Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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dje Warf* liierans I i?Irm nvvv irr ✓•m Tia/ri Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O. S. Diese Darlegung gilt einem talmudischen Satze, der in einem besonderen Maße die Aufmerksamkeit sowohl der Homileten als auch der Wissenschaftler aus sich lenkte und eine große Literatur erzeugt hat. Cr findet sich im babylonischen und im jerusalemischen Talmud, sowie in Midraschim und lautet folgendermaßen: Einst faßen R. Tarson und die anderen Aeltesten iin Obergemach des Hauses des Nitsa in Lydda. Da wurde folgende Frage vor ihnen aufgeworfen: npsmsVm YiK&n Ist das Lernen wichtiger, oder ist das Tun wichtiger? R. Tarfon antwortete: l-iir nvsv' Das Tun ist wichtiger. Doch R. Akiba antwortete: bm ticVjv Das Lernen ist wichtiger. Da antworteten alle: ^vu nnVn 7i2?y» '7'^ s»aa Tin^nnp, Das Lernen ist wichtiger, denn das Lernen bringt zum Tun. (Kidduschin 40 b) Dieser Bericht entstammt einer Zeit harten Druckes und blutiger Religionsverfolgung. da die Römer, die Zwingherrn des heiligen Landes, eine furchtbare Schreckensherrschaft über fräs. jüdische Volk ansübten. Zur Charakterisierung des namenlosen Martyriums, dem damals das Volk ausgesetzt war, sei auf eine Schilderung verwieset:, die sich in der Mechilta findet und eine Deutung des Satzes Cr. 20. 6 enthält: ..der Gnade bewahrt bis ins tausendste Geschlecht denen, (die mich lieben und meine Gebote halten". Cs heißt dort: „Das sind die Juden des Landes Israels welche ihr Leben für die Gebote hingeben. Warunr wirst du zur Hinrichtung geschleift? Weil ich die Beschneidung meines Sohnes vollzogen habe. Warum du zum Scheiterhaufen? weil ich Thora lernte. Warum du zur Kreuzigung? Weil ich ungesäuertes Brot aß. Warum wirst du mit der Geißel gepeitscht? Weil ich den Lulaw zur Hand nahm." (Mechilta zu Ex. 20, 6.) Das große Lehrhaus in L^dda (zwischen Jerusalem und Jaffa gelegen) war geschlossen. Die geistigen Führer waren genötigt, um den Häschern zu entgehen. in einer verborgenen Dachkammer ihre Verhandlungen abzuhalten. Und nun gilt es für uns zu prüfen, wieso gerade in einer solchen Zeit die Frage akut wurde, ob Lernen wichtiger sei als Tun. Was ist der Sinn dieser Kontroverse? Handelt es sich darum, ob die theoretische Erforschung der Gründe und Vorschriften eines Religionsgesetzes wichtiger sei oder dessen praktische Ausübung? Ist von der Theorie und Praxis eines und desselben jeweiligen Gesetzes die Rede. z. B. ob die Erforschung der Gründe und Vorschriften des Tfillingebotes wichtiger sei als dessen Ausübung? Gab es doch darüber keinen Streit, daß die Ausübung das wichtigere ist. So heißt es z. B. in dem bekannten Satze des R. Simon ben Gamliel ».■man xVx ipsrn mn «man x*? „Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern das Tun." (Abot 1. 17). eine Wahrheit, die in den mannigfachsten Variationen von Tanaim und Amoraim eingeschärft wird, was ist also der Sinn unseres Satzes, der von der Meinungsverschiedenheit berichtet, welche in der Versammlung zu Lvdda über die Frage herrschte, was das Wichtigere fei. ob das Lernen oder das Eun? Hören wir. wie ein berühmter Prediger den Satz erklärt. Der als Kanzelredner. Dichter und Forscher ausgezeichnete Michael Sachs sagt darüber in seinen ..Sabbatpredigten" I. S. 475 folgendes: „Die Weisen Israels waren einmal zu traulichem Gespräch versammelt und es wurde von einem unter ihnen die Frage aufgeworfen, was denn wohl für die religiöse Haltung und Führung das Vorzüglichere wäre, das Wissen von den Lehren und Pflichten des Glaubens, oder die gewissenhafte Ausübung und Erfüllung des Gebotes? Die Ansichten waren anfänglich geteilt. Einige gaben der Ausübung des g'ttlichen Gesetzes den Vorzug; denn die Gesinnung haben nur in sofern Wert und Bedeutung, als sie sich äußert und zu entsprechenden Taten und lebendiger Bewährung sich erhebt. Das Wissen und die Erkenntnis müssen Blüte und Frucht im Leben und für das Leben bringen. Selbst die edelsten Entschließungen und die erhabensten Vorsätze — sind sie nicht bedeutungslos, wenn sie den stillen Raum des Innern nicht verlassen, um in Kraft und Wirtlichkeit zu traten?... Ein anderer entschied sich für das Gegenteil. Er meinte, das Höchste sei die Erforschung und Ergründung der G'ttestehre, und ihm schlossen sich auch die übrigen an, denn sie führe zur Tat und zur Bekräftigung des Geistes, den sie uns weckt, durch Leben und Wirken." Das sind herrliche, eindrucksvolle Worte, die sicher die Herzen der Hörer bezwungen haben. Aber ohne ihren Wert und ihre Wahrheit auch nur im geringsten herabmindern zu wollen, darf gesagt werden. Haß sie keine eigentliche Erklärung des schlichten Sinnes unseres Satzes darstellen, was ja das Recht