Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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9. Juni 1932 Der Ssraci’tl 23 I ä) t t c r Nr. 7 Seite 7 kann die unabhängige Orthodoxie auf praktische Palästinaarbeit verzichten? Eine grundsätzliche Auseinandersetzung anläßlich der 20. Wiederkehr der Aattowitzer Gründungstage. Von Rabbiner Dr. Hermann Klein in Berlin. Ueber die Frage, ob die unabhängige Orthodoxie praktische palästinaarbeit leisten soll, sind die Meinungen innerhalb der Orthodoxie geteilt. Der ganzen Orthodoxie ist Crez Iisroel heilig und wertvoll, es ist ihr die Urheimat der jüdischen Seele, der Urquell jüdischen Geisteslebens, von dem alle Ströme jüdischer Geistigkeit gespeist werden und zu dem alle Ströme wieder zurückführcn, aber nicht alle glauben, daß es erste und oberste Pflicht der Orthodoxie sei, im Lande der Väter praktisch kolonisatorische Tätigkeit in großem Stile zu entfalten. Cs sind teils praktische, teils ideologische Gründe, die gegen eine praktische Betätigung der Orthodoxie im heiligen Lande ins Treffen geführt werden. Unter den praktischen Gründen steht an erster Stelle die bekannte und nicht wegzuleugnende Armut der orthodoxen Iudenheit, die eine erfolgreiche Tätigkeit kaum erhoffen läßt und man hat Angst vor der „Maus" und man läßt daher die Berge lieber nicht kreißen. Unter den ideologischen Gründen sind viele sehr beachtenswert, so namentlich diejenigen, die von einer intensiven palästinaarbeit eine Vernachlässigung der Golusarbeiten befürchten, die zu einer Verneinung des Golus selbst führen und eine solche Verneinung des Golus ist für das ganze Geschick des Judentums äußerst gefahrvoll. Ich will es mir versagen, auf die gegnerischen Gründe weiter einzugehen und sie evtl, zu widerlegen, denn ich gebe ohne weiteres zu, daß all diese Gründe berechtigt wären, wenn die Frage lauten würde, ob überhaupt in Palästina praktische Arbeit seitens der ganzen Iudenheit geleistet werden soll, dann könnten wir unsere Gründe dagegen ansühren, aber so fleht doch die Sache gar nicht. In Palästina wird praktische Arbeit von Juden geleistet, die Fleisch von unserem Fleische, aber leider nicht Geist von unserem Geiste sind und da erhebt sich die Frage: Können und dürfen wir, denen Crez Iisroel ein Stück ihrer Seele ist, die mit ihrem Perzen und ihrem Geiste im heiligen Lande der Väter wurzeln, die im Geiste jeden Tag jeden Stein und jedes Staubkörnchen der heiligen Heimaterde küssen, deren Augen tränenfeucht sehnsuchtsvoll dreimal täglich nach Zion blicken und die mit ihrem Herzblut die Heimaterde erlösen möchten, die Arbeit jenen überlassen, denen Crez Iisroel ein Land ist wie jedes andere Land, die im Lande selbst keinen Hauch der Heiligkeit des Landes verspüren, denen die Steine stumm sind und ihnen nichts vom Geiste des Landes zuraunen, denen die Bäume nicht von der Vergangenheit rauschen und denen die Arbeit dort keine heilige Arbeit ist, denn wie könnte sie sonst zur Cntweihung des Heiligtums, des jüdischen Heiligtums führen. Ich muß immer an den Geist im Midrasch denken, der klagend zu den weisen kam und ihnen bitter weinend erzählte, daß er seit Jahrtausenden an der Ouelle sitzt und die Ouelle hütet, damit niemand, der aus der Ouelle trinkt, Schaden leide und nun kommt ein neuer Geist, der ihn verdrängen will, wie muß es dem Genius des heiligen Landes zumute sein, wenn er die Arbeit sieht, die angeblich für das heilige Land geleistet wird und so sehr Allem widerspricht, was in diesem Lande als heilig und geweiht gelten dürfte! Jetzt lautet die Frage: Kann und darf die Orthodoxie bei Seite stehen, wenn sie steht, daß in ihrer Heimat, ln der Heimat ihrer Thora, in der Heimat ihrer Seele, diese ihre Thora mißachtet wird, dort ihre Seele geknebelt wird, daß sie sich nicht frei entfalten kann? Kann und darf die Orthodoxie zu arm sein, kann es irgend eine Golusideologie geben, die es verständlich erscheinen ließe, daß wir dieses Land, das uns angeblich das heilige ist, jenen