Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1 1 JL ff e B zum rier Erez Israel-Luft in der Rhön. Ausflug nach dem Lehrgut Geringshof (Rodges). Die jüdische Kolonie, die ich am Sonntag besuchte, liegt nicht am Ioröanufer oder im Cmek, sondern im weniger heiligen Fulda er Ländch e n. Die Reise dahin ist ein wenig beschwerlicher als nach den Bergen Judäas. Ist man einmal in Palästina gelandet, dann ist man d a und Schluß! Wenn man aber hier, nachdem man volle vier Stunden in der Holzklasse eines bedächtig dahinkriechenden personenzügleins tüchtig gerüttelt worden ist, vor einem Bahnhäfchen mit der schönen Aufschrift „Kerzell" haltgemacht,, dann beginnt erst die eigentliche Fahrt, mit-einem Pferde- oder Ochsengespann durch eine Dorfstraße und über ungeebnete Feldwege, bis zur Kolonie. Auch sonst fallen manche wesentliche Unterschiede ins Auge. Ls fehlt die duftende Orange, die liebliche Olive, es blüht keine Palme und keine Zeder. Und was da im bläulich-weißen Kopftuch sehr von der Ferne und von oben herab winkt, ist nicht der Hermon oder der Tabor, sondern die Wasserkuppe hinter den schwarzbewalöeten Bergterrassen der Rhön. Sonst stimmt so ziemlich alles! Vor allem die Menschen, sie sind ganz palästinensisch, in Kleidung, in Stimmung, Ln Ton und Einstellung. Zwei junge Juden, bäuerlich wie alle jungen Bauern der Umgegend, erwarten uns am Bahnhäuschen mit dem gelbgestrichenen Landauer, der von zwei feurigen Braunen gezogen wird. Als führen wir in D e g a n j a oder Kefar Thassidim ein, jubelt der Führer, knallt mit der peitsche und schnalzt mit der Zunge, da die erste jüdische Wiese sichtbar wird: „Die ist unser! . . . Und die hundertfünfzig Schafe, die da weiden, auch! Und auch der Schäfer! Seht, wie er gerade einem Schäfchen die Klaue manikürt! Auch ein Thawer, der Schäfer nämlich. Und hier die beiden Teiche sind von uns angelegt, es werden darin Karpfen und Forellen gezüchtet. Und die beiden Gemüsegärten, vorne der große und daneben der kleine! Und die in frischem Grün prangenden Aecker; 250 Morgen weit! Und sogar das lange Waldstück dahinter, alles uns, uns, uns! W i r bewirtschaften es." — Wer sind „Wir?" Durch den echten rechten Bauernhof, mit allem, was zu einem Bauernhof gehört: dampfende Düngerhaufen, Scheune, Stallungen, Hübnerhaus usw. gelangen wir in das große Wohnhaus und finden darin 42 junge Menschen, wie wir ihnen im „Scharon" und im „Cmek" zwei Wochen lang tagtäglich begegneten, die aber hier in den Bergtälern der Rhön für uns doch eine gewaltige Ueberrafchung sind. Die Cinfachheit und Ratürlichkeit sind stark betont in Kleidung, Wohnung, Nahrung, auch im Verkehr zwischen den Chawerim. Und das alles wirkt so erfrischend, wie die würzige Luft aus den nahen Fichten- und Birkenwäldern. . Keinem wäre es eingefallen,' den Rock, der nur für den Stadtbesuch reserviert ist, zu Chren des Besuches anzuziehen. In Kniehose und Sporthemd mit Lehrgut Geringshof Beim Auslesen der Kartoffeln. v»! hochaufgekrempelten Aermeln, dazu noch derbe Stiefel oder Holzschuhe an den Füßen und ein winziges Käppchen auf dem Kopf, so hantieren die jungen Menschen mit Spaten und Rechen, im Feld und im Garten. Vierzehn Mädels sind darunter, derb und einfach angezogen, natürlich und freundlich im Tone Lehrgut