Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1932)
- Date
- 1932-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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r. 25 1932 121 3m Cheder. Nach Ben-Ami*) von Saly Geis. Mein Lehrer, Rabbi Ierocham gesegneten Andenkens, versäumte auch nicht einmal die Tefillah im Beth Hamidrasch, weder am Morgen noch am Abend, weder im heißesten Sommer, noch bei strömendem Regen, noch bei grimmigem winterfrost. Das gilt schon von den Wochentagen, um wieviel mehr von Schabbath und Iomtow. Doch diese fallen nicht in unsere Erzählung. Aber es gab damals — es war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts — auch Zeiten, in denen der weg nach dem Lech Hamidrasch ein schwieriges Unternehmen war, schwieriger als zum Beispiel heute eine Reise nach Australien. Gemeint ist die Zeit von gleich nach Suckoth bis Ehanuckah, manchmal auch noch länger, sowie die Tage von Purim bis peffach. Die erste Periode hieß „Sümpfe des Marcheschwan", die zweite „Sümpfe des Purim". In diesen Perioden glich das arme Städtchen Pipiliwka, das in einem Tale lag, einem einzigen großen Sumpfe. Die Schweine bevölkerten dann unaufhörlich die Straßen der Juden und tauchten bis zu den Borsten ihres Rückens unter. In der Schwärze der glatten und glänzenden Sumpffläche blickten die Häuser empor mit ihren unten zerbrochenen Dächern und ihren oben schmutzigen Grundstein-Vorsprüngen, wenn nun die Leute die Straße überschreiten mußten, standen sie erst einmal lange Zeit und machten technische Berechnungen. Meistens endeten die Erwägungen in dieser weise: wenn es sich ermöglichen ließ, nahm man von der wagehalsigen Reise überhaupt Abstand, war aber der Gang nötig, dann wurde ein Programm der Umwege aufgestellt, das den weg um das Fünf- und Sechsfache verlängerte. wollte zum Beispiel einer von uns für einen halben Groschen eine Kerze oder für einen Groschen Pfeffer bei Fradi kaufen, die ihren Laden genau unserm Hause gegenüber hatte, so balancierte er an unserer Häuserseite von Hausvorsprung zu Hausvorsprung und von Gitter zu Gitter bis zum Ende unserer genügend langen Straße, wo diese stch mit der breiten wiese vor der Kirche begegnete. Dort war der Boden trockener und man konnte so zur anderen Seite gelangen, wir machten dann das gleiche Manöver wie vorher bis zu Fraöis Haus. Dieses ließ sich aber nur von seiner Rückseite aus betreten, denn vorne reichte der Schmutz bis zu den Knien und zwar trotz der Äsche und des Kehrichts, den Fradi und ihr Mann Rabbi wilfi hinschütteten. Dieser Unrat hatte den Gestank wohl vergrößert, aber den Morast nicht verringert, wehe dem Fuß, der auf dieser Stelle Stütze suchte; er blieb unfehlbar stecken. Ich kann Luch versichern, daß die bitterste Kälte und die heftigsten Schneestürme ein Kinderspiel gegen die plageret waren, unter der die Bewohner unseres Städtchens zur Zeit der Sümpfe zu leiden hatten, wurde jemandem des Morgens beim Erwachen mitgeteilt, es habe etwas gefroren, so bedeutete dies eine solch frohe Botschaft wie wenige. Als Rettung und Erlösung wurde die Rachricht ausgenommen. Der Mensch konnte wieder frei gehen, seine Füße konnten sich wieder frei bewegen, wohin er wollte, war das keine große Sache? wie strahlte jeder, sobald er am Fenster draußen Schnee erblickte und die Bäume mit Reif geschmückt sab. *) Ben-Ami (Mordechai Rabinowitz) ist — 76 Jahre alt — kürzlich in Tel-Awiw gestorben. Er war der einzige russisch schreibende jüdische Schriftsteller religiöser Einstellung. Auch als großer Naturfreund war er unter seinen Kollegen bemerkenswert. Mit Ben-Ami ist ein Charakter dahingegangen; selbstlos, bescheiden und ein Verfechter der lauteren Wahrheit, lebte er einer idealen Gedankenwelt. Jetzt werdet Ihr also verstehen, was der weg zum Beth Hamidrasch Ln der Zeit des großen