Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 24 Der 3 s r a « 1 i i 9. Juni 1932 gibt einen klaren, knappen Ueberblick über die einschlägigen Bestimmungen, beginnend von der Bibel bis zum Schulchan Aruch. Beiläufig wird nachgewiesen, daß der Talmud in der Verwerfung des Eides offenbar noch weiter geht als die Bergpredigt. Die Scheu vor jedem Schwur, aber auch die unbedingte Heiligkeit eines einmal geleisteten Eides, fei es Juden oder Nichtjuden gegenüber, wird aufgezeigt. — Die Misthnastelle, die Lösung von Gelübden schwebe in der Luft, bedeutet nicht (wie Verf. meint), sie sei bedenklich, sondern — wie sich aus dem Zusammenhang ergibt — sie beruht nicht auf der schriftlichen, vielmehr nur auf der mündlichen Tradition. M. Philo und der Midrasch. Philos Schilderung der Gestalten des Pentateuch, verglichen mit der des Midrasch. Von Dr. phil. Edmund Stein. Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 57, Gießen 1931, Töpelmann. Geh. Mk. 3.20. In dieser fleißigen Arbeit, wird versucht, das Material herauszuschälen, das Philo den Midraschim verdankt, wobei allerdings die Vergleichung nie ganz ebenmäßig werden kann, weil Philo Charaktere zeichnen will und darstellt, während der Midrasch nur Charakterzüge hervörheben, aber ein Gesamtbild einer Persönlichkeit nicht geben will. Daher betont der Verfasser auch öfter mit Recht, daß z. T. die allegorische Deutung aus midraschische Quellen zurückgeht, z. T. die systematische Arbeit Philos fremde urjüdifche Gedanken verwendet. Stein ist weit über die Angaben, die die deutsche Uebersetzung Philos liefert, hinausgegangen und gewährt einen nicht zu unterschätzenden Einblick in Philos Arbeitsweise. Die Deutung der Namen der biblischen Personen, die doch zumeist auf die Septuaginta zurückgeht, wird hier bisweilen auf die hebräische Urform hingedeutet. Vielleicht ist doch die Kenntnis des Hebräischen bei Philo nicht so gering, wie inan gemeinhin annimmt. Reiche Anmerkungen, Me die Quellen bringen und auch oft auf Josephus verweisen, erhöhen den Wert dieser guten wissenschaftlichen Leistung K. Die heutige Lage Palästinas und die christlichen Interessen von Dr. Valmar E r a m e r. 1900 Iahre Pilgerfahrten zum heiligen Land von P. Joh. Spargel. Das heilige Land in der neueren Dichtung von Dr. Heinz Stephan. Judentum und Zionismus von Dr. Eugen Müller. Paläsiina-hefte des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande. Köln. Verlag I. P. Bachem. G. m. b. H. Heft 1—3 je Mk. 1.20, Heft 4—6 Preis Mk. 3.60. Allgemein kann man von diesen Veröffentlichungen sagen, daß sie einerseits von Liebe zu den Themen — zumal zum Heiligen Lande — beseelt sind, andererseits bei möglichster Objektivität die katholischen Interessen in den Vordergrund stellen. Es sind ganz vorzügliche Aufklärungsschriften, die Jeder mit großem Nutzen lesen wird. Eramer will einen unpolitischen Ueberblick über die gegenwärtige Lage in Palästina geben, er behandelt die Unruhen des Jahres 1929, die wirtschaftlichen, ethischen und nationalen Fragen des Landes und spricht schließlich ausführlich über die Sorgen der Katholiken, deren Ziel lautet: „Wir müssen sorgen, daß Palästina befriedet bleibt, frei von rossen- und weltpolitischem Kampf und nationalpolitischen Bestrebungen . . ." Spargel liefert einen historischen Bericht über Pilgerfahrten, angefangen mit den Wallfahrten der alten Israeliten bis in die jüngsten Tage hinein, und bespricht ihre Motive, vornehmlich die der Pilgeroereine. Er wünscht — nicht mit Unrecht — daß man jeder Pilgerreisegesellschaft einen solchen historischen Bericht zu Beginn der Fahrt vorlese. Stephan führt an mehreren Beispielen aus, wie Palästina die Literatur beeinflußt habe. Er zeigt an Belegen die Verschiedenartigkeit der Darstellung, die die Landschaft gefunden hat und zieht neben den Romanen auch Land- und Leuteschilderunaen heran. Der Vortrag ist recht lesenswert, yiur ein Zionistenroman