Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1932)
- Date
- 1932-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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16. Juni 1932 Nr. 25 Frankfurt a. M., den n. ©»an sssg Der Israelit «(]]] Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum mmS^ Will Begründet von Dr. Ledmann in Mainz. \\ 1 i Begründet von Dr. Lehmann ln Mainz. W Abonnement ab Juli 1929: Deutschland ILO Mark monatlich; Ausland: Bterteltahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 23 Fr.; Belgien ab l. 7.27. Belga5. Holland 2 st.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Jugo» slavien 33 Din.; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengo 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldvf. für die stebengesp altene Nonpareille-Zeile. 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Jacob Levy in Berlin, einen unserer medizinisch und religiös sachkundigsten Mitarbeiter gebeten, aus Grund einer von uns seit längerer Zeit vorbereiteten Sammlung des literarischen Materials eine Serie von Aufsätzen zu den brennenden Sexualfragen der Zeit zu schreiben, die nach einem Ueber- ’ blick über die Probleme und die verschiedenen Lösungsversuche den Standpunkt der überlieferten jüdischen Weltanschauung zu diesen Problemen klarlegen sollen. Im folgenden beginnen wir mit der Veröffentlichung dieser Aufsätze, die nach Abschluß in Buchform in unserem Verlage erscheinen werden. Red.). In einer Menschheit gesund an Leib und Seele gibt es kerne sexuelle Frage, denn Natur und Sittlichkeit sind dann eins, von diesem Ideal ist die Menschheit weiter entfernt als je. Da sind zwei Kräfte, die das normale Naturgeschehen hindern: die unnatürliche W i r t s ch a f t s entwicklung und die den natürlichen Menschheitsgesetzen entfremdete seelische Einstellung. So musste die Not kommen; die Not für die Menschengemeinschaft, die Not für den Cinzelmenschen. 1. D j e Not des Individuums. Ein jeder weiß heute, daß das Wirtschaftssystem der Völker schuld ist an der wirtschaftlichen Not. Die Natur gäbe bei friedlicher Organisation alles her, um ein Vielfaches der heutigen Menschheit zu ernähren. Aber da werden zwischen die Völker unnatürliche Wirtschaftsschranken gesetzt, und innerhalb des Volkes Hochspannungen geschaffen, die die gegebenen Gegensätze von relativer Armut und relativem Reichtum ins Unendliche vergrößern. Und unter dem zermalmenden Druck der Wirtschaftsmaschine geht die einzelne Familie, der einzelne Mensch zu Grunde. Und zu der wirtschaftlichen Not kommt die Not der Seele. Lut bonum? Wofür all die Oual der Zeit? Solange die positive Einstellung der Menschheit in der Fortpflanzung einen höheren Zweck erblickte, dessen Bestimmung einem jeden einleuchtete, der das Individuum einreihte in die historische Kette einer Volksentwicklung, so lange konnte eine solche Frage nicht Verbreitung finden. Das Individuum wusste und fühlte, wo sein platz in der Gesamtheit, im Erdengeschehen war. Als aber der Zeitgeist das Individuum selbst auf den Thron erhob, und die Gemeinschaft nur als Mittel zum Zweck, als Voraussetzung der Kräfteentfaltung und Genüsse des Einzelnen, in den Hintergrund trat, da ward die Frage akut: Cui bonum? wofür die Not der Zeit? Für den Einzelnen entsteht ein Doppelproblem: Die sexuelle Not vor der Che und die sexuelle Frage i n der Ehe, und hinter dem Bild des Kampfes und des Untergangs der einzelnen Familie wächst in erschreckende?: Rresenmaßen empor das Problem des Geburtenrückgangs: die Bevölkerungskrise. Die Not vor der Che wurde früher die sexuelle Frage des Jugendlichen genannt, weil die normale Entwicklung früher oder später den Jugendlichen in die Che führte.