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Der Israelit · 1932-06-16 · Heft 25 (16.6.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 25 (16.6.1932)
Date
1932-06-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 25 16. Juni 1932 DerJsrae^it elterlichen Individuums. Diese Schwäche R.'s ist wohl nur als Produkt des Jahrhunderts des Kindes zu begreifen. Die Konsequenzen eines solchen sexual-ethischen Systems für die Bevölkerungsbewegung liegen auf der Hand. Durch weitgehende Anwendung der Präventivmittel wird der Geburtenrückgang enorme Fortschritte machen. Dabei wird nicht einmal irgendeine Aussicht fein, daß die quantitative Abnahme mit einer qualitativen Annahme verbunden ist, wie R. es sich wünscht. Denn die positiven Beeinflussungsmöglichkeiten in eugenischer Einsicht sind sehr gering, eine Unterdrückung der eugenisch Wertlosen und eine Förderung der eugenisch Wertvollen kann sich doch nur in bescheidenen Grenzen auswirken. Das Rezept R.'s, die Menschenwelt nach Art der Viehzucht zu vermehren, wird wohl selbst im Kreise der Rassenfanatiker nicht die volle Zustimmung finden. Kein geringerer als Oscar H e r t - w i g hat es auf das entschiedenste abgelehnt, die menschliche Fortpflanzung nach „Gestütsprinzipien" regeln zu lassen." Zudem ist die Frage, was eugenisch wertvoll ist und was nicht, rein wissenschaftlich nicht objektiv zu beantworten und ge^de auf die objektive wissenschaftliche Feststellung legen die materialistischen Reformatoren den entscheidenden Wert. Auf solcher Basis werden nicht eugenische Lorbeeren zu ernten sein Fm Gegenteil ist zu befürchten, daß durch die Geburtenregelung gerade die verantwortungsbewußten, höher kultivierten Kreise sich von der ungezügelten Vermehrung zucückhalten werden. So wird ein Ueberwiegen der kulturell Minderwertigen die Folge sein. Und schließlich ist schon die kleinere Zahl an sich eine Duelle qualitativen Rückgangs. Denn je geringer das Reservoir, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, daß ein begabter Menschenkeim gezeugt wird. Das gleiche Spiel wie im Leben des Volkes werden wir im Wettstreit der Völker wiederfinden. Das hochkultivierte Volk, das bereits die Methode der Geburtenverhütung übt, wird zahlenmäßig gegenüber den von Kultur und Geburtenschwund weniger betroffenen primitiven Volke ins Hintertreffen geraten. Man muß schon zu der phantastischen Idee einer überstaatlichen Obrigkeit seine Zuflucht nehmen, die in den Staaten, die sich unvorschriftsmäßig stark vermehren, eine Geburt en- Rüstungskontrolle ausübt. (Ruffel S. 188.) So sehen die wissenschaftlichen Bausteine für eine Sexualreform aus! (Fortsetzung folgt.) Wochenrundschau. Autarkie. Autarkie — ein hartes Wort, früher kaum gekannt, dem man aber heute täglich fast auf jeder Spalte der Tageszeitungen begegnet. Reu indes ist nur das Wort, nicht das, was es ausdrücken will. Schon in den Sprüchen der väterweisheit ist zu lesen: „Der da spricht: das meine mir und das deine dir, übt die Gepflogenheiten von Sodom". Wie die soöomitische „Autarkie" ausgesehen und wie sie geendet hat, wissen wir ja zur Genüge. Wir würden über dieses neue Wort für den alten Begriff von persönlicher und nationaler Engherzigkeit, in Politik und Wirtschaft, keine Zeile verlieren, würde es nicht am liebsten und am häufigsten von jenen Männern im Mund geführt, die uns Juden in Deutschland das Recht auf Leben, Licht und Luft versagen, und die es immer im Zusammenhang mit dem erstrebten Kurs gegen die „Fremöstämmigen", ö. i. gegen die Juden, anwenden. Ob die versprochene „Ausmerzung aller unöeutschen, fremden Einflüsse auf dem Gebiete des gesamten kulturellen Lebens" in der Programmreöe des neuen Reichsinnenministers v. G a y l in der Reichsratssitzung in diesem Sinne gemeint war, wissen wir nicht, die nationalsozialistische Presse hat sie auf alle Fälle nur in diesem Sinne verstanden und gedeutet. > Es