wird behandelt Pierre Benoit, Le puits de Jacob, Paris 1925. Müllers Arbeit ist ein vortreffliches Orientierunqsbuch über den Stand der zionistischen Arbeit, in der Politik, in der Bodenfrage, der Bodenbearbeitung und ergebt sich auch in Stellungnahme zu Gegenwart und Zukunft des Landes. Der Verfasser beginnt mit einer einleitenden Studie, die der jüdischen Welt überhaupt gilt und geht dann zur zionistischen Bewegung über, wobei er über Einwanderung, über den Keren Kajemeth, über das politische, über das Arbeitsproblem usw. spricht, und erörtert schließlich das Verhältnis Christentum und Zionismus. Schon im Texte wird viel amtliches und statistisches Material verarbeitet, in größerem Maße tun dies noch die 14 beigegebenen Tabellen und der zwiefache Anhang. Der eigentliche Text klingt in einen wirkungsvollen Appell gegen den Antisemitismus aus. Die Lektüre sämtlicher Hefte ist bestens zu empfehlen. Der Jude im deutschen Lulturkreise. Ein Beitrag zum Wesen des Nationalismus von Felix Goldm a n n (Leipzig). Berlin 1 930. Philo- Verlag G. m. b. H. Der Philo-Verlag gibt mit diesem Buch eine erneute Auseinandersetzung zwischen dem Zionismus und der Auffassung des im Zentralverein sich manifestierenden deutschen Judentums, eine gründliche Diskussion des Begriffes Nation und des Verhältnisses jüdischer und deutscher Kulturelemente ebenso wie eine Darstellung des Wesens des jüdischen Nationalismus, der dem Verfasser als falsch erscheint und überwunden, werden muß. Der Standpunkt, von dem Goldmann ausgeht, ist der des liberalen Judentums. In Hermann Cohen hatte dieser Standpunkt bisher seinen Hauptkronzeugen. Dieser ist aber in seiner Behandlung des Themas „Deutschtum und Judentum" nicht genügend auf die konstitutiven Merkmale der Grundbegriffe eingegangen. Goldmann schafft seiner Auseinandersetzung eine breitere Basis. Er weist nach, daß das Deutschtum eine Mischkultur ist, daß Abstammung und Rasse für das Kulturschöpferische nebensächlich, daß die Juden eine zwar schwindende, aber noch vorhandene Eigenart besitzen, die machtvoll sich in ihrem Anteil an der deutschen Kultur auswirkt. Die Extreme in der Beurteilung des Verhältnisses von Deutschtum und Judentum gehen fehl. Weder ist der jüdische Kulturbeitrag dem der übrigen Deutschen wesensgleich, noch ist er völlig fremd und mit der Leistung der anderen nicht zu vereinen. Er fügt sich in das Ganze harmonisch ein. Auf der anderen Seite werden die Grenzen und Jrrtümer. zionistischer Arbeit, die Uninöglichkeiten des Nationalismus darzulegen versucht. In Palästina sei wohl eine nationale Kultur möglich, nicht aber in den Niederlassungslündern, wo das Streben nach ihr den Charakter des Judentums im Sinne einer Säkularisierung und Politisierung zu verändern geeignet sei. Er schließt mit der Forderung, daß der Nationalismus nicht politisch bekämpft, sondern nur durch Stärkung des religiösen Geistes überwunden werden könne. Wir halten diese Schrift wohl für eine gute Auseinandersetzung zwischen der liberalen und der zionistischen Auffassung des Judentums, wir selbst können weder der einen noch der anderen Auffassung uns anschließen. Das Wesen des Judentums, die Tragik des jüdischen Seins sind nicht in ihrer letzten Wurzel gefaßt, sie können nicht so leicht beschworen werden weder durch eine liberale Assimilation noch durch eine judenstaatliche Lösung. Nicht gerecht wird der Verfasser den großen ethischen Kräften, die der Zionismus entfesselt hat. Wühlt man zwischen zwei Wegen, so ist der jedenfalls der erhabenere, der größere Opfer fordert. Die liberale Assimilation fordert den geringeren Grad der Hingabe an und für das Judentum, der Nationalismus fordert schon mehr. Er verlangt etwas Geistiges in der Gesamtbildung des Menschen, er verlangt eine absolute Bereitschaft für große Aufgaben: der Liberalismus nur die Anerkennung bestimmter Ideen, was im Leben selten unbequem wird. Die ganze große, den gesamten Menschen erfassende, in jedem Atemzug und Augenblick Leistung und Opfer fordernde Auffassung des Judentums ist diejenige, die die Nachkommen Abrahams zu der sinaitischen und ialmudischen Lebensbestimmung aufruft und aus ihr heraus sie zum Segen für alle Völker in ihrer a b s ol u t e n B esonderung bestimmt, zum Segen auch für sie selbst, soweit sie in großen Massen wohnend, sich eigene Organisationen und Formen der Lebensgestaltung schaffen können. Kindheit im Exil von Shmarya Leu in. Berlin. 