Sumpfes bedeutete. Eine solche Tat nun vollbrachte Rabbi Ierocham zweimal am Tage. Diese Kraft wurde freilich von den meisten Juden unesres Städtchens bewiesen. Sogar der alte Rabbiner Secharja, der schon längst die Siebzig überschritten hatte und sich selbst in seinem Hause nur mit Mühe fortbewegte, unternahm stets mit Selbstverständlichkeit das Wagnis. Aber die Stärke all dieser wurde nicht geschätzt, wenigstens nicht auf dieser Welt. Denn wer hatte davon Rutzen? Richt so die Kraft unseres Lehrers, des Rabbi Ierocham; die dreißig reinen Kinderseelen seiner Schüler schätzten und segneten diese Kraft. Vielleicht läßt sich fast mit Sicherheit sagen, daß nur dem Verdienst unserer Segnungen und Gebete Rabbi Ierocham sein weiterleben verdankte. Seine Gesundheit stand nicht zum Besten. Seine Brust war eingefallen; in seinem müden Gesicht hatten stch tiefe Falten eingegraben, obwohl seine Jahre noch fern vom Alter waren. Sein ganzes Aussehen kündete einen kränklichen Menschen. Ständig hustete er und spuckte er aus. Das Unterrichten strengte ihn deshalb sehr an, so daß er häufig plötzlich schweigen mußte, um mit Mühe Ätem zu holen und tiefe Seufzer vernehmen zu lassen, als müsse er mit einer drückenden Last auf seinem Rücken einen Berg besteigen. Armer Rabbi Ierocham! . wie zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen, wenn ich seines gepeinigten, vor Abzehrung länglichen Gesichtes gedenke, seiner Schmerz ausdrückenden Augen, seiner spärlichen Haarbüschel, die unter der längst farblos gewordenen Mütze hervorlugten und an der stets schwitzenden Stirn klebten! Wieviel Aufregung haben wir dem Armen verursacht, wie grausam waren wir! Ins Eheöer kamen wir schon zur frühen Morgenstunde, damit wir in Gegenwart unseres Lehrers beteten, während dieser selbst sich mit irgend einem Buche in dieser Zeit beschäftigte. Rach unserem Beten erhob er sich bleich mit starkem Husten und griff mit seinen Händen bald nach der schmerzenden Brust, bald nach den schmerzenden Seiten. Seine Frau Ehajah-Henjah, ein kleines, bescheidenes und frommes wesen mit sympathischem Gesichtsausdruck, schalt dann meistens ihren Mann: „Räuber! Mörder! Warum schonst du dich nicht? In diesem Morast und bei einem solchen kalten winde muß er seine Füße nach dem Beth Hamidrasch schleppen! Selbst der Hund verkriecht sich in einem Strohhaufen und verläßt ihn nicht. Sei überzeugt, daß G'tt es dir nicht zur Sünde anrechnen wird, wenn du zu Hause betest." Jedoch Rabbi Ierocham hörte nicht. Manchmal schien es wohl, die grimmige Kälte und der heftige Sturmwind draußen würden ihn bedenklich machen. , Er, trat an das kleine, mit einer dicken Eiskruste bezogene Fenster und betrachtete die Außenwelt. Nachdem er so eine kleine weile wie in Gedanken versunken dort gestanden hatte, näherte er stch dem Ofen, um über ihm seine Hände auszubreiten. plötzlich aber nahm er von dem Bettgestell seinen alten Wintermantel, dessen Watte aus dutzenden Löchern hervorfah. Er zog ihn an, umwickelte Hals und Gesicht bis zu den Augen mit einem längst ver-, blaßten Taschentuch, steckte unter die Achsel Tallith- und Tefillinbeutel, küßte die Mesusah und schickte sich an, zu gehen. Doch, bevor er die Türe geöffnet hatte, wandte er den Kopf zurück, setzte ein strenges Gesicht auf und mahnte: „Ihr Bande, sorgt, daß Ruhe im Hause ist! Habt ihr mich verstanden? Ruhe, sage ich euch! wenn man mir erzählen wird, daß ihr wieder Welten umgekehrt habt, dann werde ich eure Haut gerben." Kaum aber hatte sich hinker unserm Lehrer die Tür geschloffen, begannen wir mit Laufen und anderen Spielen. Das Getöse war so stark, daß der mit feinem Sand bestreute Fußboden bis zur Decke Staubwolken aufwirbelte. Die Drohungen unseres Lehrers hatten wir sofort vergessen. Aber auch die Worte Ehajah-Henjahs nützten nicht viel. In