gefleht. Soll das Volk seiner Bestrafung entgegengehen, möchte ich das nicht erleben. Das ist Selbsthingabe, Selbstopferung, die hier in vorbildlicher Weise des Führers Verhalten bekundet und zur beherzigenswerten Lehre erhebt. Immer nur um G'ttes willen, zu des Herrn Preis und Ruhm, aber auch zum Heil und Segen des seiner Führung anvertrauten Volkes — ganz unter Hintansetzung seiner eigenen Persönlichkeit — so begreift Moses seine Sendung. '121 D’«’32 '1 057 l>2 171’ ’721, „Wer gäbe, daß das ganze Volk G'ttes Propheten wären, daß G'tt seinen Geist auf sie gäbe!" Das ist das Sehnen der wahrhaft Edlen geworden, wie es Moses in entscheidungsreicher Stunde bezeugte. Als das höchste Ideal ihrer Wirksamkeit muß allen zum Lehren und Führen in Israel Berufenen gelten, daß allenthalben der in der mm niedergelegte G'ttesgeist gepflegt werde und die edelsten Früchte zeitige. Der wahrhafte Lehrer in Israel, dessen Streben darauf gerichtet ist, G'ttes hl. Lehre Kenner und Forscher zu sichern, wird immer nur von dem Verlangen getragen sein dürfen, daß viele des G'ttesgeistes teilhaftig werden. Das ist die Lehre, die aus unseres Allehrers selbstlosem Wirken uns für alle Zeit hervorstrahlt. Da, wo im Geiste Mosis' die Lehre G'ttes verkündet und gepflegt wird, fallen die Scheidewände zwischen Lehrenden und Lernenden, da gibt es nur d’tt^ti, der Thora Beflissene. Auch der Größte unter den Lehrern Israels ist und bleibt ein 02i Toim ein Schüler eines Weisen. „Der Thora Krone" ist kein Vorzug der Geburt. Sie kann nur im heißen Ringen erworben werden. Sie ist nicht erblich und leuchtet nur auf dem Haupte derer, die der Thoraforschung ihre ganze Kraft und Fähigkeit widmen. Das schließt ein, daß bescheiden und demütig sei, wer für G'ttes Lehre zu werben sucht. Auch das lernen wir von Moses, diese Charakterseite ist die Lehre seines Verhaltens. Die hl. Schrift rühmt von ihm: ,7I»1«1 '20 bv 127« 01«7I bo» 1«a 1157 71270 27'«7I1 „Der Mann Mosche war sehr demütig, mehr als alle Menschen, welche auf dem Erdboden leben." Als v'« als Mann — in seiner Vollkommenheit — wird hier Moses gekennzeichnet —, und er, der größte aller Menscheu, die je auf G'ttes Erde gelebt, wird auch als detz Demütigste aller gepriesen. Das ist der leuchtende Strahl, der von seinem Haupte ausging und seine aus der Liebe zu G'tt und Treue zu feinem Volke geborene Selbstlosigkeit ins rechte Licht setzte.

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