braucht nicht erst gesagt zu werden, wie absurd vom menschlichen und jüdischen Standpunkte all diese Abriegelungsversuche sind. Der Mensch bedarf des Menschen zu seinen großen und kleinen Zwecken. Kein Volk, kein Land, kein Gemeinwesen kann auf sich allein gestellt sein, heute bei der komplizierten Verästelung aller Beziehungen und Bedingungen des Handels und der Kultur, des geistigen und des. Wirtschaftslebens schon ganz und gar nicht. Autarkie wäre gleichbedeutend mit einer Zurückschraubung unseres kulturellen Lebens um Jahrtausende, weit hinter das Zeitalter der Propheten, die das Weltgewisfen waren und die Welt- Hoffnung wie ein buntes, weithin strahlendes Licht durch die Nacht der Völker trugen, ein Zurück bis zu Sodom und Amopa. Um ganz konkret zu sprechen: Die Partei, die jetzt so viel Wind in ihre Segel bekommen hat, beschäftigt und belästigt die deutschen Parlamente mit Anträgen, die uns ahnen lassen, was erst werden sollte, wenn sie wirklich einmal das Heft in Händen hätte. Cs geht zunächst einmal gegen die A u s l ä nd e r, die, je nachdem wann sie über die Grenze gekommen sind, des Landes verwiesen oder auf andere Weise entrechtet werden sollen. Mit der Entrechtung der einheimischen Juden, für die die „Loxheimer Dokumente" längst klare Umrisse enthalten, will man noch ein wenig warten. Für das edle Bestreben, den heiligen deutschen Boden vom Ausländertum zu säubern, erhofft man mehr Popularität in einem Volke, das zu zwei Dritteln mit dem wahlzettel ein Bekenntnis für Hitler ablegt. Dieses Bestreben fällt unter den Begriff der „Autarkie",' die vom Wirtschaftlichen ausgehend nunmehr, wie eine böse Geschwulst auf alle anderen Gebiete des Lebens, hinüberwuchert. Die Warnung an die Autarkie-Politiker vor den Konsequenzen solchen Unterfangens für die gewaltige Zahl der Ausländsdeutschen in den Ländern Osteuropas, überlassen wir füglich der großen liberalen Presse und den zuständigen Stellen. Unsere Warnung geht nach Innen. Es glaube kein Jude, daß die Haßwelle, die heute in Deutschland mit unheimlicher Macht ansteigt, sich mit einer gewissen Kategorie von Juden Abflußbecken verschaffen könnte. Unter welchen fadenscheinigen Mäntelchen die haßgeborenen Anträge an Regierung und Volksvertreter immer kommen, gemeint sind wir alle, gemeint ist die Fudenheit insgesamt. Und die Abwehr darf dementsprechend auch keine Stufungen kennen. Ein Judenhaß und eine Ausschlußpolitik in Teilzahlungen ist nicht minder gefährlich als eine solche, die gleich aufs Ganze geht, entscheidend dabei sind immer die Prämissen und die letzten Ziele. Von sreundschafklicher Seite wird Hitler gemahnt... „Daily Expreß", das Hauptorgan des Beaverbrook-Konzerns, dessen Leiter gute Beziehungen zu Adolf Hitler pflegen und dessen Korrespondenten in Deutschland direkt aus dem Braunen Haus in München informiert werden, bringt die folgende Meldung: „Die Juden verlassen Berlin. Ein Teil dieses neuert Exodus wendet sich gen München, der Hauptstadt Bayerns. In München, wo der Katholizismus stark ist, hoffen sie, bei der Kirche Schutz vor der Gewalttätigkeit der Hitlerleute zu finden. In Berlin haben die Juden eine wichtige Rolle in Finanz und Industrie Gesamtdeutschlands gespielt. In München werden sie wahrscheinlich die bayerische Bewegung zur Loslösung vom Deutschen Reich unteren." Daß diese Meldung des Londoner Blattes aus der Luft, und zwar aus der antisemitisch verseuchten Luft, gegriffen ist, muß nicht erst gesagt werden. Die Meinung, Berliner Juden suchten in München eine Bewegung zur Loslösung Bayerns vom Reich zu unterstützen, stammt — so wird der ITA. erklärt — aus dem Arsenal der Nationalsozialisten, die im Hinblick auf die bayerischen Widerstände gegen eine Hitltt-Herrschaft im Reich begonnen'haben, in ihrer presfb Nachrichten über angebliche bayerische Loslösungsbestrebungen zu kolportieren. l Bezeichnend ist, daß der „Daily Expreß" im Anschluß