Geringshof Ein Kälbchen wird gefüttert. und emsig bei der Arbeit im Stall, in der Küche, im Keller, beim Butterschlagen oder Käsemachen. „Trinken Sie Kaffee mit?" Cs gibt keine großen Einladungen. Man tut gut, gleich zu bejahen, denn die Frage wird nicht wiederholt. Man setzt sich auf die schmale harte Bank oder auf einen brüchigen Stuhl und ist Kamerad unter Kameraden. Ein ganzer Berg gutgebackener bäuerlich schwarzer und dicker Brotscheiben häuft sich auf dem rohgezimmerten Tisch. Dazu werden in feierlicher Prozession fast mit klingendem Spiel von den beschürzten Mädels ganze Waschkessel (wenigstens der Form nach) zarten, blütenweißen Schmierkäses aufgefahrcn, harmonisch -betupft mit grünen Lauch- und Zwiebelpünktchen. „Greif hinein ins volle Leben!" d. h. in die volle Käseschüssel. Sie wandert den weiten weg über den Tisch von Pol zu Pol. Alles ist eigenes Gewächs, selbstgemacht. Wie mir scheint, auch die Kaffeebohnen, aus denen der braune Saft, der, wie sichs gehört, in Blechtassen verzapft wird, gebraut wird. Dafür dampft die warme Milch aus den bauchigen Blechkannen, als wären diese die Fortsetzung der gesegneten Euter irn Stalle. In wenigen Minuten ist das alles vom Tische wie weggefegt. War das eine Kaffeetafel! Ich habe sie selten im Leben schöner, schmackhafter und erquickender genossen. U. a. w. g. Und alsdairn wird gebenscht, sogar mit M i n j a n , auch nach jeden: Kaffecimbiß. kurz und bündig, wie sichs für schaffende Menschen gehört. Auf zur 2lrbeit! Es glucksen die Hennen im Hühnerhause, die Ucstec müssen der Einer entleert werden; es dampft die Brutmaschine. Cs summen die Bienen im Lienenkäfig; die Rosen und Blumen müssen gegossen und die Gäule gefüttert werden; die Schäfchen kehren heim und müssen in die pferche; in den Teichen muß den jungen Fischen Nahrung gegcbn werden. „Und im Stall die Kuh, macht muh, muh! .,. ." Inzwischen ziehe ich mich ins „Misrad" (das Büro) zurück, wo der oberste Leiter, Direktor in Kniehose und Hemdsärmeln mit schwieligen Händen, der treffliche Rudi Herz und der Sekretär, akademisch gebildeter Handelslehrer von Beruf, mir liebenswürdig die nötigen Auskünfte erteiletr. Zu den 42 Menschen, die zur Zeit das Lehugut bevölkern, kommen nächste Woche noch zwölf vom Freiwilligen Arbeitsdienst dazu. Die Schlafräume sind etwas eng, aber man richtet sich ein. Man ist ja nicht zur Kur hier, sondern um etwas zu lernen und — Anspruchslosigkeit, Cinfachheit, Genügsamkeit sind gute Dinge für das Leben. Die Lehrzeit beträgt in der Regel zwei Jahre. Zu gckt 70 Proz. sind die Schüler Kinder deutscher Eltern, denen andere Lieder in die Wiege gesungen wurden. Viele haben höhere Schule, alle Ieschiwa besucht. Sie bewähren sich glänzend. Der Rest kommt aus Polen, Galizien, Rumänien, Holland, Tschechoslowakei. Unter den Mädchen ist sogar eine junge Engländerin, die sich gut anläßt. Fast alle sehen in Geringshof gewissermaßen nur einen V o r h o f für Palästina. Alle arbeiten fleißig und mit Begeisterung, von einer Idee beseelt, von einem Lebensziel angetrieben, alle fügen sich willig den Einordnungen des Leiters, obwohl dieser den Vorgesetzten nie hervorkchrt und nur Chawer unter Chawerim ist. Der kameradschaftliche Ton ist gegeben. Jeder und jede steht mit jedem und jeder auf Du und Du.