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Der Israelit · 1932-06-09 · Heft 24 (9.6.1932) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 24 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 2 Nr. 24 Der Israelit 9. Juni 1932 „Me ist das kulturelle, das geistige und religiöse Leben?" Cs sind welche darunter, die ein hohes Maß von talmudischem Wissen besitzen und mit den anderen lernen, welche dabei, die sich aus anderen geistigen Sphären zum jüdischen.Pflichtbewusstsein durchgerungen haben und hier vom Milieu ganz erfaßt wurden. Die Mädchen lernen in freier Zeit Tnach, Geschichte und Hebräisch (viele sind über „Schalom" noch nicht hinausgekommen, aber es wird schon werden!) Der Sabbat ist ein Tag absoluter Ruhe und geistiger Trhebung, ist von morgens bis abends mit Andacht, Lektüre und Lernftunden ausgefüllt. Ich kann einer Gemorohstunde beiwohnen und muß zuletzt sogar vor der versammelten Korona ein kurzes Referat über das Leben im neuen Palästina halten. -wir besichtigen die verschiedenen Räume und Baulichkeiten. Sauber und zweckmäßig die Küchen- und Waschräume. In der Käserei alles blitzblank. Etwas eng die Schlafsäle oben. Draußen im Hofe großer Betrieb. Im großen Garten waltet der Gärtner zwischen seinen Gemüse- und Blumenbeeten.. Im Kuh stall stehen in Reih und Glied 25 Kühe, Kälber und Ochsen. Crstere bezahlen ihre gute Pflege täglich mit vollgefüllten Milchzubern, die es ermöglichen, daß das ganze gesetzestreue Fulda mit Milch, Butter und Käse versorgt wird. 150 prächtige Hühner im Hühnerstall liefern fleißig die Tier dazu. Jede Henne hat ihre Rümmer und jede Kuh ihren Kamen. Ihre Leistungen bei der Milch- und Tierproduktion werden gewissenhaft registriert. Auf den Feldern wächst der Roggen, der Hafer, auch etwas Weizen und besonders die Kartoffeln. Das Brot wird aus dem eigenen Korn hergestellt. Von den vier Gäulen im Stalle dürfen zwei sich noch nicht zur Ruhe begeben, sie werden uns nach Kerzell an die Bahn fahren müssen. Die Arbeit beginnt frühmorgens mit dem Morgengebete und schließt abends um sieben. .Rach getaner Arbeit folgen Moncho, Abendessen, Schiurim, Maariw, Kurse, anregende Unterhaltung. Man muß früh ins Bett, den wenn gegen fünf Uhr — in der Erntezeit früher — die Sonne über den Wipfeln der Rhönwälder auftaucht und der stimmbegabte Hahn im Hühnerhause seinen Weckruf in den Hof hinauskräht, dann heißt das: „Auf, zur Arbeit! ..." Dieser Geringshof ist der Rachfolgestaat des früheren misrachistischen Rodges. Tr wird erhalten vom „Vereine Jüdische Landwirtschaft" (Sitz in Frankfurt) und von einigen verwandten Organisationen (auch von Aguöas Iisroel) unterstützt. Die jungen Menschen zahlen, soweit sie bemittelt sind, ein Minimum, das aber bei weitem für die Crhaltungskosten nicht ausreicht, um so weniger als das Lehrgut nicht unter den Gesichtspunkten der Rentabilität arbeiten kann, sondern alles pflanzen und bauen muß, was zur vollen Ausbildung der Schüler beiträgt. Die zionistische Organisation gewährt einen Zuschuß, doch darf das Lehrgut nicht als ein an eine politische Organisation gebundenes Institut angesprochen werden. Alle seinen Menschen legen durch Tat und Gesinnung mehr Wert darauf, ein Brith Chaluzim Dathim (Bund religiöser Thaluzim) zu sein. Dieser Bund beschränkt sich nicht auf Geringshof, sondern erhält kleine Gruppen in der nahen und weiten Umgegend und sogar in Holland. Die jungen Menschen, die bei christlichen Bauern untergebracht sind (das System hat sich bei