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Der Israelit · 1932-06-09 · Heft 24 (9.6.1932) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 24 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 2 Nr. 24 De r Zsraetit 9. Juni 1932 Ich verweise zuerst auf die parallelstelle Ieruschalmi Lhagiga I, 7, wo es heißt: „wenn R. Iehuda ein Leichenbegängnis oder einen Brautzug vorbeiziehen sah, winkte er seinen Schülern und sagte: aii,7NVZt2N iDbtib' „Das Tun geht dem Lernen voran, (die Schüler sollten den Zug geleiten). In dem Obergemach des Hauses . . . wurde abgestimmt rnpy»'?' „Das Lernen geht dem Tun voran". R. Abahu, der in Cäsarea wohnte, hatte seinen Sohn Chanina nach Tiberias zum Lernen geschickt, aber man meldete ihm, der Sohn befasse sich (statt zu lernen) mit der Uebung von Liebeswerken (an Sterbenden und Toten). Da schrieb ihm der Vater: •’Vaan onap px (Ex. 14, 11) „Gibt cs denn keine Gräber in Cäsarea, daß ich dich deshalb nach Tiberias schicken mußte?" Hat man doch schon im Gbergemach des Dauses in Lyööa entschieden, daß das Lernen dem Tun vorangeht. Die Rabbinen von Cäsarea sagten: Das gilt nur dort, wo ein anderer da ist, der tut. Ist aber kein anderer da, der tut, dann geht das Tun dem Lernen voran. Cs geschah, daß R. Thija, R. Jose und R. Ami versäumten, im Lehrhause des R. Clieser zu erscheinen. Cr fragte sie dann: wo wart ihr damals? Sie antworteten: wir mußten ein' Werk der Nächstenliebe tun (einen Toten bestatten). Da fragte er sie: waren denn nicht Andere da? Kein, es handelte sich um einen Fremdling." So weit IerrFchalmi. Aus dieser Stelle geht klar und deutlich hervor, daß man bei der Bezeichnung kwp» an ein ganz bestimmtes Tun dachte, an die Uebung einer Pflicht der Uächstenliebe, an ein soziales Tun. Darauf bezog sich die L^ddensische Kontroverse und Entscheidung. Gerade in jener Uotzeit, wo ein harter religiöser und wirtschaftlicher Druck auf dem Volke lastete, wurde die Frage besonders aktuell, ob es wichtiger sei, sich in dem stillen Bezirke der Forschung, dem Studium der Lehre hinzugeben, obwohl man dadurch dem Dienste an Armen, Kranken, Sterbenden, der praktischen wohlfahrtsarbeit, entzogen werde, oder ob es wichtiger sei, draußen den sozialen Pflichten der Uächstenliebe sich zu widmen, auch wenn dadurch die Beschäftigung mit der Lehre vernachlässigt werde. Und man kam zu dem Crgebnis, daß das Lernen deshalb wichtiger sei, weil es das Tun erzeuge, weil es das Herz und die Gesinnung zur Uebung der Uächstenliebe anrege. Der Ausdruck mpya ist hier identisch mit aivn nmn* wie es Sota 44a in Auslegung von Mschle 24, 27 heißt: „Verrichte draußen dein Werk", ö. h. lerne die Schrift, die wischna und die Gemara „Und bestelle alles auf dem Felde", das sind die guten Werke" (vgl. Tosefta Sota VII, 21. aivn nwy»)' Das Gleiche geht aus dem Zusammenhang der oben zitierten Stelle Kidduschin 40b hervor, die, worauf Aieharscha verweist, in Beziehung zu der vorangehenden wischnastelle steht, wo von der Beschäftigung mit Schrift, wischna und De- Aus dem Frührot moderner Seelenkunde. Die seelische Energie. Aufsätze und Vorträge, von Henri Bergson, Jena (Diederichs) 1928, kl. 4. 