- Die Forderung einer Frühehe für die Allgemeinheit aufzustellen, ist angesichts der Wirtschaftslage heute fast ein Anachronismus, wo der Jugendliche nichts oder nur so wenig sein Eigen nennt, daß er selbst kauni sein Leben fristen kann. So entschwindet dem Jugendlichen das Idealder Ehe in neblige Ferne. Und es ist ein grausiger Gedanke, daß so vielen vielleicht nie eine Che, eine Betätigung ihrer natürlichen Fortpflanzungskräste möglich sein wird, wenn keine Aenöerung der wirtschaftlichen Situation, keine Umstellung der seelischen Position erfolgt. Und während dieser schweren Jahre tobt ein halbes Menschenalter hindurch im Innern ein Kanipf der Seele mit dem Körper. Nur die Minderheit der sittlich Starken siegt nach schwerem Kampf, und die Mehrheit unterliegt dem Trieb im Innern und dem pfeilregen der äußeren Reize, mit denen die heutige Kulturwelt in besonderem Maße die Menschheit überschüttet. Dieses überspitzte System sinnlicher Reize mag seinen tiefsten Grund wiederum in der unnatürlichen inneren Spannung haben, die einen großen Teil der Menschheit beherrscht. Ein circulus vitiosus sexueller Not. So ist es verständlich, wenn der schwache Wille an der schwächsten Stelle den Ausweg sucht und seinem Trieb unterliegt. Indes die Niederlage selbst schafft kein Stadium der Ruhe. Da stellen sich Krankheiten des Körpers ein, die die unnatürliche Betätigung des Geschlechtstriebcs im Gefolge haben. „Die schlimmste Geschlechtskrankheit, die in ungeordneten Beziehungen erworben wird, ist sicher die Charakterlosigkeit, in welche der Mensch verfällt, wenn es ihm gar zu leicht gemacht wird, eingreifende Beziehungen zu seinem Mitmenschen so einfach nach subjektivem Belieben zu lösen und zu vergessen und haltlos immer neuen Erlebnissen nachzugehen." (Förster). So finden wir von Not zu Leichtsinn alle Uebergünge, und das Ergebnis ist dann der Typ des I u n g g e s e l l e n , der sich auf bequeme Weise ein Glück sexuellen Fehllebens gezimmert, auf eigene Weise die sexuelle Frage gelöst hat und es für seine Person ablehnt, am Bau der Welt mitzuwirken. In individualistischem Trotz will er nichts von der Che wissen, die Natur und Sitte als Trägerin der Menschheitsentwicklung bestimmt haben. Ein bedrohliches Symptom sittlicher Not der Zeit. Und in die Fenster des e h e l i ch e n Hauses selbst ist die Not eingestiegen. Denn wenn nach einem halben Menschenalter die Ehe geschlossen ist, beginnt der Kamps mit der Hydra wirtschaftlicher Sorgen in verstärktein Maße. Um so härter wird der Kampf, je höher die Ansprüche an persönliches Glück und Genießen stch melden. Hier bemerken wir die ganze Skala der Wohnungsnot und der Wohnungsansprüche, der Bedürfnisse an Nahrung und Kleidung, an Beteiligung an kulturellen Gütern in den verschiedensten Abstufungen — von der körperlichen Not des Leidens und der Sucht nach persönlicher Bequemlichkeit, abgestuft auch je nach der persönlichen Einstellung zur Welt. Gleich dem Manne wird auch die Fra u in das Erwerbsleben hineingezogen. Wie kann sie da ihrer natürlichen Eigenart leben und Kinder erzeugen? Ist so überhaupt noch eine normale Entfaltung der Triebe den Eheleuten möglich? „Unsere Not — das ist die Hemmung des ehelichen Lebens". Die Kameradschaftsehe ist auf dem Marsche, und es ist nicht zweifelhaft, wohin der Marsch geht. Der natürliche Wille zum Kinde, einmal unterdrückt heißt nicht selten erstickt. Die Verantwortung für dje Gemeinschaft einmal aufgeschoben, heißt nicht selten aufgehoben. Und wächst einmal eine Kameradschaftsehe zu einer Familrenehe empor, welch harte Kämpfe