19 31. Ernst B o w o h l t. Dieser Autobiographie des bekannten zionistischen Politikers erster Band erzählt in recht großer Ausführlichkeit Kindheit und jugendliches Erleben, mit einem Wohlbehagen besonderer Art. Daß das Kind schon im Mittelpunkt seiner Heimat Swislowitz steht, ist weniger verwunderlich, setzt eigentlich jede Autobiographie voraus, daß er aber die Typen seiner Heimat und seine geistigen Führer so genau glaubt charakterisieren zu können, müßte auf ein glänzendes Gedächtnis schließen lassen. Wie alle Schriften dieser Art ist das Buch voll von Abschweifungen und liebt es, vornehmlich Anekdoten oder Erzählungen dieser Art in breiter Weise darzulegen. Es wird daher nicht an Uebertreibungen fehlen. So sehr z. B. ich auch glaube, daß das Mslamdim-Unwesen gerügt zu werden verdient, ist eine Typisierung wie des ersten Chedermelamdes Mottje, der Biene — doch wohl unzulässig. Die Erzählungsweise ist flott und angenehm und wird dem Buche viele Freunde gewinnen. Vorausgesetzt, daß man die Selbstberäucherung der Memoirenliteratur noch nicht überhat, wird man mit Genuß und Nutzen Schmarja Levins Auszeichnungen lesen und ihnen Verbreitung wünschen. P. Die Erlebnisse des Oberrabbiners Simon Spira-Wedeles in Prag (1640—1679) von Dr. Tobias I a k o b o - n i t s. Sonderabdruck aus dein Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechoslowakischen Republik. IV. Jahrgang. Prag 1 9 3 2. Der Verfasser, der sich schon in anderen monographischen Aufsätzen mit Erfolg versucht hat, stellt hier auf wenigen Seiten die mannigfachen Schicksale des Oberrabbiners Simon Spira-Wedeles dar, dessen Geschichte bei der Wahl und Bestätigung in der Ausübung seines Berufes, zumal in der jüdischen Gerichtsbarkeit und in der Hauptsache durch den Kriminalprozeß, in den er hineingezogen. ja sogar zweimal verhaftet wird, man mit großer Teilnahme lesen wird. Das Prager jüdische Leben und ^ie Große Weltgeschichte des 17. Jahrhunderts (König Ferdinand III.) werden hier neu beleuchtet. Die Betrachtung gewinnt an hohem Wert dadurch, daß sie ihre Entstehung der Durchforschung Prager Aktenmaterials verdankt, mehrere Aktenstücke werden auch als Beilage gebracht. Aus solchen kleinen Zeitgemälden setzt sich Kultur- und politische Geschichte zusammen, man soll sie nicht mißachten. Daher sei dem Verfasser der gebührende Dank gezollt. Das Schriftchen ist dem Andenken der Schwiegereltern des Verfassers (Rabbiner Dr. Petuchowski s. A. und Frau) gewidmet. (1656 nicht 1655 muß es S. 262 heißen.) Rabb. Dr. Posner, Kiel. Le Mandat sur la Palestine, par Dr. Abraham B a umkoller. P a r i s 1 93 1. Rousseau u. Co. E d i t e u r s. Das vorliegende Werk bietet eine für den Staatswissenschaftler wie für den Politiker überaus wertvolle historisch-juristische Untersuchung über das Palästina- Mandat und enthält zugleich alle Materialien, die zur Beurteilung der teilweise recht schwierigen und strittigen Fragen, die mit dem Mandat im Zusammenhang stehen, dienen können. Der Verfasser gliedert seinen Stoff in drei große Abschnitte: einen historischen Teil, der die Palästina-Frage vor dem Kriege, die panarabische Bewegung und die zionistische Bewegung, einen juristischen, der die interalliierten Verträge von 1915/16, die Unterhandlungen mit dem Hedschas, sowie die Vorgeschichte der Balfour-Deklaration, die Konferenz von San Remo und die Verhandlungen vor dem Völkerbund