188. Nachdem das zweite Jahrzehnt seit jener Zeit, in welcher ein Zweifel an den Grundlehren des Monismus der völligen Unwifsenschaftlichkeit gleichgeachtet und verachtet wurde, sich jetzt seinem Ende nähert, haben selbst wir Jüngeren das erhebende Erlebnis vielfach undankbar vergessen, das für uns im Schüleralter das Erscheinen der Schriften von Denkern wie Driesch und Bergson bedeutet hat. Diesen Undank durch neues frohes Erleben gutzumachen, gibt uns die hier zu besprechende Schrift Bergsons reichlich Gelegenheit. Hier spricht ein Mann jüdischen Stammes, den maimonidisch. packende Logik zwar nicht zu den Grundfesten unseres Glaubens zurück, wohl aber zu Anschauungen hingeführt hat, die den Unterbau des ganzen Monismus zu erschüttern mindestens so geeignet sind wie die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse von Historikern und Psychologen. Hier wird die Deutung dessen, was diese konstatieren können, vorweggenommen: hier wird dem Geistigen zuerst der Boden des Nicht-Unmöglichen gegeben und dieser auf Wirkliches gestützt. Es wird auch den Biologen gerade heute 1929, nachdem man durch die Oberflächentropfenbildung gewisser Flüssigkeiten lebensähnliche Bewegungs- und Spaltungsvorgänge künstlich (im Kohler'schen Versuch) erzeugt hat, interessant sein, bei Bergson (19) die Voraussage aus dem Jahre 1911 zu lesen: „Gewisse Merkmale der lebenden Materie wird man nachahmen können, — doch wird man ihr nicht den Lebensschwung einpflanzen können, durch den sie sich wieder erzeugt und —, im evolutionistischen Sinne des Wortes, — entwickelt." Uns aber ist dieser Gedanke wohlrech Crez gesprochen wird, welch letzterer Ausdruck von Aieharfcha erläutert wird mit niaiv.i nnan nttWö „Tun gütigen Wesens". In der Fortsetzung des Berichtes über den Beschluß zu L^dda wird ,noch,Folgendes erzählte „R. Jose sagte: Größer ist das Lernen, denn es (das Gesetz ain Sinai) ging der Ausübung (des Gebotes) der Chala 40 Jahre voran, der Trumot und Alaaßrot 54 Jahre, des Gchmitta 61 Jahre, des Iobel 105 Jahre." Auch diese Fortsetzung des Berichtes kann meines Crachtens als Beweis dienen, daß es sich bei nvvn um ein soziales Tun handelt, wirft doch schon Maharscha die Frage auf, warum nur diese Gesetze aufgezählt werden und nicht auch andere, die erst später ausgeübt werden konnten, z. B. Orla, kilajim, der Ban des Tempels usw., und er gibt darauf mehrere Antworten. Doch kann meines Crachtens die Frage auch dahin beantwortet werden, daß nur solche Beispiele aufgezählt sind, die dem Gebiet der sozialen Gesetzgebung angehören. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß, wie ich glaube, diese Erklärung des Wortes niznm auch ein Licht auf eine vielumstrittene Alischna werfen kann, auf den Satz des R. Gamliel, Sohnes des R. Iehuda Hanaßi in den Sprüchen der Väter (H, 2)2 „Schön ist das Thoralernen in Verbindung mit Derech Crez, denn die Beschäftigung mit beiden läßt die Sünde vergessen, und jede Thora ohne Arbeit wird schließlich zunichte und zieht Sünde nach sich. Und alle, die sich mit der Gemeinde beschäftigen, sollen sich für sie um G'ttes willen beschäftigen, denn das verdienst ihrer Väter hilft ihnen und ihre Gerechtigkeit besteht für immer. Ihr aber, Luch rechne ich es zu großem Lohne an, als ob ihr es getan hättet." Der Schlußsatz „I h r aber" mit seinem Wechsel der Person hat den Kommentatoren große Schwierigkeiten bereitet und die mannigfachsten Erklärungen gezeitigt. Er wird von den meisten so aufgefaßt, daß er sich an die wendet, die sich mit den Gemiendeangclegenheiten beschäftigen, und sie damuf hinweist, daß ihnen die von ihnen veranlassen Leistungen der Gemeinde als eigene Leistungen angerechnet werden. Ich glaube jedoch, daß dieser Schlußsatz anders aufzufassen ist, und daß aus dem Wechsel der Person geschlossen werden kann, daß er sich nicht auf die vorher genannten Gemeindehelfer bezieht, sondern daß andere angeredet werden, und daß owwV auch hier den Sinn eines sozialen Tuns hat. R. Gamliel wendet sich hier an die Thorajünger, die infolge ihrer Beschäftigung mit der Lehre sich nicht