des Predigers ist, dessen Aufgabe eine andere ist als die des Wissenschaftlers. II. Wenden wir uns nun den Erklärungen zu, die von Vertretern der Wissenschaft gegeben werden. Graetz behandelt in seiner Geschichte der Juden, Note 17. die Rachwehen des Bar-Kochba-Krieges. erwähnt zuerst einen anderen Lvddenstschen Beschluß, wonach man den Märtvrertod in drei Fällen auf sich nehmen inüsse, bei Götzendienst, Blutschande und Mord, und geht dann zu unserem Satz über, von dem er folgendes sagt: „In der genannten Lokalität (dem Dachzimmer des Nitsa in Lydda) wurde von N. Tarson und den Aeltesten, näher von N. Akiba und N. Jose Galili, das Thema beraten, ob die theorethische Beschäftigung mit ' dem Neligionsgesetze wichtiger sei als die praktische Religionsübung. Es war nicht eine dogmatische Frage, etwa i ob die Gnosis oder die Praxis verdienstlicher sei. sondern ' es scheint eine in der Not aufgeworfene Gewissensfrage ZU sein, ob man das Eesetzesstndimn ebenso rmc die religiöse Praxis einstellen dürfe, weil harte Strafen , darauf verhängt waren. Der Beschluß fiel einstimmig! dahin aus, daß die Theorie mehr Wichtigkeit habe, weil sie die Praxis wieder zu beleben imstande sei, wenn jene ' für den Augenblick verhindert ist. Zwei Fragen wären , daher in Lydda verhandelt worden, ob man für die I Gesetzesübertretung das Leben lassen sollte und, nachdem diese, mit Ausnahme von drei Bestimmungen, vereinend ausgefallen war, ob das Gesetzesstudium unter diese Kategorie gehöre, oder ob es eine höhere Wichtigkeit habe." Rach Graetz hätte also die Frage, ob das Lerl neu wichtiger fei oder ob das Tun wichtiger fei, be- < freutet, ob man für das Lernen oder für das Tun l : den Märtvrertod erleiden müsse. Aber es erhellt ohne : weiteres, daß diese Erklärung dem Wortlaute des > Satzes nicht gerecht wird. In einer gründlichen Untersuchung wird das - Thema von S. Klein in einem Aufsätze „Die Beschlüsse zu Lod" in Wohlgemuth's Ieschurun v. S. : 525 behandelte. Cs wird dort dargclegt, daß die Zeit- läge eine Stellungnahme der Weifen zu der Frage, wie die Erhaltung des Judentums unter solchen Verhältnissen gesichert werden könne, erfordert habe. Da das jüdisch-religiöse Leben ans zwei Wurzeln sich nähre, deren eine das Studium, deren andere die Betätigung der Gebote fei, so mußte festgestellt werden. welche dieser beiden Wurzeln ln dieser schweren Zeit besonders gehütet und gepflegt werden solle. In früherer Zeit sei die Ansicht vertreten worden, daß die praktische Betätigung von größerer Wichtigkeit sei, als das theoretische Studium (Abot 1, 17), jetzt aber, da der Betätigung der Gebote schier unüberwindliche Hindernisse in den Weg träten, sei zu befürchten, daß ein nur auf die Ausübung der Gebote gerichtetes Streben alle Kräfte des Judentums aufzehren könne, und daher müsse jetzt dein Studium der Vorzug eingeräumt werden, selbst auf die Gefahr hin. daß manche Gebote der Thora nicht ganz erfüllt würden. Klei n fährt fort: „Als erster Sprecher trat in der Versammlung N. Tarfon auf. Er faßte seine Ansicht kurz zusammen: nvv» Viri' „Die Tat ist groß" unser ganzes Stroben fei daher darauf gerichtet, die Ausübung der religiösen Gebote zu fördern selbst auf die Gefahr hin. daß das Studiuur darunter leiden könne. Sein großer Gegner war N. Akiba, der den Standpunkt ^rn iivbn. „Das Studium ist groß" verteidigte, worauf dann emstimmig ausgesprochen wurde: „Groß ist das Studium, weil das Studium zur Tat führt" und bei Wiederkehr friedlicher Zeiten die durch das Thorastudium gestärkte jüdische Seele der praktische Betätigung zugänglich sein werde". Dieser Ansicht Klein's. der Lvddensifchc Beschluß fei eine Rmstoßung des Satzes Äbot l. 17. „Richt das Lernen ist die Hauptsache, sondern das Tun", kann nicht beigepflichtet werden. Auch sieht inan nicht ein. 'wieso damals durch die Crforschung eines Religionsgcfetzes feine Ausübung in Gefahr gekommen fei. Immerhin aber stellt die Untersuchung Klein's eine wertvolle wissenschaftliche Leistung dar. Ganz abwegig erscheint jedoch eine Erklärung, die, wie ich einem Zitat bei klein entnehme. Vene- Iraner in der Schwarz'schen Festschrift gibt.-es habe sich um eine „Verinnerlichung der religiösen Vorschriften. eine proklamierung des höheren wertes der Verinnerlichung des geistigen Gehaltes der Lehre" gehandelt. Diese Erklärung ist eine freie homiletische Auslegung, aber keine wissenschaftliche Methode; überdies wendet Klein mit Recht dagegen ein, daß das Judentum einer solchen Proklamierung nicht bedürfe, da auf die Verinnerlichung seit jeher das größte Gewicht gelegt wurde. III. Meines Erachtens werden wir auf den richtigen weg geführt, wenn wir auf den Zusaimnenhang achten, in dem der Satz sowohl Kiddnschin 40 b als auch an den parallclstellen vom Talmud zitiert wird.