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Der Israelit · 1932-06-16 · Heft 25 (16.6.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 25 (16.6.1932)
Date
1932-06-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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toeite 10 Nr. 25 Der Israelit 16. Juni 1932 Boden fanden, wußten sie: hier war der Ruheplatz für den großen Toten. Tausend Jahre liegen zwischen ihm und den Mischnalehrern um ihn herum. Aber die Kette ward nicht unterbrochen. Er hat die Mischna kommentiert und den Talmud kodiert. Er gehörte hierher wie der Mischnalehrer einer. Etwa hundert Schritte gehen wir nach links und wir sind 500 Jahre durch die jüdische Geschichte geschritten. Hier ruht der „ S ch e l o h " , jener Rabbi Jesaja Hurwitz, der 1614 vor den Fettmilch'schen Verfolgungen in Frankfurt nach Prag mitten in die Wirren des 30jährigen Krieges floh. Aus diesen wand er sich mit Mühe los, um iiber Konstantinopel das heilige Land zu erreichen und dort in die Gefängnisse von Safed und Akka zu gelangen. Hier, auf diesem heiligen Gelände, hat der müde Wanderer seine letzte Ruhe gefunden. Wer „Scheloh" kennt, weiß, daß die Heimat des Rabbi Jizchak Lurja stets auch feine geistige Heimat war, daß sein ganzes Leben, Lehren und Ringen vielleicht nur ein Ringen nach dieser Ruhestatt war, ein Zittern des Lichtes zu dem größeren Lichte, dessen ein Teil es ist . . . Heiße heilige Quellen. Wir besuchen noch die heißen Quellen am Südende der Stadt. Sie liegen unten am See fast zu Füßen von Rabbi Meir baal Haneß. Ein armseliger Bretterverschlag, eine Holzbaracke mit einigen primitiven Kabinen, das ist alles. Man denkt wehmütig, was ein hochentwickelter Kulturstaat aus diesen fünf Mineralquellen von Schwefel-, Salz- und Eisengehalt mit 62 Grad natürlicher Wärme machen würde, ein Wiesbaden und ein Lugano in einem. Denn nirgendwo sollen die Thermen so kräftig und heilbringend sein, wie hier, kein Schweizer See — ich kenne sie alle — fließt so herrlich und lieblich, wie dieser Kinereth. Das wußten schon die alten Römer und aus Talmud erfahren wir, daß der leidende Rabbi Jehuda Hanassi in diesen Quellen Genesung gefunden. Daß die verabreichten Bade- und Handtücher noch von jenen Zeiten stammen, ist natürlich stark übertrieben . . . Aber unantastbar liegt der ehrwürdige Staub der Jahrhunderte um die und in der sogenannten Badehalle. Der Türke liebte es nicht, das Auge der Welt auf die Schätze und Schönheiten Palästinas zu lenken, und die Engländer sind fürs erste damit beschäftigt, die Wege zu ebnen, auch die Esel der Araber und die Stühle der alten Juden von der Westmauer fern zu halten ... So fließt das wunderwirkende Wasser zum allergrößten Teile ungenutzt zum See ab. Es wirtv zur Zeit mit einer Gesellschaft wegen der Konzessionen für die volle Ausbeutung der heißen Quellen verhandelt. Wir beschließen, so gern wir in das Bad, das schon Rabbi Jehuda Hanassi Gesundung brachte, steigen möchten, doch die Konzession abzuwarten, wenigstens d i e Konzession, den Staub und das Gerümpel abzutragen. Daß diese Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten dem tiefen Erlebnis von Tiberias keinen Abtrag tun, muß nicht erst gesagt werden. Bei dem Großen und Tiefen, das wir dem Sabbat von Tiberias verdankten, durfte man ruhig auch einige Unbequemlichkeiten mit in den Kauf nehmen: sie gehörten dazu. Was wollte es heißen im Vergleich zu so viel heiligem Jnnenerleben, daß man für drei Nächte mit einem primitiven Zimmer fürlieb nehmen mußte, das von innen nicht einmal abschließbar ist; daß das fließende Wasser nur in einem bestimmten stillen Kämmerlein — das man ordnungsmäßig hinter sich hätte abschließen müssen, wenn der Riegel funktioniert hätte, — vorhanden war, indem es dort von Decke und Wänden