sozialen Aufgaben widmen können und die praktische Fürsorge für die Gemeinde anderen überlassen müssen. Ihnen ruft er zu, daß ihnen die Hingabe an die Thora, die Belehrung des Volkes, so angerechnet werde, als ob sie selbst jene guten, dem Gemeinwohl gewidmeten werke vollbrächten im Sinne von mjw» ■’T1? x'av TioVn* vertraut. — Hier wird auch nicht der vor Bergson unvermeidlich gewesene Versuch unternommen, den Abgrund zu überbrücken oder zu überfälschen, der sich zwischen Tier und Mensch austut: „Die Kette zerreißt". Die „Wahl" — der freie Wille zeichnet ihn aus, der anderen Geschöpfen bestenfalls halbbewußt und unvollkommen eigen ist. Das Wesen geistiger Kraft ist, mehr hervorbringen zu wollen und meist zu können als sie enthält. Die Natur außer uns ist in den Fesseln der Entwicklungsgesetze gefangen, da das Individuum nicht wählt; der Mensch aber — man lese die dithyrambischen und dennoch nirgends den Boden klarer Erkenntnis ver-, lassenden Aeußerungen Bergsons über schöpferische Freude, Einfühlung in ethische Denkweise und Möglichkeit eines jenseitigen Lebens selber nach, um die ganze Größe dieses bescheiden stylisierten Vortrags zu ermessen:*) Man vergesse bei Lektüre des zweiten Vortrags auch nicht, welches Aufsspielstellen des ganzen wissenschaftlichen Ansehns noch 1912 — vor Aufblühen der modernen Pfycho-Pathologen-Schule — zur öffentlichen Verkündung des Gleichnisses vom „Rock am Nagel" gehörte, mit dem B. damals die Unabhängigkeit des Geistes vom Gehirn dartat, — damals ein Mut, dem nur noch Markus'Gleichnis vom „Studentenverstand der Phosphorzündholzschachtel" zur Seite zu stellen ist. Bergson hatte damals noch eine Geistesheilkunde vor sich, die den nichtfunktionellen Erkrankungen fast hilflos gegenüberstand. Die Veweislast auf die Leugnern der Freiheit zuzuwälzen, weil diese ein beobachtetes Faktum ist, scheint uns kern neu gefundener, aber wohl ein damals unter Gefahren ausgesprochener Gedanke zu sein; ebenso die Gleichsetzung der *) Eine bloß hyperbolische Zitierung Pascals zeigt, wie fern B. allem Antirationalismus im Gegensatz etwa zu Schestow, in Wirklichkeit bleibt. Dücherbefprechungen. tra'Mf S"N srnax*? 'a main omax rmxa •>"& nnsrn 'V'et pVp •>ax nmax n nxa trnw .•D^vr» a"x*m p'bp ^xivw, na Dieser zweite ergänzende Teil enthält rnaie?™ auf »"im Herausgeber ist der Sohn des Verfassers, Prof. S. Klein in Jerusalem, der auch erläuternde Anmerkungen gibt. Im Vorwort ist ein Brief von Oberrabbiner Kük abgedruckt, dev gelegentlich des von ihm gerühmten ersten Bandes auf i"'i n"ix den lebhaften Wunsch ausspricht, daß weitere Werke des Verfassers veröffentlicht werden. Aus den klar und prägnant geformten omv mögen einige Beispiele herausgegriffen werden: Dürfen pxivri pvimp in der Nacht stattfinden? Ist nx^n notwendig, wenn der Schwager monisa rov b>n» ist? Obliegt die Ehalizahpflicht dem älteren oder dem jüngeren Bruder, sofern der erstere verheiratet, der zweite ledig ist? Eine Abhandlung über den Ausspruch (■>"? pwnpO wsia mim M'rrv nvx rrvun i-2 ruft die Erinnerung an Rabbiner Salomon Breuers Vst, ausgezeichnete Deutung dieser Stelle (Belehrung und Mahnung, "n ins Gedächtnis. Wertvoll sind auch zwei Untersuchungen über die präzise und beziehungsreiche sprachliche Aüsdrucksweise der Mischnah. Wir hoffen, daß der übrige Nachlaß, des Verfassers bald veröffentlicht wird. Das Werk ist zu beziehen durch Prof. Dr. S. Klein, Jerusalem. a!? ■’aiSJö IDO- Von" Oberrabbiner I. L. Z i r e l s o h n, E h i s i n a u, 1932. M. A v e r b u ch. Der ehrwürdige Oberrabbiner von Beßarabien, Rabbi I. L. Z i r e l s o h n, erfreut den großen Kreis