allen antisemitischen Strömungen gut bewährt), sind in kleinen Gruppen zusammengeschlossen, die sich selbst verpflegen und in steter Fühlung mit der Zentrale in Geringshof stehen. Die Sabbatruhe ist ihnen gesichert. Die größere Gruppe in Holland arbeitet selbständig. Die Anmeldungen fließen in letzterer Zeit sehr reichlich, doch können mit Rücksicht auf den Raum — auch werden mancherlei Voraussetzungen an Fährigkeit, Charakter und Gesinnung gestellt — nur wenige berücksichtigt werden. Zur Zeit ist ein Verein Freunde von Geringshof (Rodges) in Bildung begriffen, der Mitglieder mit dem kleinen Beitrag von einer Mark im Monat zu gcwinnen sucht. Das Kuratorium mit dem Sitz in Frankfurt a. M. (Vorsitzender Herr Benno Kohn), ebenso das Büro in Geringshof nehmen Mitgliedsanmeldungen und Beiträge entgegen. Lauern aus der Umgegend kommen Sonntag nachmittag, um das „Iuöengut" zu bestaunen. Sie stehen wie vor einem wunder in den sauberen Stallungen, vor den bestens gepflegten Aeckern und Gärten. Sie lernen in bezug auf die landwirtschaftliche Eignung der Juden um, und gestehen es offen ein. Das Verhältnis zu der Bevölkerung der umliegenden Dörfer ist das denkbar beste. Die Lauern vom Hattenhof grüßen die „Geringhofer" schon längst mit „Schalom! ..." Lehrgut Geringshof Mädchen bei Flickarbeiten. Es dunkelte bereits, als uns die zwei strammen Braunen den Feldweg — er wird von den jungen Juden alle paar Tage mit eigenen Händen gesäubert und geebnet — zur Bahn hinunterfuhren. Der jetzt auf dem Bocke saß und mit den Gäulen hebräisch sprach, war ein junger Mensch, der früher in einer deutschen Großstadt die höhere Schule besuchte. Ein echtes rechtes palästinensisches Kewuzahleben mitten in den Wäldern des Fuldaer Länöchens; „Aulim", die von alten jüdischen Träumen täglich mehr in die Wirklichkeit steigen. Lehrgut Geringshof Bei der Gartenarbeit. wir wissen nicht, wie die anderen, überall verstreuten jungen Menschen vom Brith Chaluzim Dathim geartet und eingestellt sind. Sollten sie alle von demselben guten Geiste geleitet sein, wie er in ihrer Zentrale in Geringshof herrscht, dann sollten wir in der Orthodoxie diesem Unternehmen der Hackschara volles Interesse zuwenden. -tz. 70 Zahre Zudenemanzipation in der Schweiz. Die Heimat der Schweizer Juden ist der an Deutschland angrenzende Kanton A a r g a u, und zwar die beiden Dorfgemeinden E n d i n g e n und Lengnau, deren wunderschöne, heute leider halbverlassene Synagogen hier im Bilde wiedergegeben sind. Im Mai 1862 wurde die Emanzipation der Juden in der Schweiz und ihre Freizügigkeit nach schweren Kämpfen errungen. Ueber den Verlauf dieser „Befreiungskämpfe" entnehmen wir einem Aufsätze des Herrn Louis Wyler, Baden folgende Angaben: Aus den Städten der alten Eidgenossenschaft nach und nach ganz vertrieben, ward unseren Vätern um die Mitte des 18. Jahrhunderts von der Tagsatzung die Grafschaft Baden zum alleinigen Wohnsitz angewiesen. Aber auch dieses schon sehr enge Wohnrecht wurde im Jahre 1774 auf die beiden Dörfer Cndingen und Leng n a u beschränkt, von da ab waren die zwei Iudendörfer die einzige, ja erste „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte" unserer Großväter in der Schweiz. Cs 'war ja herzlich wenig, zu was sie „berechtigt" waren: in gemieteten Häusern zu wohnen, Chen nach einem Rumerus clausus zu schließen und ihrem Brot unter recht harten und oft entehrenden Bedingungen nächzugehen — das waren aber immerhin Privilegien in einer Zeit, da Iudenrecht und