an die Mitteilung von der Iudenflucht nach München die ■ folgende Mahnung an Hitler richtet: „Hitler hat in der Attackierung der Juden eine populäre Demagogie-Plattform gefunden. Wenn er nun im Ergebnis seines Erfolges zur Regierung kommt^ wird er finden, daß dies eine schlechte Politik und ein schlechtes Geschäft ist. Stets hat es in der Geschichte Länder gegeben, die die Juden unterdrückten und verfolgten. Diese Länder sind eines nach dem anderen von ihrer einstigen Größe gestürzt. Möge Hitler, indem er Geschichte macht, aus der Geschichte lernen." . ' Wird sich Hitler von den Freunden seiner Internationale des Judenhasses im Auslande etwas sagen und raten lassen? Fürs erste merkt man nur im Gegenteil, wieviel sich jene Leute von Hitler erzählen lassen. Wie könnte das englische Blatt sonst die absurde Meldung über eine Flucht Berliner Juden nach München und ihre Treibereien zur Lostrennung Bayerns vom Reiche übernehmen und weitergcben?! Politik am falschen Objekt. Von Dr. Hugo Lpiegler in Wien. Der Schuß, der den Präsidenten der französischem Republik niederstreckte, hat die ganze Welt mit aufrichtigem Entsetzen erfüllt, obwohl Gewaltakte gegen Politiker auf exponierten Posten in unserem Zeitalter nichts Außergewöhnliches mehr sind. Die Ermordung Erzbergers und Rathenaus, die Schüsse auf den König von Albanien — um nur einige Beispiele aus der großen Menge vorhandener anzuführen — haben wohl auch die an den zehn Geboten vom Sinai geschulten nienschlichen Gewissen vorübergehend aufgerüttelt, aber von dem panischen Schrecken, von dem das Bewußtsein nur dann ergriffen wird, wenn.es an der Mechanik seiner eigenen Denkgesetze irre wird^ konnte man in den drei zitierten Fällen doch nicht sprechen. War es gleich Wahnsinn, was damals geschah, so hatte, um mit Shakespeare zu sprechen, der Wahnsinn doch Methode. Man erschrak über die katastrophale Entladung politischer Gegensätze, man entrüstete sich, aber man verstand. Dje Tat des russischen Hitler-Enthusiasten, der sein Gastrecht in Paris so blutig mißbrauchte, ist nicht so leicht zu erklären. Man versteht wohl ohne weiteres, daß die reaktionären russischen Einigranten weder mit ihrem eigenen Schicksal, noch mit dem ihres. Vaterlandes zufrieden sind, und billigt ihnen das Recht auf tiefste Verbitterung zu. Aber wie konnte sich diese an sich verständliche Psychose just gegen das Oberhaupt eines Staates wenden, der den russischen Weißgardisten nicht nur menschlich entgegenkam, indem er ihnen eine neue Heimat bot, sondern auch politisch eine oft sehr aktive Sympathie für ihre auf den Sturz der Bolschewikenherrschaft bedachten Pläne an den Tag legte? Cs ist die Sinnlosigkeit der Untat, die die politischen Bluttaten gegenüber wahrlich schon abgestumpfte Generation in diesem Falle zur Auflehnung treibt. Die subjektive Legitimation des fanatisierten Weißterroristen erscheint diskreditiert durch den Mißgriff am Objekt seines Terrors. Sehr mit Unrecht! Denn der den Traditionen des zaristischen Rußlands treu anhangende Attentäter handelte ganz im Sinne der politischen Erziehung, die die Weisheit des zaristischen Systems gebildet hatte. Diese Weisheit bestand ja gerade darin, die Unzufriedenheit der russischen Gemüter, die auch in der Vorkriegszeit oft gigantische Ausmaße annahm, am falschen Objekt zur Entladung zu bringen. Wenn die geknechteten Bauern, die ausgebeuteten Arbeiter, die rechtlosen Bürger die polltischen und sozialen Verhältnisse ihrer Heimat unerträglich fanden, dann lenkte die fürsorgliche Obrigkeit rechtzeitig die Wut und Erbitterung der Massen auf die — Juden, was die Juden für die administrativen Mißstände im Zarenreich konnten? Ungefähr eben so viel, wie der ermordete Präsident von Frankreich für das Bolschewikenregime in Rußland. Die Analogie ist unbestreitbar, aber der unglückselige Mörder, der ihr auf-

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