seiner Verehrer und die jüdische Welt mit diesem neuen Werke, das in seinem Hauptteil eine große Reihe von Responsen aus den verschiedensten Gebieten der Halacha enthält, außerdem gadische Vorträge und zum Schluß^ zahlreiche Ansprachen jüdisch-politischer Natur, die der Verfasser bei den verschiedensten Anlässen gehalten hat. Die Tschuwos zeichnen sich — ähnlich wie diejenigen von Prof. Dr. Hossmann in i"rnr>ii»i>» — durch Kürze und Klarheit aus. Sie vermeiden weitläufige Exkurse und zumeist auch das Zurückgehen auf die ersten Quellen, soweit nicht hierzu durch ungeklärte Meinungsverschiedenheiten unter den Dezisoren Anlaß gegeben ist. Erwähnt seien die Responsen über folgende allgemein interessierende Fragen: Benutzung einer Hülse bei v bv, Anbringung konvexer Figuren über einen snpn pix, Trauungen am Freitag, halachische Fragen, die sich aus der Benutzung des Radio ergeben, zahlreiche Konfliktfälle zwischen Schochtim und Rabbinaten, Denkmäler für gefallene jüdische Soldaten. Im ganzen find in dem Buche 239 Tschuwos enthalten. Aus dem dritten Teil des Buches werden eine weitere Oeffentlichkeit, insbesondere die Reden des Verfassers bei der Kenessio Gedaulo, sowie die Berichterstattung über die K. G. interessieren, ferner die mannhafte Rede, die der Verfasser aus Anlaß der Pogrome im heiligen Lande hielt. Das Buch wird angesichts seines vielseitigen und lebendigen Inhaltes in rabbinisch interessiierten Kreisen zweifellos wie die früheren Werke des Verfassers starke Beachtung finden. Die Aufgabe der Apologetik. Von Alfred Adam. Leipzig 1931, Dörfling u. Franke, geh. Mk. 5.—, geb. Mk. 6.—. Die großen religiösen Kämpfe der Gegenwart rücken die Frage der Apologetik in den Mittelpunkt aller akvorherigen monistischen Anschauung mit der des berühmten „Als ob": Doch den positiven Aufbau der Gedächtnistheorie Bergsons muß man im Original lesend nacherleben. Bergson gibt denen, die sein Standard-Werk „Materie und Gedächtnis" zu durchdenken nicht Zeit finden, von dieser Theorie hier einen kurzen, doch gründlichen Ueberblick im ganzen zweiten Vortrage. Dem Hirn wird hier als Gesamtfunktion die der Brücke zur Außenwelt zugesprochen. . Nicht der Bestand der Ideen und ihre logische Verarbeitung, sondern ihre Anknüpfung' an die Vorgänge der Wirklichkeit blüht im gesunden und welkt im kranken Hirn. Die vorwiegende und gründe legende Bedeutung zeitwörtlichen Denkens ist hier nach Art der schon erwähnten intern jüdischen Sprachseelenkunde dargestellt. Dem negativen Nachweise, daß Gehirn nicht gleich Geist ist, folgt der positive, daß Gedächtnis ein örtlich bestimmbares Organ nicht hat, sondern rein geistiges Wesen ist. Eine gewisse Wesensverwandtschaft, z. T. Gleichheit entsteht hier zwischen Bewußtsein und Gedächtnis. Von hier aus eröffnet sich am Ende des 2. Vortrages ein Ausblick von der Ortlosigkeit auf die Zeitlosigkeit, das ist die Ewigkeit der Seele.**) Ein dritter Vortrag zeigt uns Bergsons Verhalten zur exakten psychischen Forschung der Neuzeit. Er sucht bei ihren Ergebnissen nicht Zuflucht, sondern bietet stolz diesen seinerseits Stützung, und das war damals nötig. Hier wird ein Gebiet behandelt, das in jüdischen Kreisen zwei einander ganz entgegengesetzte Bewertungen erfahren kann; bald, in unb erufener Hand, ist es für uns Unreinheit selber, bald, in Händen Berufener, die Offenbarung höherer Weisheit: die Gabe, Geschehnisse der Ferne zu ahnen oder zu sehen. Im Kreise der „Gesell- **) Alles Dinge, bei denen man nicht vergessen darst daß ihre Veröffentlichung zu jener Zeit ein Wagnis bedeutete.

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