Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1932)
- Date
- 1932-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 25 D « r Israelit 16. Juni 1932 kostet es, bis etwa dem zweiten oder gar dem dritten Kinde als Siegespreis das Leben geschenkt wird — vom freien Willen oder vom — Zufall. Das natürliche Ungemach der Mutterschaft ist oft ein Leichtes gegenüber der wirtschaftlichen Uot und den Seelenqualcn, die eine Mutter für ihr Kind leiden muß. Doch größer als beides ist aber oft die Uot, die das niegeborene Kind der Seele den Litern bereitet, nicht zu reden von der Fülle der Reibungen, Disharmonie und Zerrüttung, die die Flucht vor dem Kinde für das Cltcrnpaar mit sich bringt. Wer sich eine Vorstellung von der Größe der Uot bilden will, der werfe einen Blick in die ersten Aufsätze eines Sammelwerks über den § 218, das Prof. Hauer') herausgab. Hier wird ohne Tendenz und Uebertreibung die Uot geschildert und in ernstem sittlichem Kampf um eine Lösung gerungen. Oder man prüfe das reiche Material, das dem letzten Kongreß der W e! t l i g a f ü r S e r u a l r e f o r m 2) unterbreitet wurde. Line Ziffer darf vielleicht genannt werden. Die jährliche Zahl der Vernichtung keimenden Lebens wird für Deutschland auf 800 000 bis 1 000 000 geschätzt, ein grausiges Lharakteristikum der materiellen und der sittlichen Uot. Und auf solchem Stamme aufgepfropft, erwächst die jüdische U o t! Der jüdische Angestellte überall benachteiligt, der jüdische Kaufmann und Gewerbetreibende boykottiert, der Mittelstand, der das Hauptreservoir der jüdischen Bevölkerung ausmacht, dem Ruin nahe. Sollen wir gar noch erwähnen den Juden, der im Leben seinen Sabbat halten, sein Religionsgesetz wahren will? Bei ihm ist die materielle Uot um ein vielfaches erhöbt, die sittliche Uot zu höchster Potenz gesteigert. Wem wird da nicht bange ums Herz, wenn er das Ringen so manches jüdischen Jugendlichen um Reinheit miterlebt, der den Willen bat, der alten Tradition treu, die Fahne der Sittlichkeit hochzuhalten, und doch am Ende des Kampfes die Fahne sinken läßt. Und die jüdische L h e bietet kein erfreulicheres Bild: Der Glaube an die Zukunft ist gesunken, der natürliche Wille zum Kinde auch hier erstickt. Manche Führer der deutschen Indenheit lassen selbst ermattet ihre Arme sinken und fügen sich ins scheinbar Unvermeidliche. Uur in wenigen Familien lebt noch der Gedanke des ersten Bibelgebots: Seid fruchtbar und mehret euch! 2. Die Bevölkerungskrise. Diese wenigen Familien, die innerhalb und außerhalb der jüdischen Kreise als kinderreiche an-- zufprcchen sind, können naturgemäß auf die Bevölkerungsbewegung nur geringen Linfluß ft I. W. 5) a u e r. § 218, eine sachliche Aussprache. Leipzig 1931. ft Sexualnot und Sexualreform. Herausgeg. v. Dr. Herbert Steiner. Wien 1931. E l b - mühl-Verlag. ausüben. Auf Grund der dargelegten materiellen und sittlichen Krise der Familie wird es uns nicht befremdlich erscheinen, daß wir uns in schwerer B e - völkeru ngskrise befinden. In der Tat sind wir Zeugen einer Krise, wie sie in dieser Plötzlichkeit und in diesem Ausmaße vielleicht noch nie in der Menschheit beobachtet wurde/ Deutschland hatte vor dem Kriege 55—40 Geburten auf 1000 Einwohner pro Jahr, im Jahre 1929 nur 17,9, in Berlin 10 Geburten. Diese Zahlen dürften heute bereits wesentlich unterschritten sein, welche Katastrophe sich in diesen Ziffern birgt, kann erkannt werden, wenn man als Crhaltungszahl etwa 20 Geburten annehmen muß. Und schließlich die K i n d e r z a h l auf die einzelne Lhe bezogen: in den achtziger Jahren 4,7 Kinder pro Ehe, 1929 nur noch 1,9 Kinder. Und dabei ist eine Durchschnittszahl von 5,4 Kindern allein zur Erhaltung der Bevölkerung erforderlich. Wer sich näher über diese unerhörte Bevölkerungsbewegung, ihre Ursache und ihre Prognose orientieren will, der lese eine Arbeit von Lrnst Kahn ft. Die dargestellte Entwicklung wird in ihren gewaltigen Ausmaßen jedoch nur übertroffen von der Bevölkerungskatastrophc, die die deutsche Juden heit in der Spanne eines Menschenalters betroffen hat. Eine Tabelle aus dem Werke Kahns vermag dies deutlich zu illustrieren. In Preußen kamen auf 1000 Einwohner: Geburten Gefamtbev. Juden 1860 40,0 51.7 1928 18,6 10,8 Das Resultat dieser Betrachtung: Bevölkerungsabnahme im allgemeinen und katastrophaler Geburtenrückgang der deutschen Juden. 