Menschenrecht noch wenig ähnliche Begriffe waren, und da in der ganzen übrigen Eidgenossenschaft kein Jude festen Fuß fassen durfte. So wurde E n d i n g e n und L e n g n a u die Heimat der Schweizer Juden, die ihnen noch heute teuer ist mit all ihren Erinnerungen an ein schönes, jüdisches Gemeinschaftsleben, dem trotz aller Einschränkungen der Zauber der Geborgenheit und echter Heiterkeit inne wohnte, dem aber auch geistige und familiäre Auseinandersetzungen nicht fremd waren. Leben, jüdisches Leben, pulsierte in den zwei Iuöendörfern des Surbtales, von dem heute fast nur noch die prächtigen Synagogen und — das stille „Beis Hachajim" zwischen den beiden Ortschaften Zeugnis ablegen. Als durch die französische Revolution auch über die Schweizergrenzen ein freier Luftzug wehte, fiel ihm eine der entehrendsten Ausnahmebestimmungen zum Opfer: der L e i b z o l l, den wir an jedem Tor und an jeder Brücke bezahlen mußten. Dem Zofinger Dr. Suter und dem waadtländer S e c r e t a n kommt das Verdienst zu, diese Bresche in die Mauer der Ausnahmegesetze geschlagen zu haben, und nun blieb die Iuöenfrage bis zu ihrer endgültigen Erledigung ein oft.wiederkehrenöes Traktandum der gesetzgebenden Behörden der Schweiz und des Kantons Aargau. Cs ist überaus interessant und lehrreich, das langsame Riederlegen der Iudenmauer zu verfolgen und den zähen Widerstand, der diesem Prozeß in der Schweiz geleistet wurde. 1799 und 1805 verwarf der Aargauische Große Rat weitgehende Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Juden. 1824 wurden die zwei jüdischen Korporationen zu selbständigen Gemeinden erhoben; 1826 folgte die Gleichstellung der jüdischen Schulen mit den christlichen; 1847 wurden die Chebeschränkungen ausgehoben, und das Jahr 1852 sah den ersten jüdischen Rekruten. Ins Rollen kam der, wie man steht, schon lange gelockerte Stein, als der Bundesrat im Oktober 1856 vom Aargau, gestützt auf einen Beschluß der Bundesversammlung, vollständige Emanzipation forderte. Der Aargau hingegen beeilte sich nicht, diesem Begehren nachzukommen; erst als am 2. Rovember 1860 die Regierung dem Großen Rate den nun unvermeidlich gewordenen Cmanzipationsentwurf vorlegte, nahte sich das Drama der Befreiung der Schweizer Juden seiner Krisis und endlichen Peripetie. Diese Vorlage mutete unglücklicherweise den christlichen Gemeinden Cndingen und Lengnau die Abtretung eines Teiles des Gemeindebannes an die neu zu schaffenden israelitischen Grtsbürgerschaften zu; denn diese letzteren waren die gesetzliche Vorbedingung für die Erwerbung des Kantonsbürgerrechtes. Damit aber war das Zeichen zu einer Volkserhebung unter dem Schlagwort: „weder Land noch neue Rechte!" zu Hintertreiben versuchte. Als ein Abgesandter der Baudirektion nach Oberenöingen kam, um für das Teilungsprojekt die nötigen Vermessungen vorzunehmen, entstand ein wahrer Aufruhr in der Gemeinde, so daß ein Polizeiposten von 4 Mann in den Ort gelegt werden mußte. Die Ortsbürgergemeinöe antwortete auf Anfrage der Regierung, „von ihrem Gemeindebann, den sie von ihren Vorfahren als ein unantastbares Eigentum für sich und ihre Rachkommen ererbt habe, nicht einen Schuh breit Landes zu vergeben; und dafür mit dem letzten Tropfen Blutes ihrer Ortsbürger und ihrer Weiber und Kinder einzustehen." — Aehnlichen Bescheid gab Lengnau. Und nun griff die Gärung von den Iudendörfern hinüber in andere Bezirke des Kantons. Die Volksseele ward durch De-

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