überlassen, die dort unsere heiligen Ideale fälschen? Ich will nicht sagen, daß die Zionisten unsere Ideale mit Absicht entweihen wollen, aber da ihre Ideale sicherlich nicht die Ideale des Judentums sind, da ihre Arbeit nicht an die vergangene Arbeit unserer Väter im heiligen Lande anknüpft, da sie ja assimilatorisch orientiert sind, so ist es verständlich, daß es ihnen nicht darum zu tun ist, im Heimatlande der Thora die Thora wieder als Herrscherin anzusetzen, daß sie sich unbedenklich in ihrer Arbeit über Fundamentalgesetze der Thora hinwegsetzen und wir dürften ruhig mitansehen, wie die „Königin in ihrem eigenen Hause vergewaltigt wird?" Die Geschichte soll die Lehrerin der Menschheit sein und unsere jüdische Geschichte müßte unsere Lehrmeisterin sein, aber wir lernen ja doch nichts aus der Geschichte. Line Erscheinung der letzten Zeit, unter der wir noch heute schwer leiden, sollte uns zu denken geben. In der Mendelssohn'scheu Zeit waren die deutschen Gemeinden ansioi ll'vrn rvrrb»' das Thorastudium blühte überall und selbstverständlich wurden die Gemeinden im Geiste der Thora geleitet. Alle Institutionen waren in jeder Gemeinde eine glatte Selbstverständlichkeit. Der alte jüdische Geist saß an der Ouelle und hütete diese O u e Ile vor jeder Trübung, damit niemand an seiner Seele Schaden nehme. Einige Jahrzehnte später und das Bild hat sich total verändert. An der Spitze der großen jüdischen Gemeinden stehen Männer, die keine Ahnung von Thora haben, in den Gemeinden fehlen schon lebenswichtige Institutionen für das jüdische Leben und die vorhan- Postscheck - Konto Landesorganisation: Landesorganisation der „Agudas Jisroel“ in Deutschland, Hamburg: No. 50 204 Hamburg. denen sind ihres jüdischen Charakters entkleidet, woher dieser plötzliche Wandel: Cs war eben eil andcrerGci st gekommen, der den alten verdrängen wollte u n 6 i h n auch für eine gewisse Zeit verdrängt hat. Cs war die sogenannte „jüdische Wissenschaft" gekommen, wie sie in Breslau gepflegt wurde und die Magd usurpierte den Thron der Herrin. Diearnan CzrVim alten Schlages lachten über diese sogenannte Wissenschaft, die, wie sie spöttisch meinte, eine Wissenschaft von „Titelblättern" und „Cinbanddcckeln" sei und doch erwies cs sich als ein schweres Verhängnis, daß wir diese Wissenschaft ganz jenen überließen. Cs ist ganz klar, daß, wenn rnan gefragt hätte, ob man lieber wpdiai d"V »pr» studieren soll als jüdische Geschichte, jüdische Literaturgeschichte, Religionsphilosophie und Geschichte der jüdischen Rcligionsphilosophie, die ganze orthodoxe Welt einstimmig geantwortet hätte, daß man selbstverständlich nur mm studieren sott und all die mmsna denen überlassen soll, -die nicht imstande sind, in die mm selbst tief einzudcingen. Und doch sehen wir heute, daß die Antwort falsch war, weil die Fragestellung eine falsche und irreführende war. Die Frage durfte nicht lauten, ob man eher apiai v"w lernen soll oder die sog. jüdischen Wissenschaften, sondern die Frage hätte lauten mitf: sen: Dürfen wir diese jüdischen Wissenschaften, die sicherlich keine mm ’flia sind, die aber wie ein schmückender Kranz die Thora umgeben können, Leuten überlassen, die diese Wissenschaften pflegen, um aus ihnen heraus Beweise und Begründung für ihren Abfall zu schmieden, die diese Wissenschaften pflegen, um durch sie die Thora entthronen zu können? Dürfen wir sie jenen als Domäne überlassen, die sie umbiegen und fälschen, um nur ihr subjektives Verhallen zu rechtfertigen? Die Antwort war objektiv falsch. Wir sehen heute, welches Unheil angerichtet wurde und welches Unheil noch heute durch die sogenannte jüdische Wissenschaft angerichtet wird. Die anderen Kreise blieben die Hauptwortführer der jüdischen Wissenschaft und unsere besten Geister hatten Mühe genug, um den Schutt wegzuräumen, der voll dorr Trümmern zurückblieb, den die sog. Wissenschaftler verursachten. Zu konstruktiver aufbauender Arbeit kamen sie nicht und kommen noch heute nicht dazu. Roch heute fehlt