Augenblick, da sie aus der Küche erschien, verstummten wir selbstredend sofort und flohen wie Mäuse jeder in seine Ecke. Jedoch sogleich, nachdem sie wieder verschwunden war, begann der Lärm von neuem. Meni zum Beispiel will seine Kraft zeigen, nimmt Muli als Reiter auf den Rücken und trägt überdies noch wie einen Sack Schimon, und so ordnet er an den wänden entlang fünf Umkreisungen! Darin lag wirklich nichts Böses. Jedoch der grobe Jost, voll pöbelhaften Reides — wir nannten Jost den Dorf- Schekez, und er war wirklich vom Dorfe —, streckt treulos seinen Fuß über Menis weg und zwar gerade dort, wo er sich scharf im Kreise wendet. Meni stürzt mit seinen Beladenen und zerstößt stch am Boden die Rase, so daß sie blutet. Man kann stch leicht den Zorn Menis und unserer aller vorstellen. Möchte nun jeder Jude in Pipiliwka in einer ganzen Woche stets die Zahl von Rubeln verdienen nach der Zahl der Faustschläge, Kniffe, Tritte und anderer Liebesgaben, mit denen wir in unserer Erregung den Dors-Schckcz bedachten. Eine gerechte Rechnung machten wir mit ihm. Möchten wir doch eine gleiche Rechnung auch den anderen Taugenichtsen in Dorf und Stadt sowohl unter den Juden wie unter den Richtjudcn machen können! wir würden dann mehr in Frieden leben. Doch das gehört hier nicht zum Gegenstand Obwohl Ehajah-Henjah uns stets drohte, alles ihrem Manne zu erzählen, der uns bis zum Blutfließen verprügeln werde, führte sie doch nur selten ihre Drohung aus. „vielleicht denkt ihr böse Buben, daß ich euch schonen werde? wenn es ein Bedenken gibt, geschieht es nur, weil ich ihn schonen will, denn er soll seine letzten Kräfte nicht euretwegen beeinträchtigen." Mit diesen Worten schloß sie dann, wollte ihr Mann einem von uns Schläge erteilen, wehrte sie es ihm, indem sie rief: „Ierocham, willst du seinetwegen deine Gesundheit zerstören? Schau dich an, wie weiß du bist, so weiß, wie die wand!" Unsere „Rebbezin" war eine sehr gute Frau; aber sie dachte, sie dürfe diese Schwäche aus Gründen der Erziehung den Kindern nicht zeigen. Doch uns konnte man nicht betrügen! In ausgezeichneter weise zogen wir Rutzen aus der grenzenlosen Güte ihres Herzens, häufig freilich auch zum Schlechten. Arme Ehajah-Henja! vier Kinder hatte sie verloren. Rur zwei Töchter blieben am Leben, die nun längst verheiratet waren und im benachbarten Städtchen ein dürftiges Leben führten. Einen Sohn, einen üaööisch, gesund erhalten zu sehen, hatte ihr G'tt versagt, — und daher kam chre besondere Schwäche in ihrem Verhältnis zu uns Strolchen. Sie war uns zu jeder Zeit und auf jede mögliche weise Schutz. Ueber Ehajah-Henjahs Gesicht war stets Betrübnis -ausgebreitet. Ständig erschütterten Seufzer ihre Brust. Besonders geschah das, wenn sic von ihren Töchtern erzählte, daß G'tt ihnen auch nicht einen kleinen Tropfen Glück geschickt hatte. (Schluß folgt.) S»SSSSSSSS^»MS>»SMS>»MM»SSS«^MS^SS»SW>SS»S»» Mit der Agudas 3isroef in Palästina. VIII. B e i Rambam und Scheloh. Auf dem Gelände,-wo die Mischnalehrer ruhen, erheben sich die Gräber von Maimonides und „S ch el o h". Das Maimonides-Grab, ummauert und bestens gepflegt, steht auf dem sanften Hang. Man erzählt: Maimons letzter Wunsch, bevor er in Kairo die Augen schloß, war, in der heiligen Erde vor Liberias begraben zu fein. Liebevolle Hände trugen die Bahre über Seen und Wüsten. Man kannte den Platz nicht, da ihn der Meister nicht beschrieben hatte. Wie sie an dieser Stelle anlangten, ohne zu ahnen, welche heiligen Gebeine der Boden barg, konnten sie mit der Last nicht weiter. Bleischwer senkte sie sich zu Boden und alle Kraft reichte nicht aus, sie in die Höhe zu bringen. Eine andere Mär berichtet von Räubern, die die Träger überfielen, so daß diese die Bahre im Stich ließen und davon liefen. Als oemste aber gurückkamen und die Bahre wie festgenagelt am