floß und tropfte? . . . Unwesentlich das erste Begrüßungsessen im „Hotel", bei dem der Hotelier uns zu Ehren den Rock auszog, um die Ehrengäste in sichtlich einmal weiß gewesenen Hemdsärmeln zu bedienen. Der Käse wird vortrefflich gewesen sein, aber wir konnten nicht an ihn heran, sintemalen eine Legion kleiner Fliegen schon vorher von ihm Besitz genommen hatte und ihn ganz schwarz zudeckte, wobei der Hotelier uns die beruhigende Versicherung gab: „Macht nichts, es sind keine Moskitos! . . ." Was will das alles bedeuten im Vergleiche zu dem, was uns der liberianische Sabbat an Innigkeit und Herzensweihe gab? Wenn das alles so nebenbei erwähnt wird, so nur aus dem Grunde, um zu zeigen, wie sehr hier eine ordnende, vielleicht eine deutsche Hand, vonnöten wäre. Die Räumlichkeiten sind da, der gute Wille in höchstem Maße, aber der Sinn für das, was wir als Minimum von Komfort, Ordnung, Schönheit und Lebensform ansehen, hätte hier in den Städten, die heute eine ganz beträchtliche Fremdenindustrie haben, noch sehr weiten Spielraum. In Safed. Ein Ausflug nach Safed bringt uns nichts Neues. Der Unterschied zwischen Tiberias und Safed ist ein rein vegetabilischer und klimatischer. Tiberias schlummert tief unter dem Seespiegel und hat, von den Bergen bis über den Kopf zugedeckt, tropisches Klima. Safed liegt hoch oben und hat im Sommer eine kühle würzige Luft, iin Winter zuweilen sogar Schnee. Safed ist noch einmal so groß als Tiberias, hat aber bei seinen 16 000 Einwohnern wie jenes auch nur 6000 Juden. Die Menschen sind die gleichen, die Einrichtungen auch. Vom steilen Abhang des Berges, auf dem amphitheatralisch die jüdischen Häuser sich Übereinanderschichten, überschauen wir das transjordanische Gebirgsland bis zum Tabor und zum Karmel. Unten in Tiberias sehen wir nur tiefblaues Wasser und graue Bergwände. Aber das geistige Gesicht ist das gleiche. In den Stufengängen, die die engen Straßen miteinander verbinden, auch in der uralten Ari-Schul stoßen wir auf die gleichen Typen, die gleichen Physiognomien, hören die gleiche Sprache, die gleichen Gebete wie in Tiberias, bis auf das, was die Sefardim und Aschkenasim voneinander trennt und wiederum miteinander verbindet. Vielleicht stimmte der Blick von hier ins Tal träuinerischer, grüblerischer als die sichere Geborgenheit zwischen Berg und Wasser unten in Tiberias. Denn oben in Safed spann und webte die Kabbala ihre feinen Fäden durch die Generationen. Unten in Tiberias schoß der klare Goldregen der geruhigen abgeklärten Halacha wie das heiße Wasser aus dem Boden. Tiberias ist ein lebendiger Traktat der Mischna, Safed ist ein Stadt gewordenes Kapitel aus dem heiligen Sohar . . . Abstecher bei Bar Jochi. Da wir in Safed sind, haben wir das begreifliche Verlangen, auch nach M i r o n, der engeren Heimat des Sohar, der Ruhestätte von Rabbi Schimon ben Jochi hinunterzufahren. Leichter gesagt wie getan! Unser Ungeheuer von Autobus kann um die engen schmalen Häuser am Stadtausgang nicht herum, ohne entweder das Haus links in Trümmer zu schlagen oder rechts den steilen Hang hinunter zu stürzen und uns so auf beste billigste Weise in Erez Jisroel-Erde zu betten. Unser Führer gibt den Kamps nicht auf. Schon bröckelt der Kalk am Haus und neigt sich der Wagen zur Seite. Auf diesem Wege, der mit Wundern gepflastert ist, müßte ein Wunder geschehen, wenn wir heil durchkämen. Wir halten uns eines solchen nicht für würdig und steigen lieber aus. Die Besucher Var Jochis pflegten diesen Weg seit Jahrhunderten mit Esel, Kamel, kleinem Karren oder per peckes apostolorum zu machen. Ein Kleinauto darf diese alte Tradition noch zur Not durchbrechen. Gegen Postautobus setzt sich der Weg kräftig zur Wehr. So werden welche von uns in ein Kleinauto ausgebootet und sind in einer knappen Stunde in