5. Die Ursachen der Bevölkerungskrise. Wir haben als eine der Ursachen dieses Geburtenrückgangs die wirtschaftliche Uot des Einzelnen und der Familie erkannt. Ls wäre jedoch ein Trugschluß, wollten wir die Bevölkerungskatastrophe einfach als ein Ergebnis der herrschenden allgemeinen Wirtschaftskrise der Welt ansehen. Historisch verhielt es sich umgekehrt. Schon bevor der Zeiger des Wirtschaftsmanometers einen großen Ausschlag zeigte, konnte die gewollte Geburtenbeschränkung — und um sie handelt cs sich im Großen — schon in Linzelbeobachtungen festgestellt und richtig gedeutet werden. Die Geburtenbeschränkung begann in den höher kultivierten Kreisen, in der Intelligenz, und hat ft Der internationale Geburten streik. Von Ernst Kahn. Frankfurt a. M. 1930. S o - zietäts-Verlag. ihren Sicgeszug nunmehr im Proletariat beendet. Die Stadt war zuerst betroffen, heute ist die Kinderarmut bereits in weite ländliche Kreise gedrungen. Schon aus diesen Gründen ist es klar, warum die deutschen Juden in dieser wenig ruhmreichen Entwicklung vorangingen. Man übersehe auch nicht, daß in reiche n Ländern der gleiche Geburtenrückgang beobachtet wurde, und daß in früheren Zeiten trotz schwerster wirtschaftlicher Krisen die Menschheit ihre Fortpflanzung nicht beschränkte. Aus der wirtschaftlichen Rot konnte also erst dann die soziologische Krankheit erwachsen, nachdem der weltanschauliche Boden durch Umstellung der sittlichen Begriffe gelockert war. Die Einstellung auf die Gemeinschaft wurde vom Individualismus abgelöst, der Idealismus wandelte sich zum Materialismus, die Religiosität wurde durch den Rationalismus überwunden. Als Bestätigung dieser ursächlichen Betrachtung finden wir in den religiös positiven Ländern des deutschen Reiches auch heute noch eine höhere Geburtenziffer, und wir brauchen nicht weit Umschau zu halten: Die religiös verankerten Ostjuden haben trotz ihrer wirtschaftlichen Unterlegenheit weit mehr Kinder als die „aufgeklärten" deutschen Juden. Aber Wirtschaftskrise und Weltanschauungskrise hätten nicht so destruierende Wirkungen entfalten können, hätten sie nicht einen Partner in der Technik gefunden, deren Errungenschaften es mit großer Sicherheit gestatten, sich vor ungewollter Kinderlast zu schützen. Zu Hunderttausenden werden täglich die Verhütungsmittel fabriziert und nicht mit Unrecht hat Bernhard Shaw das Schlagwort geprägt: Die Kontrazeption ist die revolutionärste Erfindung des 19. Jahrhunderts. Reben den Verhütungsmitteln hat uns die Technik auch eine Vervollkommnung der Vernichtung keim en den Lebens beschert. Diese Methode mag zahlenmäßig hinter der Verhütung in ihrer ursächlichen Bedeutung für die Bevölkerungskrise zurücktreten. Rein menschlich ist es etwas Ungeheuerliches, daß 'diese Million von Frauen trotz der Strenge der staatlichen Gesetze, trotz der Gefahren, die durch die Operation dem Körper drohen, sich entschließen, das keimende Leben in ihrem Körper zu töten, und es ist kaum vorstellbar, daß alle diese Frauen bar seien der natürlichen mütterlichen Instinkte. Welch ein Maß an Seelenqualen liegt also in dieser einen Ziffer. Mehr als alles andere kann uns diese Ziffer eine Vorstellung geben von der körperlichen und seelischen Rot des Einzelnen, von der Gefahr, die daraus für die Bevölkerung erwächst. Der hervorragende Hygieniker und Physiologe R u bn e r zeigt in seinem hinterlassenen Werke „Die Feinde der Menschheit", wie im Laufe der Zeiten sich die verheerenden Seuchen gemindert haben. Heutzutage •'’ö® ivdVü Vis? r^np Von Alordechai David Rogosnihky in Telschi. mmm mm In der xnVoB zu iw »cno findet sich auf den 'pios nwrm lb '’?!