uns eine Gesamtdarstellung der jüdischen Geschichte von einwandfreier jüdischer Seite, noch heute muß jeder die Geschichte der jdüischen Religionsphilosophie aus Duellen kennen lernen, die alles eher als jüdisch und rein sind. Mehr als wir ahnen, haben diese a^m mso Verwirrung selbst in unseren ureigensten Reihen angerichtet. Die ganze sog. Orthopraxie hat ihren Ursprung in diesen trüben Duellen, aus denen jüdische Wissenschaft geflossen ist und noch fließt. Riemals hätte man irgendein Gebiet jüdischer Geistigkeit denen allein überlassen dürfen, denen es um wahrhaft jüdischen Geist, um wahrhaft jüdisches Leben gar nicht ernst zu tun war. Roch viel tragischer dürfte sich die Abwesenheit der Orthodoxie im heiligen Lande auswirken. Bleiben wir fern, so wird sich dort das Leben ohne uns und gegen uns auswirken. Das praktische Leben und der praktische Aufbau im heiligen Lande zeitigen täglich neue Probleme, Probleme praktisch religiöser Ratur, aber auch Probleme geistiger 'Art, die gelöst werden müssen und auch gelöst werden. Sind wir nicht dort, so erfolgen diese Lösungen ohne uns und gegen uns. Und diese praktischen Lösungen schaffen eine geistige Atmosphäre, die pseudo-jüdisch ist, aber von allen in Crez Iisroel lebenden und schaffenden Juden als jüdisch angesehen wird. Ich denke an die pseudojüdische Lösung der Schemitobfrage, an die praktischen Lösungen in den verschiedenen täglich neu auftauchcndcn Sabbatfragen, die dringend eine Lösung erheischen und auch erhalten, die den Sabbat zur Rot noch als einen nmm av aber niemals als einen NVn pi nnv» av» als einen Tag der Heiligung, der Seligkeit von überirdischem Ausmaß erhalten. Bei dem pxn p:j erlebt man einen pnn* der jüdischen Geistigkeit, der weit weit schlimmer und in seinen Folgen verhängnisvoller ist, als der tatsächliche prrn jrnin- Lei dem pxn pmn blieb der jüdische Geist intakt und wir konnten hoffen, daß der jüdische Geist sich schließlich sein Heim aufs neue erbauen wird, aber bei dem neuen pn wird im Ramen des Judentums der jüdische Geist verfälscht, wird die Fälschung gar nicht als solche erkannt. Ich will auf Cinzclheiten nicht etngehen, aber ein jeder aufmerksame Leser der palästinensischen Presse wird und muß es zugeben, daß dort ein neuer Geist im Anzuge ist, der den alten jüdischen verdrängen will. Können und dürfen wir warten, bis alles in Trünnnern liegt, um dann mit dem Wegräumen des Schuttes zu beginnen? Soll sich unsere ganze Kraft in diesen Wegräumungsarbeiten erschöpfen, daß wir dann zur Aufbauarbeit gar nicht mehr kommen? Das Leben geht weiter und der Abwesende behält Unrecht, wir sind nicht dort und wir werden nicht gehört.' wir sind arm und wir glauben nichts Rennenswertes leisten zu können. Wir wären nicht arm, wenn wir nur den Entschluß fassen würden, arbeiten zu wollen. Und arbeiten heißt praktisch arbeiten, denn nur der erhält Einfluß auf das praktische Leben, der mitten im praktischen Leben steht. Mit Erziehungsarbeit in deir Schulen allein ist es nicht getan. Mit dem arbeitenden Volke Mitarbeiten, mitleben und mitsorgen, darauf, allein kommt es an. vielleicht ist es noch nicht zu spät, aber bald könnte es zu spät werden. Alle Bedenken, alle Cinwände und alle Argumente gegen praktische palästinaarbeit, sie mögen noch so berechtigt sein, sie müssen gegenüber der Tatsache schweigen, daß dort gearbeitet wird und wir können und dürfen uns nicht ausschalten lassen, weil die ganze geistige Zukunft der kommenden Generationen, für die wir mitverantwortlich sind, auf dem Spiele stebt. von dem arbeitenden, schaffenden Palästina dringen Ströme neuer Geistigkeit in alle jüdischen Kreise. Sollen diese Ströme nicht alles wertvolle geistige jüdische Gut der Vergangenheit wegschwemmen, so müssen wir dafür sorgen, daß sie von diesem geistigen Erbe der Vergangenheit gespeist worden. Dazu müssen wir aber an die Ouelle Herangehen, wo die Ströme entspringen und dem alten Geist zum Siege verhelfen. Das w a r d e r R a t d e s R a b b i, den er ö e in