Meron. Da es nicht Lag beomer ist, sondern um die Purimzeit, so sieht man nichts als alte Mauern, alte Gräber und ein paar alte Menschen. Es fehlt das, was Meron zu Meron macht: die Menschenmasse, der Festtrubel, das Feuer am Grabe und das Feuer im Herzen. Das gemauerte weiße Haus, in dem sich die Gräber von Rabbi Schimeon bar Jochi und seines Sohnes Rabbi Eliefer befinden, liegt einsam und verschlossen. Bar Jochi empfängt heute nicht. Am Lag beomer, das wissen wir aus hundert Schilderungen, strömen hier Zehntausende zusammen zu einem Volksfeste,. das einzig in seiner Art sein dürfte. Die palästinensischen Eisenbahnen tragen dem Umstande Rechnung und geben in den Tagen des Jochi-Festes bis zu 50 Proz. ermäßigte Retourbillets aus. Die Eisenbahnverwaltung, die einen schweren Konkurrenzkampf gegen die Autobusgefellschaften zu führen hat, tut es das ganze Jahr hindurch, nur immer wo anders. Zu Pessach und zu dem neunten Aw kann man billig nach Jerusalem fahren, zu Purim fährt man mit großer Ermäßigung zum „Addelejoda" (Karneval) nach T e l - A w i w und um die Mitte der Omerzeit zu halben Preisen nach Safed und M i r o n. So fahren denn die „Kinder Israel" im Lande Israel im Ganzen ungefähr das ganze Jahr hindurch auf halbem Billet ... (Fortsetzung folgt.) -tz. Das gelüstete Telefon-Geheimnis. In letzterer Zeit wurde in mehreren in- und ausländischen Blättern und Zeitschriften eines in den ,arri2» rmnavs-zn in 'n 'an am bv — (1664—1736) befindlichen, aus dem Jahre 1722 datierten Briefes Erwähnung getan, in welchem folgende Stelle enthalten ist: „Jch hörte noch nie, daß es verboten wäre, am rav eine solche Vorrichtung zu benützen, mit deren Hilfe man aus die Entfernung mehrerer Meilen sprechen kann." Es fand sich auch ein solches Blatt, das in seiner Sensationshascherei so weit ging, seiner Mitteilung die klangvolle Aufschrift zu geben: „Zweihundertjähriger Rechtsstreit — über das Telefon" und stellte als Tatsache fest, daß die Menschheit schon vor 200 Jahren das Telefon kannte. Es will mir nur schwer einleuchten, daß, während Edison in dem sicheren Bewußtsein starb, daß das Telefon erst im Jahre 1861 erfunden wurde — und so wissen dies auch sämtliche Preisträger der Nobelpreise für Physik — ich der Gutinformierte sei, daß ein Prager Rabbiner bereits vor 200 Jahren das Telefon kannte. Es scheint, daß alle jene, die die Frage ventilierten, aus einer und derselben Quelle schöpften und zwar aus der Encyklopädie 'rrnv' nn*? (Band V, Seite 23), die unter „Telefon" die obenerwähnte nawn als Kuriosum zitiert, ohne jedoch daraus so weitgehende Konsequenzen zu ziehen, daß man schon zu jener Zeit das Telefon kannte. Es ist zweifellos, daß seit den ältesten Zeiten die hervorragenden jüdischen Gelehrten jedes Zeitalters nebst den Religionswissenschaften auch die Naturwissenschaften, Mathematik, Astronomie und alle jene Wissenschaften kultivierten, die ihnen als ergänzender Teil und Hilfsmittel u den Religionswissenschaften unerläßlich waren. Nichtsdestoweniger, glaube ich, leidet das Ansehen des ann b"j D”naj?32N m 'an, keine Einbuße, wenn ich annehme, daß demselben die Beförderung der Stimme in die Ferne im Wege der Elektrizität unbekannt war. Doch bleibt es eine offene Frage, 'auf welche Vorrichtung mag wohl erwähnte towi hinzielen, mit deren Hilfe man auf meilenweite Entfernung sprechen kann? Kürzlich, blätternd im m-ian nsv spielte mir der Zufall die Lösung der rätselhaften Frage in Händen. Dieses Werk, das zum erstenmal im Jahre 1798, sechs Jahrzehnte vor Erfindung des Telefons, in Brünn in hebräischer Sprache von einem Wilnaer Gelehrten herausgegeben wurde, ist eine Encyklopädie, man könnte sagen, sämtlicher Wissenschaften. Es enthält u. a. in volkstümlicher Weise geschrieben Abhandlungen über Metaphysik, Naturlehre, Anatomie, Erdbeschreibung