■> rrv folgendes Gleichnis: Ein König kam in ein fremdes Land, da sprachen seine Diener zu ihm: „Gib ihnen Gesetze." Da antwortete er ihnen: „Wenn sie meine Regierung anerkannt haben, kann ich ihnen Gesetze geben, denn wenn sie meine Regierung nicht anerkennen, wie werden sie meine Gesetze annehmen?" So spricht der Allmächtige zu Israel: „Ich bin der Ewige, dein G'tt, du sollst keine andern Götter neben mir haben. Bin Ich es, den ihr anerkennt?" Da antworteten sie Ihm: „Ja." Da sprach Er: „So wie ihr meine Herrschaft angenommen habt, nehmt nun auch meine Gesetze an." Die tägliche Anerkennung des Königs der Könige, die Bekräftigung, dem Willen des Allmächtigen Dienst zu leisten, ist ynv nsnp- Es schließt die Verpflichtung ein, alle ms» zu erfüllen. Mischnah Berachoth 13a: •ns rnnp dx rrmP y»£ rens nmp n»i> nmp p ytpirp mx •mx» Piy v>by byn -p »nxi nb’nn /ro^» iny i’^y Die Eigenart der y»ty nxnp mx», liegt darin, daß sie eine rt'bbo ms», die Grundlage aller anderen mx» ist, daß wir uns mit ihr unter den Dienst des Königs stellen, um seinen Befehl zu befolgen, alles zu erfüllen. was er geheißen. Deshalb sagt nmp p yvim daß vvis y»p der yi»E? dx mm nens, vorangehen muß, weil ohne Unterwerfung unter den Dienst des Herrn keine Bürgschaft für die Ausführung seiner Gesetze gegeben ist. Damit' wird verständlich, warum o"v gerade mit y»iy nx’ip mx« beginnt. Die mv» will uns also nicht nur den r>n von vy sondern zugleich ein noi» py lehren, wie man an n-nnn rnvH Herangehen soll, v"» nby soll uns bei minn iimivoranleuchten, damit wir die nmn nicht als Wissenschaft unter Wissenschaften, sondern als rnpi>x nnan verstehen lernen. Die Anerkennung des ''»p rrn?» kann nicht mit Gewalt erzwungen werden, sondern muß eigener Erkenntnis entspringen, denn sie ist eine Sache des Glaubens, sie kommt über den Menschen, wenn er sich in die Herrlichkeit der Schöpfung, in die Wunder von G'ttes Hand vertieft und überall auf das Unfaßbare stößt. Von G'ttes Handeln lernen wir, wie man den Menschen zum Glauben bringt. Denn Er selbst fragte Israel: Bin Ich es, den ihr anerkennt? und ließ sie aus eigener Erkenntnis seine Herrschaft annehmen. Aber zwingt man den Menschen seine Ueberzeugung auf, so schlägt es fehl und hat gerade entgegengesetzte Wirkung. Nur die eigene Ueberzeugung führt den Menschen zu '®n nrnx. Wenn wir in der ersten nena von y»® lesen: Du sollst den Ewigen lieben, so ist dies, wie schon a'3»“i im y"» mx»n »so 'a mx», erklärt, auch in dem Sinne aufzufassen, daß wir in uns Liebe zum Allschöpfer fühlen. Der crn»» erklärt, das Betrachten seiner Werke und Gebote bringt die Erkenntnis seiner Allmacht und erfüllt dich mit einer so glühenden Freude, und damit fühlst du von selbst Liebe zum Allschöpfer. Diese Liebe ist also.keine erzwungene, sondern liegt als natürlich im Menschen. Diese Liebe erweckt in uns das Erlebnis von omxn nx’x’. Vordem hatte Israel noch keinen Glauben an den Schöpfer, wie es heißt 'na wax’v erst jetzt glaubten sie. Erst als die Allmacht ^a'aa, sich ihnen bewiesen und seinen himmlischen Arm ihnen entgegenstreckte, lebte in ihnen die Ueberzeugung und Liebe zu ihrem König auf. Ebenda findet sich die xrPa»: Warum wurden die ni-am /n©y nicht am Anfang der mm gesagt? Darauf ein Gleichnis: Ein Fremder kam in ein Land und sprach zu den Bewohnern: Ich will über Euch König sein. Da sprachen sie zu ihm: Hast Du etwas für uns getan, daß Du über uns herrschen willst? Was tat er? Er baute ihnen Mauern, leitete ihnen Wasser zu, führte für sie Kriege. Als er sie dann wieder fragte: Soll ich über Euch regieren?, sagten sie ihm: Ja. So der Ewige. Er führte sie aus Aegypten, spaltete das Meer ufw. Dann sprach er zu ihnen: Soll ich über Euch regieren? Da antworteten sie ihm: Ja. Als daher der Ewige sich ihnen offenbarte, sprach er zu ihnen ,omx» px» mnxxm ->vx tp1>k m 'mx er erwähnte das Werk, das sie mit eigenen Augen erlebt, durch das sie zum Glauben gekommen waren. Aus dieser Erkenntnis heraus haben sie »»v rnab», auf sich genommen. Hiermit steht nicht in - Widerspruch, daß ,nin nVap von ihnen erzwungen wurde, wie die xni"2» sagt. Der König, der vom Volk anerkannt ist, diktiert seinem Gefolge als unabänderlichen Befehl mr» ibap, wenn nicht oamiap xnn llv- Das selbsterwählte ®'» biy nbap verpflichtet uns, wie die Diener dem Herrn, die rnxv zu erfüllen, seine miay im Leben zu tun. Nochmals R. Eliefer hokalir. Den Heidenheimartikel von —tz. habe ich mit großem Interesse gelesen. Da Sie nun zu Anfang seines zweiten Teiles die von Heidenheim stammende Zeitbestimmung für