umfaßt. Der dritte Teil untersucht systematisch die Organisation und die Funktion des Palästina-Mandates, die Verpflichtungen der Mandatar-Macht gegen das Territorium, die Kontrolle durch die Mandat-Kommission des Völkerbundes, Begriff und Entwicklung des jüdischen Nationalheims usw. Im Anhang sind alle einschlägigen Dokumente im Wortlaut abgedruckt. Der Wandel der Autorität in der Gegenwart. Vorträge gehalten ouf der Tagung am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik zu Münster i. W. vom 2. bis 5. Januar 1930. Herausgegeben vom Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik, als 5. Heft der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik. Münster i. W. 19 31. Münsterverlag. Nach einem Geleitwort werden hier elf Vorträge veröffentlicht, die die Frage der Autorität von allen möglichen Seiten beleuchten, vielleicht so zergliedert, daß bisweilen Wiederholungen unausbleiblich sind. Durch jeden Vortrag schimmert das Bewußtsein durch, daß die letzten Jahre — besonders feit bem Weltkriege — auf allen Gebieten den Verfall des Glaubens an eine Autorität mit sich gebracht haben, daß dies z. T. seine berechrichten Gründe persönlicher und sachlicher Natur hat, daß aber in der Hauptsache dieser Mangel an Autoritätseinfluß zu bedauern und seine Abwendung wieder zu erringen ist. Wertvoll sind z. B. die Auseinandersetzungen über die untergrabene Familienautorität, über das Verhältnis in der höheren und den Volksschulen. Wiewohl der katholische Gesichtspunkt der Betrachtungen dauernd hervorleuchtet, kann man nicht davon sprechen, daß dadurch die Lektüre des Buches gehindert wird. Auf Schritt und Tritt begegnet man Gedankengängen und Säßen, die man — leider restlos — unterschreiben muß. Nur eine Probe sei hier im Auszug gegeben: „Wie im Bereiche des Unterrichts die Autorität des Lehrers als selbstverständlich hingenommen wird, wenn dieser den Zögling an Lebensaufgeschlossenheit,, an Reife, edlem. Menschentum überragt, ihm imponiert, so ist es auch im Bereiche der Erziehung mit der Autorität des Lehrers, der eine Führerpersönlichkeit in Wort und Werk ist, ein Ideal, eine reife, herzweite Persönlichkeit, von der der Jugendliche sein Kämpfen und Ringen verstanden sieht . . . Aus dieser geistigen Haltung ist auch die Autorität der Strafe nicht mehr problematisch. Psychologisch scheint es mir dringend nötig zu sein, unsere reifende Jugend immer wieder den Lebenswert der Ordnung, des Maßes zu lehren, sie spüren zu lassen, daß aufs Ganze gesehen das Autoritative im Normalfalle lebenerhaltend und fördernd und steigend ist." (S. 123/4). In der sogenannten jüdischen Jugendbewegung sollte man zu diesein Buche Stellung nehmen, es zur Grundlage einer Behandlung des Autoritäts-Problems wählen. Begründer der Teleologie als Form des empirischen Erlcnnens. Von Karo! E n g l i s. Brünn, Prag. Leipzig, Wien 193 0. Verlag Nud o l f M. R o h r e r. Der Professor der Nationalökonomie an der Universität Brünn, Enalis, untersucht die formal-logischen Grundlagen der Wissenschaften. Sein Ziel ist: sein Spezialgebiet einerseits gegen die Naturwissenschaft als der rein kausativen, nach Grund und Ursachen fragenden Forschung abzugrenzen; andrerseits es von den normativen, nach Pflicht und Soll fragenden Disziplinen zu scheiden und sie als die nach Mittel und Zwecken fragende teleologische Wissenschaft zu konstituieren. In großer Klarheit wird so ein System und ein Ueberblick über alle die Denkformen, die in der Forschung zur Anwendung kommen, gegeben. ch. Notiz Wir weisen, wie bereits in Nr. 21 unter „Vermischtes" erwähnt, auch an dieser Stelle darauf hin, daß von der Geschäftsstelle des „Vereins zur Wahrung" (Mannheim. Akademiestr. 3) die 1898 erschienene biographische Schrift des früheren Mosbacher Rabbiners Dr. L. Löwen stein, „Nathanael Weil, Oberlandrabbiner in Karlsruhe", gegen Vor einsendung der Portokosten (15 Pfg.) kostenlos zu beziehen ist.