usw. Aus Seite 93 in der Abhandlung über den Widerhall findet sich folgende Stelle: „Hiervon ausgehend erfanden die Naturforscher, zwei für die Menschheit nützliche und nötige Geräte. .Das eine, das Sprachrohr (tubus locutoris) ist ein aus Silber oder anderem Metalle verfertigtes, der Posaune ähnliches, trichterförmiges Rohr, in dessen enge Oeffnung hereingesprochen wird, während die weite Oeffnung gegen den Hörer gerichtet wird. Mit dessen Hilfe wird die Stimme auf weite Entfernungen hörbar. Das zweite Gerät ist das Hörrohr (tubus acustica), dessen Form dem ersteren ähnlich ist, nur ist es kleiner als jenes. Dessen engere Mündung wird dem Ohre angepaßt, während die weite Oeffnung gegen den Sprecher gerichtet ist." Nachdem Verfasser erklärt, auf welchen Naturgesetzen der Gebrauch dieser Geräte beruht, schreibt er folgendes: „Auf offenem Meere sprechen die Schiffer auf große Entfernung miteinander mit diesen Geräten, wie ich dem schon oft beigewohnt habe, mehreremal sogar bin ich großen Gefahren entronnen, als wir mitten in großen Stürmen und hausgroßen Wellenschlägen mittels diesen Geräten von am fernen Horizont aufgetauchten Schiffen Hilfe verlangten. Dank dem Schöpfer, der mich auf diese Weise vor dem Wellengrabe errettete." Das beschriebene Hörrohr wurde im Jahre 1670 von dem Engländer Morland erfunden, mit dessen Hilfe kann man auf offenem Meere auf die Entfernung von 5—6 Kilometer sprechen. Bis Ende des vorigen Jahrhunderts, als der drahtlose Telegraph Marconis dies überflüssig machte, war der Gebrauch des Hörrohres im Verkehr der Schiffe auf offener See ein allgemeiner. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich feststelle, daß a"nn b"T D«nayssx w '1 in seiner NI1-70 auf diesen Apparat hinzielte und somit die naive Sage hinfällig wird, wonach ein Prager Rabbiner schon vor 200 Jahren das Telefon kannte. Cluj. Wilhelm Löfsleb. (Ausgrabungen in Attzpah.) Das erste von Dr. Bade, dem Leiter der Tell-el-Nasheb-Exp e d i t i o n , herausgegebene Bulletin berichtet über den Anfang der Ausgrabungsarbeiten. Die Westmauer der, Stadt wurde vollständig freigelegt, jedoch wurde dort kein Eingangstor gefunden. Hingegen entdeckte man an der Ostseite der Mauer, nahe dem Tempel der Astarte, einen massiven Turm mit einem verbarrikadierten Tor. Bisher wurden ca. 1800 Tongefäße gefunden, die viele Siegel enthielten. Der Tempel der Ästarte ist schon vollständig ausgegraben worden. Der Eingang zu ihm befand sich an der Nordostecke, nahe einem hohen Turm. Zu beiden Seiten des Eingangs waren zwei große Steinsäulen errichtet. Eine Steinbank innerhalb des Eingangs war vermutlich für den Torhüter bestimmt. An der Nordwestecke der Mauer waren verschiedene kleine Räume, die den Priestern und Priesterinnen gedient haben. Bei den Ausgrabungen in Nekropolis hat man bis jetzt zwei Gräber gefunden, ein römisch-byzantinisches und ein früh-israelitisches. Die oben erwähnten Ausgrabungen haben absolut erwiesen, daß Tellel-Nasheb das biblische Mizpah ist. (hundert Jahre Iudenemanzipation in Kanada.) „Times" erinnern daran, daß vor genau 100 Jahren die Juden in dem englischen Dominium Kanada ihre politische und bürgerliche Gleichberechtigung erhielten. Nach mehrere Jahrzehnte andauernden erregten Debatten in der kanadischen Öffentlichkeit hat die gesetzgebende Versammlung von Kanada im März 1832 das Gesetz über die jüdische Gleichberechtigung angenommen. Am 5. Juni 1832 erhielt das Gesetz die königliche Sanktion. Seit dieser Zeit haben viele Juden im kanadischen Parlament gesessen und zahlreiche andere Juden haben hohe Positionen im öffentlichen Leben des Landes eingenommen. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURTA. M. JETZT OSTENPSTR. 83

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